Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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' s’-Sf'JV L Leite 6. 'Die Wahrheu Nr. 2. eiferte mich an, auf der einmal betretenen Bahn anszuharren und weitere in der Hof-Bibliothek verborgene Schätze zutage zu i fördern. Ich widmete daher meine freien Stunden, deren ich i zwar nicht viele hatte, mit besonderer Borliebe den hebräischen! Manuskripten in der k. k. Hof-Bibliothek. j Unter den zahlreichen handschriftlichen hebräischen Werken; interessierten mich aber am meisten die Rechtsgutachten „Sckaalot j utescliubot“ des Rabbi Jsak den Imanuel de Latas, der von! den modernen jüdischen Historiographen so wenig gekannt, gej würdigt und von einem derselben sogar verkannt und verächtlich behandelt wurde. Jsak de Latas, der schon 1543 in Italien lebte, und von seinen Zeitgenossen, ja selbst von Rabbi Josef Karo, als eine talmudische Größe anerkannt wurde, stammte ans Frankreich ab. Seine Geburtsstadt war Latas in der Provence, eine Landschaft im Südosten von Frankreich, daher er den Namen „de Latas", d. h. ans Latas. trug. In der Einteitnng seines Kommentars zum „Besebinot Olarn“ von Jedaja liapenini Bedrascki, der sich ebenfalls in der k. k. Hof-Bibliothek in Wien befindet, sagt er ausdrücklich: „Rabbi Jedaja wird deshalb vom Volke Bedraschi genannt, weil er ans der Stadt Bidrasch (Beziers) in der Provence, unweit von Latas, der (gebnrtsstadt meiner Ellern — daher mau meine Familie Latas nennt — abstammt." Seine Rechtsgutachten, die sich als antographes Manuskript in der k. k. Hof-Bibliothek in Wien befinden, sind von dem höchsten Interesse für die Beleuchtung seiner Zeit und geben ein vollitäudiges Bild von dem damaligen Gemeindeleben. Er stand mit den hervorragendsten Gemeinden Italiens in Korrespondenz und in den wichtigsten Fragen wurde an ihn appelliert. Seine Responsen beweisen auch, das; er häufig seinen Wohnsitz geändert hatte. Lo B. treffen wir ihn 1556 in Mantua, ivo er am Neumonde Schebat einer Frau ein Diplom erteilte, in welchem er ihr gestattete, das Schächteramt zu bekleiden. In demselben machte er ihr zur Pflicht, die betreffenden Vorschriften anfangs zweimal täglich und nach einem Vierteljahr tnrr eittinal des Tages und endlich nach einem Jahre nur einmal wöchentlich imd ihr Lebenlang einmal im Monate zu wiederholen. (Resp., 139.) Im Jahre 1557 begegnen wir ihm in Bologna, von wo aus er sich in einer Eherechtssrage an das Rabbinatskollegium in Sasel (Zesas), dessen Präsident der berühmte Rabbi Josef Karo, Verfasser des „Bet Joses", der heute noch von allen streng-konservativen, talmndisch-gelehrten Rabbinen hochgeschätzt und verehrt wird, war, gewendet hatte. (Rechtsgutachten, S. 17.) Im Jahre 1558 hält er sich in Pesaro auf, wo er gegen jene Rabbinen, die gegen eine neue Auslage des „Sohar" opponierten. Front machte und seinen diesbezüglichen Bescheid, der vielen Auslagen des „Sohar" vorgedrnckt wurde, erließ. Im Jahre 1560 finden wir ihn in Avignon. Am längsten verweilte er in Ferrara, einer ansehnlichen Stadt an einem Arme des Po. Hier domizilierte er schon 1562 und in den Jahren 1566 bis 1569 war er daselbst als Lehrer des Sohnes des Jsak Abravanel, eines Enkels des berühmten spanischen Gelehrten Don Jsak Abravauels, tätig. Trotz seiner Begeisterung für das kabbalistische Werk „Sohar", war er denn doch dem Studium der Philosophie nicht abgeneigt. In seiner bereits erwähnten Einleitung seines Kommentars zum „Besckinot Olam“ erzählt er selber, daß er sich in seiner frühen Jugend mit poetischen, rhetorischen und philosophischen Studien fleißig beschäftigt hatte. Wie gesagt, diese Responsen haben mich sehr interessiert, daher ich mich entschloß, sie, mit einem Kommentar und Anmerkungen versehen, im Jahre 1860 herauszugeben. Die Kritik war eine sehr günstige, das Buch fand einen reichen Absatz, besonders in Ungarn, Galizien und Deutschland. Sechs Jahre später jedoch, 1866, hatte ich zu meinem tiefsten Bedauern Gelegenheit gefunden, mich zu überzeugen, daß ich durch die Veröffentlichung dieser Responsen, dem gelehrten Historiker Dr. Gr ätz Veranlassung gegeben habe, den hochgeachteten, frommen und gelehrten Rabbi Jsak de Latas in ein schiefes Licht zu setzen. Im neunten Bande feiner „Geschichte der Juden", S. 383, äußerte sich Grätz über R. Jsak de Latas in folgender Weise: „Die Kabbala sollte sich auf den Trümmern des Talmud aufbauen. Die angesehenen italienischen Rabbiner, Meir von Padua und andere, gaben keineswegs ihre Billigung dazu, sie trugen Scheu, dasjenige, was eine Geheimlehre bleiben sollte, durch den Druck jedermann zugänglich machen zu lassen. Der eingefleischte Kabbalist Mose Basnla, ferner ein Rabbiner aus Mantua, Mose Provenzali und ein herzugelanfener H a l b r a b b i n e r. Jsak den Imanuel de Latas, der es im Alter nicht weiter als bis zum Hauslehrer bei Jsak Abravanel II. in Ferrara gebracht hat, diese drei unterstützten und förderten die Veröffentlichung des „Sohar". (Mantua 1528—59.)" Wahrlich jeder, der nicht im Besitze der hier erwähnten Responsen des R. Jsak de Latas ist. und diese hier reproduzierte Aeußerung des Dr. Grätz liest, dürfte wohl glauben, daß R. Jsak de Latas nichts anderes' als ein hermnlungender, unwissender Schwärmer gewesen sei. Ist es aber möglich, ist es denkbar, daß ein Rabbi Josef Karo einen herzugelaufenen Halbrabbiner wie einen der ersten rabbinischen Autoritäten ehrenvoll behandelt haben würde? Was mochte wohl den scharfsichtigen Historiker Grätz, der die Responsen Jsak de Latas gelesen, vielleicht gar studiert hatte, veranlaßt haben, über den Autor dieser „Sckaalot utescliubot“ den Stab zu brechen? Aus dem Inhalte der „Responsen" hätte doch Grätz, der als S e ni i n a r l e h r e r zweifellos ein Kenner des Talmud war, ersehen müssen, daß der Antor seiner eminenten Gelehrsamkeit wegen es verdient hätte, der größten Gemeinde als Seelsorger vorzusteheu. Es hat aber den Schein, daß der Umstand, daß Latas im Alter es nicht weiter „als bis zum Hauslehrer" gebracht, den Herrn Professor Grätz stutzig gemacht und ihn auf die Idee gebracht, er habe es hier bloß mit einem ganz unbedeutenden Menschen, mit einem h e r zu g e l a u f e n en Halbrabbiner zu tun. (Schluß folgt.) Die Inden in Mahren. Die Geschichte der Juden in Mähren, die in diesem Kronlande urkundlich seit jenem Jahre wohnen, als der Magyarensturm über dieses Land dahiubranste, hat in einzelnen Teilen schon mannigfache Behandlung gefunden. Eine Gesamtgeschichte der mährischen Juden fehlt uns noch, obgleich mehrfach Anläufe dazu gemacht wurden. Christian Ritter IstElvert hat viel Material, auch zur Rechtsgeschichte der Inden Mährens, gesammelt. Beda Dudik, der einstige mährische Landes-Historiograph, widmet der Geschichte der mährischen Inden ein Kapitel Wir besitzen auch einzelne Werke über einige jüdische Gemeinden, ebenso Monographien über gewisse Zeitalter in der Geschichte der Jllden unseres Kronlandes, so einen Aufsatz in der eingegangenen Zeitschrift „Moravia". Es freut uns, feststellen zu können, daß ein junger Jnrist Brünns in einer 71 Seiten starken Broschüre das Thema der R e ch t s g e s ch i ch t e u n d Statistik der Juden Mährens mit ebenso viel Fleiß als Gründlichkeit behandelte.*) Die Arbeit gliedert sich gleichsam von selbst. Der erste Teil handelt von den Juden Mährens bis zur Erlassung des Toleranz-Patentes (.1782), der zweite geht bis znm Jahre 1848, der dritte bis zur Dezember- Berfas s n n g 1867, der vierte reicht bis auf die Gegenwart. Die Entwicklung der Inden Mährens ist in der Tat eine eigentümliche und fordert nicht nur den Kulturhistoriker, sondern auch den Juristen zur Behandlung heraus. Kein Krouland besitzt z. B. etwas ähnliches wie die politischen Gemeinden, das Landesrabbinat, den Landesmassafond, das sind Institutionen, welche sicherlich den Verwaltnngsjnristen immer interessieren werden, geradeso, wie die wechselnden Geschicke der . Inden Mährens, besonders in einigen Städten, den Historiker. Daß das Schulwesen der mährischen Inden stets im blühenden Zustande sich befand, ist eine bekannte Tatsache, ob wir nun an die alten angesehenen Jeschibot (man denke au Nikolsbnrg und Leipni!) erinnern, oder au die vortrefflichen Normalschulen, an denen tüchtige Lehrer unterrichteten. Als im Jahre 1869 das Reichsvolksschulgesetz erschien, wurden die jüdischen Normalschülen 'nach und nach in allgemeine d entsch e Volksschulen umgewandelt. *) Dr. Theodor H a a s, „Die Juden in Mähre n". Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik,. unter besonderer Berücksichtigung des XIX. Jahrhunderts. Brünn 1908. Jüdischer Buch- und Kunstverlag.