Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3063418-3063423--05273-3072182- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4. Die Wahrheit Nr. 5. einzelne verpuppt sich und spinnt sich ein; jede einzelne steist sich aus ihre Spezialitäten. Das hat man uns gerade bei der Regierung gesagt, als es sich um Einführung eines allgemeinen und einheitlichen Lehrplanes handelte. Die Regierung kennt kein einheitliches Judentum als Religionsgesellschaft, sondern nur ein in Hunderte Kultusgemeinden gespaltenes; ein Konglomerat und keinen Krystallkörper. „Die Autonomie der Gemeinden darf nicht tangiert werden." so lautete der immer wiederkehrende Bescheid der Herren im Ministerium. Und sie soll auch nicht aufgehoben werden. Soll es aus vielen, ernsten, tiefliegenden Gründen nicht. Das darf und kann jedoch kein Hindernis für eure „Organisation der Juden i n Fv r m einer auerkanntenIud enverfassun g" sein. Selbstverständlich ist hier unter „Judenverfassung" überall nur jene für Kultusfragen wichtige, staatlich anerkannte Verfassung gemeint, wie sie bereits Katholiken und Protestanten in unserem Staate besitzen. Mau wird sagen: Die Juden in Oesterreich lassen sich vermöge der Verschiedenheit in der Anfsassung ihrer Religionsbetätiguug nicht zu einer Einheit bringen. Aber dann muß man auch den Mut besitzen, zuzügeben, daß beispielsweise ein gewaltiger Teil der Juden in Oesterreich — wie überall — überhaupt wenig religiöse Bedürfnisse hat; daß die Intelligenz und die gut Bürgerlichen, d i e R e i ch e n n n d Gesät t i g t e n v o m I u d e n t u m a l s R e l i g i o n, wie ü b e rh a n p t v o n einer Religion in vielen Fällen nichts wissen w o l l e n. Vorläusig kennt aber die Staatsregierung das Judentum offiziell von keiner anderen Seite denn als „Re l i gi o n s g e s e l l s ch a f t", die „jüdische Ratio n" ist staatlich noch nicht anerkannt. Bei dieser Gelegenheit muß auf den furchtbaren Widerspruch hingewiesen sein, der dadurch geschaffen wird, daß mau dem Judentum die Notwendigkeit der Religion abspricht, wenn doch der Staat es ausschließlich als Religion kennt und würdigt, und die K u l t u s g e m e i n d e jede Berechtigung und» jeden Sinn verliert, wenn der erste Teil ihres Titels ..Kultus" bestritten wird. Und Kultus ist und bleibt „religiöses Wesen" und „Einrichtungen i m D i e n st e der Religion". Es sei denn, daß Gleichgesinnte sich etwa über eine andere, als die überlieferte Form desKultus einigen und ihreForderungen demgemäß stellen — oder daß sie sich „jüdische Gem ein de" nicht aber „Kn ltus g em ei n d e" nennen. Zunächst aber steht dieser sehr wichtige, aus Unehrlichkeit und oft aus Mangel an Mul nicht zur Diskussion gestellte Fall nicht in Verh andl u n g. Vorläufig haben wir es mit Knltnsgemeinden und mit Juden zu tun. die sich — wenigstens offiziell — dem Glauben sbekenntuis nach Juden nennen und als solche zu Gemeindeoerbänden vereinigt haben. Es steht also einer Organisation nichts im Wege als der bis nun vermißte, ehrliche, sittliche Wille aller. D e r K a m p f d e r Orthodoxen m i t d e n Liberalen i u D e u t s ch l a n d m u ß a u ch für O e st e rr e i ch belehrend sein. Es darf keine Partei vergewaltigt werden, Alle Schattierungen sollen Rücksicht finden und durch spruchbefugte Vertreter zu Worte kommen. Die Juden Galiziens können — das wäre kein Unikum in unserem Verfassungsleben — separat behandelt werden. Einen Kampf haben wir eigentlich in Oesterreich nicht. Wohl deshalb, weil wir überhaupt k e i n rechtes Leben haben. Wir haben keine Reformer, die mit Macht eingreifen und keine Konservativen, die eine mächtige Partei wären. Unser Judentum ist e b e n b l u t l e e r n n d unklar; unser Judentum i st k r a f t l o s und weder religiös noch national; unser Judentum braucht Kraft und Mut; unser Judentum braucht Kraft zum Bejahen und Mut zum Verneinen; unser Judentum braucht Männer v o n eiserner U e b e r z e u g u n g sfeste und von einer Tatkraft, die auf großer, erkannter Tradition ruht; unser Judentum kann keine -Schwätzer brauchen, die Pfauenräder schlagen; unssr Judentum schreit nach Einheit u n d V e r e i n i g u n n g, wie der Hungrige nach Brot, wie der Durstige nach Wasser. Und es wird verhungern und verdursten, wenn wir nicht aufwachen und nur ruhig weiter predigen und lehren; predigen in leeren Synagogen und lehren vor tauben Ohren. Wenn auch aus dieser Organisation nicht gleich das Heil erblühen wird. Es wird doch ein Lebenszeichen sein von einem lebendigen Körper, den jetzt so Zahllos e i n st n m p f e m G l e i ch m n t für t o t, Z a h l r e i ch e a b e r m i t S ch m e r z u n d K u m m e r f ü r k r a n k. totkrank halten. Und ich bekenne, daßich zu den Zahlreichen gehöre. Mar Morda«. Oft schon wollte ich meine Stimme gegen Nordau erheben. Ich bin mir selbst nicht recht klar darüber, warum ich dies stets nnterlassen; die Gründe hiefür wollen sich aus dem Dunstkreis der Imponderabilien, auch jetzt, da ich dies schreibe, nicht zu plastischer Deutlichkeit und mit fest umrissenen Konturen gestalten. Der Manu verleugnet nicht gerne die Ideale seiner Jugend, mit Bangen und Bedauern bemerkt er, wie Stück um Stück des Heldenkostüms von seinem Heros abfällt, wie das, was er unbedingt und rückhaltslos gepriesen, ehrlich bewundert hatte, nur schöner Schein, ein gaukelnd schillerndes, rhetorisches Spiel mit Begriffen gewesen. Wars wirklich nur eitler Tand, wars immer nur Rausch- und Flittergold, was Nordau geschrieben? Um auf diese Frage ehrliche Antwort zu geben: Nein! Auch vor dem gereifteren kritischen Blick bleibt genug Edelmetall bestehen, welches selbst seine unglückseligen Aufsätze in der „Neuen Freien Presse", mit denen er es gerne desavouiren möchte, nicht außer Kurs zu setzen vermögen. Ich erinnere mich noch heute mit Entzücken an seine kttnst- und literaturrichterlichen Urteile, die wie eine aus härtestem Stahle gefertigte Damaszenerklinge alles niedermähten, was befangener und kurzsichtiger Enthusiasmus als sakrosankt, im Staube angebetet. So scheute ich denn, aus einem sentimentalen Gefühl der Dankbarkeit heraus, der Dankbarkeit für viele erlesene ästhetische Genüsse, Hand an den Urheber derselben zu legen, zumal es ja Angriffsobjekte, so zahlreich und billig wie Brombeeren gibt, an die mich kein Verschuldet- und Verpflichtetsein ketten. Attaquen von fremder Seite, unter atideren eine von dem Engländer Bernhard Shaw mußten kommen, um bei mir die letzte Schranke der Pietät niederzureißen. Und ein vor wenigen Wochen in der Presse erschienenes Feuilleton „Der Andere", in dem er ein französisches Stück kritisierte, mußte hinznkommen, um dem Faß den Boden anszuschlagen. Man urteile selbst über die folgende Schlußbetrachtung des Aufsatzes: „Die rückblickende Eifersucht ist kein Urtrieb, sondern ein sekuttdärer Instinkt, der sich erst unter dem Einfluß gesellschaftlicher Einrichtungen und Sitten entwickelt hat. Das tierische Element daran ist bloß das Verlangen nach dem aktuellen Alleinbesitz des Weibchens; was aber vor der Besitzergreifung lag, das ist der brutalen Begierde gleichgiltig, die Nebenbuhler zum Kampf auf Leben und Tod entflammt. Auf den Urtrieb pfropfen sich die Eitelkeit des Männchens, eine Hypertrophie des Selbstgefühls im Verhältnis znm Weibe, eine bis zur Mystik getriebene Erweiterung des Begriffes der Alleinherrschaft über den Leib, die Seele, das Leben eines Weibes, eine starr logische Entwicklung des Gedankens der Monogamie. So entsteht eine Anschaitnngs- und Gefühlsweise, der die Vorstellung unleidlich ist, daß das Weib einem anderen Manne angehört haben köitne, und wenn es jetzt noch so liebend, treu, ergeben, vorbehaltlos ist, wenn es jetzt noch so vollständig in dem einen Herrn ihrer Tage und Nächte aufgeht. In dem Maße aber, wie die Frau neue Rechte gewinnt, müssen die Herrscheransprüche des Mannes zurückweicheu und muß er seiner Eifersucht Zügel anlegen. Die Verbreitung, die Stärke, der Umfang, die Gntheißnng der Eifersucht ist geradezu der Maßstab der Franenrechte in einer gegebenen Gesellschaft. Das natürliche Temperament der Individuen hat darauf weit weniger