Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wahrheil Seite 7. Nr. 7. Dagegen war bisher Auerbachs von Bettelheim jetzt erstmals veröffentlichter Dankbrief an Freiligrath, aus dem besonders die folgenden Sätze hervorgehoben zu werden verdienen: „Ich muß Dir auch noch sagen, daß es mir besondere Freude macht, daß es mir, einem Juden, gelungen ist, etwas aus dein Innersten des deutschen Volksgeistes zu osfenbareu. Du weißt, lieber Freund, was ich vom Judentum halte, aber jede innere und äußere Gehässigkeit gegen die Juden tut mir in tiefster Seele weh. Es ist mir daher besonders lieb, Dir sag' ich es frei, daß die Gehässigkeit die Juden nicht mehr so leicht Fremde heißen kann. Ich glaube, i ch b i u ein Deutscher, ich glaube, e s b e w i e s e n z u h a b e ii, wer mich e i n e n Fremden heißt, mordet mich z e h n f a ch.*,, Ich komme oft ans dieses Thema, aber Du weißt nicht, l. Freiligrath. was ein Jndenkmd ans der Welt zu dulden hat; auch ich Hab' viel, viel geduldet, und gottlob, die reine Menschenliebe hat den Sieg davongetragen und soll ihn behalten. Ich habe hier einen kleinen Vetter, der ins Lyzeum geht. Die Knaben haben dort als Berstandesübungen Sätze aus dem Kops an die Tafel zu schreiben, da geht ein dreizehnjähriger Junge heraus und schreibt: Die Inden betrügen alle anderen Menschen. Der Lehrer sagte gar nichts darauf. Die zitternde Stimme und die Träueu. mit denen mein kleiner Vetter das erzählte, das schnitt mir tief durch die Seele. O, es ist schrecklich, in ein jugendliches Herz den Haß und die Zwietracht zu säen. — In meinem Innersten sagte mir eine Stimme: Nie mehr will ich mich durch die Häßlichkeiten der Juden von ihrem Schmerze trennen lassen, und was ich vermag und tue, möge auch ihnen zugute kommen. Hier, in diesem Schaud-Karlsruhe wäre ich nie zu -jener Fciedensstimmung gekommen, die mich mein Herz für mein deutsches Vaterland offenbaren ließ. Wie ich in meinem ganzen Leben eine Vorsehung erkenne, so sehe ich sie auch besonders darin, daß ich nach Mainz .zu edlen echten Menschen, die geborene Christen sind, kam,**) dort war mir's wohl und frei, und ich konnte eiueu Klang aus mir rein und ungetrübt erklingen lassen. Jetzt, glaube ich, werde ich stets frei bleiben, keine Bitterkeit will ich in mir aufkommen lassen. Ich weiß es, wenn ich hiuaustrete unter die Bauern, eine Seele voll Wohlwollen aus den Lippen, das einzige Wort Jud! würde sie von mir verscheuchen. Immer war es aber so, daß die Liebe nicht erkannt und gekreuzigt wurde, ich habe doppeltes .zu besiegen, ich will mir die Kraft dazu beivahren, und meine Freunde werden mir dazu helfen. . . . Ich' will fortan auch für das sogenannte niedrige Volk schreiben, unmittelbar für die Bauern; es fehlt ihnen ein Mann, der ihren Herzen Lust macht, bei unserer sonst so reichen Literatur hat man das eigentliche sogenannte Volk den Pietisten und anderen dergleichen überlassen, ich will einmal sehen, was ich vermag, ich will die Religion, dieses Grundweseu des deutschen Volkes, nach Kräften in ihr markiges Recht einsetzen. Ans die sogenannten Liberalen ist dabei nicht zu rechnen, die haben's stets bloß ans unmittelbare Zwecke, aus Wahlen, Opposition und dergleichen abgesehen, gar viele wollen nur einen Wechsel der regierenden Personen, von Veredelung und Selbständigkeit, von wahrer Freiheit des Menschen wollen sie nichts." Der Erfolg der Dorfgeschichten, die bis heute mehr als 100 Auflagen erleben dursten, ist bekannt. „Sie erschienen," sagt Gustav Freytag in seinen Erinnerungen, „als eine Erlösung von der öden Salonliteratur, die französischen Vorbildern nacheiferte, sie brachten Schilderungen aus dem deutschen Volksleben zu Ehren, Charaktere und Sitten, die auf unserem Boden gewachsen waren." III. Mit dem Erscheinen der Schwarzwälder Dorfgeschichten war Auerbach ein gefeierter Schriftsteller geworden und hatte in der Tat nun, wie er es sich in seinem Briefe an Freiligrath wornahm, keinen Anlaß mehr, Bitterkeit in sich aufkommen zu lassen. Ueberall wohin er kam — und er war viel unterwegs — wurde er mit Herzlichkeit, Wärme, vielfach mit Begeisterung anfgenommen, und zum mindesten für seine Person durfte er das Odium der jüdischen Abkunft ein für allemal aufgehoben glauben. Die nächsten Jahrzehnte seines Lebens, die Blütezeit seines Schaffens und Wirkens, können deshalb hier kurz abgetan werden. Nach seiner ersten überglücklichen, aber bei der Geburt des ersten Söhnchens durch den Tod zerrissenen Ehe mit Auguste Schreiber aus Breslau — Abraham Geiger hatte das Paar getraut, Gustav Freytag war Auerbachs Trauzeuge gewesen — schloß er einen zweiten Lebensbund mit Nina Landesmann, einer Schwester Hieronymus Lorms, und ließ sich 1849 für ein Jahrzehnt in Dresden nieder, dann in Berlin, das von da an sein eigentlicher Wohnsitz blieb. Trotz seiner Erfolge blieben ihm namentlich in der Dresdener Zeit auch jetzt noch materielle *) Im Original nicht gesperrt. D. Red. **) Es ist speziell die Familie des Dr. Strecker gemeint, in der Auerbach damals viel und freundschaftlich verkehrte und wo er auch seine ersten Dorfgeschichten vorlas. Eine Tochter des Hauses wurde die Gattin Moleschotts, eine Enkelin ist die Gattin des bekannten Literarhistorikers Prof. Ernst Schmidt. Lebenssorgen nicht erspart, da ihm noch immer die Unterstützungspflicht für die Seinen in Nordstetten oblag, und manche seelische Trübung der zweiten Ehe drückte zeitweise auf seine Gemütsverfassung, in der die angeborene Heiterkeit, der unverwüstliche Kindersinn und das goldene Herz des echten Sanguinikers doch schließlich immer wieder den Sieg behielt. Neben den literarischen Ehren, die ihm znfielen, verschönten unzählige Freundschaften und Beziehungen zu den besten Männern seiner Zeit den Lebensweg des Dichters, dessen mitteilungsfrohe, gesellige, freundschaftsbedürftige Natur ihm leicht die Sympathie erwarb, die er als Lebeuselement gebrauchte. Nicht zllletzt waren es eine Anzahl deutscher Fürsten und Fürstinnen, deren Zuneigung Auerbach erwarb, ohne sie gesucht zu haben: der Prinz und die Prinzessin von Preußen (das nachmalige Kaiserpaar), der Kronprinz und die Kronprinzessin, der kumtsinnrge Großherzog Karl Alexander von Weimar, Herzog Ernst von Kobnrg, Gustav Freytags Freund und Gönner, die Königin von Württemberg und ganz besonders, wie man weiß, der jüngst verstorbene Großherzog Friedrich von Baden und seine für alles Schöne levhaft interessierte Gemahlin. Solche Ehrungen von hoher Seite taten Auerbach wohl, ohne ihn im geringsten je zum Streber werden zu lassen, doppelt wohl, weil er die Auszeichnung als Angehöriger eines lang unterdrückten und rechtlos gewesenen Volksteiles doppelt empfand. Wohl durfte er glauben, durch seine Lebensführung, sein Schaffen, seine Persönlichkeit und den ganzen reichen Schatz an Liebe und Freundschaft, den er eingesammelt hatte, den Beweis und das lebendige Beispiel dafür gegeben zu haben, daß man gleichzeitig ein guter Jude und ein von Herzen national empsindender Deutscher sein könne. Um so mehr mnßte den Alternden die Wahrnehmung erregen, daß eine neue Saat des Hasses gegen seine Glaubensgenossen im Aufkeimen begriffen sei. Die Gründung des Deutschen Reiches hatte keiner mit größerem Herzensjubel begrüßt als Anerbach, der schon im frühesten Vormärz die richtige Erkenntnis von Preußens führender Mission gewonnen und stets überzeugungstren vertreten hatte. Wie der Kronprinz Gustav Freytag, so berief ihn der Großherzog von Baden während des Feldzuges ins Hauptquartier, von wo er eine Anzahl Briefe au die Augsburger „Allgemeine Zeitung" schrieb. Doch hielt es ihn nur wenige Wochen im Felde, dann trat er die Heimreise an, mit der echt Auerbackch'chen humoristischen Begründung einem befreundeten Karlsruher Redakteur gegenüber: „Wisset Se, i baß ebe net doher, so a kleiner Jud onder dene mächtig große Offizier, ond geschtern . . . geschtern Abends bin i mit 'em Großherzog ^nausgffahra ond do heut se en Dode an mer vorbeitrage, ond des kann i amol net verbutza." i Fortsetzung folgt.) SeU»stan;eige. „Esther", dramatisches Fragment in zwei Aufzügen von Franz Grillparzer' Um drei Akte vervollständigt von S. Bineta. „Selbstanzeige"! Diese Bezeichnung rührt von Harden, dem Herausgeber der „Zukunft" her, der jetzt in aller Welt Munde ist. Daß ein Autor sich über sein eigen Werk — es sei nun in Bescheidenheit, oder in Ruhmredigkeit — ergehe, gleichsam als dessen eigener Impresario auftrete, war bis dahin unbekannt. Es wäre überflüssig über den mehr als fragwürdigen Wert dieser Hardenschen Neuerung ein Langes und Breites abzuhandeln. Der Urheber eines Werkes soll hinter diesem zurücktreten und es selber wirken lassen. „Es soll das Werk den Meister loben." Warum ich nun selbst dies Vorgehen adoptiere? Dies findet in der Eigentümlichkeit der hier obwaltenden Verhältnisse seine Begründung. Meine oben angekündigte Arbeit wird demnächst in diesen Blättern fortsetznngsweise erscheinen und da ist es zunächst notwendig, den Lesern eine, wenn auch nur skizzenhafte Inhalts- Wiedergabe des Grillparzerschen Bruchstückes zu bieten. Daß ich diesen Anlaß benütze, auch von mir selbst und meinem Opus zu sprechen, wolle man daher nicht abfällig beurteilen. Will man es trotzdem tun, so bedenke man, daß ..Selbstanzeige" einen, von Harden und seinen sich ankündenden Literaten, ' wahrscheinlich nicht beachteten Doppelsinn in sich schließt. Viele t zeigen sich ttämlich dem Gerichte selbst an, wenn sie eine Untat