Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 5. Halmi Deutsch Sändor, sowie unserem technischen Rate, I Herrn Architekten Wilhelm Freund, unseren besonderen Dank ' ausspreche, mit der Bitte, uns noch sernerhin ihren so schätzenswerten Beistand zu leihen. Es ist nicht leicht, Ihr Herren, das Wollen und Können stets harmonisch in Einklang zu bringen. Der beste Vorsatz kommt oft ins Wanken und sonnige Milde laut frostige Vorsicht weg — zum Wohle der Leidenden, in unserem Falle! Wir huldigen nicht dem Spruche, die Rechte dürfe nicht wissen, was die Linke tut, uns schwebt vor, daß beide Hände bewußt tätig sein müssen, um ersprießlich zu wirken, denn nur wenn die eine sorgsam schaltet und maltet, schasset und trachtet, kann unentwegt und ungelähmt die andere ihrer edlen Bestimmung Segen verbreitend Nachkommen. Lex mihi charitas! Uns ist die Wohltat Pflicht! Doch fördert datternd Heil nur jener Kreis, wo Kopf und Herz vereint zu Rate sitzen, und sind und bleiben wir auch stets bedacht, uns den gebotenen Mitteln anzupassett. — Diesmal kommt es an uns unwiderstehlich heran und pocht gewaltig an und mahnt, dem hohen Sinn der Chewra Kadischa und unserem eigenen Empsinden Raum zu geben dahin, daß dieser Bau nicht an die harte Linie der Hospitalsnotwendigkeit herabsinke. Dies Haus, es ist bestimmt, die letzte Zuflucht, die letzte Heimat Verlorenen, Unglückseligen zu bieten, Menschenkindern, denen kein Hoffen winkt, kein Stern blinkt. An uns isfts also, unseren Schützlingen, den arg Enterbten des Geschickes, ein tröstendes Asyl zu schaffen, licht, warm und heimlich, daß sie bald inne werden, wie liebreich Brudersorge hier gewaltet und Menschenliebe ihrer fühlend denkt. Des großen Dichters herrlich Wort klingt auf vor uns in schmerzlicher Bedeutung: „Hier mußt du leben, hier auch sterben, kein anderer Platz ist dir gegönnt." Was draußen sonst dem frohen Menschen das Dasein schenkt an Lust und Freude, was ihm an fröhlichem Genießen die heitere Stunde bringt, — für sie kein Trost im Zeitenwechsel — sie siechen hin im Dämmern der Entbehrung, erdrückt von harter Lebenslast. Für sie lacht kein Lenz, blaut keitt Himmel, kein Traum von kommendem Glücke! Kein Sonnenstrahl dringt in ihr Herz und umspielt es mit goldenen Bildern von Wiedergenesnng, von endlicher Rückkehr ins wogende Leben; hier bleibt ihm die Sendung versagt und die Macht, geschnürte, gefolterte Seelen vom Banne des Elends zu lösen. Legi Mitleid in die ungerechte Wage, gewähret, was Ihr könnt, dem Jammer zu begegnen, daß nicht der Alp der Mitschuld uns bedrücke, so großes Weh stumm angeblickt zu haben. Gott der Herr wird gnädig uns betrachten, gute Meuschen werden helfend beistehen, daß dieses Haus erstehe zu seinem Ruhme und noch in späten Zeiten Zeugnis gebe von der erhabenen Dignität der Chewra Kadischa! Und wenn erst dies vollettdet, dann winken lockend neue, schöne Ziele. Mit frommem Eifer gehen wir rastlos weiter, und so es uns gelingt, den edlen Samen wohltätigen Sinnes in warme, weiche Herzen auszustreuen, dann reift uns Gottessaat in reichen Garben und unser Trachten wird zur heiligen Tat! Schon ward uns Beistand von hochherzigen Männern und andere werden unseren Ruf vernehmen. S i e aber sollen uns als Pflüger dienen, den Boden ringsumher zu lockern, für dies Bemühen will ich Sie heute gewinnen, Ihr gutes Herz für unser Tun entfacheil, daß Sie teilnehmend uns begleiten, der guten Sache Ihre Hilfe leihen, daß unter des Allgütigen hohem Schutze in naher Zeit dies neue Denkmal den Ehrenpfad der Chewra Kadischa schmücke und ziere. Mit diesem Wunsche schließe ich die Sitzung" Die Rede des Präsidenten wurde mit großer Begeisterung und Eljenrufen ausgenommen. Response« des Rabbi Ijak be« Imannel de Kotos. Von Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Ist das aber gerecht? Verdient ein Mann, dem das Glück nicht hold sein wollte und der es daher trotz aller Gelehrsamjkeit, trotz der schönsten Fähigkeiten nicht vom Volksschullehrer bis zum Universitätsprofessor bringen konnte, deshalb verurteilt und geschmäht zu werden? Wir haben ja aus der Geschichte Beweise genug, daß „lau lachackoiuim leecköl“ gerade die hervorragendsten und begabtesten Gelehrten, es zu keiner rechten Stellung bringen konnten und ihr Leben lang mit Mangel und Not mannigfacher Art zit kämpfett hatten. Der geniale R. Abraham Jbn Esra, der sich als Talmndist, Exeget, Philosoph, Mathematiker, Astronom, Sprachforscher und Dichter ausgezeichnet, hatte bis an sein Lebensende mit Not und Elend zu kämpfen. „Ich unterlasse keine Mühe," rief er einmal aus, um die Neichtümer zu erwerben, allein die Sterne sind mir nicht hold. Möchte ich mit Leichengewändern Geschäfte machen, würde niemand sterben. Würde ich mit Kerzen handeln, so möchte die Sonne gewiß mein Leben lang nicht untergehen." Einmal versuchte er es, in einer großen Stadt an die Munifizettz eines einflitßreichen Mannes, der dort an der Spitze der Gemeinde stand, zu appellieren. Als er eines Tages dort vorsprechen wollte, wurde er nicht vorgelassen, denn der Herr, so sagte ihm der Amtsdiener, sei ansgeritten. „Nun, so werde ich halt abends kommen," sagte er zu dem Famulus jenes Machthabers. Als er abends wieder dort erschien, war es ihm wieder nicht gegönnt, zur „Audienz" vorgelassen zu werden, denn, hieß es, „der Herr pflege der Ruhe". Da schrieb der unglückliche Jbn Esra an die Türe dieses „Allgewaltigen" die Worte: „Paam rauchew, paam schauchew, auj leodorn scheen lau kauchew." Dessenungeachtet erfreute er sich der allgemeinen Hochachtung und niemand hat es gewagt, ihn, der ein Wanderleben führte, einen „herzitgelausenen Halbrabbiiter" zu nennen. Rabbi Josua Ben Chananja, von dessen Mutter R. Jochanan b. Sakkai sagte: „Heil dir, die ihn geboren", lebte in sehr drückenden Verhältnissen; er mußte sich von feinem Handwerke — er war nämlich ein Nagelschmied — kümmerlich ernähren. Als einst R. Gamliel II. ihn, den Nagelschmied, den er früher einmal im Lehrhanse einer freimütigen Aeußerung wegen tief verletzt und gedemütigt hatte, besuchte, um sich mit ihm zu versöhnen, begrüßte er ihn, den Schmied, mit den Worten: „Die geschwärzten Wände deines Hauses zeugen, daß du ein Schmied bist, der bei Kohlenglut arbeitet." „Traurig genug," entgegnete ihm Ben Chananja, „daß du das erst jetzt erfährst. Wehe der Generation, deren Vertreter du bist, denn du hast ja gar keinen Begriff von ben großen Leiden, denen die Weisen preisgegeben sind." R. Gamliel erwiderte: „Ich gestehe ein, daß ich dir Unrecht getan habe, nichtsdestoweniger glaube ich der Erwartung Raum geben zu dürfen, daß tut mir die dir zugefügten Beleidigungen vergeben werdest," welchem Wunsche R. Josua auch bereitwilligst ensprochen hatte. Man sieht also, daß selbst der stolze Patriarch R. Gamliel sich vor dem armen Nagelschmied, seiner hohen Gelehrsamkeit wegen, gebeugt hatte. Bei dieser Gelegenheit kann ich es nicht unterlassen, zu bemerken, daß das Gesicht des Ben Chananja von den Fenerfnnken, die ihm bei der Arbeit oft in dasselbe flogen, verunstaltet war. Eines Tages rief ihm die Tochter des Kaisers, die sich seiner 'hohen Weisheit und seltenen Klugheit wegen mit ihm oft unterhielt, ohne zu wissen, daß er ein Schmied sei, spöttisch zu: „Welch ein unansehnliches Gesäß für soviel Weisheit." „Wo bewahrt ihr denn den Wein?" entgegnete ihr der fromme Rabbi. „In gewöhnlichen Gefäßen von Tott, wie tausend andere Leute es tun," war ihre Antwort. „Aber für ench am königlichen Hofe," erwiderte der kluge Rabbi, „sollte der Wein in silbernen und goldenen Gefäßen ausbewahrt werden." „Du scheinst nicht ganz unrecht zu haben," sagte die Prinzessin. Sofort erteilte sie den Befehl, daß der Wein in silbertte und goldene Gefäße gefüllt werde. Allein nach kurzer Zeit wurde der Wein sauer. Der Fürst, hierüber sehr entrüstet, erkundigte sich bei seiner Tochter nach dem Ratgeber mtb als er erfuhr, daß Ben Chananja es gewesen sei, der seiner Tochter diesen famosen Rat erteilt hatte, ließ er ihn vorladen, um zu erfahren, was ihn eigentlich veranlaßt hatte, sich einen solchen dem Könige so großen Schaden verursachenden Scherz zu erlauben. „Herr," antwortete Josua Ben Chananja, „deine Tochter glaubte mich nteiner Häßlichkeit halber beleidigen zu können, so versuchte ich, ihr es be-