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Die Wahrheit · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 8. Die Wahrheit Seite 7. Llus, daß die Aufforderung meiner Freunde, zu welchen er gesprochen hatte, wohl nahe lag, seine Ansicht über diese Gedichte, welche von unseren literarischen Kreisen so auffallend ignoriert wurden, auch öffentlich darzulegen. Dies war ihm unmöglich." Auerbach, dem diese Broschüre sehr nahe ging, beabsichtigte eine öffentliche Entgegnung, doch kam es dazu nicht; dagegen trat er dann 1875 in einem offenen Briefe an den ihm befreundeten großen Wiener Chirurgen Theodor Billroth (in der „Gegenwart") gegen desfen Schrift „Ueber das Lehren und Lernen an den medizinischen Fakultäten" ans, die ihm Billroth arglos selber zugeschickt hatte. Billroth hatte u. a. darin gesagt, trotz aller persönlichen Sympathien sei es ihm klar, daß er die Kluft zwischen rein deutschem und rein jüdischem Blut so tief empfinde, „wie von einem Teutonen die Kluft zwischen ihm und einem Phönizier empfunden werden mag". Auerbach, der noch ganz kurz vorher in Ausfee bei Billroth als dessen Gast einen heiteren Tag verlebt hatte, sparte in seiner Antwort die Schärfe nicht: . . Glauben Sie. es ist kein Martyrium, noch heute einem Manne .Ihres Rufes erklären zu müssen: wir sind nicht zufällig deutschredende, zufällig in Deutschland erzogene Inden, wir empfinden vollkommen als Deutsche? Sie sagen: den Inden fehlt die gesamte mittelalterliche Romantik. Welchen Anteil an der Romantik haben denn die Bauern, die bis .zu Anfang des Jahrhunderts Leibeigene waren? Sie verbannen uns ins Exil der Fremdheit und wollen nicht wissen, daß die Geschichte des Judentums zumal in Deutschland alle Phasen der deutschen Kultnrentwicklung mit dnrchgemacht hat. Die Juden waren von germanischer Bildung erfüllt, bevor Ihre Landesgenossen, die Slaven und Wenden, germanisiert wurden." Wenn einer, so war Anerbach so zu sprechet! berechtigt, denn niemand war weniger einseitig für alles jüdische eingenommen, niemand weniger blind für die häßlichen und üblen Erscheinungen, die auch auf jüdischer Seite zu finden waren. Er wollte absolut keine Bevorzugung für die Juden, stellte die höchsten Ansprüche an ihre Lebensführung und verlangte, daß sie ihre Pflichten mit Bescheidenheit und Würde erfüllten. „In Briefen an Saloman Marx," berichtet Bettelheim, „wetterte er gegen die ,Freßbänche der Börse', gegen die überpntzten Modejüdinnen, gegen den -Witzschnaps^ heinesierender Fenilletouisten ... So wenig mau, um ein guter Deutscher zu sein, anfhören muß, sich als Schwabe oder Pommer zu fühlen, dachte er jemals daran, seiner Abkunft von Laudjudeu sich zu schüinen, deren Vorfahren auf deutschem Boden länger domestiziert waren, als unzählige zu vollen Preußen erwachsene Slaven und Franzosen. Den Kriegsdienst hatte er vor allem als besonderen Segen, gemeinsam vergossenes Blut als besten Kitt des Bundes aller Deutschen angesehen. Daß gerade die Siege des Jahres 1870 die Neuanfrichtnng des Reiches, die Einigung von Nord und Süd eine Steigerung des germanischen Stammesgefühles, eine Verdichtung des alten Judenhasses zur Folge haben könnte, ahnte er so wenig, wie andere, in politischer Hinsicht ihm weit überlegene Männer, Bamberger und Laster." Desto weniger täuschte er sich alsbald über die Bedeutung der Bewegung, sobald die ersten Anzeichen in die Erscheinung traten. So wenig, daß er gleich zu Beginn in den Klageruf ausbrechen konnte, sein Leben sei verloren, sein ganzes Wirken eitel und vergeblich. Aenßere Ehrungen, wie die Ernennung zum Ritter des hohen Maximilians-Ordens durch König Ludwig II. konnten den liefen Gram über die jndenfeindliche Bewegung nicht lindern, denn es war ja nicht seine allgemein verehrte und mit Rücksicht behandelte Person, um die er litt, sondern die Sache, die Sache der Gerechtigkeit und der Menschenliebe. 1879 sah er sich durch einen russischen Schandprozeß veranlaßt, in der „Gegenwart" gegen das Ritualmord-Märchen aufzutreten. Im November 1880 wohnte er tief erregt der zweitägigen Judendebatte im Deutschen Reichstag ans der Tribüne bei, deren Verlauf ihm den Schmerzensruf erpreßte: „Vergebens gelebt und gearbeitet!" Jede Gelegenheit, die ihn mit Fürstlichkeiten zusammenführte, mit der Kaiserin, dem kronpriuzlichen Paar, dem Großherzog von Baden, der ihn in Berlin und St. Moritz mehrfach aufsuchte, benutzte er, seinem Kummer Ausdruck zu geben, und die letzten Zeilen, die er drucken ließ, waren ein ans St. Moritz am 7. August 1881 an Döllinger gerichteter Dankbrief für dessen Vortrag in der kgl. bayrischen Akademie über die Geschichte der Inden. „Sie haben denen," schrieb er darin, „die das Wort von der Religion der Liebe zu lügnerischer Phrase mißbrauchten, Sie haben denen, die den Schaden nicht beachtend, welchen die deutsche Volksseele erleidet, in leichtfertiger Frivolität den Fanatismus gewähren ließen und die Judenhetze als einen belebenden Sport betrachteten, sie haben ihnen allen den Frevelmut ihres Tuns vor Augen gestellt." Seine ohnehin leidende Gesundheit wurde durch diese seelischen Erschütterungen noch stärker und rascher mitgenommen, lv'enn es auch übertrieben war, darin allein die Ursache seines Todes zu sehen, wie von mancher Seite behauptet wurde. „Wer nahezu vierzig Jahre." sagt Bettelheim in seiner gründlichen, Licht und Schatten gerecht verteilenden, von jeder Ueberwertung freien Biographie, ..niemals mit unedlen Mitteln, immer von edlen Absichten für Volk und Vaterland geleitet, solche Bedeutung behauptet hat, ist aus der Geschichte deutschen Lebens nicht mehr wegzndenken." Das gilt und wird noch lange gelten, wenn von Auerbachs sämtlichen Schriften vielleicht nur mehr ein paar seiner besten Dorfgeschichten lebendig, sind. 'Denn über schriftstellerische Werke geht allmählich die Zeit hinweg, aber unveraltet und immer liebenswert bleibt die menschliche Erscheinung Berthold Auerbachs, des gesinnungstapferen, gemütreichen und wahrhaft guten Mannes und Volksfreundes. Israel Singer. Am 18. d. M. ist in S. A. Ujhely (Ungarn) der gewesene Rabbiner und Schuldirektor Israel Singer im 80. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war einer der edelsten Menschen, der wegen seiner tiefen Gelehrsamkeit und seines seltenen Charakters bei Juden und Christen in hohem Ansehen stand. Mehr als 50 Jahre wirkte er erfolgreich auf dem Gebiete des Unterrichtes und genoß als Pädagoge einen weit verbreiteten Ruf. Auch als Schriftsteller entfaltete er eine fruchtbare Tätigkeit, er schrieb viele pädagogische und wissenschaftliche Werke und war durch eine lange Reihe von Jahren ein eifriger und geschätzter Mitarbeiter unseres Blattes. Seine geistvollen Aufsätze, in welchen er besonders die jüdische Lehre gegen feindliche Angriffe verteidigte und aus dem nie versiegenden Borne seines reichen Wissens schöpfend, die hohe Ethik des Judenthums überzeugend nachwies, wurden immer gerne gelesen. In seinem Leben und Wirken hat sich Israel Singer ein unvergängliches Denkmal gesetzt, aber auch wir und die Leser unseres Blattes werden ihm stets ein ehrenvolles Andenken bewahren. Von seinen Söhnen ist der eine Dr. Bernhard Singer Oberabbiner in Szavadka. der andere Dr. S z 6 k e l y Albert Advokat in S. A. Ujhely. Die Juden in Aom. Dem neuen Bürgermeister von Rom widmet der „März" einen interessanten Artikel, dem wir folgendes entnehmen: Nathan entstammt einem der ältesten Geschlechter der Jndengemeinde, die schon sein Julius Cäsar im Trastevere und um die Jnselbrücke des heiligen Bartholomäus ansässig, alle Stürme Roms überdauert hat. Ein Häuflein Juden, etwa zweihundert, unvermischt mit Römern und Barbaren, sah die altrömifche Republik in Staub fallen, das Cäsarentum, die reiche Marmorsladt Rom, ein zweites fränkisches Kaisertum; es überlebte die fruchtbare Nemesis der Jahrtausende. Gegen Schluß der Völkerwanderung waren diese Juden die einzigen Römer ans antiker Zeit, während Hof und Adel, Kaufmannschaft. Bürgertum und Plebs so ziemlich überallhin sich geflüchtet hatten. In den verfallenen Kaiserpalüsten und dem Palatin hausten die Bischöfe Roms und duldeten, als sie die Macht an sich gerissen, die 'Anhänger der Judenschule zu ihren Füßen als „ein monumentales Synibol. welches die alttestamentliche Wurzel des Christentums darstellle". Den Juden von Rom, Salerno und Cordovan bleib: der Ruhm, als Aerzte und Handelsleute Heilkunde und Handelswifsenschafr ans dem Altertum in die Neuzeit herüber gerettet zu haben. So oft die Päpste sich in gesundheitlicher und finanzieller Bedrängnis fühlten, vertrauten sie regelmäßig ihren Leib und Schatz den Inden an. Pius X. Sarto mußte als Kaplan von Tombolo mit dreißig

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