Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 4. Körperschaften wirken können...." Da nun im letzten Punkte die bisherige Autonomie den Orthodoxen zugesichert wird, ist der Widerstand der letzteren gegen den Jndentag nicht gut erklärlich. * * * Welche Schäden der Kamps zwischen Neologen und Orthodoxen herbeisühren kann, wenn er ohne .Rücksicht auf allgemeine, gemeinschaftliche Interessen geführt wird, das haben die Juden Deutsch l a n d s beim preußischen Volksschulunterhallnngsgesetz vom Jahre 1906, das am 1. April d. I. in Kraft tritt, erfahren. Den Bestrebungen des Verbandes der Deutschen Juden, der sich mit großer Rührigkeit dafür einsetzte, der Gleichberechtigung der Juden mit anderen religiösen Minderheiten auf dem Gebiete der Schule zu erringen, wurde von den süddeutschen Orthodoxen entgegengearbeitet, und so wurde, wie der Bericht der Herrenhanskommission ausdrücklich erklärt, „angesichts der Schwierigkeit einer Vereinigung beider Parteien von einer staatsgesetzlichen Ordnung des jüdischen Religionsunterrichtes nach dem Vorbilde des § 37 der Vorlage Abstand genommen." Für die Sache selbst ist es ganz gleichgültig, wen die Schuld trifft, jedeufalls ist, wie aus dem ausführlichen, von Felix Makowe r erstatteten Referate des Verbaitdes der Deutschen Inden hervorgeht, infolge der Uneinigkeit die bedeutsamste Gelegenheit, der jüdischen Religion auf dem so wichtigen Gebiete des Unterrichtes die gesetzliche staatliche Gleichberechtigung zu erringen, erfolglos vorübergegangen. i- * * Durch die traurigen Verhältnisse der letzten Jahre in Rußland sahen sich viele jüdische Fabriksarbeiter veranlaßt, im Auslande Arbeit zu suchen. Viele von ihnen fanden, namentlich in Süddeutschland, Anstellung in Fabriken, und ihre Arbeitgeber waren, wie allgemein versichert wird, durchaus zufrieden mit ihnen. In letzter Zeit aber gestaltet sich durch polizeiliche Maßregeln der Aufenthalt dieser Parias der menschlichen Gesellschaft immer schwieriger, und aus dem Großherzogtum Baden, wo man es am wenigsten erwartet hätte, kommen Klagen, daß diesen jüdischen Arbeitern die Existenz unmöglich gemacht wird.' Die Polizei fordert die Arbeitgeber direkt auf. diese Arbeiter zu entlassen, und droht mit der Ausweisung. Wir müssen gestehen, daß uns dieses rigorose Verfahren gegen Leute, die sich anständig ernähren und gegen die moralisch und politisch nichts vorliegt, absolut unbegreiflich ist. Wir würden es verstehen, wenn man revolutionäre Elemente ausweisen würde, aber harmlosen Leuten das Brot zu rauben, weil sie das Unglück haben, russische Juden zu fein, ist gewiß nicht im Sinne einer liberalen und gerechten Verwaltungspolitik. Die Anordnungen des großherzoglicheu Bezirksamtes sprechen freilich nicht von Juden, sondern von polnisch-russischen Arbeitern, aber — auf den Namen kommt es nicht an. Das Bezirksamt stützt sich auf eine Verfügung des Ministeriums des Innern vom 19. Februar 1900, diese Verfügung aber scheint erst feit zwei Jahren rigoros gehandhabt zu werden. Der Sinn der ministeriellen Verfügung ist wohl die Verhinderung der Einwanderung polnischer Elemente. Diese jüdischen Arbeiter aber wird kein vernünftiger Mensch als polnische Elemente bezeichnen dürfen, weil ihr Paß zufällig aus einer polnischen Stadt stammt. Sie verstehen meistens gar fein Polnisch, und nichts liegt ihnen ferner, als für polnisch-nationale Ideen Propaganda zu machen. Wir vermögen wirklich keine Gefahr für die Kultur Badens darin zu erblicken, daß fünf oder sechs russisch-jüdische Arbeiter iu Mannheim leben. Wenn auf den ostelbischen Gütern Tausende wirklich polnischer Landarbeiter sich aufenthalten können, ohne das Land zu gefährden, dann liegt wohl kein Grund vor, einigen jüdischen Arbeitern das Leben zu verkümmern. Sc- Das kanadische Ministerium versendet, wie aus Montreal berichtet wird, an die Regierungen aller Emigrationsländer eine Warnung vor der Auswanderung nach Kanada. Die Einwanderung fremder Elemente sei im gegenwärtigen Augenblick nicht ratsam und in Kanada auch nicht erwünscht. Deshalb seien Auswanderungslustige möglichst von der Reise nach Kanada zurückzuhalten! — Noch vor wenigen Monaten wurde von jüdischer Seite auch Kanada als das gelobte Land der Judenwandernng gepriesen. Nun ist's auch.damit nichts. Wohin nun, Ahasver? Allgemeiner österr.-israel. Änud. (Auszug aus d.em Protokolle über die Ausschußsitzung des „Allgemeinen österreichisch-israelitischen Bundes" vom 6. Jänner 1908 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Ster u.) Anwesend die Herren: Präsident Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, Wilhelm Pappenheim-Wieu, Dr. Schauzer-Pilseu, Dr. Sonnenschein-Troppau, Glesinger-Teschen und Biller-Graz. Entschuldigt haben ihr Fernbleiben die Herren: Dr. Fialla-Brünn, Dr. Tilles- Krakau, Hahn-Linz, Dr. Sachsl-Chrudim, Dr. Hilf-M.-Ostrau und Dr. Alfred Berger-Wien. Präsident begrüßt die Erschienenen und dankt ganz besonders den Herren aus der Ferne für die große Mühe, welcher sie sich unterzogen, tim trotz der kalten Winterszeit an der Sitzung teilzunehmen. Präsident stellt hieraitf dem Ausschüsse den neuen Sekretär des Bundes Herrn Jakob Krauß vor und fordert diesen auf, die einzelnen Referate zu erstatten. Hierauf wird in die Tagesordnung eingegangen. 1. Schaffung eines Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüdischer Kultusangestellter. Referent betont zunächst, daß den Herren Ausschußmitgliedern über die einzelnen Punkte der Tagesordnung ausführliche, schriftliche Referate zugegangen sind, weist auf die triste Lage hin, in welcher sich die meisten Angestellten der kleinen Kultnsgemeinden befinden tmd legt den Vorschlag vor: Der Ausschuß spricht sich prinzipiell für die Schaffung eines Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüdischer Kultnsangestellter, anläßlich des 60jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers aus und beauftragt das Bureau mit der Ausarbeitung der Verbandsstatnten, welche der nächsten Ausschußsitzung zur endgiltigen Beschlußfassung vorzülegen sind. In der Debatte macht Herr Dr. S ch a n z e r - Pilsen darauf aufmerksam, daß die Kultnsgemeinden Böhmens schon vor 15 Jahren ein Pensionsinstitut für die jüdischen Gemeindeangestellten ins Leben gerufen haben. Trotz aller Anstrengung sei jedoch dieses Jtlstitnt heute nicht in der Lage, seinen Pensionisten — deren es heute 60 gibt — mehr als 40 Perzeut des mit 1200 Kronen jährlich festgesetzten Pensionsnormales zu bewilligen. Die böhmischen Kultnsgemeinden würden das Jubilänmsjahr zur Sammlung für ihren eigenen Pensionsfond benützen und sich daher dem Reichsverbande kaum anschließen. Dr. Sonn ens ch ein-Troppau ist der Ansicht, daß es jetzt schon zu spät sei, die Schaffung eines allgemeinen Pensionsinstituts als Jubiläumsfchöpfnng in Aussicht zu nehmen. Es fehle auch jenes alle Gemeinden znsammenfassende Band, eine Organisation der jüdischen Gemeinden, welche die gesetzliche Macht besäße, auf die einzelnen Gemeinden einen Zwang ausznüben; ohne Zwang dürfte der Plan kaum realisierbar sein. Wilhelm Pappen hei in - Wien sieht das größte Hindernis für die Durchführbarkeit des Projektes in der Geldfrage. Besonders erschwert wird die Sache durch die Bemerkung des Herrn Dr. Schanzer, daß die böhmischen Gemeinden sich von einer solchen Aktion ausschließen würden. Im übrigen ist er dafür, daß vor allem ein solches Verbandsstatut ausgearbeitet und dem Ausschüsse vorgelegt werde. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn- Wien vertritt den Standpunkt,^ daß ein solches Pensionsinstitut geschaffen werden müsse, nicht nur deshalb, weil die meisten kleineren Gemeinden nicht in der Lage sind, ihre Beamten zu versorgen, sondern mehr noch deshalb, weil die Gemeinden dann ein qualitativ besseres Beamtenmaterial bekommen würden, als dies heute der Fall ist. Er ist auch der Ansicht, daß die Schaffung des angestrebten Pensionsinstitntes im Jubiläumsjahre kaum mehr durchzuführen sein wird, und schließt sich daher dem Anträge Pappenheim an.