Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5. Die Wahrheit Leite 5. Einfluß als die herrschende Norm des Verhältnisses beider Geschlechter zu einander. In einer Gesellschaft, die die Vielmännerei als gesetzliche Einrichtung besitzt, ist die Eifersucht gänzlich unbekannt, obschon die Männer im übrigen dort ganz so organisiert sind wie in monogamisch gegliederten Gesellschaften. In einer Versammlung von Frauenrechtlerinnen hörte ich hier einmal eine feurige Nednerin ausrusen: ,Ter Anspruch des Mannes auf das Recht, das Weib und seine Gefühle zu monopolisieren, ist genau so barbarisch wie der indische Brauch der Witwenverbrennung^." Mancher wird vielleicht geneigt sein, dieser Anschauung nicht mit voller vernichtender Schärfe der Aburteilung entgegenzutreten, wo es sich lediglich um „die rückblickende Eisersucht" und um die Forderung handelt, der Mann habe sich ilm das, „was vor der Besitzergreifung lag," nicht zu kümmern, obwohl sich auch dagegen viel sagen ließe, jeder billig denkende aber wird die ganze Wucht seiner moralischen Entrüstung dafür anfsparen, daß er nach Nordau gehalten sei, „seiner Eifersucht in dem Maße Zügel anzulegen. in w elchem die Frau neue Rechte gewinn t." Und sie gewinnt sie ja mit jedem Tage, unsere kulturelle Entwicklung bewegt sich ohne Zweifel in dieser Richtung. In Finnland haben die Frauen schon das aktive und passive Wahlrecht, in England macht sich eine ähnliche starke Strömung geltend.. Alsofort mit dem „mystischen Begriff der Alleinherrschaft über den Leib und die Seele eines Weibes, dieser starr logischen Entwicklung des Gedankens der Monogamie!" Dieses veraltete, unmoderne Gebot des Monotheismns und ferner das der Monogamie konnte wohl in grauer Vorzeit aus dem Boden Palästinas hervorkeimen, paßte vielleicht auch für damalige primitive Zustände. Jetzt aber sind sie altes Eisen. Weg in die Rumpelkammer mit solchen Sätzen, wie folgende: Bete Götter nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsuchet der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, die mich Haffen. 2. Mose 20, 5. 5. Mose 5, 9. Du sollst nicht ehebrechen. Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weib. Was ist das fiir ein finsterer Gott, der sich die Alleinherrschaft über Leib und Seele eines ganzen Volkes anmaßt und Liebe erzwingen will, noch dazu mit so schrecklichen Drohungen? Zu diesem seinem Ebenbilde erschuf er Adam, und seine Nachkommen verlangen demzufolge von ihrer Eva dieselbe entwürdigende Unterwerfung. Da stand der alte Hellene der Moderne doch viel näher. Kommt, laßt uns die Antike mit ihrem frohen Lebens- und Sinnengenuß erneuern, laßt die herrliche olympische Götterwelt zum neuen Dasein erstehen! Ich frage, darf ein Mann, der bei den Zionisten eine führende Rolle inne hat, so sprechen? Denn er sagt es ja nicht sehr zwischen den Zeilen, man braucht seinen Worten nicht Gewalt anzutnn, um sie in diesem Sinne zu deuten. Die Zionisten werden ihn trotzdem nicht abschütteln, obwohl der Gedanke gigantesk und grotesk zugleich anmntet, aus dem klassischen Boden streng züchtiger Sexualethik, in Palästina, etwa die tibetanische B i e l m ä n n e r e i zu errichten und die Leser der Presse werden schmunzeln, so droht denn Nordau gar keine Gefahr. O tempora, o mores! Der köstliche Nordau spricht nur von männlicher Eifersucht, als gäbe es keine solche der Frauen. Wenn die Eifersucht wirklich ein arrogiertes Herrenrecht des brutalen Mannes darstellte, wie käme das geknechtete Weib zu der angemaßten Rolle der Eifersüchtigen? Wie wäre eine Medea möglich? Doch Pardon! Medea war keine edle Griechin, sondern eine barbarische Skytin. Nein, so steht die Sache nicht! Ich glaube, wie sehr auch die äußeren Formen menschlichen Zusammenlebens in Zukunft wechseln mögen, die Einehe wird stets die Funktion einer Konstanten üben, wird stets als unverwelkliche Blüte menschlicher Selbstzucht, menschlicher Moral bestehen bleiben, es wäre denn, daß unserem Planeten beschieden sei, den tiefen Niedergang in Kommunismus und freie Liebe zu schauen. Die Berufung auf Tibet — nebenbei bemerkt — dem einzigen Beispiel von Polyandrie, ist äußerst unglücklich und ignorant zugleich. Tibet, das höchste Bergland der Erde, mit der Kolossalerhebung des Hymalaja beherbergt zufolge seiner physischen Beschaffenheit (2000 bis 3000 na über dem Meere) die ärmste Bevölkerung der Welt. Dieser Ausnahmsstellung ist auch die exzeptionelle Einrichtung der Ehe zuzuschreiben. Der Mann kann sich dort den Luxus einer Gattin nicht leisten, so nehmen denn mehrere eine solche. Falsch aber wäre es, zu glauben, dort herrsche Zügellosigkeit der Sitten und vollständige Unkenntnis der Eifersucht. Der ob seiner Belesenheit oft beräucherte Nordau kennt offenbar Gutzkows liebliche idyllische Erzählung „Maha-Guru" nicht, sonst klängen seine Behauptungen weniger zuversichtlich. Mir beweist der Fall aber Eines: Wenn jemand zu den glücklichen Besitzenden gehört, es zu Ansehen und Reichtum gebracht, so kann er ans dem Gipfel angelangt, es kühnlich wagen, an Verachtung und Mystifikation der Menschen das Aenßerste zu leisten. Ein Rokkefeller durch Roosewelt gereizt, vernichtet und schädigt nngestraft die wirtschaftlichen Kräfte der ganzen Welt, ein Lueger frißt die Jndäomagyaren und Uuiversitätsprofessoren ans und ein Dalai Lama der Journalistik und Schriftstellerei schreibt den abersinnigsten Unsinn zusammen, alles dies, ohne daß die träge Masse auch nur mucken würde, und ohne daß sich ans der Reihe der Berufenen und Mächtigen jemand zur Abwehr meldete. Die Knntenhiebe von Unrecht und Willkür sausen täglich ans die Rücken hinunter, die Menschheit hat sich daran gewöhnt. wie der Esel, der zur Mühle geht; ein Meer von Tinte und Druckerschwärze ergießt sich täglich in die Hütleit der Armen und in die Paläste der Reichen, und die Menschheit hat sich daran gewöhnt, daß ihr bischen Intellekt es täglich schlucke, bis er dereinst darin total ersäuft sein wird. 8. Yineta. Pester Cljciuvn Kadischa. In der am 21. d. M. abgehaltenen, vielbesuchten Ansschnßsitznng der Chewra Kadischa nahm Herr Präsident Julius W int erb erg seinen Sitz mit folgender wirkungsvoller Rede ein: „Geehrte Herren vom Ausschuß! Wenn ich Sie seit der letzten Sitzung vom 14. Oktober bis znm heutigen Tage nicht hier empfangen habe, so unterblieb dies lediglich deshalb, weil nichts vorlag, was Ihrer Approbation bedurft hätte. Länger aber wollte ich doch nicht zögern, als nengewühlter Vorsitzender Sie, meine Herren vom Ausschrtß zu begrüßen, und dies umsomehr, als sowohl meine Freunde im Vorstände, tvie auch ich darauf bedacht sind, mit Ihnen, verehrte Herren, in lebendigem Kontakte zu bleiben und an Sie zu appellieren, wenn' es zur Beleuchtung tlnd Beratung auftauchender Fragen von Gewicht dienlich erscheint. Mein erstes Wort gilt heute dem edlen Toten, den wir vor wenigen Tagen erst bestattet, den jeder liebte, der ihn nur gekannt, dem guten, braven Menschen Sigmund K o h n e r! Er stand im Vorderkreise aller Ehren, die ihm gebührten, als unserer Besten einer, sein höchster Ruhmestitel aber war. daß ihn die Armen kannten und ihn liebten, und echte, heiße Tränen sind nach ihm gefloßen. Er ruhe sanft, so sanft wie er gelebt, er ruh' in Frieden, wie er friedlich lebte! Die Chewra Kadischa hat ihrem Schmerze und der großen Verehrung für den Verschiedenen damit Ansdruck verliehen, daß wir ihm korporativ das letzte Geleite gaben und an die schwergeprüfte Familie ein Kondolenzschreiben richteten. Und mit Ihrem Einverständnisse beantrage ich, daß sein Andenken in unserem heutigen Protokolle verewigt werde und wir bestimmen, daß in voller Würdigung feiner freundschaftlichen Gesinnung für uns, wie nicht minder in hoher Schätzung seiner vornehmen Persönlichkeit sein Namen für alle Zeiten in der Haskarah der Chewra Kadischa genannt werde. Et nunc ad fortissimum — ich spreche vom Szeretethäz! Das von Ihnen exmittierte Komitee hat seiner Mission mit unermüdeteni Fleiße und reger Tätigkeit entsprochen und es zu Stande gebracht, daß nichts uns hindert, bei anbrechender günstiger Zeit definitiv an den Ban zu schreiten; alle Vorkehrungen sind im Zuge und die Delail-Ausarbeilung in Vorbereitung. Ich begegne sicherlich Ihrem Wunsche, wenn ich den Herren vom Baukomitee, insbesondere dem Präsidenten- Herrn