Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Die Wahrheit Seite 7. 1>em Herzeleid einer unglücklichen Liebe.gequält. Was ihn ver- ' nnlaßte, den Roman des holländisch-portugiesischen Philosophen zu schreiben, legte er in den einleitenden Blättern dar. „Das jüdische Leben zerfällt nach und nach," heißt es da, „ein Stück nach dem andern löst sich ab, darum scheint mir, daß es an der Zeit ist, Poesie und Geschichte und beide vereint seine Bewegungen im Bilde festhalten zu lassen." Nach dem Erscheinen dieses Erstlingsromanes wurde Auerbach durch August Lewald als Literaturkritiker an der von diesem geleiteten Zeitschrift „Europa" mit etlichen hundert Gulden Jahresgehalt bestellt, und es verlohnt sich, einen Blick auch auf diese seine Tätigkeit zu werfen und zu verfolgen, wie der Sechsundzwanzigjährige gerade für solche Persönlichkeiten und Erscheinungen das liebevollste Verständnis offenbart, für bk nach der Meinung gewisser teutomanischer Literarhistoriker dem Inden das Organ fehlen soll. Wärmer als Auerbach hat iaum jemand die innig-deutsche Poesie Eduard Mörikes begrüßt, die eigentlich erst innerhalb des letzten Jahrzehnts ein Besitz weiterer Volkskreise geworden ist, besseres schwerlich jemand über Jmmermanns „Münchhausen" gleich bei dem ersten Erscheinen geschrieben. Es klingt wie ein Märchen und zeigt eigentlich so recht schneidend, wie herrlich weit wir es im Geiste der Ver-! jöhnung seither gebracht haben, wenn mau liest, daß Auerbach - gemeinsam mit seinen Freunden Hermann Kurz (dem Verfasser I von „Schillers Heimatsjahre") und Rudolf Kausler die Weih-! nachtstage .1837 im Pfarrhanse von Buoch im Remstal als! Gast des Pfarrers Glück (des Komponisten von Eichendorffs! „In einem kühlen Grunde") verbrachte, ehe er sich nach Frank-! surt a. M. wandte, um dort ansässig zu werden. Hier, wo n. a.; der treffliche „Strinvelpeter"-Dichter Dr. Heinrich Hoffmann zu l'einem Verkehrskreise gehörte, trat er in engere Beziehungen zu dem feinsinnigen Forscher und Kanzelredner Abraham Geiger,! der im nahen Wiesbaden als Rabbiner tätig war, und zu! Gabriel Riesser, diesem edelsten Vorkämpfer der jüdischen Men-! Ichenrechte, den selbst ein gegnerisch gesinnter Mann wie Treitschke > als selten lauteren Charakter ehrte und schätzte. In die Frank-! furter Zeit fällt die Ausarbeitung des zweiten jüdisch-historischen! Romans „Dichter und Kaufmann", eines Zeit- und Sittenge-! mäldes aus den Regiernngstagen Friedrichs des Großen, in! dessen Mittelpunkt Moses Mendelssohns Freund Ephraim Moses! Kuh, gestellt war. Zugleich wurde er durch die Vorarbeiten für! diesen Roman näher an Moses Mendelssohns Werke geführt, > die er nun, nach Bonn übergesiedelt, in einer würdigen Gesamtz ausgabe neu an die Oeffentlichkeit brachte. Mit gleichem Eifer ging er darauf an die deutsche Uebertragung sämtlicher Schriften; Spinozas, die ihn von Anfang 1840 bis August 1841 fast; völlig in Anspruch nahm. (Fortsetzung folgt.) Das Ende vom Lied. Ein Zeitbild von Sigmund Pekarnik. Ein prachtvoller Herbsttag. Die Mittagsonne sandte ihre! noch immer wärmenden Strahlen zur Erde und unter ihrer! Wirkung schienen die entlaubten Bäume des zu jeder Jahreszeit! verschiedene Reize bietenden Rathausparkes, wie unter Midas-! Händen, golden zu werden. . Ich hatte einer Gemeinderatssitzung beigewohnt, in der j die Herrschaft der Christlichsozialen so recht znm Ausdruck ge-! kommen war. Von der antisemitischen Wirtschaft angeekelt,! flüchtete ich in die gegenüber, liegenden, wohlgepflegten Parkj anlagen. Rasch an dem Denkstein der Christlichsozialen vorbei, I der wohl weniger zur Erinnerung an ihren Führer als an ihre! Mißwirtschaft errichtet wurde, in das Rondo. Hier meint man > wahrlich, in Paris zu sein. Die kleinsten Kinder, alte Kinderfrauen und junge Mütter, alle sprechen nur französisch. Eine Bank mit mehreren hübschen Bonnen scheint mir besonders einladend, und ich setze mich hin. Auch da findet eine Debatte statt, wenn auch nicht so stürmisch wie im Gemeinderat.. . Klagen über die Herrschaften, über die unerzogenen Kinder n. s. w. > Ein kleiner Junge mit blondem Lockenkopf war eben im I Begriffe, ein Steinchen vom Boden aufzuheben, als das Fräulein neben mir ihre Kommandostimme ertönen ließ: „Paulus, wirst im Herkommen! Schau deine Hände, deinen Rock an! Was wird die Mama sagen!" Ich nahm den lieben Kleinen, der wie ein armer Sünder dastand, zu mir. „Wie heißt du. Kleiner?" „Paul!" Das Fräulein: „No, sag' schön deinen rechten Namen!" Der Kleine: „Pan..." — das Fräulein nachhelsend: „Paulus E . .." „Ist das nicht der Doktor E . . .fragte ich. „Ja, Dozent E ... . aus der x-Gasse." Das Fränlein: „Jetzt sag' noch das ,Vater unsere das du so brav gelernt hast, damit der Herr hört, was unser Paulus alles kann." Der Kleine leierte gedankenlos das Gebet her und meinte dann, der große Apostel Paulus wird es gewiß nicht so gut gekannt haben. Jetzt wandte ich mich an das Fränlein: „Doktor E. ist doch em Jude! Wie kommt es, daß das Kind so katholisch erzogen ist?" „Ja, Herr, Paulus wird in zwei Jahren zur Taufe geführt, seine Mutter will es so haben. Ich muß das Kind früh und Abends in die Kirche führen und darf es mit Judenkindern nicht in Berührung kommen lassen. Meine Dame, die jetzt sehr schwer krank ist, hat vieles gelitten und schreibt all das ihr widerfahrene Unglück dem Judentnme zu. Sie scheint unter dem Einfluß ihrer einstigen Erzieherin zu stehen, die es auch bewirkt hat, daß nur christliche Vereine von ihr unterstützt werden. In zwei Jahren, wenn der Kleine in die Schule kommt, will sie sich mit Paulus — Paul klingt ihr zu jüdisch — taufen lassen. So oft ich darüber uachdenke, daß das junge Wesen sich noch gar kein Urteil über seine eigentliche Religion bilden kann, halte ich es — offen gesagt — für ein Unrecht von mir, dem Kinde eine neue Religion anfzudrängen. Uebrigens ist es der Befehl meiner Dame und die Sünde wird nicht mir, sondern meiner Gnädigen ungerechnet." Es schlug ein Uhr. „Wir müssen gehen; gib dem Herrn die Hand!" Ich strich dem Kinde über die Locken und sah in zwei helle Aenglein, die noch nichts von der Verderbtheit der Welt wußten. -sfr * * Das im Park geführte Gespräch hatte einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich in der nächsten Zeit mich näher nach Frau E. erkimdigte. Zn meinem großen Erstaunen erfuhr ich. daß ihre Großmutter in Lemberg ein streng-jüdisches, ihre Mutter, wenn auch kein strenges, so doch ein jüdisches Haus geführt hat. Frau E. waren drei Kinder im zarten Alter gestorben. Ihren Paulus glaubte sie durch die Taufe den Klauen des Todes, dem doch bekanntlich bei der Auswahl seiner Opfer die Partei- und Religionsangehörigkeit gleichgiltig ist, zu entreißen. * * * Eine längere Zeit war seit jenem Tage verstrichen. An einem regnerischen Abend eilte ich durch die Stadt meinem Heim zu. Da kam mir die Bonne des Doktor E. entgegnen. Sie hatte mich erkannt. „Haben Sie ein wenig Zeit, ich könnte Ihnen das interessante Ende meiner im Park begonnenen Erzählung mitteilen?" Wir zweigten in eine Nebengasse ab und sie begann: „Damals habe ich schon erwähnt, daß meine Dame an einem schweren Leiden erkrankt ist. Drei Wochen später mußte sie sich in einem Sanatorium operieren lassen. Die Operation glückte zwar, der Blutverlust war aber zu bedeutend gewesen. Die Arme fühlte, daß es mit ihr zu Ende gehe. Da ließ sie ihren Mann, den kleinen Paul und einen jüdischen Geistlichen holen. In gräßlichen Klagen gab sie ihrer Reue, den Glauben ihrer Väter verlassen zu haben, Ausdruck. Ihr einziger Wunsch vor ihrem Tode war, man möge Paul dem Judentum zurückgeben. Gegen neun Uhr starb sie. Das Schluchzen des gebrochenen Mannes, das leichte Weinen des Kindes, das den Verlust der Mutter noch nicht begriff, und die mir unverständlichen Gebete des Geistlichen wirkten furchtbar auf mich ein. Ich verließ das Zimmer und begann zu weinen. Nach und nach wurde mir leichter; ich fühlte, daß Gott meiner seligen Gebieterin verziehen habe." Ich war zu erschüttert, um sprechen zu können. Wir verabschiedeten uns. * * * Vor einigen Tagen ging ich an dem Hause des Dr. E. vorbei. Seine Tafel war heruntergenommen. Ich erkundigte mich nach dem gegenwärtigen Wohnort des Doktor E. „Er ist mit feinem Kinde in die Heimat seiner vorstorbenen Gattin übersiedelt." Das Ende vom Lied.