Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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i'ir. 7. Seile.4. Die Wahrheit lich erleichtern, wenn die Gemeinden den jährlich aufzubringenden Versorgungsbetrag als einen festbestimmten von vornherein genau übersehen könnten. Alle diese Bedingungen sind aber nur zu gewinnen bei kollektiven Maßnahmen Vieler zu dem gleichen Zweck, d. h. bei Einrichtung einer allgemeinen Pensionskasse für 1111 fere jüdischen Gemeinden mit allen den Bestimmungen, die mau für eine solche Kasse zur befriedigenden Versorgung unserer jüdischen Gemeindebeamten in allen Fällen für notwendig halten muß. Die Gründung einer solchen Kasse erscheint uns darum als die unbedingte Voraussetzung für die Gewinnung einer allgemeinen, gesicherten Fürsorge für unsere Beamten. Die Kasse muß natürlich in ihren Leistungen ganz nach den Grundsätzen der staatlichen Versorgung eingerichtet sein, weil es die Gerechtigkeit erfordert, daß unsere jüdischen Gemeindebeamten in ihrer Versorgung nicht schlechter gestellt werden, wie die Beamten im öffentlichen Dienst. Dann würde auch eine geringfügigere Versorgung unseren Gemeinden selbst nicht genügen, wenn sie dem Versorgungszwecke für ihre Beamten mit vollem Ernst znstreben. Die Kasse muß ebenso notwendig aus s e st e r versicherungstechnischer Grundlage errichtet sein, weil sie nur dann den Bedingungen einer gesicherten Fürsorge zu entsprechen vermag. Sie muß ferner die Versicherung aller Art jüdischer Gemeindebeamten bei sich zulassen, um für die Gemeinden nicht noch andere Versorgungseinrichtungen notwendig zu machen; dann aber auch, nm eine möglichst große Zahl von versicherten Personen bei sich zu vereinen, wodurch erst die Vorteile des Versicherungs-Großbetriebes gewonnen werden. Aus demselben Grunde und um die Freizügigkeit der Beamten nicht zu behindern, muß die Kasse auch ihr Geltungsgebiet auf das ganze deutsche Reich ausdehnen. Die Kasse muß endlich nur für den Beitritt von Gemeinden, nicht von Beamten eingerichtet sein, weil sie sich nur dadurch auch bei dem häufigen Stellenwechsel der Beamten, mit dem vorläufig immer noch gerechnet werden muß, in ihrem Mitgliederstande konstant und gleichmäßig leistungsfähig erhalten kann; auch bieten ihr natürlich die Gemeinden eine viel größere Sicherheit für den regelmäßigen Eingang der Beträge, wie die Beamten, die unter den Zufälligkeiten des Lebens leichter leiden. Für die Beamten, die zeitweise außer Stellung geraten oder beim Stellenwechsel nicht gleich eine neue Amtsgemeinde finden können, die Mitglied der allgemeinen Pensionskasse ist, sind geeignete Vorkehrungen zu treffen, daß ihnen ihre bei der Kasse bereits erworbenen Ansprüche nach dem Maße der für sie gemachten Einzahlnugeu erhalten bleiben und ihnen jederzeit eine Fortsetzung der Versicherung durch eine neue Gemeinde möglich ist. Bei einiger Einführung der Kasse unter den Gemeinden wird sowohl die Konkurrenz derselben bezüglich der Gewinnung der besseren Beamten, wie auch das von diesen betätigte Interesse oafür sorgen, daß es bald nur noch wenige Gemeinden geben wird, die der Kasse nicht angehören. (Fortsetzung folgt.) Judentum und freie Forschung. Mittwoch, den 22. Jänner d. I. fand im großen Saale des „Hotel Gnth" eine Versammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischeu Union" statt, aus deren Tagesordnung ein Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Feuchtw ang über „Judentum und freie Forschung" gesetzt war. Das infolge der Vorgänge der letzten Wochen äußerst aktuelle Thema hatte eine zahlreiche Hörerschar angelockt, die den formvollendeten und gediegenen Ausführungen des Vortragenden mit gespannter Aufmerksamkeit folgte. Der Vorsitzende, Vizepräsident Dr. Orustein, eröffnet die Versammlung mit einer kurzen Würdigung der Verdienste des Vortragenden und erteilt sodann Herrn Dr. Feuchtwang das Wort. Er sagte ungefähr das folgende: Rabbiner Dr. Feuchtwang: Meine Damen und Herren! Sie werden begreifen, daß ein Thema von solcher Bedeutung und von solcher Tiefe, wie das hier zur Diskussion gestellte, nicht in kurzer Zeit erledigt werden kann. Ich beabsichtige daher nur, Ihnen die Meinung einiger großer Männer über diese Frage und auch meine bescheidene Meinung zu geben, und bitte Sie, meine Ausführungen von dem Gesichtspunkte zu betrachten, daß ich hier kein Amt, sondern eine Meinung habe. Bevor wir auf das Thema näher eingehen, müssen wir uns vor allem darüber klar werden: Was ist das Judentum? Aus diese Frage werden Sie die verschiedensten Antworten erhalten; die einen behaupten, das Judentum sei heute nicht mehr das, was es war, es sei nur mehr eine ans dieselbe Abstammung zurückgehende Volksmenge; andere bezeichnen es als Religionsgesellschaft, wieder andere als Nation. Biele auch sind der.Ansicht, daß diese beiden Begriffe sich beim Judentum teils decken, teils ergänzen. So sagt Riesser: „Unsere nationale Existenz ist, was bei anderen Nationen des Altertumes nicht der Fall war, die äußere Form, die Trägerin eines religiösen Dal eins gewesen; dieses ist als der unvergängliche Inhalt aus der zerschlagenen Form hervorgegangen; die Religion hat, wie der unsterbliche Geist, den sterblichen Leib des Volkstums überdauert. Als Nation würden sich unter den zivilisierten Völkern Europas ebenso wenig Juden finden, wie sich Gothen und Hunnen unter ihnen finden; aber die Juden haben sich unter ihnen erhalten als Religionsgesellschaft." Gregorovius meint: „Das älteste, kosmopolitische Volk der Erde ist das hebräische. Seine rätselhaste Tat, lange vor Sokrates, Seneca, Epiktet, vor Alexander, Paulus und Marc Aurel war die Entdeckung der Einheit des physischen und moralischen Kosmos, mit einem Worte des Monotheismus." Der Vortragende führt nun des Näheren ans, daß das Judentum nur Lebensberechtigung habe, wenn es Nachweisen könne, daß sein historisches Charakteristikon noch sortbestehe; dies könne aber nur die Religion und niemals die Nationalität allein sein, da diese letztere niemals das allein zusammenhaltende Element im Jndentume gewesen sei; er gelaugt zu dem Schluffe: Für mich ist also bei kr Relation „Judentum und freie Forschung" in dem Begriff „Judentum" lediglich das Judentum als Religionsgemeiuschaft verstanden. Das ist übrigens auch selbstverständlich; denn es wäre absurd, von einer Nation als solcher zu behaupten, daß sie der Wissenschaft und der Freiheit ihrer Lehre feindlich sei. Wenn wir nun das Judentum als Religion erklärt haben, so kommen wir zu der Frage: Wo setzt sich diese Religion in Widerspruch mit der freien Forschung, was ist in ihrer Grundlehre, der Bibel, der freien Forschung hinderlich? Wir können da vom Standpunkte des orthodoxen Juden absehen, für den es gar keine Frage ist, daß Gott es ist, der die Gesetze, der die Thora gegeben hat, usw. Diese Seite des Judentums hat nicht die Pflicht, doch auch das Streben, sich mit den Ergebnissen der freien Forschung auseinanderzusetzen. Wir müssen aber auch für diejenigen, die die unbedingte Wahrheit dieser Dinge nicht anerkennen, eine Lösung finden. Ich behaupte nun, daß das Judentum jeder freien Forschung die Türe öffnet. Der Glaube an einen Gott ist das einzige, was das Judentum als Religion voraussetzt. Es gibt sonst kein einziges Gesetz, noch weniger ein Dogma, das mit gleicher Unbedingtheit zur Religion gehört. Wenn Sie mir aber sagen, daß das genüge, um im Judentnm den Weg zur freien Forschung zu verlegen, so entgegne ich Ihnen, daß gerade die Philosophie der Gegenwart zum Gottesbegriff zurückkehrt. Ich entgegne, daß der Dogmatismus der materialistischen Weltauffassung an die Gläubigkeit seiner Bekenner keine geringen Forderungen stellt. Jerusalem sagt: „Das Weltall erscheint uns als Werk eines mächtigen, unendlichen Willens, dessen Krafläußerung eine konstante ist. Erst dadurch aber erhält unser Weltbild den wünschenswerten Abschluß. Dieser mächtige Wille ist der Urgrund für Materie und Geist. Die Naturgesetze sind seine Gesetze. So gelangen wir durch Anwendung der an der Erfahrung bewährten Urteilsfunktion aus das Weltganze zu einer unseren Erkenntnistrieb befriedigenden Weltanschauung, in der auch der Gottesbegriss - seine Stelle findet."