Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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:?ri Sette 8. Die Wahrheit Nr. 5- S t r a ch, aus. Der mit reichem Beifall belohnten Rede folgten meisterhaft vorgetragene Dichtnngen durch den Herrn Sekretär Fleischer, der unter dem Titel „Das Judentum in der Weltliteratur" in hinreißender Art eine Auswahl der besten Gedichte, die Juden und Judentum behandeln, zum Bortrage brachte. Im folgenden Konzerte ernteten Frl. Fritzi Steiner (Klavier) und Herr Paul Engländer (Violine) reichen Beifall. Die Veranstaltungen finden jeden Samstag statt. Die künstlerische Leitung der Konzerte liegt in den bewährten Händen des Herrn Kommerzialrates Bast und seines tüchtigen Sohnes Herrn Ingenieur B aß. Am 1. Februar spricht Herr Oberlehrer L. Riesenfeld'über das Thema: „Von Maria Theresia bis zum jüngsten Katholikentags Beginn der Vorträge lj2S Uhr. Wien. Der „Jüdische Bildüngs- und Geselligkeitsverein für den XVI. und XVII. Bezirk" veranstaltete Dienstag, den 21. Jänner d. I., im Ziehrersaal des Etablissements Stalehner zur Eröffnung seines zweiten Vereinsjahres eine literarische Akademie und fügte hiedurch den im Vorjahre erzielten Erfolgen einen neuen hinzu, lieber 400 Personen füllten den Saal und folgten den durchwegs glänzenden Darbietungen mit lebhaftem Interesse. Den Abend eröffnete der Ehrenpräsident des Vereines, Herr Rabbiner Dr. I. M. Bach, mit einer zündenden, von jugendlichem Feuer durchglühten Ansprache, in welcher er die Ziele des Vereines klarlcgte. Die glänzende Rede rief jubelnde Begeisterung hervor und als Dr. Bach zum Schluffe seiner Ansprache einen Midrasch in meisterhafter Weise rezitierte, wollte der Beifall nicht enden. Mit großem Erfolg spielte hierauf Herr Ernst Hohenberg in virtuoser Weise Klavierstücke von Liszt und Strauß. Stürmischen Jubel erweckten die glänzenden Gesangsleistungen des Fräulein Pienes, einer Schülerin der bestbekannten Gesangslehrerin Frau Fun k - F r e u n d. Die junge Künstlerin, welche sicherlich bald einen hervorragenden Platz in der Küustlerwelt einnehmen wird, sang, von Fräulein Jenny Frank am Klavier sehr brav begleitet, mit selten klangvoller Stimme die „Pagenaric" aus Mozarts „Figaro" und das entzückende „Er liebt mich" von Maillard. Die reizende Sängerin wurde durch stürmischen Beifall stets zu neuen Zugaben gezwungen. Nach der Pause las Herr Walter T e i n o w i tz sehr stimmungsvoll. Heines „Belsazar" und Moris Rosenfelds „Sturm", welch' letzteres die Zuhörer sichtlich ergriff. Der als glänzender Künstler schon längst bekannte Violinvirtuose, Herr Konzertmeister Z i m b l e r, erweckte hierauf durch den Vortrag von Vieuxtemps „Polonaise", sowie besonders durch die unübertreffliche Technik, mit welcher der Künstler die Zigeunerweisen spielte, enormen Beifall. Zum Schluß sang Herr K i r s ch n e r, ein prächtiger Bassist, die Arie aus Verdis „Hugenotten" sowie ein italienisches Lied, welches sehr gut gefiel. Durch diesen Abend hat der junge Verein neuerlich den Beweis erbracht, daß auch ein jüdischer Bürgerverein hübsche Erfolge erzielen kann, wenn er nur den guten Willen hat und den richtigen Weg einzuschlagen weiß. Literatur. Dr. Adolf Kohut. I. David Friedrich Strauß als Deuker und Erzieher, mit 7 Gravüren, Leipzig, Alfred Kröncr 1008. H. Aerzte als Staatsmänner, Diplomaten und Politiker, Berlin, Verlag der Berlinischen Verlagsanstalt, G. m. b. H., 1908. Der Verfasser des erstgenannten Werkes bemüht sich, anläßlich des hundertsten Geburtstages (27. Jänner 1908) den großen Theologen und Bibelkritiker David Friedrich Strauß als Denker und Erzieher dem Bewußtsein der Gegenwart näher zu bringen, indem er auf Grund des gesamten bisher erschienenen Materials den Nachweis zu erbringen sucht, daß der heute beinahe Vergessene einer der scharfsinnigsten Denker und Religionsphilosophen des 19. Jahrhunderts war. Wir können aber unseren Zweifel nicht unterdrücken, ob die Zeit schon gekommen, ist, da wir David Friedrich Strauß — um das von ihm selbst einmal' gewählte Bild zu brauchen — wie eine hohe Bildsäule vor uns anfstellen können, die wir rings umwandeln, um sie von allen Seiten und Gesichtspunkten zu betrachten. Noch immer zeigen sich nicht in monumentaler Ruhe die Züge des Mannes, deffeu letztes Werk so vielfältigen Widerspruch und Streit hervorgerufen hat, wie sein erstes. Der Kreis der Erscheinungen, in welchen er seine Kraft betätigt hat, muß zum Abschlüsse gediehen sein, bevor seine Züge die sichere Hand des Bildners festzuhalten vermag. So hat Strauß selbst von einzelnen seiner Vorgänger Porträts hinterlaffen, an denen spätere Kunst kaum wird etwas auszubeffern haben. Sie standen in jeder Beziehung entfernt genug, um sich von allen Seiten der prüfenden Betrachtung darzubieten. Die See scheint uns aber leider noch immer zu stürmisch bewegt, die Gegenwart zu voll von klaffenden Gegensätzen zu sein, um einer so überragenden Erscheinung, wie David Friedrich Strauß, von allen Seiten gerecht zu werden. Möge umsomehr die von warmer Liebe und echter Begeisterung erfüllte Schrift zur längst notwendigen Klärung das ihrige beitragen. In der zweiten Schrift macht der unermüdlich tätige Antor im Anschluß an seine frühere Schrift „Ernstes und Heiteres von berühmten Aerzten, Apothekern und Naturforschern" den interessanten und wenn wir nicht irren, ernsten Versuch, die Aerzte auch in ihrer Eigenschaft als Staatsmänner und Diplomaten Revue passieren zu lassen. Die Leser dieses Blattes dürften vor allem jene Ausführungen interessieren, welche gewidmet sind Chasda'i ben Isaak Jbn-Schaprut, Jsak ben Salomo Israeli, Jbn Schalbis, Maimonides, Salomon Aschkenasi, Sigmund Spitzer, Adolf Fischhof, Jacob Eduard Polak, Emin Pascha (Eduard Schnitzler), Johann Jacoby und — Max Nordau. Wer söhnte Aeindel Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Wie von schwerer Last befreit, atmete Goldenkron erleichtert auf, als ihm bedeutet wurde, die Aerzte mögen Zurückbleiben, da sich ein verhältnismäßig großer Teil der eben angekommenen Mannschaft marode gemeldet hatte. Viele waren schon vor einigen Tagen erkrankt, hatten aber ihr Leiden tapfer überwunden, um nicht des erhofften Sjegeseinznges verlustig zu werden, manche aher waren der Anstrengung des heutigen Tages erlegen. Jetzt forderte, die Natur ihr Recht, und die selbst ermüdeten Aerzte Mußten nun, anstatt der notwendigen Erholung nach den letzten fast übermenschlichen Anstrengungen zu finden, von neuem ihren Dienst antreten. Es war ihnen große Aufmerksamkeit empfohlen worden, denn die grause Begleiterin des Krieges, die hohläugige Cholera, war hie und da aufgetaucht, und es galt jetzt diesen heimtückischen Feind zu bekämpfen und zu besiegen, wozu oft mehr Mut gehöret, als sich den feindlichen Kugeln entgegenzustellen. Trotzdem fühlte sich Goldenkron glücklich, daß die Stunde des Wiedersehens mit den Seinen aufgeschoben wurde. Er, die verkörperte Rechtlichkeit, war heute das böse Gewissen, so daß selbst diese kurze Gnadenfrist ihn ruhiger stimmte. Siebentes Kap i tel. Bei anhaltendem Dienst war dem Doktor Goldenkron dieser erste Tag in der Heimat nur zu bald verstrichen. Der kurze heiße Sommer war einem frühen rauhen Herbst gewichen und empfindlich kühl strich der Wind durch die heute mehr als je belebten Gassen- Goldenkron, der im Dienste von einem Kollegen abgelöst wurde, warf seinen Mantel um und rüstete sich, den Weg in sein Heimatshaus anzutreten, wo ihn die beiden Frauen, Tante Hanna und Base Dora, sicherlich den ganzen Nachmittag schon erwartet hatten. Im Hausflur begegnete er dem alten Dienstmädchen, welches er schon als Kind gekannt und lieb gehabt hatte. „Endlich, Herr Doktor," rief diese freudig aus. „Wir warten den ganzen Tag auf Sie, Tante glaubte schon, daß Sie heute nicht mehr kämen, und ging, vom vergeblichen Warten ganz nervös geworden, in ihr Schlafzimmer." „Konnte nicht abkommeu, liebes Riekchen," sagte der Doktor, „gehen Sie, bitte, die Tante fragen, ob ich sie in ihrem Schlafzimmer anffuchen soll, oder ob sie ins Wohnzimmer zu mir kommen kann. Für mich ist wohl Platz bei Euch, Rieke?" „Und wie, Herr Doktor werden schon schauen, was Tante aus Ihrem Erkerstübchen gemacht hat, ein reiner Blumengarten ist es." Und fort war die Schwätzerin, der Dame des Hanfes den späten Gast zu melden. Dieser selbst war in das Wohnzimmer getreten, nicht ohne vorher fromm die Hand auf die an dem Türpfosten befindliche Mesufa gedrückt und dann zum Munde geführt zu haben, um auf die Stelle der Finger, welche den Namen Schadai berührt hatten, einen Kuß zu hatlcheu. Ein nicht in Worten gekleidetes, aber dem tiefsten Herzen entquollenes Dankgebet richtete er in diesem feierlichen Momente der Wiederkehr aus blutigem Kriege an den unendlichen Schlachten- und Schickfalslenker- Und nicht nur ein Dankgebet, sondern auch die Bitte um Kraft und Selbstüberwindung, um fein gegebenes Wort voll und ganz erfüllen zu können, um die Dankbarkeit, die er seiner Wohltäterin schuldig, nicht zu verletzen. Mit diesen Gefühlen war er ins Zimmer getreten, welches festlich geputzt war und zeigte, wie sorgfältig mqn sich hier auf seine Ankunft vorbereitet hatte. Er hatte auf fein vorheriges Anklopfen keine Antwort erhalten, denn das Zimmer war leer; diejenige, die er drinnen zu sehen erwartete, fehlte. Wqs . ist das, wo isttDora? Beim Einzuge in die Stadt hatte er sie nicht gesehen", selbst die schwatzhafte Rieke hatte immer nur von der Tante gesprochen, ohne Dora zu erwähnen?! Viel Zen über diesen ihm rätselhaften Umstand nachzudenkssn, war ihm nicht geblieben, denn die Türe, die in das anstoßende Schlafzimmer der Tante führte, wurde hastig aufgerissen und herein stürzte eine kleine ältliche Dame in einem weiten, schneeweißen Negligee, ein zierliches Häubchen auf den schwarzen, schon stark mit weißen Fäden durchzogenen Hagren. (Fortsetzung folgt.)