Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063428--05333-3072247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Redaktion ». Rdmiiiisti auo»: Wie». 11/, RovaragassL “27. Xelelibutt der Druckerei 15S0S K. k. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. I00.9l8. ünleratr Die viermal gejvaltene Nonvareiüe-Zciie Lä Heller. RdonncmculSu. Jnjeilionsbetrage und in Wien zahlbar »nd klagbar. tge Zeitschrift für jüöische Interejjsen. Erscheint jeden Ireitat;. Motto I „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Berngspileis: INunzjiiyrlg . . . 5t. «4.— Halbjährig! 7j '; Für (* nltii-Sbemnte: j (W.HHi.ibviii 1k >u! Für Ari«ri»>id: litanzlährig ...» M»rt! ü!>t»det oder ia i^cr. Ur. 10.__Wien. 6 Miir; M08 Inhalt: Raffenfrage und Prosefforeuiveisheit. — Aus der Woche. — Benützung der Elektrischen am Sabbath. — Abraham Goldfaden. — Aus dem Leben zweier jüdischer Skeptiker des 17. Jahrhunderts. — Gesellschaft „Bnei Jehuda". — Berschiedeue Aachrichteu. — Feuilleton: „Esther" Raffenfrage und Professoren weisheit. Ein so betitelter Artikel des „Deutschen Volksblart" ist bereits in unserer vorigen Nummer flüchtig erwähnt worden. Dort war gesagt, daß diese Brand- und Hetzrede als Präludium zu den kommenden Gemeinderatswahlen betrachtet werden könne. Die Besorgnis aber, die Dissonanzen könnten zunehmen, je mehr wir uns dem kritischen Zeitpunkt nähern, kann füglich schwinden; denn das Lügengewebe des erwähnten Artikels besteht nicht aus seinen Fäden, sondern ans groben Schifsstauen. Das fortissimo der Symphonie kann schlechterdings nicht mehr verstärkt werden. Bei der Lektüre geschieht es wohl mehr als einmal, daß man sich an die Stirne greift, um sich zu vergewissern, daß man nicht träume. Man fragt sich erstaunt, wie es denn möglich sei, entgegen dem klaren Wortlaut und Geiste des Gesetzes, gegen den jüdischen Teil der Staatsbürger eine Agitation einzuleiten, die zu Haß und Verachtung aufreizt und unausbleiblich einen Rückfall ins barbarische Mittelalter herbeiführen muß. Es ist nicht denkbar, daß dieser Volksblatt-Artikel, der sich selbst übertrifft, noch durch irgend einen folgenden überboten werden könnte. Bestünde jenes Solidaritätsbewußtsein wirklich, dessen uns das Blatt zeiht, kein Jude würde ruhen und rasten, bis es gelungen wäre, Wege und Mittel zu finden, die irregeleitete und verhetzte Menge, in der sich schreckliche Explosionsstoffe ansammeln müssen, aufzuklären und die falschen Prediger der verdienten Strafe zuzuführen. Die antisemitischen Zeitungen könnten leidlich gut mit den Hexen in „Makbeth" verglichen werden. Der Zauberspruch: „Foul 18 fair and fair is foul,“ braucht nur eine unwesentliche Variante: „Wahrheit ist Lüge und Lüge ist Wahrheit," allein Hekate fehlt, welche die Preßhexen vorwurfsvoll fragen würde: Warum sie Mit Makbeth solches Spiel gewagt. Mit Rätseln ihn und Zauberworten, Versucht zu greuelvollen Morden? Und was sie alles zusammenbranen in ihrem Hexenkessel: Kröte du, die Nacht und Tag, Unterm kalten Steine lag, Monatlanges Gift sog ein, In den Topf zuerst hinein! I u d e n l e b e r, Ziegengall, Ausgeschnitten überall . .. Welch Wunder, daß diesem siedenden Kessel täuschende Orakel, Blendwerk und Truggebilde entsteigen! > Judenleber! Im griechischen Mythos frißt Jupiters Adler j die Leber des Prometheus. Nichts hat dem Titaniden seine l Weisheit und Vorsicht, seine Kenntnis der Zukunft geholfen.! Viele Tränen sind seinem Mißgeschick geflossen und diesem ist! eine der gewaltigsten Schöpfungen Beethovens gewidmet. Der! mythische Prometheus wird beklagt, der wirkliche jedoch, das! Judentum, verfolgt. > Was half diesem letzteren die göttliche Verheißung, seine j todesverachtende Tapferkeit gegen die Römer, was seine Knltur-! höhe, sein heiliges Schrifttum! In die dumpfe Atmosphäre der j Ghettos wurde es gebannt, Geier und Aasvögel fraßen seine | Leber, die Preßhexen setzen sie noch heute ihrem Kessel zu. | während Prometheus, ferne vom Gespött des gemeinen Pöbels, i auf dem schneebedeckten Gipfel des Kaukasus lag, angeschmiedel j in diamantenen Fesseln. > Frische Luft, Ruhe, Gebirgseinsamkeit, eine anständige j Bestie, der königliche Adler, fraß dessen Leber. Dann kam j Herkules und hat dich befreit, wo aber ist der Halbgott, der j unsere Bande löste?! Doch, wir wollen nicht häßlich streiten, edler Prometheus.! Hast du doch den Menschen das Feuer vom hohen Olymp! geholt. Das verdiente Strafe! Wir holten den ewigen Gott j ans Himmelshöhen zur Erde herunter und schenkten ihn den! Menschen und das wertvollere Geschenk erheischt wohl härtere - Strafe!! Doch nun zu nüchteren und weit weniger poetischen Dingen, i als es die Sagengestalten aus griechischer Vorzeit sind! Es ist im höchsten Grade bedeutsam, daß das Organ der christlich-sozialen Partei das religiöse Moment ganz ausgeschaltet hat; die eröffneten Laufgräben gegen die Zwingburg des Judentums sind ausschließlich ökonomischen und pseudowissenschaftlichen Charakters, d. i. rassentheoretischer Natur. Im Grunde kann es uns nur recht sein, wenn die religiöse Maske! füllt und aufgehört wird, uns auch unter diesem Deckmantel j anzugreifen. Es wird diesen Herren auf die Dauer unbequem, im Namen der Religion der Liebe Haß zu predigen; es ist mißlich, zugeben zu müssen, daß der Monotheismus dem Schoß des Judentums entstiegen, so behauptet man denn mit eiserner Stirne, daß es niemand eingefallen sei, weder jetzt noch früher > die Juden wegen ihres Glaubens zu verfolgen. Dies sei lediglich | geschehen, weil die Inden in „selbstgewollter, strengster Abgei sondertheit" der Aisimilierung widerstanden. Was verschlügts! auch, wenn man dem Greisler und Fleischhauer die Fakta der Weltgeschichte wegdekretiert, wenn man pfiffig verschweigt, daß man tausende von Juden wegen angeblich entweihter Hostien