Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3. Die Wahrheit Leite 5. seines Hauses eine sehr ansgebreitete Tätigkeit und es gibt > wenige Unternehmungen, bei deren Entstehung oder Förderung er nicht tatkräftig wilgewirkt.hätte. Seit nahezu 27 Jahren gehörte er dem Direktionsrate der Pester Ungarischen Kommerziatbank an. dessen Vizepräsident er fast ein Vierteljahrhundert hrndrrrch gewesen ist. Er gehörte ferner dem Direkliorrsrate der Ungarischen Seeschiffahrtgesellschaft „Adria", der Obernngarischen Berg- und Hüttenwerks-Aktiengesellschaft der Salgotarjaner Steinkohlenbergban-Aktiengesellschaft, der Bndapester Allgemeinen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, der Nagysnranyer Zuckerfabrik und Raffinerie au, und war außerdem Präsident der Elifabeth-Dampfmühle-Aktiengesellschaft. Die Oesterreichisch-Ungarische Bank berief ihn wiederholt in ihr Zensorenkvllegium. Er gehörte ferner dem Gremium der Budapester Kaufmannschaft, dem leitenden Komitee der Handelsakademie und vielen anderen, den Interessen der Kaufmannschaft gewidmeten Institutionen als maßgebendes Mitglied an. Eine so vielseitige und umfassende Tätigkeit konnte bei dem lauteren Charakter und bei dem allemal bekundeten Gemeinsinu des Hosrates Sigmund Kohner nicht ohne Ehrungen seiner Mitbürger verrauschen, die denn auch jeden Anlaß benützten, um dem Dahingeschiedenen ihr Vertrauen und ihre Sympathien zu .bekunden. Es konnte auch nicht fehlen, das; ihm andere reiche Ehren zuteil wurden. Im Jahre 1896 wurde er durch die Verleihung des Komturkreuzes des Franz-Josef-Ordens ausgezeichnet! und im Jahre 1903, bei dem fünfzigjährigen Jubiläum der; Pester Lloyd-Gesellschaft, wurde ihm für fein gemeinnütziges i Wirken der Titel eines königlich ungarischen Hosrates verliehen. ■ Die kommerzielle und gemeinnützige Wirksamkeit Kohners j erschöpfte jedoch sein Daseinsbedürfuis lange nicht. Auf dem j Gebiete der Humanität entfaltete er erst recht die herrlichste i Blüte einer harmonischen Persönlichkeit, die aus dem Urgründe! eines goldenen Herzens sproß. Wenn ans irgend jemanden die! Bezeichnung eines Wohltäters der Armen und Elenden paßt,! wenn irgend wem nachgesagt werden kann, daß er mit frei-; gebiger Hand aus dem Vollen zu schenken und zur rechten Zeit! zu schenken verstand, so gebühren diese Ehrentitel dem verstorbenen j Hofrate Sigmund Kohner im höchsten Maße. Nach dem Tode Moritz Wahrmanns trat er, durch das allgemeine Vertrauen seiner Glaubensgenossen zu dieser Ehreustelle emporgehoben, als Präsident an die Spitze der Pester israel. Religionsgemeinde, i die er in patriotischem Geiste leitete und deren ausgebreiteten! Wohlfahrtseinrichtuugen er zu hoher Blüte brachte. Vor zwei , Jahren nötigte ihn sein Gesundheitszustand, diesem Ehrenposten,! mit dem er sich völlig identifiziert hatte, zw entsagen.! Um dieselbe Zeit und aus demselben Grunde haben wir! ihn, die wir Jahre hindurch zu ihm als einem Führer emporgeblickt halten, in dieser Eigenschaft verloren. Hofrat Sigmund : Kohner trat auch vom Präsidium der Pester Lloyd-Gesellschaft * zurück, das er fast anderthalb Jahrzehnte hindurch mit Selbsti aufopfernng verwaltet hatte. Wir waren die nächsten, weil intimsten Zeugen dieses Teiles seines Walteus und daher sind j wir in erster Linie dazu berufen, Zeugnis dafür zu geben, daß j er völlig aufging in diesem Ehrenamte. Die Pester Lloyd- Gesellschaft genügte nur sich selbst, als sie nach dem Rücktritte Kohners von der Stelle eines geschäftsführenden Präsidenten für ihn ein noch höheres Piedestal schuf und ihn durch ihre Generalversammlung einstimmig zum Ehrenpräsidenten erküren ließ. Schmerzliche Trauer um seiuen Heimgaug ist auch unser Leid. Wehmutsvoll senken wir die Fackel an seinem Sarge und fordern für unseren Schmerz den Einlaß in seine nähere Familie, die um ihn trauert." Die Leiche Sigmund Kohners wurde von Abbazia nach Budapest überführt, wo am 7. d. M. unter imposanter Teilnahme der hervorragendsten Vertreter der Bndapester Gesellschaft das Leichenbegängnis vom Trauerhanse in der Palatingasse aus stattfand. Den gesanglichen Teil der Trauerzeremonie, leitete Oberkantor Adolf L a z a r u s. Hierauf hielt Oberrabbiner Samuel K o h n eine gehaltvolle, tiefempfundene Abschiedsrede, in welcher . er der volkswirtschaftlichen, sozialen und menschenfreundlichen Tätigkeit des Verblichenen gedachte, und ihn als Musterbild eines guten, allezeit hilfbereiten Menschen pries. Nachdem der Oberrabbiner geendet, brachte der Tempelchor einen Tranerchora! zum Vortrag, worauf der Sarg auf den sechsspännigen Leichen wagen gehoben wurde. Bier Blumenwagen führten die duftigen Abschiedsgrnße der Freunde des Verblichenen. Der Leichenzug. der sich nach 11 Uhr in Bewegung setzte, wurde von berittenen Polizisten geführt, welchen die Zöglinge der israel. Waisenhäuser und Schulen mit ihren Fahnen folgten. Der Zug nahm feinen Weg durch die Badgasse über den Karlsring und die Rakoczistraße nach dem Kerepeser Friedhof, wo die Beisetzung in der Familiengruft erfolgte. Eine Piston. „©im'uvdn dem Alierrum, Achtung dem Eiaenlum, Ruhe den Tvren Mitternacht. Kalter Wind heult in den Gaffen, er rüttelt an Türen und Fenstern und gebärdet sich, als wollte er vernichten. was ihm in den Weg kommt. Pfeifend streicht er auch durch das bebende Geäste der Linde, die über verfallenes Gemäuer des alten jüdischen Friedhofes zu Gewilfch ragt. Das Eingangstor ist offen und ächzt in feinen rostigen Angeln. Die Öafelnußstanden längs der hölzernen Einfriedung schlingen sich ineinander, wie die Arme tanzender Paare. Da geschah, was kein Auge je gesehen! — In weißem Totenkleide entsteigt eine reckenhafte Gestalt ihrer Ruhestätte, so wie man sie vor mehr als 150 Jahren gebettet, nimmt den Schofar, den sie in der Hand hielt, fetzt ihr. an .die Lippen, weithin hallen langgezogene, grausig markerschütternde Töne. Da begann der Friedhof sich zu beleben, aus ihren Ruhestätten steigen die Begrabenen, um dem Rufe des Schofarbläsers — ihres Rabbi — Folge zu leisten. „Was sagen die Töne, ist der Tag der Auferstehung gekommen?" „Nein," entgegnet der Rabbi und Tränen entströmen seinen Augen; „ich rufe, um Euch Kunde zu geben, was in unserer Khille sich begibt. Nicht Feinde, nicht Fremde sind es. die ich anklage, ein Geschlecht ist erstanden, die Nachkommen unserer Kinder, denen die Satzungen ihrer Religion, die Gebräuche ihrer Väter nichts mehr bedeuten, und statt den alten Friedhof nach Kräften zu konservieren, wollen sie um schnöden Vorteils willen freventlich unsere Ruhe stören. Sie vergessen die schweren Opfer, die wir einst brachten, als wir diese letzte Heimstätte für uns erwarben, um sie ewig zu besitzen. Der Allmächtige vergebe ihnen und strafe nicht jene, die unsere Ruhestätte zerstören, unsere Gebeine zerstreuen wollen — Er erleuchte sie, auf daß sie uitser Andenken in Ehren halten!" Klagetöne, Gewimmer und lautes Schluchzen ist zu hören, schmerzbewegt sinken alle nieder und heiße Tränen benetzen die Erde. Segnend hebt der Rabbi seine Hand und spricht: „Noch leben einige in dieser Gemeinde, die in Liebe und Verehrung unserer gedenken, die nie zugeben, daß unser .Bet Chajimals Bauplätze verschachert werden. ,Jehovawacht und schläft nicht." Der Wind rauscht, es flüstert Baum und Strauch, durch schwarzer Wolkendecke zuckt ein Wetterstrahl, rasch aufleuchtend, rasch verschwindend. — Beim Aufleuchten des Blitzes verschwinden alle wieder, als letzter der Rabbi, laut „Kaddifch" sagend. Jählings schließen sich die Gräber, nirgends eine Spur zu sehen, weit und breit finstere Nacht — schaurige, schreckliche Leere. — D. Hers ch. Response« des Paddi Isad den Imannet de Kölns. Bon Dr. M. H. Friedländer. Der schöne Erfolg, den ich durch Herausgabe der „Pismonim" des R. Israel Nagara im Jahre 1858 erzielte,