Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Die Wahrheit Seite 7. Weiters bringt der Präsident zur Kenntnis, daß ein im -allgemeinen Krankenhause getaufter, jüdischer Patient fast unmittelbar vor seinem Tode an die Knltnsgemeinde ein Schreiben richtete des Inhaltes, daß er wieder zum Jndeutnme znrückkehre und aus dem jüdischen Friedhofe beerdigt zu werden wünsche. Diesem letztwilligen Ersuchen wurde selbstverständlich Rechnung -getragen. Subventionen werden bewilligt: dem Bethausvereine Achdus Israel, dem- Bethausvereine Schomer Israel, HI. Hetzgasse, dem Bethansverein Machasika Thora, V. Hauptstraße 83, dem Bethansverein Gemiläth Chessed, II. Gr. Schiffgasse 19, dem Bethausverein Thorath Emeth. III. Untere Viaduktgaffe 9, dem Tempelverein im XIII. Bezirk, dem Verein Bikur Chanlim -(Krankenbesuch), dem Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder für die Bezirke XVI. und XVII., dem Verein §ur Fürsorge für Blinde, dem Brigittenaner Frauen-Wohltätigkeitsverein, dem Vereine „Asyl für mittellose kranke Juden" in Meran, nebst der Jahressubvention ein einmaliger Beitrag anläßlich der Errichtung eines neuen Hauses. Nach Erledigung von Personalien und Steuerangelegenheiten wird die Sitzung um ^2 Uhr nachmittags geschlossen. Ans dem Zeken zweier Indischer Skeptiker des IV. Jahrhundert». Von Dr. Unbefangen. (Fortsetzung.) Auch eine andere weit größere und hervorragendere Per sönlichkeit als Da Costa wurde infolge des allznstrengen, vo, Intoleranz und Unklngheit zerigenden Vorgehens des Amster' damer Rabbinates ans dieser Gemeinde verdrängt. Es war dies der berühmte Philosoph Barnch Spinoza. Baruch oder Benedikt Spinoza wurde am 24. November 1632 in Amsterdam geboren. Er bekundete frühzeitig schon einen starken Geist und überragte in der Amsterdamer Lehranstalt, die er fleißig frequentierte, alle seine Mitschüler. Infolgedessen erwarb er sich die Liebe seines Lehrers Saul Morteira in solch hohem Maße, daß dieser ihn bei jeder Gelegenheit besonders auszeichnete. Das Talmudstudium allein war aber durchaus nicht geeignet, Baruchs gewaltigen Wissensdurst zu befriedigen, er suchte daher sich auch auf dem Gebiete der profanen Wissenschaften ’ reiche Kenntnisse anzueignen. Er hörte fleißig die Vorlesungen des damals als Philosophen berühmten Arztes Franz van der Emden und brachte es bald in der Kenntnis der lateinischen, spanischen, portugisischen, holländischen, französischen, italienischen und deutschen Sprache Ln einer staunenswerten Fertigkeit. Mit besonderer Vorliebe betrieb er das Studium der Philosophie. Er studierte mit heißem Bemühen sowohl die Schriften des Maimonides, Gersonides und Kreskos, als die des Cartesius. Durch die philosophischen Grundsätze des letzteren geriet er auf Abwege, die ihn znm Skeptizismus verleiteten. Dem Glauben der Väter wandte er bald den Rücken, besuchte nie die Synagoge und ignorierte vornehm aller Vorschriften und Satzungen der Thora. Selbst Ine wißbegierigen Jünger, die sich um ihn scharten, suchte er „aufzuklären" und für seine irreligiösen Anschauungen zu gewinnen. Dieses Vorgehen, das öffentliches Aergernis in der Ge- Meinde erregte, veranlaßte das Rabbinat, ihn vorzuladeu und ernstlich zu ermahnen, von der einmal eingeschlagenen Bahn der Irreligiosität abzulenken. Allein Spinoza war nicht im entferntesten geneigt, die Mahnungen seiner Lehrer zu würdigen, ging nach wie vor seines Weges und setzte sich über alle religiösen Vorschriften leichten Herzens hinweg. Dieser Starrsinn erregte den Zorn der Rabbiner und Gemeindevorsteher in solch hohem Maße, daß sie sich genötigt sahen, ihn anfangs mit dem leichten Banne zu belegen. Mit allzngroßer Strenge wollte man denn doch nicht gleich in der ersten Zeit gegen ihn verfahren, weil man der Befürchtung Raum geben zn müssen glaubte, daß er zum Christentum übertreten und dann dem Judentum um so gefährlicher werden könnte, als er infolge seines ungewöhnlichen Scharfsinnes und seiner immensen Gelehrsamkeit wegen schon damals zu den Autoritäten ersten Ranges gezählt wurde. Die Rabbinen gaben sich alle erdenkliche Mühe, ihn eines Besseren zu belehren und dem Judentume zu erhalten, ließen ihm sogar durch einen seiner Freunde eine jährliche Pension von 1000 Gulden anbieten, wenn er sich entschließen würde, dem trabitionellen Judentum anhänglich zu bleiben. Allein alle ihre Anstrengungen blieben fruchtlos, denn Spinoza war um keine» Preis der Welt geneigt, seine Ueberzeugnng und seine Ansichten zu verleugnen, obwohl er dadurch als Skeptiker verrufen und von der jüdischen Gesellschaft gemieden wurde. Als jedoch ein Fanatiker in Amsterdam sich an Spinoza zu vergreisen beabsichtigte, welchem er jedoch rechtzeitig entging, verließ er Amsterdam und verfügte sich nach Regensburg, wo er bei einem Freunde ein Asyl fand. Später übersiedelte er nach Marburg und zuletzt nach dem Haag, wo er bis an sein Lebensende verweilte. Kaum hatte er Amsterdam verlassen, als das Rabbinatskollegium der Amsterdamer Gemeinde sich veranlaßt sah, ihn, den unversöhnlichen Ketzer, mit dem großen Banne zu belegen. Das war aber ein unverzeihlicher Fehler, der sich bitter gerächt hat. Hätten die Amsterdamer Rabbinen nicht im Geiste der spanischen Inquisitoren, sondern im Geiste unserer heiligen Religion, „die nicht die Körper peinigt und martert, um die Seelen von ewiger Verdammnis zu retten'' (vgl. Mechilt zu Jetro und.Jellinek Rnt, S. 7), gehandelt, sich um das Seelenheil dieses „Freigeistes" nicht gekümmert und ihn nicht behelligt und nicht belästigt, so wäre er auch kein strenggläubiger Jude, doch wenigstens kein so grimmiger, racheschnaubender Feind des Judentums geworden; er würde es gewiß nicht gewagt haben, das Judentum herabzuwürdigen und zn verunglimpfen und deren Tochterreligiou, die ihre besseren Begriffe über Gott, Mensch und Welt einzig und allein der alten Mutter zu verdanken hat, zu glorifizieren und zu verhimmeln. Spinoza war unstreitig ein großer Philosoph, ja er war einer der größten Philosophen, die es je gegeben, allein trotz! seiner Größe war er doch nur ein Mensch, ein mit menschlichen i Schwächen und Fehlern behaftetes Wesen. — Ki odom en | zaddik boorez ascher jasse tamo welau jechto, sagt sehr j treffend Kohelet. Es gibt absolut keinen Menschen ans Erden, j möge er noch so groß und vollkommen dastehen, der nicht zu-! weilen auch fehlen, irren, oder von der Leidenschaft sich.zu un-! gerechten Handlungen hinreißen lassen würde. Ahawo mewatles i schn.ro schel gedaulo, Sinnoh mewatles schuro schel j gedaulot, lautet ein talmndischer Ausspruch. „Haß und Liebe! lassen uns vergessen Stand und Würde, die uns zugemessen." i (Synhedr. 105.) In seinem furchtbaren Grolle über die ihm in! Amsterdam zugefügten Kränkungen hat Spinoza nicht nur über > diese Inden, sondern über bas ganze Judentum den Stab i gebrochen. Hören wir nun, wie er, nachdem er vom Amsterdamer Rabbinat in den Bann getan und im Haag seine ganze Kraft seinen philosophischen Forschungen gewidmet, in seinem Werke, „Der theologisch-politische Traktat", das Christentum aus Kosten des Judentums zu glorifizieren sucht. Er schreibt: „Indessen gilt dies nur von den Propheten, die im Namen Gottes Gesetze vorgeschrieben haben, nicht aber von Christus. Denn von Christus muß man annehmen, daß er die Dinge in ihrer wahren Gestalt, ja vollkommen erkannt hat, obgleich auch er, wie es schetnt, im Namen Gottes Gesetze niedergeschrieben hat. Denn Christus war nicht sowohl Prophet als vielmehr der Mund Gottes, indem Gott durch den Geist Christi, wie ehedem durch Engel, nämlich durch eine erschaffene Stimme, durch Gesichte u. s. s. dem Menschengeschlecht mehreres geoffenbart hat. Es wäre deshalb ebenso ungereimt, zn behaupten, Gott habe seine Offenbarungen den Meinungen Christi angepaßt, als wenn man behauptete, Gott habe ehedem seine Offenbarungen den Meinungen der Engel, d. h. geschaffenen Stimmen oder Gesichte angepaßt, um den Propheten mitzuteilen, was er ihnen offenbaren wollte. Nichts Törichteres könnte ausgestellt werden, zumal Christus nicht bloß zur Belehrung der Juden allein, sondern des ganzen Menschengeschlechtes gesandt war, weshalb es nicht genügt hätte, wenn sein Geist bloß den