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Die Wahrheit · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 4. Akademie der Wissenschaften an Stelle des greisen Freiherrn Rochus von Liliencron zur Leitung der Allgemeinen Deutschen Biographie berufen hat, hat jetzt seine Dankesschuld für das Vertrauen, das ihm einst der Sterbende bewiesen, durch eine in langjähriger liebevoller Arbeit herangereiste, groß angelegte Biographie abgetragen: Berthold Anerbach. Der Manu — sein Werk — sein Nachlaß. (Stuttgart, I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger 1907. X u. 450 S. Preis 8 Mk.) Gerade recht kommt dieses biographische Denkmal, einmal um den durch den rasch wechselnden Strom der literarischen Tagesmode etwas in Vergessenheit geratenen Bolksschriftsteller Auerbach der Mitwelt wieder ins Gedächtnis und auf die ihm zlikommende Stelle zu rücken; mehr noch beinahe, um den an seltenen Eigenschaften so ungewöhnlich reichen Menschen zum ersten Male in seinen Kämpfen und Leiden, seinem Suchen und Wirken nach Verdienst zu würdigen. Ohne alles bengalische Rotfener, ohne jede Ueberschätzung der im Werte ungleichen und zum größeren Teile heute verblichenen Produktionen Auerbachs, ohne Uingehnng seiner mancherlei kleinen menschlichen Schwächen, hat Bettelheim mit vollkommener Beherrschung des weitschichtigen Materials und Erschließung unbekannter Quellen ein Lebensbild von größter Treue und Geschlossenheit geschaffen itnd, vom literargeschichtlichen Verdienst ganz abgesehen, das erstrebte Ziel jedes Biographen erreicht, daß niemand sein Buch aus der Hand legen wird, ohne seinen Gegenstand buchstäblich lieb gewonnen zu haben. Etwas von dem gewinnenden Persöulichkeitszauber, den Auerbachs helles und frisches Wesen, seine Herzensgute und Menschenliebe ans alle üble, die ihm näher traten, ist auch auf diese Darstellung seines Lebens und Schaffens übergegangen und nimmt selbst den widerstrebenden oder in Vorurteilen befangenen Leser in seinen Bann. Hier ist natürlich nicht der Ort, die literarische Bedeutung von Auerbachs Lebenswerk an der Hand seines Biographen nachzuprüfen und abznschätzen, wieviel davon heute nach einem oder zwei Menschenaltern noch lebendig ist und zu sein verdient. Was uns näher liegt und stärker interessiert, ist Auerbachs Menschentum und die — man darf ohne Uebertreibrmg so sagen — wahrhaft vorbildlich schöne Art, wie er sein Judentum und fein Deutschtum innig itnd unlösbar zu verschmelzen wußte, ohne je auch nur mit einem Atemzuge sich selbst und seinen Ueberzeugungen untreu zu werden. Von diesem Gesichtspunkt aus bietet seine Biographie so viel des Idealen, daß man sie schön allein um deswillen in recht vielen Händen sehen möchte. Mehr, als Hunderte von Büchern und Flugschriften zur „Lösung der Judenfrage" beizutragen vermöchten, lehrt der Lebens- und Werdegang dieses unverfälscht deutschen Juden das verstehen, was von hüben wie von drüben nottut. Besonders in zwei Epochen seines Lebens hatte Auerbach Gelegenheit und Veranlassung, den noch herrschenden Zwiespalt zwischen Deutschtum und Judentum an sich selbst wahrzunehmen und sein ganzes Fühlen dadurch bestimmt zu sehen: in seinen jungen Jahren bis etwa zum Beginn der Dreißig; dann wieder in den letzten paar Jahren vor seinem Tode, als die neu auskeimende antisemitische Bewegung ihre häßlichen Schatten ans seinen zu Ende gehenden Lebensweg werfen sollte. Auf dem Lande als neuntes Kind eines vielgewanderten Handelsmannes geboren und in kleinsten Verhältnissen herangewachsen, lernte der kleine Baruch in seinem Heimatsdorfe, wo mehr als ein Drittel der Einwohnerschaft aus Juden bestand, wenig von den Ghetto-Empfindungen kennen, die sonst wohl den ärmeren Kindern seines Glaubens nicht erspart bleiben. „Die Nordstetter," erzählt er selbst gelegentlich, „halfen einander ohne Unterschied der Konfession," und als der Junge eines Tages von halbwüchsigen Rowdies der nahen Amtsstadt Horb verhöhnt und mißhandelt wurde, übernahm die christliche Dorfjugend von Nordstetten das Rächeramt. Mit dreizehn Jahren mußte der zum Rabbiner bestimmte Knabe eiue Talmudschnle beziehen und kam zunächst auf das seit 1803 bestehende Seminar lBeth-Hamidrasch)indemhohenzollernschenResidenzdorfeHechingen; da aber die Mittel der Eltern auf die Dauer nicht ausreichten, die kleine kümmerliche Pension zu bezahlen, schickte man ihn 1827 nach Karlsruhe, wo ein besser bemittelter Onkel von ihm lebte und wo er zugleich mit den rabbinischen Studien als Hospitant das Lyzeum besuchen konnte. Hier, wo er ganz auf Freitische und die Hilfe wohltätiger Glaubensgenossen angewiesen war, ohne je seine Kinderfröhlichkeit zu verlieren, lernte er seinen entfernten Verwandten Jakob Auerbach kennen, der dann sein Lebensfreund und der Adressat der vielbewunderten „Briefe an Jakob von Berthold Auerbach" werden sollte. Dieser Briefwechsel, der bis zu Bertholds Tode dauerte, begann 1829, als der verspätete Lyzeumsschüler nach der eigenen Landeshauptstadt Stuttgart übersiedelte, um hier endlich unter vielen Sorgen um den knappsten Lebensunterhalt sein Maturitütsexameu zu bestehen. 1832 konnte er die Universität Tübingen beziehen und zu Füßen Ludwig Uhlands und David Friedrich Straußens sitzen, aber nur zwei Semester, dann veranlaßten ihn politische Beunruhigungen, die in jener Zeit der Burschenschaftsverfolgungen an der Tagesordnung waren, seine Studien nach München zu verlegen, wo er verhaftet, aber bald wieder freigelassen wurde. Er war der Teilnahme an den burscheuschaftlichen Bestrebungen verdächtig, mußte sich in Tübingen dem Richter stellen, wurde von der Universität verwiesen und hatte nach mehrjähriger Untersuchung 1837 eine mehrmonatliche Festungshaft aus dem berüchtigten Hohenasperg abzusitzen, wobei es ihm allerdings wesentlich glimpflicher erging, als vordem seinen Landsleuten Schubart und Schiller. Ehe es dahin kam, hatte der relegierte Studiosus in Heidelberg eine neue alma mater gesunden. Die Mittel dazu verschaffte er sich durch eiue für den Stuttgartner Verlag Scheible verfaßte, in Lieferungen erscheinende Geschichte Friedrichs des Großen. Der Theologe Danb und der durch seine Weltgeschichte bekannte Historiker Schlosser waren in Heidelberg seine speziellen Lehrer, und hier hatte der junge Auerbach zum ersten Male Gelegenheit, für sein Inden- und Deutschtum mutig einzutreten. Danb hatte im Kolleg einige judenseindliche Bemerkungen einfließen lassen, worauf Auerbach ihn aussuchte und sich offen darüber beklagte. Danb verwies auf .seine nächste Vorlesung, sagte aber in dieser u. a., die Juden wollten heutzutage immer nur Rechte, aber keine Pflichten übernehmen, keine Kriegsdienste leisten und nur Christenblut vergießen lassen; deshalb könnten sie auch nie und nimmer Rechte erlangen. Darauf begaben sich mehrere jüdische Studenten mit Auerbach als Sprecher zu dem berühmten Dozenten, um seine Behauptungen zu widerlegen, und da er sie aufgebracht anließ, erklärten sie, sein Kolleg fortan nicht mehr betreten zu wollen. Infolge seines politischen Prozesses konnte er nicht zum Examen zugelassen werden, und so erwiesen sich alle seine theologischen Fachstudien in letzter Stunde als vergeblich. Es blieb ihm nur übrig, als Literat seinen Unterhalt zu fristen, und die erste Schrift, die der Vierundzwanzigjährige mit seinem Namen veröffentlichte, war die Broschüre „Das Judentum und die neueste Literatur. Kritischer Versuch von Berthold Auerbach" (Stuttgart 1836), deren Inhalt bei aller Unsertigkeit und Gespreiztheit der Form als erstaunlich gedanken- und zukunftsreich bezeichnet werden darf. „Auf vier Bogen", sagt sein Biograph, „setzt sich der junge Auerbach nicht nur selbständig und streitbar mit Vergangenheit und Gegenwart, Freunden und Feinden des Judentums auseinander; sicher und kraftvoll kündet er kommende Entwicklungen ans deutschem Boden an, die erst durch die Lebensarbeit des mit herangewachsenen Geschlechtes in Staat und Wissenschaft, in Kunst und Gesellschaft Wahrheit werden konnten und sollten." Schon hier offenbart sich der bezeichnende und später noch schärfer zutage tretende Gegensatz Auerbachs zu Hein e. Dessen Verherrlichung der „selbsttrunkensten Subjektivität der weltentzügelten Individualität der gottsreien Persönlichkeit mit all ihrer Lebenslust" lief Auerbachs Natur schroff zuwider. Mit anderen Gleichstrebendeu, mit Abraham Geiger und dem edlen Gabriel Rießer vereinigte ihn der ehrliche und warme Wunsch, den Glauben und die Sitten des deutschen Vaterlandes ehren und mit Erhaltung des selbständigen Glaubens dem Vaterland ihre Kräfte weihen zu dürfen. Im Gymnasium und auf der Universität waren ihm Geist und Charakter der neuen jüdischen Generation vertraut geworden, und von den Besten war ihm bekannt, daß sie weder Schutzjuden der Mendelssohnzeit, noch Trutzjuden vom Schlage Börnes und Heines, sondern deutsche Vollbürger werden, an allen Pflichten und Rechten deutschen Gemeinlebens teilhaben wollten. „Gestützt auf das

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