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Die Wahrheit · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrcheit »Ubaftiou u. Vlbmmiftnitiou :• Wien.!]/, 3iol)flrnflniis 27. T.rltDÜon dr> Dinci-rc: 153t)i K. f. österr. Postsparkassa- Scheck-Konto Nr. 100.918. Dir viermal gesvalteue Itonvareilie-Äeile 2» Hcller. »Idouilciilclilr- ». JnjerllouSbelräae ftnb in Wie» zahlbar u»b klagbar. Unabhängige Heitschrift für jnötsche «v d& en. ArlÄeint jeden Areitag. »iloilo: „t)»L Lis^vl Oolii.88 181. w»t»rt»vlb!" Kerngs.pijet»: j Ganzjährig . . . 5t. U—; Halbjährig . . Jt 7 — i Für (£iiltu$bfumte: j;! ji | li'.HUI.IÜUvl tt I» ji! il Für VIJirltinD : | li i •UiuiMaoi-iti v 'jji.nr j j r»;)iitbe[ aber >>i ,icL. j Wien, 24 Jiinuer IÄ08 Inhalt: Aus der Woche. — Allgemeiner österr.-israel. Bund. — Berthold Auerbach und das Judentum. — Das Recht der freien Eheschließung. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Ans der Mache. Die Beschlüsse, welche jüngst im Wiener Gemeinderate betreffs Aktivierung der Widmung der im Vorjahre verstorbenen Franziska von Werthe imstein gefaßt wurden, die allerdings von edlen Motiven geleitet aber von jüdischen Gefühlen wenig beeinstnßt, ein reiches Erbe unter Verwaltung der Wiener Kommune stellte, hat die von uns schon wiederholt bedauerte Tatsache neuerdings in Erinnerung gebracht, daß vornehme, reichbegüterte Glaubensgenossen leider noch immer interkonfessionelle Institute, die besonders unter dem gegenwärtigen antisemitischen Regime den Juden fast gar nicht oder nur in sehr beschränktem Maße zu Gute kommen, mit der größten Freigebigkeit bedenken, während sie sich gegenüber speziell jüdischen Wohlfahrtseinrichlungen höchst zugeknöpft verhalten. Das jüdische Ferienheim, die jüdischen Frauen-, Mädchen- und Knabenhorte, der Verein für die Pflege armer brnstleidender Glaubensgenossen und wie all die schönen jüdischen Institutionen heißen mögen, müssen mit berechtigtem Neide auf zahlreiche dem Titel nach interkonfessionelle. aber im Geiste strengster konfessioneller Exklusivität geleitete Konknrrenzanstalten blicken, die mit jüdischen Geldern reich dotiert werden, während sie selbst fortwährend einen schweren Kampf zu -führen haben. Bei dem Umstande, daß viele Sprößlinge der alten, vornehmen jüdischen Familien dem jüdischen Leben vollkommen sernestehen, ist dies eigentlich gar nicht zu verwundern, und ivenn Krankheit und Siechtum sie mit dem Gedanken an das Scheiden ans dieser Welt vertrant machen, sind sie durch christliche Pflegerinnen so sehr in die christliche Atmosphäre eingesponnen, daß ihnen die Pflichten gegenüber ihren hilfsbedürftigen jüdischen Brüdern und Schwestern auch in diesen ernsten Momenten nicht zum Bewußtsein kommen. Schon. ans diesem Grunde ist es freudigst zu begrüßen, daß, wie in der jüngsten Budgetdebatte im Wiener Kultnsvorstande konstatiert wurde, das jüdische Pflegerinnen-Jnstitut in nicht allzu ferner Zeit sein segensreiches Wirken beginnen wird. Vielleicht wird durch die lindernde und zarte Hand einer jüdischen Pflegerin so manches zeitlebens vom Judentum ganz abgewendete Gemüt an jüdisches Elend und jüdische Not erinnert werden. - Die große Enquete, die gegenwärtig im Unterrichts- . Ministerium unter Vorsitz des Unterrichtsministers Dr. Marchet tagt, bildet gewissermaßen den Abschluß der langen Beratungen und öffentlichen Diskussionen über die geplante Umgestaltung der österreichischen Mittelschule. Der Vorgang der Oeffentlichkeit, der bei der Lösung dieser hochwichtigen Frage beobachtet wird. sollte auch seitens des Vorstandes der Wiener Knltnsgemeinde berücksichtigt werden, in dessen Schoße gerade zur rechten Zeit Beratungen über den jüdischen Religionsunterricht au den Mittelschulen gepflogen und Vorschläge zur Erzielung besserer Resultate diskutiert worden. Große Hoffnungen werden ans den neuen Lehrplan gesetzt, allein uns dünkt, daß nicht io sehr dieser, als j vielmehr die Tüchtigkeit des Lehrermaterials und der Geist, der! die Lehrerschaft beseelt, für die gedeihliche Gestaltung des Relij gionsnnterrichtes maßgebend ist. Für die Jugend ist das Beste j gerade gut genug. Aber daß diesem Prinzipe bei der Auswahl j der Kräfte immer gehuldigt wird, kann gerade nicht behauptet i werden, und so ist es auch zu erklären, daß z. B. bei dem Jugend-! gottesdienste für Mittelschüler im Stadltempel in letzterer Zeit! die Exhorte öfters von einem Religiousprofessor gehalten wurde, l dem die notwendigsten Voraussetzungen sehleu, als Redner i zu wirken, und dessen Vorträge selbstverständlich von j der Jugend auch gar nicht beachtet werden. Leider fehlt! es gegenwärtig im Knltnsvorstande an einem Fachmanne, dessen j Urteil in prinzipiellen Fragen durch pädagogisches Wissen und j praktische Erfahrung geläutert ist und der auch bei der Ent-! scheidnng über die Person des Lehrers sich nur von seiner sach-! lichen Qualifikation leiten läßt. l * * -r- Aus Budapest wird mitgeteilt, daß in der am 20. d. M. stattgehabten Plenarversammlung des Pester israelitischen Gej meindedistriktes mir großer Befriedigung ein Erlaß des Knllns-! Ministers Grafen Albert A p p o n y i zur Kenntnis genommen j wurde, in welcher der Minister die Landeskanzlei aufiordert,! die notwendigen Verfügungen in der Hinsicht zu treffen, daß! ein allgemeiner israelitischer Kongreß einberusen werden könne, der über die Schaffung einer einheillichen Organisation der israelitischen Konfession zu verhandeln hätte. Wenn diese Mitteilung sich vollinhaltlich bestätigt, dann l dürfte dennoch der von den Orthodoxen so energisch bekämpfte I ungarische Judentag zustande kommen. Im allgemeinen Interesse j der ungarischen Judenschaft wäre eine Einigung zwischen Neologen! und Orthodoxen nach dieser Richtung sehr zn wünschen. Drei Punkte sollen aus dem Judentage zur Verhandlung gelangen:,,!. Die Durchführung des XX. Gesetzartikels 1848. natürlich auch gegenüber der israelitischen Konfession. 2. Die richtige Dotationsbestimmung für die israelitische Konfession. 3. Die Sicherung der konfessionellen Autonomie und die Reformation ihrer Organisation, was nicht ausschließt, daß die Organisation auf eine solche dezentralisierte Basis gestellt werde, in deren Rahmen gemeinsam zwei gleichberechtigte Repräsentations-

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