Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4. Die Wahrheit Seite 5. Oberrabbiner Dr. Gäbe m a n n : Zur Schaffung solcher > Wohlfahrtseinrrchtungen, wie die in Rede stehende, gehört vor j allem Begeisterung. Die Begeisterung eines einzigen Menschen! hat oft schon Wunder gewirkt. Die Versorgung der Gemeindei beamten und ihrer Witwen und Waisen ist ein so humaner Zweck, daß er wohl mit dem Jubiläumsjahr in Verbindung gebracht werden könne. Dr. S ch a n z e r: In Böhmen existieren 192 Gemeinden, von denen bloß ungefähr 20 lebensfähig sind. Der Religionsunterricht liegt in Böhmen im Argen. Der israelitische Gemeindebund für Böhmen erwägt nun die Frage, ob während! -des Jubiläumsjahres Sammlungen für den Pensionsfond oder j zur Errichtung einer Lehrerbildungsanstalt und eines Prosej minars in Böhmen veranstaltet werden sollen. i Landesschulrat Dr. Gustav K o h n: Die Errichtung eines! Proseminars ist sicherlich sehr erwünscht, aber dringender er-! scheint gegenwärtig die Regelung der Pensionsfrage. Biller-Graz meint, die Frage der Versorgung der I Gemeindeangestellten durch Schaffung eines Pensionsinstitutes - sei schon deshalb so rasch als möglich zu lösen, weil, wie be-! kamst, in absehbarer Zeit das Gesetz über die Privatbeamten-; Versicherung ins Leben treten luirb und daher den Gemeinden nahegelegt werden müßte, daß es auch, für sie zweckdienlicher sein werde, diese Versichernngspflicht im Wege eines eigenen . Pensionsinstitntes nachzukommen. G l e s i n g e r - Teschen fürchtet, daß bei dem Mangel an Begeisterung eine Aktion in der angestrebten Richtung nicht den erwünschten Erfolg zeitigen würde. Außerdem will jede Gemeinde , aus Anlaß des Kaiserjnbilüums selbst etwas schaffen, wodurch! sie hinlänglich belastet würde. Dr. Sonnenschein- Troppau ist der Ansicht, daß : das Gesetz über die Versicherung der Privalbeamten abgewartet werden müsse. Die Sammlung eines Pensionsfondes für jüdische; Gemeindeangestellte würde nicht von dem erwünschten Erfolge! begleitet werden, da hiezu Millionen erforderlich wären. Der Präsident saßt hierauf die geäußerten Meinungen , in Folgendem zusammen: Das Bureau wird beauftragt, ein! allgemeines Pensionsstatnt auszuarbeiten und der nächsten Vorstandssitznng vorzulegen. Hernach wären die Gemeinden unter? Hinweis auf das bevorstehende Gesetz über die Beamteuversicherung; zum Beitritte aufzufordern. Auch die böhmischen Gemeinden sind ' einzuladen, das allgemeine Pensionsstatut suppletorisch in Anspruch zu nehmen. Von einer Verbindung dieser Aktion mit dem Jubiläumsjahr wird mit Rücksicht auf die Kürze der zilr Verfügung stehenden Zeit Abstand, genommen. Der Vorstand beschließt in diesem Sinne. 2. Einheitlicher Lehrplan für den Religionsunterricht. Der Referent schlägt vor, daß den Gemeinden ein Lehrplanentwurf vorgelegt werde, in welchem der Lehrstoff nach unten und nach oben abgegrenzt erscheint. Eine Einheitlichkeit des Lehrplanes dürfte bei der Verschiedenheit der religiösen Auffassung, die in den einzelnen Gemeinden vorherrscht, kaum durchzuführen sein. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n: Die Einheitlichkeit des Lehrplanes könnte mit Rücksicht aus die Autonomie der einzelnen Kultnsgemeinden in der Bestimmung des Lehrplanes nur mit Zustimmung aller Gemeinden erreicht werden; ebenso auch die Einheitlichkeit der Lehrbücher. Was die Schaffung einer Lehrerbildungsanstalt für ganz Oesterreich betrifft, so übersehe Dr. Schanzer, daß die Wiener Kultnsgemeinde, ehe sie an die Errichtung ihrer Lehrerbildungsanstalt schritt, sich an sämtliche Kultnsgemeinden gewendet hat. Nur weil das Rundschreiben ohne nennenswertes Resultat blieb, entschloß sich die Wiener Kultusgemeinde, eine Lehrerbildungsanstalt ausschließlich für Wien ins Leben zu rufen. Er befürchte, daß auch eine neuere Aktion behufs Gründung einer Lehrerbildungsanstalt für Oesterreich an dem Widerstande der böhmischen Gemeinden scheitern werde. Dr. Sonnenschein: Ein einheitlicher Lehrplan wird insolange undurchführbar bleiben, als wir nicht in einheitlicher Richtung herangebildete Religionslehrer haben werden. Daher sei vor. allem die Errichtung einer Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich notwendig. Die böhmischen Gemeinden würden seiner Ansicht nach keine besonderen Schwierigkeiten machen, wenn auch.auf große Beträge seitens der Gemeinden nicht gerechnet werden darf. Dr. Schanzer ist für die Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes, wenigstens in fakultativer Form. Das Unterrichtsministerium würde eine solche Aktion sicherlich gerne sehen nnv auch unterstützen. Da die Wiener Kultusgemeinde jetzt an einem einheitlichen Lehrplan für Wien arbeite, so wäre die Fertigstellung dieses Lehrplanes abzuwarten. Der „Bund" sollte dann diesen Lehrplan sämtlichen Gemeinden zusenden. Bezüglich der Lehrerbildungsanstalt meint Redner, daß Prag durchaus keine partikularistischen Ziele verfolge liub die Idee einer separaten Anstalt sofort aufgeben würde, wenn in Wien eine solche Anstalt für Westösterreich entstünde, in tvelcher auch den sprachlichen Anforderungen der böhmischen Gemeinden durch Anstellung eines tschechischen Lehrers Rechnung getragen würde. Der „Bund" möge die Aktion in die Hand nehmen, und Redner will seinen ganzen Einfluß entsetzen, um die böhmischen Gemeinden für die Sache zu gewinneu. Er ist schließlich der Ansicht, daß die Gemeinden die auf sie entfallenden Beitrüge für eine solche Anstalt in ihren Budgets ausnehmen können. Glesiuger vertritt den Standpunkt, daß die Schaffung einer solchen Anstalt die würdigste Form nuire, das Kaiserjnbilänm zu feiern. Er ist dafür, daß ans diesem Anlasse ein Fond zur Errichtung von Stipendien für Zöglinge dieser Anstalt gesammelt werde. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n schließt sich ganz den Ausführungen des Herrn Dr. Schanzer an. ist jedoch nickt der Ansicht des Herrn G lesinger, da man nicht gut für Stipendien an einer Anstalt sammeln könne, die noch gar nicht vorhanden ist. Er bemerkt schließlich, daß die Anstalt nicht gerade in Wien errichtet werden müsse. Sollten die Gemeinden sich jedoch für Wien entscheiden, so könnten sie der weitestgehenden Förderung seitens der Wiener Gemeinde sicher sein. Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n: Das Pochen auf die Autonomie der Gemeinde erweist fick oft als Hindernis für die weitere Entwicklung der Gemeinden selbst. Das hat sich auch bei dem Versuche, in der Schechitafrage einheitlich vorzugehen, deutlich gezeigt. Den Worten nach schließt sich Redner den Ausführungen des Herrn Schanzer an. Ein einheitlicher Lehrplan wäre gewissermaßen das Protoplasma, aus dem eine Lehrerbildungsanstalt entstehen und eine Einigung zwischen den Gemeinden herbeigeführt werden könnte. Das wichtigste Prinzip bei der Ausarbeitung des Lehrplanes wäre jedoch die unbedingte Beibehaltung des Hebräischen im Religionsunterrichte. Wilhelm Pappen heim ist für die Ausarbeitung eines Lehrplanes im Sinne des Referates. Er ist auch dafür, daß die Oberrabbiner der größeren Gemeinden ersucht werden, sich über die Art und den Inhalt eines Lehrplanes zu äußern. Landesschulrat Dr. Gustav K o h n hält die besondere Heranziehung der Rabbiner deshalb für überflüssig, weil die einzelnen Gemeinden ihre Entscheidungen betreffend den Religionsunterricht stets nur nach einer Beratung mit ihrem Rabbiner zu treffen pflegen. Aufklürend bemerkt Redner, daß, wenn in allen den vorliegenden Aktionen von der Beschaffung der nötigen Geldmittel die Rede ist, hierbei nicht so sehr an die Belastung der Gemeinden, als an die Heranziehung der einzelnen Gemeindemitglieder durch Spenden gedacht sei. Bei dieser Gelegenheit spricht Herr Landesschulrat Kohn die Ansicht aus. daß der gegenwärtige Zeitpunkt besonders günstig wäre, die staatliche Organisierung der Juden in Form einer gesetzlich anerkannten Judeuverfassung durchzuführen. Der „Bund" solle die Aktion in die Hand nehmen. P r ä s i d e n t resümiert: Der Vorstand ist einmütig der Ansicht, daß ein Normal-Lehrplan für den Religionsunterricht mit besonderer Betonung des Hebräischen geschaffen nnd den westösterreichischen Gemeinden zugeschickt werden soll. Ferner ist die Ausgestaltung der Lehrerbildungsanstalt der Wiener Kultusgemeinde zu einer Bildungsanstalt für ganz Westösterreich, siir welche eine Subvention des Staates gefordert werden soll,