Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063426--05308-3072220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 8 sein wird? . . . Mit solchen Bedingungen heute schon rechnen und um deswillen die dringliche Ordnung der Versorgungsverhältnisse unserer Gemeindebeamten ans unabsehbare Zeit hinansschieben, daß hieße doch dem Ernst der Sache dabei nicht gerecht werden — abgesehen davon, daß die zu erwartende staatliche Einrichtung, wie schon bemeAt, den Wünschen und Zwecken einer Versorgung für unsere jüdischen Gemeindebeamten nur ganz unvollkommen wird genügen können. Die staatliche Versorgung wird auch nicht billiger sein, wie diejenige, die wir uns ans eigenen Mitteln schaffen können,*) und der Zwang zum Beitritt, der dort vorwalten soll, wird dann auch unsere Kasse indirekt zu Gute kommen. Die Gemeinden werden dann nicht mehr vor die Frage gestellt sein: Willst Dil oder willst Du nicht?, sondern nur noch: Wählst Du die eigens für die jüdischen Gemeindebeamten mit den Zielen und Leistungen der staatlichen Versorgung eingerichtete Pensionskasse oder die allgemeine staatliche Kasse für alle Privatbeamle? An uns nur wird es liegen, unsere eigene Versorgungsinstitution so zu gestalten, sie mit so vielen sozialen und materiellen Vorteilen für die jüdischen Beamten und die jüdischen Gemeinden ansznstatten, daß eine Gemeinde gar nicht im Zweiset sein kann, wo sie ihrer Versorgnngspflicht gegen ihren Beamten am besten zu genügen vermag. Es wird für die einzelnen Gemeinden am Ende auch eine Ehrensache sein, um der Gesamtinteressen willen, die wir bei solcher eigenen Kasse besonders zu berücksichtigen und zu fördern vermöge!!, sich unserem gemeinsamen Unternehmen, anzuschließen bei dem sie sonst Alles finden, was ihnen die allgemeine staatliche Pensionseinrichtung zu bieten vermag. Es dürste sich nun fragen, ob sich gegenwärtig schon für eine solche gemeinsame Pensionskasse für jüdische Gemeindebeamte, die bei ihren anznnehmenden hohen Leistungen naturgemäß auch entsprechend hohe Beiträge fordern muß. eine genügende Zahl von Gemeinden finden dürste, die das Unternehmen im ganzen verlohnend und versicherungstechnisch in gesicherter Form durchführbar zu machen vermögen? Uns scheint dies nicht zweifelhaft. Wer den Bewegungen, die aus diesem Gebiete in den Kreisen unserer jüdischen Gemeinden in neuerer Zeit sich bemerkbar machten, gefolgt ist, wird wohl beobachtet haben, daß sich aller Orten jetzt ein Suchen nach einer bequemen aber zugleich gesicherten befriedigenden Art der Versorgung unserer Gemeindebeamten offenbart. Unsere Gemeinden finden nicht das Geeignete für ihre Zwecke, darum bleibt viele gute Absicht bei ihnen heute unerfüllt, und darum gehen manche in ihrem Streben dabei so leicht irre. Daß auch Gemeinde!!, die au sich nicht die Absicht hatten, nach dieser Seite hin etwas Wesentliches für ihre Beamten zu tun, durch Einwirkung von Außen dazu gebracht werden können, zeigt das Beispiel in Westfalen und Ostpreußen, wo die G e m e i n d e - V e r d ä u d e die Sache in die Hand genommen und einen großen Teil ihrer Gemeinden zu hohen Leistungen rür die Versorgungssicherung ihrer Beamten veranlaßt haben. Zn Westfalen sind es 20 (große und kleine) Gemeinden, die für ihre 42 Beamten bis 9 Prozent der Gehälter an Versicherungs- Beitrag zahlen, und in Ostpreußen gehören fast sämtliche Gemeinden (41 von 45 in Betracht kommenden) zu der vom Verband und der dortigen Lehrerschaft begründeten Pensionskasse, die bei wesentlich höheren Leistungen, wie unsere sonstigen Vereins-Pensionskassen von den Gemeinden bis 130 Mark p. a. pro Beamten und von diesen selbst bis 70 Mk. Jahresbeitrag fordert. Was aber in Westfalen und Ostpreußen möglich gewesen, muß auch anderwärts zu erreichen sein, wenn die dafür am ersten berufenen und ihrer Natur nach auch am besten dafür geeigneten provinzialen S y n a g o g e n - V e r b ä n d e sich der Aufgabe mit Eifer und Entschiedenheit annehmen, und es ist gewiß nicht daran zu zweiseln, daß die Synagogen-Vervände überall den guten Willen und das ernste Streben dasür zeigen werden, wenn nur erst die allgemeine Pensions-Anstalt *) Dr. Heinz Potthvff, einer der Führer der Bewegung für eine üaatliche Bersicherung der Privatbeamten sagt: „In den Kreisen der Bereilrgten herrschen noch vielfach ganz unklare, allzu optimistische Vorstellungen, denen entgegengetrcten werden muß. Auch eine staatliche Zwangsversicherung hat nichts zu verschenken, sie leistet nichts weiter als die Verkeilung des Risikos und die Unterstützung durch die Arbeitgeber." geschaffen oder in Frage gestellt ist, die sich für unsere Gemeinden zur Versorgungssicherung ihrer Beamten besonders empfiehlt. (Fortsetzung folgt.) „Gehört Spinoza zmn Judentum?" Anläßlich zweier Vorträge, die ich im jüdisch-nationalen Literatnrverein „Zerubabel" und in der kroatisch-israelitischen Literatnrgesellschafl in Agram über Baruch Spinoza hielt, wurde ich ans den Spinoza-Artikel Ihres geschützten Blattes „Die Wahrheit" vom 17. Jänner 1908 aufmerksam gemacht. Wenn ich auch keine Absicht habe, zu den im betreffenden Aufsatz aufgestellten Behauptungen Stellung zu nehmen, zumal die ..Nationalzeitung", gegen die der genannte Aufsatz polemisiert, mir nicht vorliegt, so kann ich dennoch einen Satz, mit welchem Herr Dr. Wagner seine Anschauung vertritt, nicht unwidersprochen lassen. Herr Dr. Wagner sagt: „Voraussetznngslose Kritik kann und soll man in allen prvsanen Wissenschaften und auch in der Philosophie treiben, nicht aber in der von dieser so verschieden gearteten Theologie," Um dieser seiner gewissermaßen wie ein Befehl lautenden Anschauung mehr Nachdruck zu verleihen, bekräftigt er sie mit der dahingehenden spinozistischen Lehrmeinung, daß die Theologie frei von philosophischen Spekulationen, die Philosophie hingegen ohne Dogmen sein müsse. Ohne behaupten zu wollen, daß Herr Dr. Wagner den theologisch-politischen Traktat entweder mißverstanden oder nicht mit der nötigen Ansmerksamkeit gelesen habe, stimmt der Hinweis Dr. Wagners auf Spinoza ganz und gar nicht. Ist es doch in fast allen jüdisch gebildetsten Kreisen bekannt, daß Spinozas eindringliche Lehre, Vernunft und Religion seien zwei getrennte Gebiete, die nichts miteinander gemein haben, indem die Vernunft das Forschen erfordere, während es die Aufgabe der Religion sei, — auffallenderweise werden im theologisch-politischen Traktat die Begriffe Religion und Theologie in ein und demselben Sinne gebraucht — die Menschen zu Tugend und Gehorsam zu erziehen, gegen Maimouides gerichtet ist, den der sonst leidenschaftslose Philosoph leidenschaftlich bekämpft. Etwa diesem ganz ähnlich lehrt der Spinoza ganz unähnliche Prediger der Theorie des Uebermenschen, Friedrich Nietzsche, der sagt: „Willst du Wahrheit, so forsche, willst du Ruhe und Seligkeit, so glaube!" Keineswegs war es die Absicht Spinozas, mit seiner Lehre die Theologen darauf hinzuweisen, daß sie bei ihrem Fachstudium die Verminst in die Hosentasche stecken sollen, um als völlige D'-nen bas Studium der Theologie zu betreiben. Wie bereits erwähnt, wendet sich Spinoza in seinem theologisch-politischen Traktat, gar oft sogar mit beißendem Sarkasmus und verletzender Ironie, gegen die jüdischen Religionsphilosophen und Bibelinterpreten, wobei er merkwürdigerweise gegen Abraham Jbn Esra den Vorwurf erhebt, daß er kein Hebräisch (!) versteht. Besonders scharf hat er es auf Maimonides abgesehen. Die Waffen hiezn hat er sich allerdings aus der Rüstkammer des von ihm verlachten Jbn Esra geholt, so daß auf den sonst erhabenen Denker das Wort angewendet werden darf: Er hat die Quelle getrübt, aus der er geschöpft. Die scholastische Anslegungs- und Erklärnngsmethode der heiligen Schrift war Spinoza ein Dorn im Auge, wiewohl er sie bei der Erklärung einiger Stellen des Neuen Testamentes selbst anwendet. Nun besteht diese Methode darin, daß entweder die Schrift der Vernunft oder umgekehrt die Vernunft der Schrift augepaßt wird (Maimonides, Alphachar). In dem einen Falle ist die Theologie die Dienstmagd der Philosophie, im anderen Falle ist die Philosophie die Schleppträgerin der Theologie, ein Vorwurf, der auch Kant gemacht wurde, der aber dem Ruhme des Königsberger Philosophen so wenig schadete, so wenig dieser Denker sich geschmeichelt gefühlt haben mochte, als ihn ein Wiener klerikales Blatt gelegentlich mit dem hohen Titel „Esel" ausgezeichnet hatte. Da nun die jüdischen Religionsphilosophen von der Anschauung ausgeheu, daß Glaube und Wissen, Vernunft und Religion keine gegenseitig sich ausschließenden Begriffe seien, sondern im Gegenteil, sie seien miteinander vereinbar und sogar j eng verbunden, so tritt ihnen Baruch Spinoza entgegen und behauptet, die Schrift, das heißt die Heilige Schrift, könne und