Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheu Nr. 8. Herren Professor Dr. Ludwig Stein (Bern), Rabb. Dr. I. Ziegler (Karlsbad), betreffend die von denselben abgehaltenen Vorträge. Dankschreiben der Frau Pauline K o h u b e r g e r für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens des Herrn Salomon K o h n b e r g e r. Im Präsidialberichte theilt Präsident Dr. Stern mit, daß Freiherr Albert von Rothschild die von ihm im Jahre 1905 errichtete und der israel. Kultusgemeinde zngedachte Wid-.. mung von 100.000 K für das Kaiserin Elisabeth-Pflegeriunen- Jnstitut auch unter den dermalen geänderten Verhältnissen, da das genannte Institut unter Patronanz der Kultusgemeinde vom Humauitälsvereine „Bnei-Brith" errichtet und erhalten werden soll, ausrechterhalte. Die diesbezügliche Zuschrift des Herrn Baron Rothschild wird dankend zur Kenntnis genommen. Der vom ersten Sekretär kaiserl. Rat Dr. Lieben erstattete Bericht des Vertreter-Kollegiums betreffs der Budgetüberschreitungen in den Posten „Periodische Unterstützungen und Gnadengaben" wird einstimmig genehmigt. Präsident Dr. Stern ersucht um Indemnität für zwei bereits erfolgte Ausnahmen in das Siechenhaus, da beide Aufnahmswerber nicht den im Statute verlangten fünfjährigen Allsenthalt in Wien Nachweisen konnten. In beiden Fällen war die Austiahme dringend geboten. Es handelte sich um zwei Frauen, die sich im schwerkranken Zustande im „Hause der Barmherzigkeit" in Währing befanden und von denen die eine mit Bekehrungsversuchen gequält unb die andere mit der Abschiebung in die Heimat bedroht lvurde. Im ersten Falle hat zudem die israel. Kultusgemeinde in Lundeuburg, wohin die sieche Frau zuständig ist, eine monatliche Verpflegsgebühr von 70 K bewilligt. Vertreter Dr. Berger charakterisiert unter Hinweis ans einen dritten Fall, der einen Mann, namens Knlka, betrifft, die fortwährenden Bekehrnngsversnche, denen in diesem sonderbaren Hause der Barmherzigkeit die jüdischen Insassen ausgesetzt sind, indem dieselben, falls sie sich nicht zur Taufe bewegen lassen, mit der Entlassung bedroht werden. Redner hält es für notwendig, die Glaubensgenossen zu warnen, daß sie dieses Hans, das ullter dem Vorwände der Jnterkonfessionalität auch von jüdischer Seite materielle Förderung anspricht, nicht unterstützen sollen, und stellt an den Präsidenten die Anfrage, ob nicht die Aufnahme des erwähnten Mannes im Siechenhanse der Kultusgemeinde gleichfalls möglich wäre. Der Präsident beantwortet die Anfrage dahin, daß die Ausnahme des Knlka mit Rücksicht auf seinen kurzen Aufenthalt in Wien (er besiudet sich erst einige Wochen in Wien und ist zur Heilung seines Leidens hierher gekommen) lind nach dem Gutachten des ärztlichen Leiters des Siechenhauses Primarius Dr. I n s e l d nicht möglich sei, wiewohl der Vorstand jederzeit bestrebt sei, auch gegenüber auswärtigen Hilfsbedürftigen in largester Weise Rachmones zu üben. Nachdem hieraus für die beideil ersterivähnten Fälle die Indemnität erteilt wird, stellt Dr. Berger den Antrag, den Fall Kulka neuerlich zu untersuchen. Die den Studentenvereinen Jvria, Kadimah, Libanonia, Theodor Herzl, bereits gewährten Subventionen im Gesammtbetrage von K 2280 werden genehmigend zur Kenntnis genommen, desgleichen die vom Vertreterkollegium beantragten Aenderungen des Tax- und Gebührentarises für Beerdigungen, die bei einer ca 250/oigen Erhöhung in den oberen Klassen und einer teilweisen Ermäßigung in den unteren Klassen einen voraussichtlichen Mehreingang von 80.000 K jährlich ergeben sollen. Das Referat über die Koscher-Selchwaren-Erzengung wird von der Tagesordnung abgesetzt, da das in dieser Frage vom Rabbinate erst in den letzten Tagen eingelangte Gutachten Gegenstand neuerlicher Beratungen bilden mich. Präsident Dr. Sternbeantwortel eine vom Kommerzialrat Leopold Simon gestellte Interpellation bezüglich der mittels Plenarbeschluß vom 22. Dez. 1907 verfügten Sperrung des Vereinsbethauses „Schomre hadath", indem er die Verhältnisse m diesem Vereine eingehend darlegt und die in dieser Angelegenheit in einem Wiener jüdischen Blatte (Neue National-Zeitnng) gegen den Vorstand erhobenen Jnkriminationen richtigstellt. Die Antwort des Präsidenten wird zur Kenntnis genommen und hierauf die öffentliche Sitzung geschlossen. * In der nach Schluß der öffentlichen Sitzung stattgehabten vertraulichen Plenarsitzung wurde nach Erledigung verschiedener, das Spital der Kultusgemeinde betreffender Angelegenheiten in Ausführung eines früheren Plenarbeschlusses ein Turnus festgesetzt, nach welchem die Herren Oberkantor Josef Singer, Oberkautor Bela G u t t m a n n und Oberkantor-Stellvertreter Don Fuchs die kantoralen Funktionen bei Leichenbegängnissen ohne Rücksicht aus den Wohnort der Verstorbenen zu versehen haben werden. Schluß der Sitzung 2 Uhr nachm. * * * Spendenliste: Dr. Hugo D u b nom. der Moritz und Emma Dubsche» - Bett-Stiftung aus der Siechenabteilung der israel. Bersvrgungsanstalt X 12.000. Salo K o h n. Präsident der Chewra-Kadischa, zur teilweisen Deckung des Gebarungsdefizites im Jahre 1907 X 3000. Bertha Bacher, Witwe des verstorbenen Herausgebers der „Neuen Freien Presse", Dr. Eduard Bacher, zur Verteilung au Arme X 2000. Johanna H e r z k a sür die Chewra-Kadischa zur Verteilung au Arme X 500. Prof. Dr. Ludwig S t e i n - Bern für arme Studenten X 250. Israel. BethauSverein „Chewra- Beth-Hatfilah" die daselbst tut Jahre 1907 eingelaufenen Spenden, tt. zw.: sür die Versorgungsanstalt: Jakob Hauser X 100, Heinrich M a n d l X 50, kais. Rat Ad. Schwarz X 25, zusammen X 175; für den Waisenverein: Heinrich Mandl X 50. Entnahme der Sammelbüchse im Matrikenamt für den Waisenvereiu X 107-79. Für den Baufond eines Knaben-Waiseuhauses zufolge Abmachung mit der Firma De Weerth L C o. - Elberfeld für die im vergangenen Jahre für diese Firma verkauften Sergestücke : Leopold Klein- Wien X 80, Eduard R a e d e r- Elberfeld X 20, zusammen X 100. Max N. Wechsler und seine Geschwister Fanny L ö w e n b e r g und Arthur I. Wechsler für die israel. Versorgungsanstalt X 60 und ein komplettes Bett samt Wäsche. B. Herzog für eine notleidende jüd. Familie X 20. K. k. Kommerzialrat Leopold Hutter als Kranzablösnngsspeilde für weil. Julius Frankl für das Bersorgnngshaus X 20. H. E. für Arme ohne Unterschied der Nation X 5. Leopold F r i e d l ä n d e r für das Siechenhaus X 5. — Für d i e T a l m u d - T h o r a - S ch n l e: D. C a h n - Speyer X 200, Herm. Beck durch Vizepräsidenten Dr. Kohn X 200, Moritz H a ß b e r g X 200, kais. Rat Friedr. P o l l a k X 100, Moriz P e r l e s durch Vizepräsidenten Dr. Kohn X 50, Kommerzialrat Max Schweiger X 50, S. R e i ch L C o. X 50. Den Spendern wird der Dank votiert. Derthold Auerbach und bas Judentum. (Schluß.)! Und nun wurde dem menschenfreundlichen und vaterlandsi treuen Manne die Freude am neu erstandenen, lang ersehnten Reiche durch die ganze Häßlichkeit der antisemitischen Bewegung getrübt und zuletzt fast verbittert, denn seine letzten Lebensjahre standen ganz unter diesem schmerzlichen Eindruck. Er selbst hätte seit Jahrzehnten nur einmal im Jahre 1868 Anlaß gehabt, öffentlich für seine Glaubensgenossen einzutreten: die Not und Verfolgung der rumänischen Juden erregten damals seinen Zorn derart, daß er mit Moses Montefiore selbst nach Bukarest reisen wollte. Im Uebereifer beging er dabei die Unbedachtsamkeit, einen langen Brief des Fürsten von Hohenzollern, König Karols Vater, in dem dieser auf Auerbachs Klagen mit eingehenden privaten Darlegungen geantwortet hatte, in der „Neuen Freien Presse" zu veröffentlichen, was zu diplomatischen Erörterungen in der offiziösen Presse führte: doch trug der Fürst dem von ihm hochgeschätzten Dichter die ihm bereitete Unbequemlichkeit nicht nach und wußte dessen aufrichtige Bestürzung rasch zu beruhigen. Im folgenden Jahre 1869 war es Richard Wagners Kampfschrift „Das Judentum in der Musik", die Auerbach erregte, zumal darin auf ihn, der in Dresden freundschaftlich mit Wagner verkehrt und von diesem 1860 ans Paris die Nibelungendichtung mit schmeichelhafter Widmung erhalten hatte, direkt Bezug genommen war. „Ein offenbar hoch begabter," hieß es in Wagners Schrift, „wirklich geist- und talentvoller Schriftsteller jüdischer Abkunft, welcher in das eigentümlichste deutsche Volksleben wie eingewachsen erscheint und mit dem ich längere Zeit auch über den Punkt des Judentums mannigfach verkehrte,! lernte späterhin meine Dichtungen „Der Ring des Nibelungen" und „Tristan und Isolde" kennen; er sprach sich darüber mit solch anerkennender Wärme und solch deutlichem Verständnis