Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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akrcheit Slfbaftiou ii. Sflbmtiiifti uttoit: Wie». II/, 5)coi)nrnt]aiic 27. Tr!rl>t>ini t>rv Slriirferss 15BOS K. f. österr. Postsparkaffa- Scheck-Konto Nr. iov.918. Nnseraio Tic viermal gejpaNene Noiivarcille-Zeiie L5 Heller. -IdoiiiicuiciltSn. JlijeitionS» beiräge und in Avien zahlbar und klagbar. Unabhängige Heikschrift für Mische Intere^em Erscheint jeden A r e i t a g. Uotio: „Das tTioddvs ist Wahrheit!“ | iMunji'Unia . . . n u.— I H.ildjähria' . . 1? 7 — Für (Suttii'Sbfmiite: ‘i'umiiitjn,! . ft ui Fin Vüt~(uuö : <Mti v ivi . . . a M'I I e K Mit bet \>örr 16 Wien. 7. Februar 1908. Inhalt: Von Grillparzer zu Schnitzler. — Gott Zebaoth. — Ein jüdischer Dramatiker. — Berthold Auerbach und das Judentum. — Das Ende vom Lied. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Bei Einsendung von Nbonurmentsbeteägen wollen die geehrten Abonnenten in Oesterreirh unsere Poft-Erlagscheirre benützen. Kor» Grillparzer zu Schnitter. Der Antisemitismus ist seinem Wesen nach bildungsfeindlich und ihre Preßorgane finden für gewöhnlich ihr Genügen an leitartikelndein politischem Kannegießen und daran, daß sie teils den jüdischen Repräsentanten der Kriminalität ein liebevolles Relief ver-; leihen, teils ihre Zahl um ein Erkleckliches vermehren helfen. Der! Kniff, mit dessen Hilfe dies geschieht, besteht einfach darin, daß man; Vollblut-Arier als Juden bezeichnet. Von diesen und ähnlichen Liebhabereien wird nur dann abgewichen, wenn fick ein Ereignis j vollzieht, das den christlich-sozialen Machthabern besonders weh- * tut und sie schmerzlich daran gemahnt, daß die freien Berufe; des Romanschriftstellers, der lyrischen nnd dramatischen Poeten! durch keinerlei Wahlgeometrie zum monopolisierten Alleinbesitz! ihrer Anhänger umgestaltet werden können. Ja, vorderhand heißt es^ sich noch mit der Verstadtlichung * der Tramway, der englischen Gasaktien, der internationalen; Elektrizitäts-Gesellschaft rc. bescheiden, noch sind nicht alle Blütenträume gereift. Die Universität und die Theater, mit Ausnahme ■ eines einzigen, die in Wien erscheinenden Zeitungen der Kommune 1 zu unterordnen, muß einer späteren Zeit Vorbehalten bleiben. Kein Machtgebot Luegers oder Geßmanns kann die Erteilung des; Grillparzer-Preises au einen Inden verhindern und da nützt auch; kein Veto Weiskirchners. Aber zumindest muß doch dem „Deutschen; Volksblatt" die Galle überlaufen, es verfällt in Raserei, wird! pathologisch nnd bringt in diesem Zustand Dinge vor, die ein; wunderliches Gemisch von bewußten'Unwahrheiten und Verlogen- ■ heiten und von ehrlicher Unwissenheit und krasser Ignoranz j darstellen. Grillparzer hat den Preis aus eigenen Mitteln gestiftet, „er, der nie eine'Zeile lasziven Inhaltes veröffentlicht, und Schnitzler, der Pornograph, der die Sexnal-Auekdoten seines „Reigen" aus ersichtlicher Lust am Gemeinen verfaßt, erhält diesen? Preis", so klagt der Kritiker Vergausis in einer am 28. Jänner j unter dem Titel „Von Grillparzer zu Schnitzler" verj offentlichten literarischen Exkursion. Daß ein Dichter not-! wendig selbst gemein sein müsse, wenn er das Gemeine > schildert, daß er selbst räuberische Gelüste habe, wenn er die j „Räuber" versaßt, scheint dem „Volksblatt" festzustehen. Einer! solchen Kunstanschanung, einer solch seltsamen Logik zufolge muß der „süße Schwan von Avon" eigentlich kein solcher, sondern ein Tiger gewesen sein, da er Ungeheuer, wie Richard III. und Makbeth zu schaffen imstande lvar. Den Vorzug der Neuheit hat diese Theorie der Volksblatt-Banansen nun keineswegs. Goethe mußte nach Wielands Tode diesen gegen den Vorwurf der Frivolität in Schutz nehmen. Wieland hatte einfach versucht, deutschen Liebesgeschichten, nach französischem Vorbild, ans Pikante streifende, gallische Leichtigkeit und Zierlichkeit als Würze znznsetzen, war aber in seinem Privatleben durchaus einwandfrei. Schnitzler kann leichtlich nur den Drang gefühlt haben, ein modernes nnd treues Sittenbild zu schaffen. Ich will freilich eingestehen, daß mein Pulsschlag kein beschleunigtes Tempo aufweist, wenn ich den Namen Schnitzler höre, aber beileibe nicht ans abersinnigen „Volksblatt"-Gründen. Der moderne Zug der sogenannten psychologischer! Analyse, der medizinische Studien über Psychopatlne in der Literatur nutzbringend verwerten will und sich so geberdet, als könne er damit Herz und Nieren prüfen und in die geheimste Eutstehungsstätte menschlicher Gefühle nnd Empfindungen mit Röntgenstrahlen dringen, er allein verdirbt mir jeden Appetit an dem zeitgenössischen Schrifttum. Hier berührt sich die Tangente meines Urteils über Schnitzler flüchtig mit jener des „Volksblattes". Muß gerade Grillparzer es sein, der Schnitzlern mit dem Goldklang von 5000 Goldkronen Musik macht, Grillparzer, der einst in ein Album geschrieben: Nur weiter geht das tolle Treiben, Von vorwärts! vorwärts! erschallt das Land; Ich möchte, wärs möglich, stehen bleiben, Wo Schiller und Goethe stand. Das „Volksblatt" spottet über Raoul Auernheimer, der sich freue, daß der Grillparzer-Preis endlich an einen Oesterreicher gekommen. „Schnitzler ist der Sohn eines eingelvanderten ungarischen Juden, der zufällig in Wien geboren wurde. Oder noch besser gesagt, ein Jude hat den Preis bekommen und nun ist die Angelegenheit endlich auf dem richtigen Wege". ..Zufällig" ist gut. „Zufällig", mein liebes „Volksblatt" — ach, ich muß es leider apostrophieren und das schmerzt mich — „zufällig" ist entweder alles, oder nichts. Wenn es nichts als reiner Zufall ist, daß Schnitzler die 5000 Kronen schmunzelnd in die Tasche streicht, und daß er in Wien geboren, wenn es nämlich nicht ans göttlichem Ratschluß und nach dem Willen einer höheren Macht geschieht — welche Annahme aber der christlichen Anschauung widerspricht — so ist ja auch der Umstand willkürlich und zufällig, daß die Vorfahren der in Wien hausenden Arier nicht seinerzeit um ein Häusl weiter gezogen und etwa nach Stammersdors gewandert sind.