Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Leite 6 Die Wahrheu Nr. 4. auzustreben. Für den Unterricht in tschechischer Sprache soll in entsprechender Weise gesorgt werden. Endlich wird beschlossen, daß der „Bund ' die einleitenden Schritte behufs Durchführung der Gesamlverfassung der Jndenschasl Oesterreichs so bald als möglich zu unternehmen habe. Der Vorstand beschließt in diesem Sinne. 3. Organisierung des Rechtsschutzes in Gemeinderechtsfragen. Der Sekretär verliest den nachfolgenden Bericht: Obgleich die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinden in Oesterreich gesetzlich geregelt erscheinen, ergeben sich dennoch allznhäufig Fälle, in denen jüdische Gemeinden sich in ihren Rechten verletzt fühlen und gezwungen sind, den Rechtsweg zu betreten. Diese Prozesse, die oft ans Rechtsunkenntnis entstehen, haben in vielen Fällen nicht bloß Verlust an Gemeindegeldern, sondern mitunter auch tiefergehenden Unfrieden in der Gemeinde zur Folge. Insbesondere sind es die vielen Landgemeinden, die in ihren Schul-, Bethaus-, Friedhof-, Stiftungs-, Gebührenrecht- und anderen jüdisch-kommunalen Fragen sehr oft des Rechtsschutzes bedürfen. Es wird demnach vorgefchlagen: Der „Bund" organisiert in Ausübung feiner Statuten (§ 1. P. 7) eine Rechtsschutz-Sektion ausschließlich für jüdische Gemeinde- und Kultnsrechtsfragen. Diese Rechtsschutz-Sektion soll dem Rechtsfchutzbureau der „Oesterr. israelitischen Union", dessen Leistungen auf dem Gebiete des Privatrechtsschutzes anerkannt werden müssen, in keiner Weise Konkurrenz machen. Der Vorstand beschließt ohne Debatte im Sinne des Referates und beauftragt das Präsidium, zur Durchführung des Beschlusses das Nötige zu veranlassen. 4. Geschichte der Juden in der österreichischungarischen Armee. Zu diesem Punkte lag der nachfolgende Präsidialvorschlag vor: Zit den häufigsten Verläumdungen der Judenfeinde gehört die unwahre Behauptung, daß die Juden für den Militärdienst ungeeignet und demnach auch unfähig feien, höhere Posten im Heere zufriedenstellend auszufüllen. Die Geschichte der österreichisch-ungarischen Armee liefert uns unzählige Beweise für die Unwahrheit dieser Ausstreuungen und für die Tüchtigkeit und Tapferkeit, welche den jüdischen Soldaten in allen Rangstufen, im Frieden sowohl, wie im Kriege auszeichneten. Noch zu einer Zeit, da die -Juden in Oesterreich und Ungarn keine Bürgerrechte genossen, haben sie sich, so viel ihnen der Heeresdienst zugänglich war, um die österreichischungarische Armee verdient gemacht, und wo ein Kriegerdenkmal die Heldentaten unserer Regimenter verkündet, sind sicherlich auch Namen heldenmütig gefallener jüdischer Soldaten anzutreffen. Die diesbezüglichen Daten sind bis jetzt nicht gesammelt worden und dennoch ist ihre Sammlung und übersichtliche Veröffentlichung niemals von so eminenter Wichtigkeit gewesen, wie gerade in der jetzigen Zeitströmung, da sich das Bestreben geltend macht, die Juden aus den höheren Positionen im Heere zu verdrängen. Präsident teilt hiezu mit, daß mit der im Referate erwähnten Arbeit der ihm bestens empfohlene Schriftsteller Mauricius Frühling bereits seit einiger Zeit beschäftigt ist. Herr Frühling erhält vorläufig den Auftrag, das für die erwähnte Arbeit notwendige Material zu sammeln. Das gesammelte Material soll einem fachwissenfchaftlichen Komitee, eventuell der „Historischen Kommission" der Wiener Kultusgemeinde zur Begutachtung vorgelegt werden. Auf Grund dieses Gutachtens wird erst ein Beschluß darüber gefaßt werden, ob der „Bund" die Arbeit heransgeben soll oder nicht. Herr Frühling dürfte mit feinen Vorarbeiten im Sommer fertig werden, so, daß die Arbeit als Jubiläumswerk noch in diesem Jahre zur Ausgabe gelangen könnte. Es ist natürlich, daß Herr Frühling, der seine ganze Zeit ausschließlich dieser Arbeit widmet, über die Dauer der Vorarbeiten eine entsprechende Subvention erhalte. Der Vorstand nimmt das Referat und den Bericht des Präsidenten zustimmend zur Kenntnis. 5. Regelung des jüdischen Archivwesens in Oesterreich. Hiezu lag das folgende -Referat vor: In jüngster Zeit zeigt sich bei einzelnen Landesregierungen das Bestreben, eigene Landesarchive anzulegen. Zu diesem Zwecke ergehen an die Bewohner der betreffenden Länder Aufrufe mit der Aufforderung, Familienarchive, Familiendoknmente und sonstige historische Denkmale dem Landesarchive einzuverleiben. In den letzten Tagen erst hat die Bnkowinaer Landesregierung in Czernowitz einen ähnlichen Aufruf erlassen. So förderungswürdig ein solches Unternehmen an sich auch sein mag, so steht doch andererseits zu befürchten, daß, wenn jüdische Familien, Vereine oder Einzelpersonen solchen Aufforderungen bedingungslos Folge leisten, eventuell wichtige jüdische Dokumente so in Verstoß geraten und unrichtig katalogisiert werden könnten, daß sie für die Spezialforschung der Geschichte der Inden in Oesterreich unzugänglich würden. Es besteht aber auch die Gefahr, daß bei Sichtung des einlanfenden Materials manches, was für die Juden Oesterreichs kulturhistorische Bedeutung besitzt, von Seite der von anderen Gesichtspunkten ausgehenden Leitung des Landesarchivs vielleicht gar der Vernichtung anheimfallen würde. Es wird nun vorgeschlagen: Es fei eine Aktion einzuleiten, deren Zweck es wäre, sämtliche jüdische Gemeinden zu veranlassen, in ihrem Wirkungskreise die Sammlung von Dokumenten, Briefen u. f. w>, die auf das Leben der Juden Bezug haben, vorzunehmen. Das so gewonnene Material wäre ungesichtet an die „Jüdisch-historische Kommission" der entprechenden Landeshauptstadt zu senden. In Landeshauptstädten, in denen noch keine historische Kommission besteht, wäre eine solche nach dem bewährten Muster der bei der Wiener Kultusgemeinde bestehenden . historischen Kommission zu gründen. Diese historischen Kommissionen sichten, katalogisieren und verwahren das eingelangte Material in einem eigenen „jüdischen Archive". Die jüdischen Archive der einzelnen Länder kommunizieren mit einander in der Form, daß sie zumindest vierteljährlich einmal die Verzeichnisse des im. abgelaufenen Zeitabschnitte eingelangten Materials untereinander austauschen. In der Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Sonnenschein, Dr. G. Kohn und Dr. Schanzer beteiligten, wird darauf hingewiesen, daß von verschiedenen Seiten bereits Versuche zur Errichtung jüdischer Archive gemacht wurden, die jedoch alle erfolglos blieben. i Nichtsdestoweniger wurde beschlossen, daß der „Bund" noch! einen Versuch in dieser Richtung unternehme, und über die Erfolge der nächsten Vorstandssitzung Bericht erstattet werde. Zum Schluffe wurden die Herren Dr. S. Schaff, Präsident der Lemberger Kultusgemeinde, und Reichsratsabgeordneter Dr. N. Loewenstein-Lemberg einstimmig in den Vorstand kooptiert und beschlossen, den Bundestag wenn möglich für Ende Februar oder anfangs März dieses Jahres einzuberufen. Die nächste Vorstandssitzung wurde auf den Tag vor dem Bundestage festgesetzt. Kertholb Anerbach nnd bas Judentum*). Fünfundzwanzig Jahre waren im Februar d. I. verflossen, seitdem Berthold Auerbach, fast siebzigjährig, im fernen Cannes die Augen zum letzten Schlummer schloß und dann auf dem jüdischen Friedhöfe seines schwäbischen Heimatsdorfes Nordstetten neben seinen Eltern und Geschwistern zur Erde bestattet wurde. Wenige Stunden vor seinem Tode hatte er noch klaren Geistes letztwillige Verfügungen getroffen, durch die die Ordnung und Verwertung seines gesamten literarischen Nachlasses neben seinem Sohne Eugen, seinem Vetter Jakob und seinem Freunde Friedrich Spielhagen, dem jungen Schriftsteller Dr. Anton Bettel heim übertragen wurde. Dieser, den erst unlängst die Kgl. bayerische *) Aus den „Mitteilungen" des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, Berlin.