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Die Wahrheit · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lette 4 Die Wahrhell Nr. 10 in seinen Schoß aufuehmen, aber die Racker wollen nicht. Nie geschlachtet, andere tausende bei Eröffnung eines, jeden Kreuzzuges niedergemetzelt; was schadets auch, wenn man sich selbst widerspricht MÜ die berüchtigte Blutbeschuldigung für ein Weilchen ruhen läßt? Das Blut geschachteter Kinder und Jungfrauen paßt für den heutigen Zweck in den Hexenkessel nicht hinein; also still davon! Und der Greisler hat wahrlich anderes zu tun, als zu denken und in seinem Leibblatt Widersprüche herauszufinden. Freilich! Ob diese Abart des Antisemitismus unter Streichung des Epitheton ornans „christlich" den klerikalen Machthabern genehm ist und mit seiner Billigung geschieht, bildet das Geheimnis des Volksblattes und das der hohen Politik. Das geht so weit, daß man selbst davor nicht zurückschreckt, Bibelstellen zu fälschen, ihren Sinn zu verdrehen und tendenziös zu deuten. Goethe sagt: Im Aus legen seid frisch und munter, Legt ihrs nicht aus. so legt was unter. Im Unterlegen besteht ihre Stärke, seit sie dem Rabbi von Bachrach beim Passamahl ein totes Kind zu unterschieben versuchten. Und da sind einige noch der törichten Meinung, daß das Alte Testament auch den Christen als heiliges Buch gilt. Das Volksblatt will zeigen, daß es bibelfest ist und läßt sich folgendermaßen vernehmen: „Fragen wir uns nach dem Grunde dieser Erscheinung, nach der Kraft, die dieses winzige Volk befähigt hat, den Orkan, der die ganze alte Welt zerstört und eine neue Welt erschaffen hat, unversehrt zu überdauern, so finden wir eine einzige Antwort: Sein Wille und sein Gesetz. Sein Wille, der kraft einer legendären Verheißung nach der Herrschaft der Welt strebt, und sein Gesetz, das ihm mit drakonischer Strenge die Reinerhaltung der Rasse zur Pflicht macht und die Uebertretung dieses Gebotes mit den schwersten Strafen ahndet. Denn es steht geschrieben: „Ich werde dir große und feine Städte geben, die du nicht gebauet hast, und Häuser alles Gutes voll, die du nicht gesüllet hast, und ausgehauene Brunnen, die du nicht ausgehauen hast, und Weinberge und Oelberge, die du nicht gepflanzt hast." (Deuteronom. VI. 10.) — Das ist allerdings eine legendäre Verheißung Jahves, des furchtbaren Jndengottes, an sein Volk, doch die Legende ist Wille geworden und bildet die Triebkraft dieses Volkes durch die Jahrhunderte. Nur i h m, seinem anserwählten Volke, verheißt Jahve die Herrschaft der Welt und auch daun nur, wenn es, seinen Zorn und seine Rache fürchtend, sich nicht mit den „Säuen" vermengt. Denn „keine Bastard soll in die Gemeinde Jahves kommen, auch nicht nach zehn Generationen" (Deuteronom. XXIII. 2) und verflucht und ausgestoßen ist derjenige, der „den heiligen Samen gemein macht" (Esra IX. 2). Die Geschichte des I u d e n Volkes ist das durch das Gesetz geregelte, beispiellos streng eingehaltene, bewußt durchgeführte R a s s e n Prinzip, wie es ä h n l i ch b e i k e i n e m Volke durch die Jahrtausende der Weltgeschichte, niemals und nirgends, vorgekommen ist. Und Jahves Verheißung leuchtete ihm! Ueber die ganze Knlturwelt verstreut, doch fest znfammenhaltend im Gefühle der Gleichartigkeit, stets unter fremden Gastvölkern lebend, doch stets im vollen Bewußtsein der fremden Art, die es von seiner Umgebung scheidet, streckt es langsam, zielbemußt, zweckmäßig, durchdacht die Hand nach Macht und Herrschaft aus, nach den Gütern, die der Genius seiner Gastvölker erschuf. „Ich will dir Häuser geben, alles Gutes voll, die du nicht gefüllet hast'." Ein paar Zeilen tiefer werden die Juden das unkriegerischeste aller Völker geschimpft, ohne zu bedenken, daß die kanaanitischen Ureinwohner ihnen wohl schwerlich die feinen Städte, die gefüllten Häuser u. s. w. gutwillig und ohne Widerstand werden abgetreten haben. Nach der Ansicht des Volksblattes erlangt eine Nation Macht und Herrschaft, wenn sie sich von anderen Stämmen abgeschlossen hält. Die Russen und Preußen sind freilich der gegenteiligen Meinung und grollen den Polen, weil sie ihre Sprache und ihr Volkstum nicht ablegen mögen. Das Magyarentum möchte wie genre Rumänen, Slovaken, Serben und Deutsche hat dgs Judentum seine Religion Wd.Sprache den Nachbarn aufgedrängt; die s Chazaren sind, im Mittelalter freiwillig zum Mosyismus übertreten und doch soll das Judentum nach dem Volksblatt herrschsüchtig und machtgierig gewesen sein. Das Volksblatt führt das 6. Kapitel des V. Buches Moses au und tadelt die Juden, daß sie ihre Rasse rein zu erhalten bestrebt waren. Es übergeht das nächstfolgendes. Kapitel und in ihm den 2., 3. und 4. Vers, die die einfache Motivierung dieses Vorgehens enthalten und beweisen, daß nicht Hochmut und Größenwahn die Triebfeder war: „Und wenn sie der Herr, dein Gott (die Hetiter, Pheresiter, Heviter, Girgositer und Cananiter) vor dir gibt, daß du sie schlügest, so sollst du sie verbannen, daß du keinen Bund mit ihnen machest, noch ihnen Gunst erzeigest. Und sollst dich mit ihnen nicht befreunden, eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen, und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen euren Söhnen; denn sie werden eure Söhne nur abfülig machen, daß sie anderen Göttern dienen. Du siehst, liebes Volksblatt,' wir mußten uns um des erhabenen Gottgedankens willen, den wir durch die Welt trugen, rein erhalten. Dich geht das zwar jetzt nichts au, denn du willst heute nichts von Religion wissen und kleidest dich in imponierende Wissenschaftlichkeit, obwohl du, abgesehen von der Rassentheorie, den Dürrkräntler über den Arzt zu stellen und über das Impfen zu schimpfen pflegst — wie es 1 dir gerade in den Kram paßt, nicht wahr? — aber ich bitte dich, sage mir nur eines: Was für einen Beruf hättest du heute, wenn es keine Juden gäbe? Schwerlich würdest du einen lukrativeren gefunden haben. Doch zurück zur gefälschteu und profanierten Bibel? Ju demselben 7. Kapitel heißt es im 7. Vers: „Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählet, daß euer mehr wäre, denn alle Völker, denn du bist das wenigste unter allen Völkern." Wie schlicht und klar! Uns war vorgeschrieben kein Eroberervolk zu werden, nicht im heutigen Sinne imperialistische Politik zu treiben, sondern in der Welt des Geistes unter tausend Opfern Erwerbungen zu machen. Im 23. Kapitel, Vers 2 ist von Bastarden die Rede, die auch nicht nach zehn Generationen in die Gemeinde kommen sollen und das ehre nwerte Deutsche Volksblatt möchte glauben machen wollen, daß darunter Fremdnationen verstanden sind, während tatsächlich durchaus kein uneigentlicher Sinn vorliegt. Das mosaische Gesetz hat eben eine sittliche Scheu vor Ehebrüchen mit) deren Früchten, den unehelichen Kindern. Die folgenden Verse dieses 23. Kapitels erweisen dies erklärlich: Die Amoniter und Moabiter sollen nicht in die Gemeinde des Herrn kommen, auch nicht nach dem 10. Glied, weil sie den Bileam dingeten, daß er auch fluche. Die Edomiter sollst du nicht für Greuel halten, er dein Bruder, den Egypter auch nicht, denn du bist ein Fremdling in seinem Lande gewesen. Die Kinder, die sie im dritten Glied zeugen, sollen in die Gemeinde des Herrn kommen. So hat es sich mit dem Fremdenhaß in Judäa verhalten, er war weit zahmer als der Haß in Rumänien ist, der seit Jahrhunderten ausäßige Juden teils ermordet und teils aus dem Lande jagt. Dieselben Roßtänschereien und Schleichwege, mit deren Hilfe das Volksblatt zu seiner Bibelexegese gelaugt, ließen sich in jedem Satze Nachweisen und so sähe man sich gezwungen Bände zu schreiben. Nur noch einige Worte über des Volksblatts famose Rassentheorie, die wie eine Faufaronade jede Zeile des Artikels durchklingt. Die Einteilung der Menschen in Semiten, Chamiten und Japhetiden wird aus der Genesis abgeleitet, jene in Arier und Nichtarier aus dem Zend Avesta, dem heiligen Buch der alten Perser. Religiöse Urkunden bilden also die Stütze der Volksblattwissenschaft, sie wissen die Religion gebührend zu schätzen, wenn es ihnen paßt nämlich! Diese Klassifikation aber ist von der neueren Anthropologie längst überholt. Man hat gefunden, daß die Sprache keineswegs ein sicheres Merkmal für die Verwandtschaft der Völker darbietet, ein viel untrüglicheres Kriterium bildet die Hautfarbe. So wären Araber und Juden, trotz wesensgleicher

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