Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063425--05296-3072207
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nl. 7. Dte Wahrhell Seite 5. Betrachten wir nun das Weltall als eine Kraftäußerung, so. haben wir diese Kraftäußerung ans ein Kraftzentrum zurückzuführen, das Gott ist. Das Subjekt zum Prädikat Welt ist Gott. Darwin selbst ist ein Beweis dafür, daß seine Theorien den Glauben an einen Schöpfer nicht ausschließen und auch nicht ausschließen wollten. Keine Theorie von der Weltentstehung muß uns des Rechtes entheben, zu glanben. Nehmen wir nun einen göttlichen Intellekt und einen göttlichen Willen an, so erhält unsere Weltanschauung einen ebenso schönen als befriedigenden Abschluß. Einer der bedeutendsten Denker der Gegenwart spricht über Gott, wie das Judentum ihn aubetet, folgendermaßen: „Nur sittliche Attribute dürfen von Gott angenommen werden." So bestimmt es der Talmud, so lehrt und begründet es Maimonides. Von Gottes Wesen darf uns nur das interessieren, was tvir für die Ethik brauchen. „Jude sein, heißt, als den Grund des Daseins, als den Halt der Welt den einig-einzigen Gott bekennen. Das ist der Kern der Sache; das ist auch das einzige Herz der Sache. Man täusche sich nicht, als ob die jüdische Sache noch einen anderen Herzpunkt hätte oder haben könnte und dürfte. Israels Recht auf geschichtliches Dasein steht und fällt mit seinem einig-einzigen Gotte. Wessen Kops nicht durchleuchtet ist von diesem Grundgedanken, der kann mancherlei von jüdischer Art geistig und sittlich besitzen, es fehlt seinem Wesen aber der Schwerpunkt. Daher muß die Existenz des Juden in der niodernen Kultur haltlos, schwankend, zweideutig werden, wenn nicht dieser Leitstern aus> allem seinen Denken, Fühlen und Handeln hervorleuchtet: daß er mit ganzer Seele an den Gott der Geschichte glaubt, den die Propheten offenbart haben. Der Gott Israels ist in der messianischen Idee offenbart worden, er ist der Gott der Weltgeschichte. Das ist die Wurzel unseres Glaubens, die Quelle unserer Ethik." Die Vortragende führt in die Tiefe gehend ans, daß unser großes Schrifttum keinen Augenblick im Widerspruch steht mit der freien Forschuttg; denn auf welche Stelle man immer auch Hinweisen mag, jeder Theologe wird antworten müssen: Keinen anderen Zweck hat die Bibel, keinen anderen Zweck die heilige Schrift, als einzig und allein hinznweisen auf Gott und über ein sittlich-vollendetes jüdisches Leben zu belehren. Das wird an zahlreichen Beispielen erwiesen. Wenn man nun frägt, was denn die ganze Last der Glaubensgesetze bedeute, so entgegne ich: Diese Last war den Juden nie eine Last, dentt es gibt kein Gesetz und keine Zeremonie, für die sich nicht ein sittlicher Untergrund finden ließe. Die Gesamtordnnng des jüdischen Menschenlebens, des Individuums sowohl wie der Gemeinschaft, soll durch diese Normalien gründlich geregelt werden. Und wenn sie sich fragen, ob die jüdische Religion Thesen ansstelle, die mit dem philosophischen Denken zusalumenzttbringen unmöglich sei, so müssen sie sich selbst mit Nein antworten. Für jedes philosophische Forschen gewähren Thora und Talmud vollständige Freiheit. Und auch für das historische und naturwissenschaftliche. Denn schon Talmnd und Midrasch tragen deutliche Zeichen streng wissenschaftlicher Kritikversnche an sich. Die Thora bleibt Thora, auch wenn sie in hundert Teile zerlegt wird, auch wenn die Forschung beweisen will, daß sie aus spätester Zeit stammt. Sie hat den einzigen Zweck, den ■ sittliche!: Gottesbegriff festznstellen und Vorschriften für ein jüdisch-sittliches Leben zu geben. - Ich bestreite aber, daß der Glaube an Gott einen Angriffspunkt für die freie Forschung bilden kann, die auch die Forschung über Gott als frei gelten lassen muß. Der einzige freie „Glaube" ist das Judentum." (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) An diese ernsten und mit Würde vorgetragenen lichtvollen Ausführungen Dr. Feuchtwangs knüpfte sich eine sehr lebhafte Diskussion, an der sich u. a. die Herren Med. Dr. Bader und Professor Dr. Feilbogen beteiligten. Mit einem geistvollen Schlußwort des Referenten endete die hochinteressant und würdig verlaufene Versammlung in später Nachtstunde. Eine schwindende Zeit. Znm 80. Geburtstage des Herrn Emannel B a u m g a r t e n hat Herr Professor Gotthard Deutsch vom „Lehren Union College“ in Cincinnati in der dortigen Zeitschrift „The American Israelite“ einen Artikel veröffentlicht, der nebst der feinen Charakteristik des Jubilars, so treffende allgemeine Bemerkungen über das jüdische Leben in vergangenen Epochen enthält, daß wir denselben in deutscher Uebersetzung nachstehend wiedergeben: „Am 15. Jänner 1908 feiert Herr Emannel Banmgarten seinen 80. Geburtstag. Er ist ein Mann, der sowohl ans dem Gebiete der Literatur als ans dem der Gemeindeverwaltung große Erfolge auszuweisen hat. Bei weitem nicht so gekannt, wie er es verdient, ist er der Repräsentant des edelsten und besten Typus einer Generation, die im Schwinden begriffen ist. Er ist der Typus des „Maskil“ und des „Muschlam“, welcher den Uebergang von der Kultur des Ghetto zu der des modernen Judentums so hoffnungsvoll einleitete. Im Jahre 1828 in Kremsier geboren, fiel seine Jugend in die Zeit, die den energischen Kamps mit ansah zwischen den modernen Ideen und der unsinnigen Metternich'schen Politik, die die Privilegien des Feudalismus und des Bnreankratismus in der modernen Welt ausrechterhalten wollte. Die Juden waren das beliebteste Opfer dieser Don Qnixoteffchen Idee. Für sie bestanden das Ghetto, die Beschränkungen in Berns, Heirat, Aufenthaltsberechtigung fort, als ob es niemals eine französische Revolution gegeben hätte. Man konnte sie nun wohl unterdrücken, ihren Fortschritt konnte man aber nicht anfhalten, und daß dies möglich war, verdanken wir znm großen Teil jenen edlen Pionieren, die. obwohl treu den alten Idealen ihres Glaubens, dennoch mit allen Mitteln für die intellektuelle und soziale Hebung ihrer Glaubensgenossen arbeiteten. Unter diesen gebührt Baumgarten ein hervorragender Platz. Wie viele andere seiner Art begann er seine Tätigteit. indem er hebräische Gedichte schrieb. Die Zeitschriften der ersten Hülsre des 19. Jahrhunderts zeigen viele Proben dieser Entwicklung der üslhetischeit Verfeinerung unter den Inden des westlichen Europa. Er hat auch die Herzenspflichten des Bachja ins Deutsche übersetzt. Dieses Buch war unter der Generation jener Zeit äußerst populär. Obwohl asketisch in seiner Tendenz und etwas merkwürdig in der Art, wie es das Problem lösen zu können glaubte, wie der moderne Jude die Religion mit der Kultur des Jahrhunderts in Einklang bringen könne, zeigte doch schon sein Titel den Weg, aus dem man von der trockenen, strengen Gesetzgebung des 18. Jahrhunderts zu einer den Ansordernngen der Zeit mehr entsprechenden Religionsübung gelangen konnte. Baumgarten ließ sich als junger Mann in Wien nieder, wo er bald ein herrschender Faktor im Gemeindeleben wurde. Er wurde in den Vorstand der Knltusgemeiude, ferner in den Bezirks- und Provinzialschulrat gewählt. Der Aufschwung des Antisemitismus schuf innerhalb des ziemlich konservativen Vorstandes der Knllnsgemeinde eine Agitation, welche den Widerschein des turbulenten Wesens der immer mehr wachsenden Luegerpartei bildete. Baumgarten war eine viel zu vornehme Natur, um unter solchen Verhältnissen weiter bleiben zu können. Er unterlag bei der nächsten Wahl und zog sich nun vom öffentlichen Leben zurück. Er blieb aber nicht untätig und fuhr fort, den Antisemitismus mit der edelsten und für den vornehmen Mann einzig paffenden Waffe zu bekämpfen: mit guten Schriften. Er gab eine Sammlung von christlichen Zeugnissen gegen die Blutbeschuldigung und die Gutmeiuung über den Talmud von Carolus Fischer, einem katholischen Priester, heraus. Er publizierte aus Manuskripten mehrere wichtige historische Dokumente, von denen eines der interessantesten die Chronik über Mährisch- Aussee ist. Die Chronik beschreibt in rührender Weise die Kümmernisse dieser Gemeinde, die mit dem Jahre 1722 begonnen, als ein katholischer Geistlicher am Jom Kippur die Synagoge betrat und den Gottesdienst unterbrach, indem er daselbst eine Predigt hielt. Er wurde hinausgewiesen und dann von den Inden wegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.