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Die Wahrheit · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. ... Die Wahlen 9ti. 10.: unterstützende und fördernde Fürsorge. — Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft'erörterte-Lmgehend'und in-bejahendem Sinne die Frage der Ausdehnung beziehentlich Einführung deutschen Sprachunterrichtes in einzelnen Allianceschulen, u. ä. in Marokko, und der durch besondere Umstände um ein Jahr verzögerten Entiendung .von Zöglingen des Pariser Lehrerseminars der Allimrce nach Deutschland zum Zwecke der Erlernung der deutschen Sprache. Dem allgemeinen Bericht schlossen sich die Sonderberichte der einzelnen''Bezirks-, Provinzial- und Landes-Koiuitees an.' .Ueberall konnte große Regsamkeit und erneuter Aufschwung konstatiert werden. Die Deutsche Konserenz-Gemeinschaft beschloß ferner, überall da, wo die Verhältnisse es gestatten, ihren Komitees die Heranziehung von > Ehrendauien als Komitee-Mitglieder zu empfehlen.— An Stelle des durch Tod ausgeschiedenen? Herrn Oschinsky-Breslau, wurde Herr Rabbiner Dr. Werner-München in den Vorstand gewählt. — Ueber die von Herrn Professor Philippson gegen die Alliance gerichteten Angriffe ging die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft unter Billigung der von den Präsidenten des Zentral-Komitees und der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft zur Zeit veröffentlichten Erklärung zur Tagesordnung über. Zur Lage der Juden in Marokko stellt uns das Deutsche Bureau der ^Ilianoe Israelite Universelle nachstehenden Bericht des Allianceschulleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 13. Februar 1908. In Ergänzung meines Schreibens vom 9. Februar, teile ich Ihnen mit, daß 30 neue Flüchtlingsfamilien ans Settat gestern hier eingetroffen sind. Ihr Zustand war ebenso kläglich wie der des Zuges vom 9. Februar. Die Zahl der Flüchtlmge ist nun auf 255 gestiegen, Männer, Frauen, Kinder. Die neu angekommenen 30 Familien hatten während des Bombardements der Kasbah. Settat nicht verlassen wollen. Aber ans Furcht vor einem erneuten Angriff der Araber entschlossen sie sich, den französischen Truppen bis Casablanca zu folgen. Alle sind einstimmig in dankbarer Anerkennung für die hochherzige Gastfrenndichast der Offiziere und Soldaten.' Der Artilleriekommandant Maffenet ließ Frauen und Kinder aus die Munitiyns- und Proviantwagen setzen, obwohl die Tiere recht ermüdet waren. Kapitän Vernier überließ sein Pferd einer armen blinden Frau und marschierte fünf Stunden lang neben ihr^zn Fuß. Noch andere ähnliche Handlungen der Nächstenliebe werden berichtet. Heute besuchte mich Scheik Ben-Omar, der ans..meine Empfehlung die Israeliten so wirksam geschützt hat. Mit ihm kam Herr Carl Ficke, der Doyen der Deutschen Kolonie, - SU' bestätigten mir Punkt für Punkt den Bericht, den ich JhtreiU ehegestern geschickt habe und fügten einige Einzelheiten hinAU die absolut zutreffend befunden worden sind. * Bei dem Abmarsch der Franzosen nach der ersten Besetzung von Settat warfen sich die Araber auf den Mellah mit der Absicht, die Juden zu vernichten, weil sie die französischen Truppen begrüßt hatten. Etwa 40 Israeliten wurden getötet; dem Morden wurde erst ein Ende bereitet, als Scheik Omar, in Person zum Schutze des Mellah sich dort einfand und eigenhändig einen Plünderer tötete, um. offenbar zit Machen, daß er die Räuberei nicht dulden wolle. Dank dieser Haltung, wurde den llebriggebliebenen das Leben gerettet. Scheik Omar hat mir versichert, daß viele Juden jenseits Setta'ts zurückgeblieben sind und wahrscheinlich nach -dem ' zweiten Abmarsch der Franzosen den Tod gefunden haben. ’ Scheik Omar, der von den französischen Truppen gefangen. genommen und dann wegen feinerloyalen Haltung wieder in Freiheit gesetzt worden war, .ist, im Begriff nach Settat zürückzükeh'ren. Er wird mir schreiben, ob die Rückkehr der Israeliten dorthin möglich sein wird. Js. Pisa. - . -i- - * ‘ * . ' ■' Der Korrespodent der Warschauer ,~Nowa Gäzeta" hatte eine Unterhaltung mit dem Dumadeputierten Rechtsanwalt. Nisselowitz, der sich folgendermaßen über die Judenfrage fär Duma äußerte: *, , * , „Man würde. irren, wenn man die Stimmung nach der Zugehörigkeit der Deputierten zu den verschiedenen Parteien beurteilen wollte,, da innerhalb der verschiedenen Fraktionen ge'wisie Nuancen von großer Wichtigkeit vorhanden sind. Ich arbeite in drei' Dumakommissionen und kann konstatieren, daß ich niemals irgendwelche antisemitische Tendenzen bemerken konnte, trotzdem es viele Gelegenheiten dazu gab. Man kann selbstverständlich ^daraus -keine . weitgehenden : , Schlüsse für die ganze Frage ziehen,. aber gewifselUnterredungen, die ich hatte, zeigten deutlich, daß viele. von den Deputierten:., mit den gegen die Inden angewgnhten Repressionsmjtteln keineswegs sympathisieren. Was den rechten DuMflügel anlangt, so . mich man hier diechauvinistischen Nationalisten, deren es wenige gibt, von der ganzen ^Rechten unterscheiden. Ich hatte bis jetzt :. noch keine Gelegenheit^ mit diesen zu sprechen,, und muß mich deswegen jeder Beurteilung ihrer..Mlsichten: enthalten. - Einige einflußreiche Deputierte aus der gsÜräDgten Rechten. haben -sich in dem Sinne ausgesprochen, daß sie eine, sofortige und vollständige Gleichberechtigung der Juden-als vorzeitig betrachten, daß sie , aber für eine graduelle Besserling ihrerMäge^ und Abschaffung verschiedener Beschränkungen-.stimmen werden- Welche Beschränkungen damit gemeint wurden, ist schwer zu erraten, doch ist Herr Nisselowitz geneigt zu behaupten, daß die Stellung der gemäßigten Rechten zur Jndenfrage keine feindliche sei. Seitens der Oktobristen sind viel zahlreichere, und weitergehende Konzessionen zu gunsten -der Inden zu erwarten. Die Initiative zur Einbringung des Projektes der jüdischen Gleichberechtigung muß von den jüdischen Deputierten ausgehen und wird von allen progressiven Elementen der Duma unterstützt werden. Bis jetzt war noch kein geeigneter Augenblick dazn da, aber er kann jeden Moment kommen. Denn anderfalls könnte es geschehen, daß die Regierung der Duma einen Gesetzentwurf über die Juden vorlegen würde, für den dann vielleicht eine kleinere oder.' größere Mehrheit stimmen könnte. Und es unterliegt keinem Zweifel, welche-Stellung die Regierung in diesem Falle eimMmen.wird." ... Es bleibt abzüwarte-n, inwieweit die ziemlich optimistischen Erwartungen des Herrn Nisselowitz sich erfüllen oder — eine grobe Enttünschung erfahren werden. Keimhmrg der Elektrischen am Hakbath. Bezugnehmend ans diese in voriger Nummer Meses Blattes s durch-Herrn Rabbiner Dr. Kahan in ZNaim angeregte Frage ist uns eine Meuge^von Zuschriften zngekommen, ^ie wir jedoch i;ne zum Teile velwssentlichen können, Vor^ allem müssen wir jene aNsnehmen, dieffich in spöttischen-Witzeleien und'rndem Geschimpfe . über, dje Unwissenheit und, Gottlosigkeit des Autors ergehen, weil 'wir einerseits-.der Ansicht sind, daß eine so ernste Frage auch in ^ernster.Weise behandelt .werden soll, und anderseits schon wiederholtchie Ueberzeugnng'- gewonnen haben," daß Herr Dr. Kahan; über religiöse PflichtenU.ehr strenge Anschauungen hat und mit tiefer-Religiosität eine genaue Kenntnis des jüdischen Schrifttums vereinigt. Ohne Sicherheit nach dieser Richtung Hütten wir . gewiß nicht Herrn Dr. Kahan zur Diskussion einer solchen Frage chie Spalten unseres Blattes zur Verfügung gestellt. Aber die Ausführungen desselben sind überhaupt, wie ans manchen Gegenäußerungen hervorgeht, von einem Teil der Leser mißverstanden worden. Herr Dr. Kahan hat keineswegs behauptet, - daß -das Arbeiten -am Sabbath uns Grund des Talmud-Satzes: „Mache den. Sabbath zum. Wochentag rc." gestattet sei, sondern konstatiert, daß die große Masse der Inden, ähnlich wie es in dem zitierten talmudischen Satze lautet, sich mit dem Gedanken vertraut-machen muß, daß der Sabbath. für sie ein Wochentag ist,-.und daß viele junge Leute in Wien, sogar aus frommen Häusern, gezwungen sind, am Sabbath ins Geschäft zu gehen, dort zu schreiben, zu arbeiten, mit Geld zu manipulieren rc. während sie es nicht" aus ihr Gewissen nehmen können, mit der Elektrischen zu fahren, was Herrn Dr. Kahan unter Hinweis auf Sabbath 122a nicht verboten zu sein scheint. WU halten es-, für notwendig, auf dieses Mißverständnis aufmerksam zu'machen,-, weil einige Einsender gegen die angebliche Behauptung, .Dr. Kahan habe das Arbeiten am Sabbath gestattet, polemisieren-- was doch der Tatsache nicht entspricht. ' Es. wurde uns vonmancher Seite auch übel genommen, daß. wir überhaupt den . Artikel des Herrn Dr.'Kahan veröffentlicht haben.-Demgegenüber. müssen wir jedoch erklären, daß wir

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