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Die Wahrheit · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seue 8. Die Wahrheit Nr. 7. begangen. Wie, wenn ich nun befürchtete, mein Stück nicht so eigentlich verfaßt, als vielmehr verbrochen zu haben, und einer kühlen Aufnahme desselben auf solche Weife Vorbeugen wollte? Wie, wenn ich befürchtete, man könne mir vorwerfen, daß ich es gewagt, „auf eine unvollendete antike Statue, auf einen von Meisterhand gemeißelten Torso einen stümperhaften gothischen Kopf zu setzen?" (Lessing.) In der letzten Nummer von „Ueber Land und Meer" leistet sich Otto Weiß folgenden witzigen Aphorismus: Es gibt manches Theaterstück, das um einen Akt zuviel hat — sogar manchen Einakter. Die zwei Grillparzerscheu Akte, haben trotz ihres fragmentarischen Charakters hingereicht, ihrem Autor allgemeine Anerkennung einzutrageu und wurden auch aufaeführt. Da könnten denn manchem meine drei Akte, leicht um drei Akte zuviel erscheinen. Zu meiner Rechtfertigung für diesen Fall so viel: In epischer und lyrischer Form haben schon viele jüdische Dichter jüdische Themen behandelt; das hervorragendste Werk ist wohl Heines „Rabbi von Bacharach". Ein spezifisch jüdisches Drama ist noch von keinem namhaften jüdischen Literalen geschaffen worden.*) Ich negligiere hier absichtlich Herzls „Das Ghetto", Mosenthals „Deborah" und andere ähnliche Stücke, die ja nur Genrebilder darstellen. Woran das liegen mag, daß jüdische Begabungen die Bretler, die die Welt bedeuten, nicht zu betreten wagten mit Stoffen, welche dem jüdischen Heroeni zeitalter entnommen? Vielleicht war's die Filrcht, in Lächerlichkeit zu verfallen, wenn man sein Volk glorifiziere, das auch ohnehin von Vorurteilen und Spott zu leiden hat. Faktum ist, daß es drei Arier waren, die ihre Vorwürfe der Heroenzeit der jüdischen Geschichte entnahmen. Allen voran Otto Ludwig mit seinen „Makkabäern", Hebbel in seiner „Judith" und eben Grillparzer. So viel Courage hätten die zahlreichen jüdischen Dramatiker nun schon ausbringen können, den Weg, den Grillparzer betreten, aber nicht zu Eude gegangen, vollständig zurückzulegen. So Hab ich's denn mit vielleicht unzulänglicheil Kräften gewagt. Sollten die Kritikaster und Schriftsteller jüdischer Abstammung jetzt mit ihrem krucifige über mein Werk herfalleit — an soviel Mut wird es ihnen nicht gebrechen — so wohlan! sie mögen ein besseres ichaffen und ich würde mich selbstlos darüber freuen. Das Grillparzersche Fragment hält sich nicht streng au die Schilderung des Buches Esther. Aber man kann mit keinem Dichter darüber rechten. Er entnimmt dem Stoffe soviel, als ihm für seine Zwecke gut dünkt; die Freiheit, seine schöpferische Phantasie als ureigene Domäne anznsehen, kann ihm nicht geraubt werden. Lessiug sagt in seiner „Hamburgischen Dramaturgie", daß die Begebenheiten einer historischen Handlung beliebig verändert werden können, Eines müsse jedoch unverrückt bleiben: der Charakter einer historischen Person. Unwesentliche Züge abgerechnet, hat Grillparzer auch dieses Gebot nicht verletzt. Daß ich an seine — übrigens treffliche — Exposition gebunden war, ist selbstverständlich. Daran liegt es, daß ich Haman, den typischen und sprichwörtlichen Judenfeind, nur in Ungnade fallen und nicht, wie in der Megilla, aufhängen lassen konnte. Bei Grillparzer geht eben von Haman die Idee aus, die schönsten Mädchen des Landes für den königlichen Harem ausheben zu lassen. Es widerspricht jeder feineren Empfindung, daß Esther ihren Einffuß dazu benützt hätte, den Urheber ihres Glückes zu vernichten, auch wenn zu diesem nur Haman unbewußt und ungewollt beigetragen. Ich habe es auch nicht für nötig gehalten, in Hamans Gemütsbeschaffenheit, die freilich auch schon von Grillparzer angedeutet Vorgelegen, das Bösartige und Tückische besonders hervorzuheben. Das Tragische, das im Judenhaß die Jahrtausende durchzieht, liegt wahrlich nicht darin, daß wir es mit großangelegten Feinden zu tun hatten. Je gemeiner, kleiner und kleinlicher die Widersacher waren, um so gefährlicher haben sie gewirkt. Doch nun zur Jnhaltsskizzierung des Fragments! Im ersten Akt ist der König schon Strohwitwer, Königin Vasthi, die sich seinem Befehl, beim Feste zu erscheinen, wider- *) Der geschätzte Autor scheint die Werke der juugjüdischeu Litteratur ignoriert zu haben. cAnm. d. Red.) setzt hat, nicht mehr da. Der König ist in verdrießlichster Stimmung; er empfindet wohl auch Aerger über Haman, „nach dessen Rat der König meist gehandelt". Haman verfällt nun darauf, den König zu vermahlen, hat aber seine Frau Zares, deren Bruder Theres, den Mundschenk Bightan, den Mohren Hiram gegen sich, welch letzterer im Verein mit den Genannten bemüht ist, die Rückberufnng Vasthis herbeizuführen. Der Akt schließt mit einer großartigen Szene, einem Dialog zwischen Mardocbai und Esther, die des ersteren erhaben religiöse Gesinnung und heroische Weltanschauung und Esthers edle Weiblichkeit ins hellste Licht setzt. Der zur Mädchenauswahl designierte Hauptmann erscheint, ist von Esthers Schönheit geblendet undfordert sie ans, ihm zu folgen. Esther ist erschrocken und macht dem Hauptmann Andeutungen über ihre Abstammung, die abev bei ihm nicht verfangen, und die Mardochai knrzweg auch abschneidet, in der Hoffnung, daß Esther das traurige Geschick der Juden zu wenden imstande sein werde, wenn sie bei Hose Einfluß erlangt haben wird. Bei Beginn des zweiten Aktes ist der König über Hamans Veranstaltung empört, was treffend dadurch charakterisiert wird, daß drei Räte auf seine Fragen keine Antwort haben und sich brüsk von ihm abweuden. Der König hat das ganze Mädcheni Volk fortgeschickt, da erblickt er Esther und der nun folgende Dialog zwischen beiden gehört zu den Perlen der Weltliteratur. Es ist kaum möglich, auzndenten, wie Grillparzer mit wenigen Strichen das herrlichste Seelengemälde Esthers entwirft. In wenigen kurzen Sätzen verrät sie so viel Seelenadel und vornehme Gesinnung, daß man es nur natürlich findet, daß sie der König bestürmt, die Seine 'zu werden. Nach ziemlichem Widerstand stimmt sie endlich zu. Der König verleiht dem überglücklichen Haman seinen Siegelring als Zeichen seiner Gnade, obgleich er hinzufügt: „Der Zufall führe oft des Unverstandes- Sache." Gleich darauf erfolgt die der Bibel nachgebildete Szene, in welcher Mardochai dem Haman die Ehrenbezeugung verweigert und in welcher die Feindschaft Hamans gegen das Judentum ausgelöst wird und ihren Anfang nimmt. Mardochai wartet nämlich im Tore der Burg auf Esther, ist des Glaubens, sie werde gleich den Uebrigen fortgeschickt werden; dort wird er zufällig Zeuge des Gespräches zwischen Hiram und dem Pförtner, Der Pförtner wird von jenem zu Theres, dem ersten Mundschenk geschickt; er geht nur gezwungen, weil Hiram für ihn Gravierendes weiß und ersucht Mardochai, ihn für eine kurze Weile im Amte zu vertreten. So errät Mardochai, daß Theres, der Schwager Hamans, einen Anschlag auf den König plant. Uebrigens kann jenen Lesern, die Grillparzers Meisterwerk nicht kennen, nicht warm genug empfohlen werden, sich dieses um den geringen Preis von 24 Heller anzuschaffen, sei es nun in der Hesseschen oder Reklamschen Ausgabe. Zum Schluffe mache ich meine Leser noch darauf auf- - merksam, daß die Gestalt des Oberpriesters der Magier selbstständig von mir hinzugefügt wurde. Auch möchte ich noch aus die mannigfachen Beziehungen hingewiesen haben, die zwischen der damaligen Verfolgung und dem russischen Pogrom der Gegenwart bestehen, aus manche überraschende Aehnlichkeiten, abev noch mehr auf bedeutsame Verschiedenheiten, die nicht freie Erfindung, sondern getreue Nacherzählung der Megilla sind. 8. Vineta. IS»«»? Fischt. Am 26. Jänner 1908 fand am Marienbader israelitischen Friedhofe die feierliche Beisetzung der irdischen Ueberreste des in Wien verstorbenen Herrn Ignaz F i s ch l statt. Herr Ignaz Fisch! war früher Inhaber der Firma Jac. Fischl Sohn und Besitzer des Kurhauses „Falke" in Marienbad. Kaum sind einige Wochen verstrichen, seitdem die Marienbader israelitische Kultnsgemeinde den Tod eines ihrer hervorragendsten Mitglieder und vieljährigen Vorstehers Herrn M. U. Dr. Moriz Lang zu beklagen hatte, und schon hat der unerbittliche Tod eine neue

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