Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seile 10. Die Wahrheit Nr. 9. So ebenfalls der König adelt selbst Das Niederste, dem seine Gunst er schenkt. Bei Einem doch versagt die Macht des Zaubers, Nur Eins bleibt Unrat auch, berührt er's gleich. Za res. Du glaubst? Unmöglich ist's, nicht so viel Schönheit Und Herrschermiene nicht, hält' eine Jüdin. Magier. Ausnahmen gibt's sehr zahlreich, täusch' dich nicht. Z a r e s. Glaubst wirklich du, o, welche Aussicht böte Zur Rache sich für meinen armen Bruder. Magier. Mit Einem L-chlag sind beide dann vernichtet, Es würd' das Volk in Glaserei geraten. Hiram. Triumph, Triumph, denn Vasthi kam ans Ruder! Zares. Zerstreuen wir uns also und laßt uns forschen, Ob wir versöhnen können Theres' Geist. (Alle ab, H a m a u tritt vor.) H a m a n. O, arme Narren, daß Esther Jüdin, Das ist fürwahr so gut wie ausgeschlossen; So hoch versteigt sich Jndenfrechheit nicht. Der Pförtner im Palaste werden, nun Und langsam, langsam, die Gewalt erringen, Das leuchtet ein, phantast'sche Ausgeburt Von Tölpeln aber, ist's zu glauben, daß Mil kühnem Griffe nach der Krone langen Sich dieses feige Volk erdreisten würde. Mich wundert's nur, daß diese meine Tadler Von dem Ausrufungszeichen auf dem Baum Sich lasten warnen nicht, zu konspirieren. Was ich zu tun jetzt Hab, ich weiß es klar. (Drei Räte kommen und verneigen sich tief vor Haman.) Mich wundert's, daß so schnell geheilt die Herren. Als ich 'zuletzt euch sah, da ward ihr blind, Ihr saht mich nicht, und taub ward ihr dazu, Ihr Armen konntet mich ja gar nicht hören. (Räte legen sich auf den Bauch.) Null gut, es stellt mich, daß ihr wieder heil. . Erhebt euch, meine Pflicht sei's, draus §11 achten, Daß ihr ins alte Uebel nicht verfallet. (Räte stehen auf, alle ab.) Wersöhnte Aeinde. Bon Babette Fried. (Fortsetzung.) Dies war ungefähr der Gedankengang gewesen, welcher den jungen Arzt beseelte, als er in seinem ihm wohlbekannten Zimmer Umschau gehalten. Er entledigte sich der imbequemen Uniform, hüllte sich in den neuen eleganten Schlafrock, der über die Lehne seines Stuhles gebreitet war, ohne Anstalt zu machen, zu Bette zu gehen, trotzdem es schon ziemlich spät war. Er wollte das Buch lesen, das ihm die Tante mit solch ernster, bedeutungsvoller Miene gegeben. Wie erstaunte er, als er die Papierrlmhüllung entfernte und es ausschlug, und ihm statt der erwarteten gedruckten Lettern ein Manuskript vor Aligen kam, die ihm so wohlbekannten Schriftzüge seiner Base Dora. Achtes Kapitel. Es war Doras Tagebuch, oder eigentlich eines der vielen Hefte, welche ihr Tagebuch bildeten. Ludwig sah sofort ein, daß in diesen Blättern etwas sehr Wichtiges, in Doras, vielleicht auch in sein Leben Einschneidendes enthalten sein müsse, sonst hätte es ihm die Tante, welche sich doch von Kleinlichkeiten nicht so leicht beeinflussen lasse, nicht mit solchem Ernste übergeben, und so dringend ermahnt, es aufmerksam dnrchzulesen. Dazu wollte er nun die heutige Nacht benützen, denn zum Schlafen war er zu aufgeregt. Er fühlte sich nur körperlich müde, seine Glieder wie zerschlagen. Die körperlichen Anstrengungen der letzten Tage machten sich bei ihm jetzt, wo er am Ziele war, unabweislich fühlbar. Er entkleidete sich vollends, stellte die Lampe auf die Marmorplatte des zu Hänpteu seines Bettes stehenden Nachttischchens und legte sich aufs Bett, um daselbst in diesem bequemen Lage das ihm übergebene Heft zu lesen. Fast bis zur Hälfte desselben war er gekommen, und noch konnte er nicht herausfiuden, was denn so Wichtiges darin enthalten sein möge. Ja, er wurde immer ärgerlicher und schleuderte einmal unwillig das Buch von sich, als er einige Seiten voller Nichtigkeiten gelesen, welche eine neu geschlossene Mädchenfreundschaft behaudelteil und Bemerkungen über unwichtige, Ereignisse enthielten. „So sind die Mädchen," seufzte er, „wenn selbst die so hochgebildete kluge Dora so was hinschreibt, was soll man von andern, minder begabten erwarten? Ob s i e dort in Böhmen auch ein Tagebuch führt, und welcher Art ihre Eintragungen sind, das möchte ich wohl gerne wissen!? Gewiß wird dies ernste sinnige Mädchen auch nur über ernste Gegenstände schreiben! Und mit diesen geistlosen Schreibereien hier verliere ich diesen schönen Abend, den ersten in der Heimat. Ob ich nicht besser daran getan hätte, auch hinauf ins Rathaus zu gehen, um beim fröhlichen Bankett anwesend zu sein? Die Kameraden sind alle dort und singen und toastieren nach Herzenslust, während ich hier diese albernen Mädchenphrasen entziffern soll!" Er war fast willens, die Lampe zu verlöschen und zu versuchen, ob er nicht doch noch einige Stunden schlafen könne. Da wurde er aufmerksam. Sein Name kam ihm vor Angen. Nun las er weiter. Dora beschrieb den Eindruck, den die Kriegserklärung und der ausgebrochene Krieg aiff sie machte. — An einer vierten Stelle schilderte sie Ludwigs Abschied vom Hause. Tränenspuren ans dem Papier, welche stellenweise die Schrift verwischt und fast unleserlich gemacht hatten, bewiesen, wie sehr ihr gutes Herz bei diesem Abschiede gelitten, zeigten ferner, wie schmerzlich sie den entfernten Freund vermißte, wie sehr sie nach ihm bangte. „Das gute Kind, wie lieb sie mich hat!" sagte er zu sich mit tiefer Bewegung. Es kam aber anders, als er geglaubt hatte. Zu seinem größten Erstaunen las er Folgendes weiter: „Gewiß, ich habe Ludwig lieb, sehr lieb sogar, aber seit er fort von hier ist, drängt sich mir immer mehr und mehr die Gewißheit ans, daß dies eine rein geschwisterliche Liebe ist, daß es nicht die wahre, den ganzen Geist und das ganze Herz beherrschende Leidenschaft ist, die mich an ihn fesselt. Ob dieses Gefühl stark genug ist, allen Fährnissen zu trotzen, welche das Leben in den meisten Fällen mit sich bringt — das weiß ich nicht, das bezweifle ich sogar. Gewiß, Ludwig ist ein braver Mann, ein tüchtiger Arzt, ein guter Mensch. Nilr schwer kann ich mich entschließen, dem treuen Jugendfreunde, dem liebevollen Verwandten wehe zu tun, und doch muß es sein. Besser, er verzichtet auf meinen Besitz, als daß er in mir eine Gattin bekommt, welche ihm nicht mit vollster Hingebung angehört, welche nicht sein ist mit ganzem Herzen und ganzer Seele. Ein Mann, wie Ludwig, muß ein Weib heimführen, welches mit Leidenschaft an ihm hängt, und in seinem Besitze sich und die ganze Welt vergißt. Nur so kann ihm sein anstrengender, aufopfernder Berus erleichtert werden. Ein solches Weib bin ich nicht!" In den Blättern war eine längere Pause eingetreten.- Dann hieß es weiter: „Daß es dem Menschen doch so schwer gemacht wird, den geraden Weg zu gehen, dasjenige, das er für das Recht hält, auch zu tun! Üm uicht unüberlegt zu handeln, habe ich unablässig darüber nachgedacht, auf welche Weise ich dem guten Ludwig die Bitte Vorbringen könnte, mir mein Wort zurückzngeben. Ihm selber zu schreiben, konnte ich mich nicht entschließen, ich hätte "ja ihm gegenüber, nicht Worte gefunden, mit denen ich ihm, ohne ihn zu verletzen, meinen Seelenzustand enthüllt hätte, ich müßte ja befürchten, in seinen Augen als Undankbare dazustehen, und das würde mich tief schmerzen. Wenn ich auch am seine Liebe verzichten will, seine Achtung wollte ich doch uichi missen, und schwer würde mich deren Verlust treffen. (Fortsetzung folgt.)