Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 8. König. Vielleicht war's jener Ohrenbläser einer, Vor allem mir verhaßt in jeder Zeit, Die ihren eigenen Haß, die eigne Rachsucht Verkleiden ins Gewand der Dienstbeslissenheit. Angeber nennt man sie und teilt die Schmach Gleich zwischen den, der spricht, und den, der horcht. Vielleicht ein solch verworfenes Insekt — Esther (schnell). Das nicht. König. So kennst du ihn? E st h e r. Ich — kenn' ihn nicht. König. Wo aber sind die Zeilen, die er schrieb? Esther (im Gürtel suchend). Ich weiß nicht — wenn nicht etwa gar verloren. König. Das wäre schlimm. Die Namen sind das Wicht'ge, Und keine Ueberweisung, wo kein Zeuge. Esther leinen Zettel aus dem Busen ziehend). Hier sind sie, Herr. König. Nun um so besser. Gib. (Er liest.) „Die Königin Vasthi spinnt geheimen Anschlag Mit einem Theres, der des Königs Mundschenk, Drum sei gewarnt." Und unten: „Mardochai." -i- * * (Alle Rechte Vorbehalten.) (Nachdruck verboten.) König. Gewiß ist so viel, dieser Mardochai Ist keiner meiner Großen, lügt darum nicht. Hier lügt der Hösling nur und der Satrap. Ein Niedriger wird keine Ränke spinnen, Denn keinen Vorteil zöge er daraus. Und Theres — ja das stimmt! Mein edler Mundschenk Ersreute stets sich doch besondrer Huld Der früher'n Königin, der Fürstin Vasthi. (Zu einem aus dem Gefolge.) Mau greise Theres, meinen Mundschenk, gleich Und häng im Park an einen Baum ihn auf. (Der Angerufene entfernt sich.) (Zu Esther.) Du blickst entsetzt, mein Lieb, ich lese Tadel In deinem Aug' ob meiner raschen Ahndung. Ich aber will mein junges Glück beschützen So streng und schnell, als irgend möglich ist. Esther. Wie traurig, daß so eng umzirkt dies Glück Von böser Scheelsucht, die man strafen muß! (Ein Höfling ist eingetreten und nähert sich dem König.) Verzeih, o König! Ungerusen komm' ich. Der Pförtner des Palastes ist entfloh'n, Doch ohne Hüter ist das Tor d'rum nicht. Ein Fremder, Mardochai mit Namen, sitzt darin Und sagte mir auf mein erstauntes Fragen, Er habe diese Stelle usurpiert, Und hoff' den König einverstanden. König. Sein bös' Gewissen hieß den Pförtner siüchten, Und wohl zufrieden bin ich mit dem Tausche. Warum der Eifer dieses Unbekannten, Ist mir zwar rätselhaft, doch sei's. (Ein Höfling tritt vor.) Gebieter! Der Magier Oberpriester bittet um geheime Audienz. König (macht ein verabschiedendes Zeichen der Höflingsschar, küßt Esther). (Esther ab und Höflinge.) Er trete ein. König, Magier. König. Ich hasse die Geheimniskrämerei, Was hast Geheimes du mir zu verkünden? Magier. Du schmähst, was meines Amtes Kern und Zentrum. Denn in geheimen Sprüchen und in Formeln Und mit des Wortes zaubermächtiger Magie, mit dunkler Kraft aus nächt'gen Pfaden Beschwör' und bann' ich Ahriman, den Finstern. Doch macht der Teufel auch am Tage streitig Die Macht dem lichten Ormuzd, dem wir dienen. Du schiltst mich und vielleicht mit Unrecht nicht. Mag sein, daß Schwäche oder Nachsicht mich Verhindert, offen dich im Angesicht Des Hofes und der neuen Königin Zur Rechenschaft zu ziehn. König. Nun gut, was gibt's? So schieß' sie los, die Pfeile deines Tadels. Magier. Ich kam zu diesem Zweck, doch leider weiß ich,. Kein Pfeil durchdringt die Haut des Krokodils, Die Kleider gleich, die heut' du trägst, sie passen Wie schlecht für diese Jahreszeit, für diesen Tag. Du lenkst den Zorn des Schutzgeists dieses Tags Im Uebermut auf dich und auf dein Hans. König. Kannst Du im Ernst es von mir fordern wohl, Daß ich die Garderobe wechsle täglich Und ängstlich immer sinne, was zu wählen? Magier. Ich Hab'/ wie oft dich schon ermahnt, diesOpfer^ Dn bist es deiner hohen Stellung schuldig. Doch sei es d'rum! Ich habe seufzend d'rauf Schon lang verzichtet; doch du verstößt die Gattin Und lvählst dir eine neue, tust dies alles An Tagen, die der Zufall nur bestimmt. Du ziehst mich nicht zu Rate, daß ich forsche, Ob die Gestirne günstig dem Entschluß Und ob der Genius des Tags nicht etwa Den Aufschub fordert auf ein andres Datum. So sag' mir denn, wes Namens und wes Standes Ist deine neue Gattin, wann geboren? Von welchem Stamm, wie anders könnten wir Zum Wohl des Staats das Horoskop sonst stellen? König. Du setzt mich wahrlich in Verlegenheit. Ihr Nam' ist Esther, engelgleich ihr Leib Und adelig ihr Geist und ihre Seele. Doch mehr fürwahr berichten kann ich nicht. Magier. O, lichter Ormuzd! Der du deinen Thron Im Feuerball der Sonne uufgeschlagen, Dein erster Diener, er der Sprosse Djemschids, Und der sich stolz nennt einen Achmeniden, Sich rühmen kann, von Cyrus abznstammen, Vermag zu sagen nicht, ob seine Gattin Dem reinen Parsenvolke angehöret Und nicht etwa den rohen Mediern. Wer weiß, ob diese Königin? König. Schweig still! Mich lass' ich ruhig schmähen, sie zu begeifern, Das, kecker Priester, überlege wohl. Dein Hokuspokus freuen mag dem Volke, Bei mir verfängt er nicht, macht mich nicht kirre. Dem Mundschenk magst du wohl den Tag bezeichnen. Wann günstig der Planet dem Königsmord. Jst's nicht? Abwehrend schüttelst du dein Haupt? Mag sein, daß ich dir unrecht tu, die Saat Ist noch nicht reif, die Magier noch zu schwach, Die Herrschaft statt der Könige anzutreten. Und d i e Magie, die nach der Macht sich sehnt, Sie nicht gewinnt, sie sollt ich etwa fürchten? Doch jetzt hinweg mitsamt den dreimalhundert Und fünfundsechzig Tagesgenien; du hast Die Königin verletzt und leicht vergäß ich, Daß dich ein geistliches Gewand umhüllt.. Und was du über deine Königin ' Erfahren willst, ich sende dir's alsbald. Nun wohl. . . (Magier ab.) Kö.nig (allein). Ich fürchte, daß der Bursche nochmals kommt, Wenn seine Neugier unbefriedigt bleibt. (Fortsetzung folgt.)