Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063424--05286-3072196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Die Wahrheit Nr. 6. Sr eite 6. Bacchanalien, die trotz ihrer derben, ansgelassenen Weinlaune, das große griechische Drama aufbaueu halfen. Und die Antike war ja auch das Muster Shakespeares und der deutschen dramatischen Kunst. Aber was will man im Zeitalter des verderbten Geschmackes, im Zeitalter des Ueberbretlels und der Bühnenskaudale einem Goldfaden Uebles nachsagen?- Wenn das jüdische Volk, der jüdische Krämer, oder der jüdische Handwerker mit seiner Familie, der jüdische Lastträger, der jüdische Kutscher, oder das jüdische Dienstmädchen in dem primitiven jüdischen Theater sitzen und ein Stück von Abraham Goldfaden spielen hören, dann muß man die Gefühle dieser schwergeplagten Geschöpfe Mitempfinden können. In diesem Momente vergessen sie an alles Ungemach, an alle herben Sorgen und Plagen. Da sitzen sie voll Spannung und verfolgen die Vorgänge aus der Bühne mit Entzücken oder Entsetzen, als ob es sie selbst anginge; da kommt die aristotelische Forderung von eIeo8 kai pliobos zu ihrem Rechte, man lacht und weint mit den Helden des Stückes, und wer nur einen Funken jüdischen Gefühls im Leibe hat, der muß mitweinen, wenn Goldfaden den ganzen Jammer des jüdischen Volkes mit seiner einzigen, machtvollen Darstellungsknnst schildert. Wenn eine melancholisch klagende Weise ertönt, wie etwa: Verjummert, verklagt, Von sein Heim verjagt, und dann in den mächtigen Refrain ausklingt: A Jüd bist dü, geh' dir, geh' dir! so hört man echte, wahre Kunsll Hätte Goldfaden s 0 n st nichts getan, als nur dem armen, gedrückten, jüd.ischeu Proletariat einige Stunden seiner Bitternis versüßt, so wäre das allein schon sein größtes V e r d i e n st. Er sprach zu seinem Volke in seiner Sprache, er schilderte Gestalten aus der jüdischen Geschichte, aus dem jüdischen Leben, wie sie sind, wie sie fühlen, wie sie denken. Die süßen Weisen, die Abraham Goldfaden in seinen Volksstücken schuf, wurden von den dankbaren Zuhörern mit hinausgetragen unter das Volk und in der Werkstatt, auf dem Acker, in der Dienstbotenstnbe, am hänelicheu Tische ertönten Goldfadens schöne Lieder. Sein reizendes Schlummerlied aus „Snlamith" wurde auch au meiner Wiege gesungen, und die lieben Kindlein schlummern auch jetzt noch sanft, wenn dieses paradiesische Liedchen erklingt. Nicht allein im Volke, in den besten Kreisen, bei den vornehmsten Konzerten wurden Goldfadens Lieder zu Gehör gebracht. Er wurde ins Französische und Englische, ins Russische und Polnische übertragen und er durfte es noch erleben, daß seine herrliche, dramatische Volksoper „Sulamith" in einer wenig glücklichen metrischen Uebersetzung, aber mit seiner Musik, im königlichen Opernhause zu Budapest aufgeführt wurde. Und seine Weisen wurden auch iu Ungarn viel gespielt und gesungen. Und merkwürdig — Goldfaden hatte nie den Kontrapunkt studiert, niemals eine Note gekannt. Er sang die Melodie seinen musikkundigen Freunden vor und diese schufen die Instrumentation; aber auch da übte der Meister seinen Einfluß aus, erfühlte es, wo die erhöhte Leidenschaft dröhnende Fanfarenklänge und laute Paukenschläge forderte und wo die leise, berückende Orchestrierung am Platze war. Fern von seinem Geburtsorte, in Amerika, wo so viele seiner verfolgten Landsleute eine zweite Heimat fanden, wurde er verehrt und gewürdigt. Dort, wo ein Morris Rosenfeld an Oer Nähmaschine seine lyrischen Ergüsse in unverfälschter, jüdischer Sprache niederschreibt, dort wird Goldfaden von berühmten Künstlern, wie von einem Adler, den Ritter v. Sonnenthal anhörte, interpretiert. Nun ist auch Abraham Goldfaden gestorben. Hünderttausende drängten sich an seinen Sarg, um ihm die letzte Ehre zu erweisen, die New-Iorker Polizei mußte die Gassen absperren und die Ordnung aufrecht halten, denn das Gedränge war lebensgefährlich. Von seinen Epigonen ist nur noch Schalom Asch, dessen „Gott der Rache" in Berlin mib Wien mit starkem Erfolg aufgesührt wurde, so beliebt. Mögen immerhin diejenigen, die Goldfaden und seine Werke nicht kennen, von den polnischen und russischen Inden mit Spott reden und sie nur nach den Schltorrern beurteilen, denen sie mit bitterem Hohne einmal ein paar Helletschenken, als ob sie nicht auch ihre Brüder wären. Ich wage es zu behaupten, daß der mindeste russische oder polnische Jude noch' immer mehr Edelmut in seinem Herzen besitzt, als diejenigen, die seiner zu spotten wagen! Aber Du, Goldfaden, Du edler Meister, Dli bedarfst nicht ihres Ruhmes; für die Du gelebt, für die Du gewirkt, die kennen Dich, die wissen Dich zu schätzen. Nimm dieses bescheidene Blatt, das ich auf Dein frühes Grab lege, als d a n kb a res Z e i ch e n hin für d i e v i e l e n, s ü ß e n S t u n d e n, d i e D u d e m jüdischen Volke bereitet; laß meine Tränen auf den frischen Grabhügel n i e d e r f l i e ß e n, daß sie sich mit den Tränen all derer vereinen, die mit Dir gefühlt, d i e D i ch verstanden, d i e D i ch geliebt haben! Kerthold Anerbach und das Judentum. (Fortsetzung.) Auf Auerbachs gegnerische Stellltng zu Heine kann lischt nachdrücklich geling hingewiesen werden, denn sie ist — besonders im Hinblick auf die jüngste Aera der Heine-Polemiken — von geradezu typischer Bedeutllng. Sie widerlegt vielleicht am schlagendsten die von antisemitischer Seite genährte Auffassung, als ob gerade auf jüdischer Seite die bliitde Heine-Verehrung und der übertriebene Heine-Knltils zu ftubeit seien, resp. gewesen seien, und ferner, als ob die abstoßenden Seiten in Heines Dichtung und Charakter mit feinem Judentum zu erklären seien. Wenn eilt Voll- und Kernjude (im besten Sinne des Wortes) wie Auerbach sich von so manchem Undeutschen lind Frivolen in Heines dichterischer Persönlichkeit so entschieden antipathisch berührt findet und diesem Empfinden offen Ausdruck gibt, so zeigt dies Beispiel am besten, daß in der jüdischen Intelligenz genau so wie in der nichtjüdischen die Meinungen über Heine, geteilt sind, und daß ein ebenso stark jüdisch wie deutsch empfindender Schriftsteller vom Schlage Auerbachs sich geradezu als einen Antipoden seines damals schon weltberühmten und vielbewunderten Glaubensgenossen fühlen konnte. Es war kein Wunder, daß der einstige Talmndschüler und Rabbinatskandidat sich beim Erwachen seines Erzählertalentes zunächst zu Stoffen ans der Geschichte des eigenen Volkes hingezogen fühlte. Als Mitherausgeber der von dem Grafen Breza und Gustav Schlesier begonnenen, dann von Raphtali Frankfurter geleiteten „Gallerte der ausgezeichnetsten Israeliten" schrieb er um jene Zeit (1836) die Lebensbilder von Rothschild, Michael Beer und dem von ihm damals erst noch ans der Ferne verehrten Gabriel Riester und veröffentlichte in Kühnes „Zeitung für die elegante Welt" eine biographische Darstellung des Dichters Ephraim Moses' Kuh, eine Vorstudie zu dem späteren Romalt „Dichter und Kaufmann". Mehr und mehr aber fesselte ihn gleichzeitig die Beschästignng mit dem größten jüdischen Denker der Neuzeit, dessen Bild ihn dann auf seinem ganzen Lebenswege begleitete: Spinoza. Mit dem Verlag I. Scheible in Stuttgart schloß er einen Vertrag über die Herausgabe eines historischen Spinoza-Romanes, für dessen zwei Bände ihm 400 Gulden Rheinisch als Honorar zugesichert wurden. (Dreißig Jahre später erhielt er von der Wiener „Presse" nur für den Erstabdruck seines Romanes „Das Landhaus am Rhein" etwas über 30.000 Mark.) Die Hälfte dieses Honorares mußte .er als Vorschuß nehmen, um bei der schon erwähnten Festungshaft auf dem Hohenasperg, die kurz nachher wegen der verjährten Burschenschaftsbeziehüngen über ihn verhängt wurde, seine Selbstbeköstigung bestreiten zu können. In knapp sieben Monaten wurde der „Spinoza" niedergeschrieben, eine erstaunliche Leistung, wenn man den bitteren Mangel an Mitteln bedenkt, mit dem der junge Autor um diese Zeit noch zu kämpfen hatte, wo er in Stuttgart überdies noch , seinen jüngeren Bruder Julius bei sich wohnen ließ und ihn in Latein und Griechisch für das Gymnasium vorbereitete, dabei von polizeilichen Ueberwachungsschjkanen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.