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Die Wahrheit · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 6. Wurst wider Wurst! Kannst du, liebes „Volksblatt", es daun bezweifeln, daß nur der Zufall fein launenhaftes Spiel getrieben und es diesem zu verdanken fei, daß die Antisemiten und im selbst heute am Ruder sind und ihr euch als Herren aufspielt? Kein Zufall aber ist es, nicht aus Ungefähr behauptest du. daß Grillparzer ein zäher, altösterreichischer Antisemit war, „dessen rassenechte ,Jüdin von Toledo' keinen Zweifel aufkommen läßt über die Verachtung, die er der typischen Gesinuungsniedrigkeit des Judentums entgegenbrachte", sondern du lügst mit dummkluger Berechnung und plumper Schlauheit. Ich sage „plump", denn deine eigenen Leser — ich nehme zu deiner Ehre an, daß sich darunter einige befinden, die Grillparzer-Kenner sind — werden über dich lachen. Wohl ist der Vater der toledanifcheu Jüdin ein habsüchtiger Hebräer und diese selbst, die Titelheldin, ein leichtes Blut. Aber müssen denn alle Juden Engel sein? Wir sind ja schon zufrieden, wenn du uns, liebes „Volksblatt", nicht alle für schwärzeste Teufel ausschreist. Und siehe, wie wunderbar! Diese Jüdin liebt den König aufrichtig und treu und er selbst findet es nicht unter seiner Würde, sie wiederznlieben. Er entzieht ihr diese Liebe erst dann, da er gewahr wird, daß sie im Tode nicht mehr so schön ist, wie im lachenden Leben. Man kann aber selbst von einer Jüdin nicht verlangen, daß sie holdselig lächle, wenn man sie erschlägt, auch wenn dies gerade wegen des Königs geschieht. Man hat das an Grillparzer getadelt, aber ihn deswegen in die „Volksblatt"-Gesellschaft hineiuzerren, das geht denn doch nicht an. Läßt er doch eben denselben König folgende Worte sprechen, die trotz ihrer gedrängten Kürze förmlich wie eine Apotheose des Judentums klingen: Ich selber lieb es nicht, dies Volk, doch weiß ich, Was sie verunziert, es ist unser Werk; Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken. Zudem ist etwas Großes, Garceran, In diesem Stamm von unstet flücht'gen Hirten. Wir andern sind von heut, sie aber reichen Bis an der Schöpfung Wiege, wo die Gottheit Noch menschengleich in Paradiesen ging, Wo Cherubim zu Gast bei Patriarchen, Und Richter war und Recht der ein'ge Gott. Samt all der Märchenwelt, die Wahrheit auch Von Kain und Abel, von Rebekkas Klugheit, Von Jakob, der um Rahel dienend freite, Von Ahasverus, der den Herrscherstab Ausstreckte über Esther, die, sein Weib Und selber Jüdin, Schutzgott war den Ihren. So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum Hinauf zu diesem Volk als ält'stem, ersten, So daß sie uns bezweifeln, wir nicht sie. Und hat es, Esau gleich, sein Recht verscherzt, Wir kreuz'gen täglich zehnmal den Herrn Durch uns're Sünden, uns're Misietaten, Und jene haben'» einmal nur getan. Grillparzer, den Freund des jüdischen Dichters August Leo Frankl, kann man nur mit demselben Recht einen Antisemiten schimpfen, mit welchem man etwa Vergani einen Judenliberalen nennen dürfte. Die Zeitung des letztgenannten Herrn sagt unter anderem: „Die ganze Gesellschaft, die damalige, wie. die heutige, bedauert es, daß kleinlicher Sinn und Vorurteil dem Dichter Leben und Schaffen verbitterten". Das „Volksblatt" meint damit die höheren und höchsten Stünde. Mit Verlaub! Bei Lebzeiten des Dichters wurden kaum 400 Exemplare feiner Werke abgesetzt. Wo bleibt da das Bedauern? Das damalige kleinbürgerliche Wien hat nur Eins bedauert, das war die Enge des menschlichen Magens, die nicht gestalte, auf einem Sitz ein Dutzend Backhendeln zu verzehren. Denn damals ging^s gut und man hätte sichs leisten können. Grillparzer aber war ihnen gerade so Hekuba, wie er es den heutigen Wiener Greislern und Krämerseelen ist, die auch nur Eines bedauern. Und das sind wieder nur Backhendel, oder vielmehr ihr Mangel, aber nur soviel Backhendel, als ihre Altvorderen verzehrten. Sie sind bescheiden geworden, mehr verlangen sie sich nicht. Nicht jeden Tag einen Ochsen am Bratspieß. wie die Phäaken, sondern nur täglich sein Hendl im Topf. Ist das nicht genügsam? Und weil ihr ihnen diese Backhendeln hoch und heilig zugesichert, haben sie euch mit der politischen Macht.bekleidet. Nun esset ihr diese Hendeln selbst und poknliert im Rathause und der Plebs schaut zu. Ob er dies noch lange geduldig mitansehen wird? Kann" ihn euere lukullische Schmauserei, euer Geschimpfe über die Inden auf die Dauer vergessen machen, daß er Backhendeln entbehren muß? Ob Grillparzer ein Antisemit oder keiner, ist ihm Wurst, und Wurst achtet er nicht, denn sie ist billig und schlecht. Die kann er erschwingen, aber Backhendel leider keine, und schafft ihr sie ihm nicht bald zur .Stelle, so werdet ihr in kurzem ebensowenig Ursache haben, euch mit Grillparzer zu beschäftigen, wie er, der Plebs selbst, dem kaum etwas von des Dichters Existenz bekannt ist und dessen Grimm euch von der wohlbesetzten Tafel verjagen wird. Mit folgendem rauschenden Schlnßakkord läßt das „Volksblatt" seinen Prachtaufsatz ausklingen: „Schade, daß Grillparzer den großen Umschwung nicht mehr erlebt hat. Was er wohl vorgezogen hätte: die mitunter drückende, aber trauliche Enge seines Vormärz bei voller Selbstherrlichkeit seiner Rasse und ihrer Kultur, oder die von allen Zügeln der Sitte entblößte angebliche Freiheit unserer Zeit, die in Wirklichkeit nur einem maßlos herrschsüchtigen und feindseligen Fremdvolke Gelegenheit zur terroristischen Anfzwingung seiner eigenen Anschauungen und Vorteile bietet?" Die mitunter drückende aber trauliche Enge seines Vormärz, die Dolle Selbstherrlichkeit der Rasse Grillparzers und ihrer Kultur? Vor dem März des Jahres 1848, mein liebes „Volksblatt", hat man Grillparzers Rasse, zu der doch auch die Bauern gehören und von denen — den oberösterreichischen — er tatsächlich ab stammt, auf die Prügelbank gelegt und sie ist von jedem adeligen Gutsbesitzer blutig genauen worden. Man hat das Bauerntum das Reservoir des Volkes und seiner Kraft genannt. Aber das schadete ja den Kerlen gar nicht, erhöhte wohl gar ihre abgehärtete Widerstandsfähigkeit, war höchstens etwas drückend für sie, aber traulich und höchst selbstherrlich für Adel und Geistlichkeit, die auf diese Art ihre Rassenkultur bekunden konnten. Grillparzer selbst ist ja, als dem Bürgerstande angehörig, nicht geprügelt worden. Es mag ihm höchstens widerfahren sein, daß er von irgend einem hochmögenden Vorgesetzten per Er angesprochen wurde und vielleicht auch das nicht. „Aber, die Juden ein maßlos herrschsüchtiges und feindseliges Fremdvolk, dem unsere Zeit Gelegenheit zum Terrorismus bietet?" O, pfui doch, liebes „Volksblatt"! Sei doch nicht so undankbar! Dem Schlagwort „Jude" hast du, wie einem Zauberspruch alles zu verdanken, was du hast und bist, und mit dir die Partei, der du angehörst. Ihr habt euer Schäfchen im Trocknen. Die Komödie ist bald zu Ende und da ihr reich beschenkt wurdet, könntet ihr selbst die Bude schließen, bevor ihr aufhört, Zulauf zu haben. Dies mein wohlgemeinter Rat. ' 8. Vineta. Gott Zebaoth. eine kritische Betrachtung von Dr. Kahan, Znaim. In der heiligen Schrift gibt es gar viele Worte und Ausdrücke, deren Bedeutung entweder ganz unbekannt oder doch nur vermutungsweise erklärt werden können. Es ist das ganz natürlich bei Worten, die nur selten oder gar nur einmal in der ganzen Bibel Vorkommen. Aber höchst auffallend bei einem Worte, das der heiligen Schrift die Grundlage gibt, ohne das sie ganz undenkbar wäre — ein solches Wort, sollte man denken, muß doch klar verständlich sein, über dessen Bedeutung sollte doch kein Streit möglich sein. Und doch herrscht über kein Wort soviel Unklarheit, wie gerade über dieses Wort, keines gab zu so vielen irrigen Meinungen Veranlassung, wie — der Eig enname Gottes! Man sollte glauben, daß die alten Israeliten, die doch im Gegensatz zu den anderen Völkern nur einen Gott hatten, für diesen einen Gott gar keinen Eigennamen nötig hatten. Die Griechen z. B. mußten für ihre vielen Götter und Göttinnen Eigennamen haben, damit sie nicht etwa den Zeus mit Apollo

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