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Die Wahrheit · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Vir. 9. Tie Wahrheit Seite 5. weiiil man uns nur in Mellah in Ruhe läßt. Vor sechs Monaten sahen wir, daß die Dinge eine üble Wendung nahmen, und daß die Araber auf einen schlimmen Streich dachten. Darnach erfuhren wir die Plünderung vvil Casablanka. Die Israeliten, die diese Stadt verlassen hatten, flüchteten sich 511 uns. Wir nahmen sie in unsere Häuser und Hütten auf. Bald kehrten sie zurück, die einen über Mazagan, die anderen über Rabat. Als wir die Mehallah Monley Rechids kommen sahen, hatten wir das Vorgefühl eines Ueberfalles. Denn wenn die Mehallah oder die Stämme Geld brauchen, so stürzen sie sich eben auf uns. Wirklich plünderteit sie auch vor drei Monaten einen Teil des Mellah, die Meinungsverschiedenheiten unter den Stämmen sich zu Nutze machend. Sie nahmen uns alles, was wir hatten. Es war herzlich -wenig, und vielleicht danken wir es unserer Armut, daß wir das Leben behielten. Nach dem Abmarsch der Plünderer hatten wir den Hungertod vor Augen. Nach Casablanca konnten wir nicht gehen, weil die Araber uns den Weg versperrten, doch auch rückwärts konnten wir uns nicht bewegen, aus Furcht anderen arabischen Stämmen in die Hände zu fallen, und so waren wir gezwungen. in den verlassenen Dörfern zu arbeiten. Zum Glück kam ein Coilrier von Herrn l e M a i t r e aus Casablanca, der einen Brief an den Scheck den Omar brachte, in dem wir ihm empfohlen wurden. Dieser reiche Araber nahm uns alle auf, gab nns wochenlang zu essen unb zeigte sich von solcher Güte, daß wir nicht glauben wollten, er sei ein Araber. Vor einem Monat kamen die Franzosen nach Settat. Die Araber flohen alle, viele Israeliten mit ihnen. Wir blieben, etwa 400 nn der Zahl, in der Stadt, hoffend, daß die Franzosen die Stadt einnehmen würden. Aber nach mehrstündigem Aufenthalt brachen sie plötzlich auf. Kaum waren sie einige Kilometer entfernt, wir sahen noch ihre Feuerzeichen, als die Araber von den Bergen znrückkamen. Die folgenden 14 Tage waren furchtbar, und ich begreife noch nicht, daß wir sie überlebt haben. Alle Leute, die überhaupt sich bewegen konnten, verließen die Stadt und flohen zum Ry Aycuch-ben Malen hinter den Bergen, den die Araber respektieren. Wir blieben in fortwährender Angst in der Stadt, in ewiger Furcht vor einer Plünderung. Einige Tage später rückten endlich die Fratizosen wieder vor Settat. Wissend, daß die Franzosen jetzt dableiben würden, plünderten die Araber ein letztes Mal die Stadt und führten einige mit sich fort. Die Zurückgebliebenen wurden von den französischen Truppen ausgenommen, die uns zu essen gaben. Man fragte uns ans, und wir antworteten, was wir wußten, daß die Mehallah nicht mehr kämpfen wollte, daß Zwietracht unter den Stämmen herrscht. Endlich führte man uns nach Berfchid Zurück, eine Nacht schliefen wir in Medionna, und jetzt sind wir ohne Hoffnung auf Wiederkehr in unsere Häuser." Auf unsere Frage, was aus beu anderen Israeliten geworden sei, deren es in Settat und in den Dörfern doch mindestens Tausend gegeben hätte und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, erhielten wir den Bescheid: „Wir wissen es nicht. Viele sind in Casablanca bei ihren Verwandten, andere sind jenseits der Berge, und sicherlich viele unter den Arabern." Es kann nicht davon die Rede sein, die Flüchtigen zu repatriieren. Wir organisieren das Hilfswerk, geben ihnen Kleidung und Nahrung, und dann wollen wir für sie Unterkunft und Arbeit suchen, so daß sie sich unter die Bevölkerung mischen. Ich appelliere an die Großherzigkeit des Ceutral- Comitss, daß es den Unglücklichen Hilfe schicke. Pisa." Die Alliance Jsraelite Universelle hat Herrn Pisa sofort 5000 Francs §nr Verfügung gestellt und weitere 2000 Francs nach Marrakesch geschickt, wo die Lage der Israeliten gleichfalls überaus mißlich ist. Benützung der Elektrischen am Sakkath. Bon Rabbiner Dr. Kahan, Znaim. Die Heiligung des Sabbalhs ist den Juden des Westens in den allermeisten Fälleit zur Unmöglichkeit geworden. Sie müssen fast alle am Sabbath arbeiten und ihrem Geschäfte nachgehen, wenn sie nicht brotlos werden wollen. Die wenigen Reichen, die sich die Sabbathrnhe gönnen könnten oder wirklich gönnen, kommen hier nicht in Betracht. Aber die große Masse der Juden muß sich mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Sabbat für sie ein Wochentag ist nach dem bekannten talmudischen Satz: „Mache den Sabbath znm Wochentag nnd falle den Mitmenschen nicht zur Last!" Freilich gibt es da große Unterschiede. Die Religiösen nnd Gewissenhaften verrichten nur solche Arbeiten, die ihr Geschäft oder Gewerbe unbedingt verlangt, sonst ist der Sabbath für sie heilig, sie heiligen ihn zu Hause durch Kiddusch, Habdala und Sabbathspeisen, sie schreiben nicht, wo sie nicht müssen, sie enthalten sich des Rauchens n. dgl. Die meisten dagegen haben sogar das Bewußtsein verloren, daß es für den Juden einen heiligen Sabbath gibt, von dem der Sonntag der Christen, sowie der Freilag der Mohammedaner nur eine N a ch a h m u n g ist. Nun, mir diesen können nnd wollen wir nicht rechten. Meine Worte gelten den Religiösen nnd Gewissenhaften. Ich kenne in Wien junge Leute ans frommen Häusern, die gezwungen sind, am Sabbath ins Geschäft zu gehen, dort zu schreiben, zu arbeiten, mit Geld zu manipulieren. Aber die Elektrische oder einen Stellwagen benutzen, um einen stundenlangen Weg sich zu erleichtern — Gott bewahre! Diese Sünde wollen sie nicht ans ihr Gewissen nehmen. — Nun, meine Gewissenhaften! Euch sage ich es: Es ist gar keine Sünde, weil es nicht einmal verboten ist! Das Sabbathgesetz kennt folgende Bestimmung: Wenn ein Nichtjnde am Sabbath arbeitet für sich oder für andere Nichtjnden, so darf ein Jude diese Arbeit am Sabbath benutzen, z. B. das Licht, das der Nichtjude angezündet, oder das Bad, das der Nichtjude geheizt. Za, selbst wenn der Nichtjude das Bad für den öffentlichen Gebrauch für Inden und Nichtjnden geheizt hat, darf der Jude das Bad bcuutzen, tvenn die Majorität der Einwohner ans Nichtjuden besteht. (Sabbath 122a). Alle diese Voraussetzungen treffen für Wien zu. Die Elektrizität wird von Nichtjnden für eine Majorität von Nichtjnden hergestellt, nnd das Fahret! in der Stadt ist gar nicht verboten. Höchstens könnte da in Betracht kommen, daß man die Fahrkarte am Sabbath nicht kaufen darf. Aber abgesehen davon, daß die Meisten sonst alles Andere am Sabbath kaufen, könnte für die streng Gewissenhaften dem Hebel dadurch abgeholfen werden, daß sie eine Monats- oder Jahreskarte benutzen, die sie am Wochentage sich verschafft haben. Dasselbe gilt für den Stellwagen, wenn dessen Besitzer und Bediener Nichtjuden sind. Denn das Fahren ist nur verboten mir jüdischen Tieren, wie es in den Zehngeboten heißt: Du sollst keinerlei Arbeit verrichten .... und dein Vieh (Ex. 20, 10). Sollte aber jemandem meine Ausführung unerhört nnd ketzerisch Vorkommen, so will ich bemerken, daß ich vor acht Jahren auf Grund obiger Entscheidung vom mährischen Landesrabbiner Herrn Dr. B. Placzek zum Rabbiner von Znaim bestätigt wurde. Fürsorge für jüdische Gemeinde üeamte nach staatlichen Grundsätzen. (Schluß.) Eine andere große Frage bei der praktischen Erwägung unseres Planes ist die Beschaffung der notwendigen Geldmittel für den Sicherheitsfonds der Kasse, der in allen Fällen unbedingt erforderlich ist. Uns schwebt dafür die Begründung eines wohltätigen Aktiennnternehmens mit bedingter mäßiger Verzinsung der eingelegten Kapitalien vor. Unsere wohltätigen Glanbensgenosfen, die auch sonst gern gemeinnützige Zwecke unterstützen, werden sicher auch für ein solches gemeinförderndes jüdisches Unternehmen zu gewinnen sein, und auch unsere großen Verbände, Vereine, Logen rc. für allgemeine jüdische Zwecke, ebenso die größeren Gemeinden werden sich wohl zur Uebernahme von Aktien unserer Pensionskasse bereit finden lassen. Natürlich wird es auch hier der rechten Helfer bedürfen, die die Kasse in solcher Weise zu fördern wissen. Erst vor kurzem ist auf solche Art im Rheinland ein ungleich größeres gemein-

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