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Die Wahrheit · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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aHrcheit Ülfbnftioii u. SlbminiftiiUion: | Wien. I]/, Nvuarciaaiie 27.1 brr iPrwtsret 153(12 | K. f. bfterr. Postsparkassa- Schcck-Konto Nr. 100.918. JlnJevatr Tie viermal gesvalte»- Nonvareille-Zeile 25 Heller. -ldomieiiieiusu. ZilieilioiiS' belräge und in Mie» zahlbar und klagbar. Anakhängtge Aeitschrifk für Mische Iniere^em Erscheint jeden Areitng. Rotto: „Das Liv^vi Dodte« ist Wahrheit.'“ .1 jj '»«iijiiitnirt . . n u.! H.iiviährig . Jf 7 Mi Qiiltnaivuiiite : . if >» iliir Vln-Jliuiö: <»inmUt)Vly} . . . » 'JJltivC 6 tttuDel ober l« i^c5. Itv. 9 Wien, 28. Februar 1998 Inhalt: Aus der Woche. — Benützung der Elektrischen am Sabbath. — Fürsorge für jüdische Gemeindebeamte nach staatlichen Grundsätzen. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Aus dem Leben zweier jüdischer Skeptiker des 17. Jahrhunderts. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Esther". — Versöhnte Feinde. — Der jüdische Organist. — 40 jähres Amtsjubiläum. Ans der Woche. Als stimmungmachendes Präludium für die bevorsteheudeu Gemeiuderatsuud Landtagswahlen in Wieu schlägt das „Deutsche Volksblatt", das durch rüdes Geschimpfe aus Juden und Judentum sein bei einem großen Teil der Partei verloren gegangenes Renommee wieder aussrischeu möchte, das alte Thema von jüdischer Rassenpolitik und jüdischem Solidaritätsgefühl an. Wir wünschen vom Herzen, daß wir Herrn Vergani insoferne Recht geben könnten, daß auch wir dieses Solidaritätsgefühl als lebendig wirksam erkennen dürften. Gewiß, die ungerechte, haßerfüllte Behandlung der Juden sollte und müßte naturgemäß ein solches Gefühl der Solidarität erwecken und sollte die gemeinsame Abwehr der fluchwürdigen .Hetze als heilige Pflicht erscheinen lassen. Aber leider ist dies nicht der Fall. Der Antisemitismus in Oesterreich hätte nicht so mächtig iverden können, wenn unsere Glaubensgenossen durch das Gefühl des gemeinsam erduldeten Unrechtes sittlich gekräftigt und erstarkt, den Kampf gegen den Antisemitismus solidarisch geführt hätten. * * , * Kleinliche rituelle Streitigkeiten richten hier wie anderwärts alle aus Einheit gerichteten Bestrebungen zu Grunde. Das sehen wir in Wien, in Galizien und in Ungarn, überhaupt überall, wo die Juden, so sie einig wären, schon vermöge ihrer Zahl an Einfluß viel gewinnen könnten. In Galizien findet die Errichtung eines jüdisch-theologischen Seminars für Galizien bei den Orthodoxen lebhaften Widerstand. Der „Mainzer Israelit," der über die Stimmungen und Absichten der orthodoxen Kreise ausgezeichnet orientiert ist, bringt folgende Mitteilung: Wir haben vor längerer Zeit mitgeteilt, daß eine Kommission des galizischen Landtages den Plan eines jüdisch-theologischen Seminars für Galizien, das in Lemberg seinen Sitz haben sollte, fertig ausgearbeitet und dem Plenum zur Beschlußfassung vorgelegt hat. Der Plan ging von angesehenen neologen Repräsentanten der Großgemeiuden aus, die aber auch die Orthodoxen der Gründung geneigt machen wollten, indem sie die Aufnahme einer Bestimmung veranlaßten, wonach außer dem neologen auch der orthodoxe Lemberger Rabbiner einen Sitz im Kuratorium haben solle. Wir haben seinerzeit daraus aufmerksam gemacht, daß es ein Unding sei, neologe und orthodoxe Rabbiner zusammen auszübilden, weil die Prinzipien der Orthodoxie und der Neologie einander geradezu ansschließen, also nicht Grundlage eines und desselben Unterrichtes sein können. Wir haben auch daraus hingewiesen, daß durch eine scheinbare Konzession an die Orthodoxie, wie sie in der projektierten Ausnahme eines orthodoxen Rabbiners in die Leitung des Seminars liegt, die Institution nur gefährlicher gemacht, rveil mit dem falschen Schein einer konservativen Tendenz umkleidet wird. Daß die rabbiuischen Führer des orthodoxen Judentltms in Galizien nicht für die Lehranstalt zu haben sein würden, war von vorneherein klar, schon deswegen, weil diese bekanntermaßen mit Rücksicht aus die Erhaltung eines intensiven Thorastndiums keine Freunde einer seminaristischen Ausbildung der Rabbiner überhaupt sind. Inzwischen hat in den Kreisen der galizischen Orthodoxie eine energische Bewegung gegen die jüdisch-theologische Lehranstalt eingesetzt. Man fühlt dort ganz richtig, daß es sich um einen Plan handelt, dessen Ausführung dem gesetzestreuen Judentum einen schweren Schlag versetzen würde, weil in jener Anstalt Rabbinergeschlechter herangebildet werden würden, die die Prinzipien der Reform über das ganze Land zu tragen bemüht wären. Hervorragende Männer haben daher einen Ausruf veröffentlicht, in dem sie die gesamte gesetzestrene Judenheit des Landes zur Abwehr gegen jene Gefahr und zur Unterzeichnung einer .Kundgebung gegen die beabsichtigte Gründung mahnen. Falls nun hierdurch nicht das Projekt fällt, wird wenigstens soviel erreicht werden, daß diejenigen, die sesthalten wollen an dem überlieferten Judentum, klar und deutlich von der Anstalt abrücken uud daß diese dadurch vor aller Welr als das charakterisiert wird, was sie bei der Mitwirkung von Neologen sein muß, als eine Brutstätte des Abfalls von unseren heiligen Gütern. * * * Auch in Ungarn liegen sich Neologen und Orthodoxe in den Haaren. Statt daß sie angesichts des immer zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Antisemitismus mit allen Kräften daran arbeiten sollten, durch Schaffung einer einheitlichen Organisation ihr Gewicht nach außen zu verstärken, wird die Einberufung des ungarisch-israelitischen Landeskongresses von den Orthodoxen immer noch zu hintertreiben gesucht, trotzdem Minister Gras Apponyi und Kossuth wiederholt erklärt haben.! daß innerhalb der neu zu schaffenden Organisation an niemandes j Gewissen ein Abbruch geschehen solle. Aber die Regierung ist entschlossen, diese Angelegenheit definitiv zu regeln und darum scheint der Landeskongreß gesichert zu sein. Bei uns in Wien ist der Kamps zwischen Fortschritt und Orthodoxie in etwas mildere Formen gekleidet und dies kommt wahrscheinlich daher, weil der Kultusvorstand zwischen beiden Richtungen hin- und her pendelt und bald der einen, bald der anderen etwas

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