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Die Wahrheit · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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dii. 8. Tie Wahrheit Leite 5. dürfe nicht durch die Philosophie, sondern müsse aus sich selbst erklärt werden, d. h. es müssen bei der Erklärung der Heil. Schrift die Sprache, in der sie geschrieben, die Zeit, wann die Bücher verfaßt morden sind, und das Land und Volk in Betracht gezogen werden. Wenn nun Maimvtiides sagt, daß jede Schriftstelle verschiedene, ja, entgegengesetze Deutungen zu lasse, und nur diese Deutung ans Wahrheit und Richtigkeit Anspruch erheben dürfe, die den Gesetzen der Vernunft nicht widerstreite (More II, 25), so findet dies Spinoza für lächerlich und nennt ein derartiges Verfahren eine „neue Kirchenautorität" (Theol. pol. Tr. c. VII.), weil er die Schrift aus sich selbst erklärt wissen will. Ans dem Aufsätze des Herrn Dr. Albert Wagner ist nicht ersichtlich, welchen Standpunkt er einnimmt, ob den des Maimonides oder den Spinozas. Ist ersteres der Fall, dann dürfte er, der ein Jünger Maimonides sein wolle, den Theologen die Vernutlst nicht verbieten, da der große jüdische Denker sich ihrer bedient hat. Teilt aber Herr Dr. Wagner die Ansicht Spinozas, den er gegen die vernunftgemäße Forschung in der Theologie ins Tressen führt, so befindet er sich erst recht aus dem Holzwege, wenn er daraus deduziert, daß der Theologe die Vernunft nicht anwenden darf. Nachdem Herr Dr. Wagner sein Verbot: mit der Fackel der Vernunft zu theologisieren, mit mehreren rabbinischen Zitaten anfgeputzt hat, so sei es auch mir gestattet, mich eines hebräischen Zitates zu bedienen. Ein Vorgänger des großen jüdischen Denkers Maimonides sagt: ansn n» bcwn, womit doch klar und unzweideutig gesagt wird, daß es sogar Pflicht eines Menschen ist, sich seines kostbarsten geistigen Gutes, nämlich der Vernunft, zu bedienen, wovon die Theologie nicht auszuschließen ist. Diese Lehre hat nicht der freisinnige Forscher, der Verfasser der „Urschrift", Abraham Geiger (Gott behüte!), gekündet, sondern Jehnda Halevi, der angeblich nicht nur theoretisch, sondern auch in der Praxis konservativ gewesen sein soll. Die Zeit ist, Gott sei Dank, vorüber, in welcher man einen Syllabus oder eine Enzyklika von jüdischer Seite mit tvarmem Feuereifer und mit glühender Begeisterung entgegengenommen hat. Rabbiner Dr. Kaufmann, Birovitica. Ans dem Leben zweier indischer Skeptiker des 17. Jahrhunderts. Von Dr. Unbefangen. Uriel da Costa, oder wie fein christlicher Name lautete, Gabriel da Costa, wurde ungefähr 1590 in Portugal von christlichen Eltern, die einer Marannenfamilie entstammten, geboren. Er genoß frühzeitig im Hause der Eltern, die sehr fromme Katholiken waren, eine streng religiöse Erziehung, studierte mit heißem Bemühen juridische lmb theologische Wissenschaften und erhielt in seinem 25. Lebensjahre in seiner Vaterstadt das wichtige Amt eines Schatzmeisters an der Kirche. Allein durch fleißiges Bibellesen wurde in ihm der Wunsch rege, zum Glauben der Väter, d. h. der Großväter, die noch Inden waren, zurückzukehren. Er resignierte aus ein kirchliches Amt, verkaufte sein schönes, von seinem bereits verstorbenen Vater ererbtes Hans und flüchtete sich heimlich mit seiner Mutter und seinen Brüdern, die er ebenfalls zum Uebertritte znm Judeumme anregte, nach Amsterdam, wo sie öffentlich in den Verband des Judentums ausgenommen wurden. Hier sah sich jedoch Uriel da Costa bald in seinen Erwartungen getäuscht. Das rabbinische Judentum mit seinen unzähligen Zeremonien, Observanzen und Bräuchen war durchaus nicht danach angetan, seinem Geschmacke und seinen Jllnsionell zu entsprechen. Er leugnete die Tradition, wollte außer der Bibel keine. Autorität auf religiösem Gebiete anerkennen und setzte sich öffentlich über wichtige religiöse Bräuche hinweg, wodurch er den Zorn der Amsterdamer frommen Juden im höchsten Maße erregte. Die Rabbiner drohten ihm, ihti mit dem Banne zu belegen, so er nicht vvti seinem, öffentliches Aergernis erregenden, irreligiösen Lebenswandel Massen sollte. Hiedurch wurde aber Da Costa noch mehr erbittert und fuhr fort, die wichtigsten religiösen Satzungen öffentlich zu verletzen. Infolgedessen wurde er vom Rabbinate in den Bann getan. Alles in der Gemeinde entfernte sich von ihm, um mit dem Ketzer nicht > verkehren zu müssen, selbst seine nächsten Verwandten, die mit Liebe und Eifer die religiösen Vorschriften beobachteten, mieden seine Gesellschaft und so stand er einsam und verlassen da in seiner neuen Heimat. In dieser traurigen Situation arbeitete er. um sich an seinen Verfolgern rächen zu können, eine Schrift aus. in der er die Behauptung ansstellte, daß das Judentum die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele nicht kenne. Allein der Arzt Samuel da Silva, der wohl bald von Da Coüas Vorhaben Kenntnis erhielt, kam ihm zuvor mit einer Schrift: .Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele," in der er die Unwissenheit eines gewissen Ketzers schonungslos tadelte. Durch diese „Abhaudlitng" noch mehr erbittert, beeilte sich Da Costa, seine ketzerische Schrift nebst einer Entgegnung gegen den Arzt Da Silva der Oeffenrlichkeit zu übergeben. Als diese Schmähschrift erschien, sah sich der fromme Amsterdamer Gemeindevorstand veranlaßt, Da Costa beim Magistrat anzuklagen — oder richtiger zu denunzieren —! daß er durch das Verleugnen der Unsterblichkeit der Seele nickt! bloß das Judentum, sondern auch das Christentum (!> öffentlich i verletzt und ketzerische Lehren in der Welt verbreite: habe. Jn-! svlgedessen wurde Da Costa verhaftet, mußte mehrere Tage im : Kerker schmachten und wurde endlich zu einer Geldstrafe von 300 Gulden verurteilt. i Ungefähr fünfzehn Jahre laug lebte er im Banne, allein i diese traurige Lage wurde ihm endlich doch unerträglich, daher i entschloß er sich, ans Anregung seines Neffen, mit der Gemeinde i zu versöhnen und seine Reue, tvenigstens mit den Lippen, j öffentlich zu bekunden. Jedoch bald nachdem er sein Sündenj geständnis abgelegt hatte, erfuhr man, daß er, nach wie vor. im : Geheimen die Religionsgesetze entweihe und verletze. Er wurde! aufs neue in den Bann getan und von der Gesellschaft ausgeschlossen. In dieser snrchtbaren Situation, die sein Gemüt ganz , verdüsterte, lebte er sieben Jahre. Länger aber konnte er die; Qualen des Bannes denn doch nicht mehr ertragen, daher faßte er den Entschluß, sich den Anordnungen des Rabbinares mit I aller Unterwürfigkeit zu fügen. Er wurde aus Befehl der Rab-; binates in die Synagoge geführt, wo er öffentlich, in Gegen- : wart zahlreicher Männer und Frauen, seine ketzerischen Ansichten i widerrufen und die demütigste Geißelung an sich vollziehen lassen! mußte. Dieser schauerliche Akt der öffentlichen Demütlgnng, wie : überhaupt das ganze inquisitorische Vorgehen des Amsterdamer! Rabbinates und Gemeindevorstandes wirkte geradezu nieder- I schmetternd aus sein krankes Gemüt und in seinem unbegrenzten j Hasse sann er ans Rache. Er schrieb nämlich in seinem erregten! Zustande seine Leidensgeschichte, in der er Juden und Judentum j in schmählichster Weise herabwürdigte, verdächtigte und ver- 1 unglimpste. Dieselbe hatte den Titel: „Ein Beispiel des mensch- . liehen Lebens." Nachdem er diese Schmähschrift (April 1640)! vollendet hatte, nahm er sich durch einen Pistolenschuß das Leben, i Wäre der Mann ein gründlicher Kenner der Bibel und des jüdischen Schrifttums gewesen, so hätte er es wahrlich nicht | gewagt zu behaupten, daß das Judentum die Lehre vou der! Unsterblichkeit der Seele nicht kenne, denn er hätte nicht bloß : ans der Thora, sondern auch aus den Propheten, besonders ans den Psalmen re. ersehen müssen, daß das Judentum früher tioch als die anderen Religionen, die Unsterblichkeit der Seele gekannt. Man vergleiche nur Psal. 16. 9—11, ferner 49, 6 und 116, 6—9. Ebenso Hiob 19, 25—27. Spruch. Sal. 15, 24. Kohelet 12, 7.) Auch aus mehreren im Talmud (Mved kai. 9, 2, Aboth 4. 21. Berach. 17 re.) hätte er sich überzeugen können, daß ein Laie nicht berechtigt sei, in religiö'en Angelegenheiten, die ihm ein terra. inoo§rrito seien, das große Wort zit führen. Nur der Mangel an gründlicher Kenntnis der Religion hatte ihn znm Skeptiker gemacht, wodurch er aus Abwege geriet, die ihn seinem Untergänge entgegensührten. Fortsetzung folgt.) Aus der Wiener Kullnsgemeinde. (Oeffentliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 16. Februar 1908. unter dem Vorsitze des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Z t e r n. Nach Verlesung der an anderer Stelle veröffentlichten Spendenliste werden im Einlauf bekanntgegeben: Zuschriften der

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