Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit i'ir. 9 zu Liebe tut. Ju der Kasch rrühfrage ist er streng konservativ, in Eheangelegeuheiten von vorgeschrittenstem Liberalismus. Man erinnert sich noch der Affaire Dr. Siebenschein, der von einem Wiener Rabbiner getraut wurde, trotzdem ein schweres religionsgesetzliches Ehehindernis vorlag, und der Knltusvorstand hat mir Einwilligung des Rabbinates sich, allerdings mit nur ganz geringer Majorität, für die Ausstellung eines Trauscheines entschieden. Der Dank für den Liberalismus des Kultusvorstaudes ist seitens des Herrn Dr. S. nicht lange ausgeblieben: Vor! kurzem hat derselbe mit seiner Gattin den Austritt aus dem Judentum vollzogen. * -i- Die im Zuge befindlichen Landtagswahlen in Galizien geben wieder einmal, wie folgender krasser Fall zeigt, Gelegenheit, die schmähliche Stellung des polriischen Hausjuden ins rechte Licht zu rücken: Der Gutsbesitzer von Medyn bei Podwolocziska namens Isidor Fried hatte einen glücklichen Einfall. Da die jüdischen Großgrundbesitzer in den Bezirken Skalat-Tarnopol-Zbaraz 550 an der Zahl sind, so möchte er für diesen Wahlkreis der Großgrundbesitzer, die in einer besonderen Kurie wählen — einen jüdischen Vertreter im Landtag haben. Herr Fried brachte also sein Anliegen in einem ..Offenen Brief" an die „Rada Narodowa" (Nationalrat) vor, bat dieselbe um Aufstellung eines jüdischen Kandidaten für den erwähnten Bezirk und versicherte gleichzeitig, es sei dem eventuellen jüdischen Kandidaten jedenfalls nichts weiter vorzuwerfen, als sein Judentum. Hierauf antwortete der Pole Cieliecki aus Byczkowce im „Przeglad". daß er Herrn Fried gern glaube, die jüdischen Gutsbesitzer und Pächter seien makellos und böten bis auf ihr Judentum keinen Einwand, aber dieser genüge auch vollauf . . . Wenn die jüdischen Grundbesitzer sich tatsächlich als Polen fühlten, so würden sie es doch begreifen, daß es für sie besser sei, wenn sie ein wahrer echter Pole im Landtag vertrete und nicht einer ihresgleichen, der dort ein gebrochenes Polnisch sprechen werde und mit diesem Lande außer dem Gelde, bas er gibt, nichts gemeinsames habe. Damit, daß man ausdrücklich einen jüdischen Abgeordneten verlange, dokumentiere man offen, daß es spezielle jüdische Interessen gebe, die außerhalb der nationalen Interessen, ja sogar außerhalb der agrarischen Interessen der Polen stehen; woher also nähme man das Recht, an die ..Rada Narodowa" heranzutreten und sie um Unterstützung anzngehen? Kommentar zu dieser Maulschelle überflüssig! * * * Die hundertste Wiederkehr des Tages, an welchem der erste Jude in Danzig seine Zulassung zur Börse erzwang, also die Juden in der Hauptstadt Westprenßens „börsenfähig" wurden, gibt der „Danziger Ztg." Veranlassung zu folgenden Reminiszenzen: „Daß in den früheren Jahrhunderten sich Juden in Danzig zwar aufgehalten haben, aber ohne gesetzliches Niederlassungsrecht dürfte bekannt sein. Ebenso die Tatsache, daß sich in den um Danzig gelegenen Ortschaften unter dem Schutze verschiedener weltlicher und geistlicher Fürsten jüdische Gemeinden bildeten, die allmählich erstarkten. Seit der preußischen Zeit etwa bestanden dann schließlich fünf Gemeinden neben- | einander, und diese waren: die Altschottländer, die Weinberger, die Langfuhrer, die Mattenbndener und die Breitgasser Gemeinde. Doch ließ sich auch itoch am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, zur Zeit der französischen Fremdherrschaft, die rechtliche Stellung der Juden manches für sie zu wünschen übrig. Wiewohl die Generale Rapp und M a s s i a s darauf drangen, Handelsfreiheit zu gestatten und diesen Grundsatz auch auf die Juden auszudehnen, protestierten die Danziger damals doch gegen die Zumutung, Juden an der Börse zuzulassen, indem sie sich darauf beriefen, „es solle, dem Willen des Kaisers Napoleon zufolge, Danzig nach seinen alten Gesetzen regiert werden." So wurde denn im April 1808 den Juden der Zutritt zur Börse untersagt. Ein Regierungskommisiar las das Dekret in der Altschottländer Synagoge vor. Aber es sollte ein unvorhergesehenes Ereignis eintreten. Im Verlaufe des Jahres 1608 befand sich nämlich ein Kaufmann Moses Kassel aus Berlin auf einer Geschäftsreise in Danzig. Er wollte auch die Danziger Börse besuchen, da ihm von dem oben errvähnten Verbote nichts bekannt war. Aber sobald er sich dort sehen ließ, wurde er auch schon von einem Börsendiener ausgewiesen. Moses Kassel wandte sich nun mit einer Beschwerde persönlich an General Rapp, den Gouverneur von Danzig. Dieser ließ sogleich zwei Gendarmen rufen und schärfte ihnen ein, sie sollten sich den Kaufmann Moses Kassel genau ansehen, damit sie ihn wiederznerkennen imstande wären. Alsdann sollten sie sich am folgenden Tage vor der Börse postieren und sofort zur Hand sein, um den getiannten Kaufmann vor etwaiger Unbill zu schützen. Anderen Tages betrat Moses Kassel wiederum die Börse, aber erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß seine beiden Beschützer auf ihren Posten waren. Die Gendarmen hatten ihn ebenfalls bemerkt und gaben es ihm durch Zeichen zu verstehen. Bei seinem Eintritt erhob sich sogleich ein allgemeines Gemurmel. „Hinaus!" ertönte es im Chor. Aber Moses Kassel drehte nun den Spieß um und rief, daß er im Gegenteil seine Angreifer würde hinausbringen lassen. Dabei winkte er die beiden Gendarmen heran, und diese erklärten im Namen des Gouverneurs, daß Jeder, der sich an dem jüdischen Kaufmann vergreifen sollte, ihr Gefangener sein würde. Noch an demselben Tage erschien ein Dekret, daß jedem ehrbaren Kaufmann der Zutritt zur Danziger Börse gestattet wäre, ohne Unterschied der Religion. Seitdem erst, also feit 1808, sind die Danziger Juden „börsenfähig" geworden." * * * Das DeutscheB n r e a u d e r A l l i a n c e I s r a e l i t e Universelle stellt uns folgende Mitteilungen zur Verfügung: Von dem Vertreter der Alliance Jsraslite Universelle in Casablanca, Herrn. Pisa, ist an den Präsidenten der Alliance folgender Bericht angekommen: Casablanca, 9. Februar 1908. „Herr Präsident'. Gestern abend bin ich eiligst von Herrn M alp ertu y, dem französischen Konsul, gerufen worden, der mir von folgender Depesche des Generals d' A m ade Mitteilung machte: 80 Israeliten von Settat sind unter französischem Schutze auf dem Wege nach Casablanca; treffen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme." Wirklich mar am 5. eine Heersabteilung von Casablanca nach Settat aufgebrochen und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen ausgenommen worden waren. Herr Malpertuy riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgesnchten Unglücklichen nnterzlibringen. Mit rührenden Worten voller Mitgefühl stellte er mir das Brot zur Berfügnng. daß ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Z a g u r y, dem Vorsitzenden des israelitischen Comites, der gleichfalls unterrichtet worden war, machte ich mich auf, eine hinreichend geräumige Unterkunft zu suchen, die die Flüchtlinge fassen könnte, ohne daß man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr.B e n d a h a n, ein hiesiger Notabler, stellte uns entgegenkommend eine seiner Besitzungen zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns znm. Empfang der Flüchtigen bereit. Heute früh 11 Uhr sind sie, 135 an der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sahen ans wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt, in schmutzigen Säcken gehüllt, teilweise nackt, die Füße geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einander zu unterscheiden — so sehr hat das Elend' sie gleichgemacht. Wir bereiten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen, und hören den Bericht über die Schrecknisse, denen sie feit Monaten ausgesetzt gewesen sind. „Sie wissen," erzählt uns eine jnnge Frau, ..was wir vor vier Jahren gelitten haben. (Im Jahre 1903 hat eine große Plünderung stattgefunden.) Wir waren in unsere Häuser zurückgekehrt und hatten uns an unsere Arbeit begeben, einige zum Körnerbau, andere zur Schuhflickerei. Die folgenden Jahre waren hart. Es hat an Regen gefehlt und es gab keine Ernte. Für uns bedeutete das den Hunger. Aber wir helfen uns immer durch,