Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063421--05251-3072158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Leite 4 Die Wahrheu Nr. 3. Wer möchte in diesen Sätzen ein Glanbensbekenntnis Spinozas finden? Ex silentio, weil nirgends zu lesen ist. daß Gott mit Christus gesprochen hat nnd aus der positiven christlichen Glaubenslehre, daß Gott sich den Aposteln durch Christus geoffenbart habe, sowie daß Christus der Weg des Heiles sei, leitet Spinoza ab, daß Christus mit Gott von Geist zu Geist verkehrte. Es ist dieses keineswegs ein von Spinoza niedergeschriebener Glaubenssatz, kein Glanbensbekenntnis Spinozas, sondern eine Schlußfolgerung ans Prämissen, welche letztere er ans ihre Richtigkeit zu prüfen sich nicht für berufen hält. Ich wage es zu behaupten, daß Spinoza die Vorstellung von einem solchen Verkehr von Geist zu Geist dem Rabbinismns, dem er so sehr, wie es nur natürlich nnd menschlich ist, abhold war, entnommen hat. Ich weise aus die Talmildstelle hin, die von dem Kontakte zwischen der metaphysischen nnd der materiellen Welt handelt, und dieses durch das Bild von kommunizierenden Gesäßen zu veranschaulichen sucht. Wenn nun Spinoza im vierten Kapitel seines Buches sagt, daß Christus der Mund Gottes sei, so ist das nur eine logische Folge seines aus den vorhandenen Prämissen gezogenen Schlusses. Der Verkehr von Geist zu Geist, die Richtigkeit eines solchen Verkehres vorausgesetzt, rechtfertigt diesen Satz. Aber aus keiner Stelle des Theologisch-politischen Traktates ist zu folgern, daß Spinoza ein jüdisches Evangelium Jesu, weil in dem Satze aus dem 11. Kapitel des Traktates, den der ungenannte Religionslehrer nur zum Teile anführt, heißt es wörtlich: „Dieses letztere war den Aposteln nicht möglich, weil damals das Evangelium noch unbekannt war" oder ein evangelisches Judentum, da ein solches nie existiert hat, bekannt gewesen ist. Spinoza hatte keine Apostasie zu rechtfertigen und hatte es nicht nötig, etwas zu erfinden, was weder in der Schrift, noch in der Ueberliesernng irgend welche Begründung hat. Er hat aber auch durch Verschweigen nichts gefälscht. Daß man im Theologisch-politischen Traktat Spinozas aus Stellen stößt, die sehr befremden könnten, luemi man nicht zugleich den Werdegang dieser zum Rabbiner ansgebildeten und später durch Umgang nnd selbständiges Studium in andere Bahnen gedrängten, eigenartigen Individualität, sowie das Eingreifen der Rabbiner in das Schicksal derselben kennt, wird tiiemand zu bezweifeln wagen. Sb aber dieses Eingreifen der Rabbiner zu Amsterdam in das Leben eines 23 jährigen Mannes notwendig war, ist nicht so feststehend, wie es der Erfinder des jüdischen Evangeliums Jesu um des evangelischen Judentums meint. Vielleicht hat io mancher Rabbiner in Amsterdam nach gefälltem Urteil sich die talmudischen Worte srr -ra rc&'ps k „ n*s ^tis vorgehalten, und wer weiß, ob dann der Theologisch-politische Traktat nicht anders ansgesehen hätte! Aber das könnte der „Religionslehrer" der „Neuen National- Zeilung" sicher sein, daß in einer Synagoge Wiens, einem Rabbiner von der Art dieses Religionslehrers", der bestrebt wäre, an Stelle des traditionellen Judentums ein evangelisches Judentum zu setzen, niemals ein Platz eingeräumt werden wird. Da die Religion niemals ein Objekt für Experimente sein kann, glartbe ich im Geiste Ehrmanns dem Herrn Religionslehrer mit den Worten des Dichters antworten zn dürfen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zn besitzen." So wie es ist und wie es seit jeher gewesen. Vor-ausietznngslose Kritik kann und soll mau in allen profanen Wissenschaften und auch in der Philosophie treiben, nicht aber in der von dieser so verschieden gearteten Theologie. Auch Spinoza wollte die Theologie frei von philosophischen Spekulationen, die Philosophie ohne theologische Dogmen. Man könnte sonst in die Fehler des Religionslehrers verfallen, den Rabbinismus demolieren und an seiner Statt ein evangelisches Judentum oder ein jüdisches Evangelium Jesu setzen, obschon ein solches oder ein Evangelium überhaupt, sowohl Jesus, als auch den Aposteln unbekannt war. Dieses sagt Spinoza im 11. Kapitel des Theologisch-politischen Traktates mit dürren Worten nnd deshalb spricht er von Lehrsätzen, welche Christus seinen Jüngern gelehrt hat und betont, daß das Evangelium noch unbekannt war. Auf welchen gewundenen Wegen mag dieser Religionslehrer ein jüdisches Evangelium Jesu gefunden haben? Da ihm das 11. Kapitel des Traktates bekannt war, warum verschwieg er das wesentlichste, welches in der dortigen Negation enthalten ist? Wenn er die „einfachen Lehrsätze" erwähnt, warum hat er den Lesen: nicht angedeutet, uste diese gelautet haben! Gehört das „Höre Israel" nicht auch zn diesen einfachen Lehrsätzen? Da ich aus dem Zitieren und vorsichtigen Verschweigen die Geistesrichtung dieses Herrn nun zn kennen glaube, spreche ich meine Ueberzeugnng aus, daß man für einen Rabbiner, der die geschichtliche Notwendigkeit eines traditionellen Judentums nicht anerkennt, in Professor Ehrmann keinen Fürsprecher finden wird, weil Ehrmanu trotz seiner allgemein anerkannten wissenschaftlichen Qualität seinen konservativen Standpunkt in Ansehung unseres Volkes und seiner ererbten Religion, welches sein Bestehen dem Rabbinismus verdank:, selbst auf die Gefahr hin, von dem Herrn Religionslehrer verleugnet zn werden, nie anfgeben wird. Und wenn Profesfor Ehrmann den mit Beifall anfgenommenen Antrag stellte. Vorlesungen über Spinoza abhalten zn lassen, weil dieser der jüdischen Geschichte angehört, so schließe ich mich diesem Anträge aus vollster Seele an nnd es wäre ein großes Verdienst der hiesigen Knltusgemeinde. durch einen hiezu berufenen bewährten Gelehrten einen Zyklus von Vorträgen abhalten zn lassen, um so den Bann von dem größten jüdischen Philosophen in der Art zu lösen, daß den Hörern dieser Vorträge die Möglichkeit geboten werde, ans den verpönten Schriften des Acher des 17. Jahrhunderts zn lernen, wie einst Rabbi Msir von seinem großen Lehrer Elisa ben Abnjah, den Acher des Talmuds gelernt hat: a-itr. *6nn Beide, sowohl der talmudische Acher, wie auch Spinoza, der Acher des 17. Jahrhunderts, gehören zum Judentum, gewiß aber zur jüdischen Geschichte. Dr. Albert Wagner Hofrat Sigmnnd Kohner. Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des fortschrittlichen ungarischen Judentums, Hofrat Sigmnnd K o h n e r, der ehemalige Präsident der Pester israel. Gemeinde, der im kommerziellen Leben Ungarns fast ein halbes Jahrhundert eine leitende Position eingenommen hat und auch auf sozialem, kulturellem nnd konfessionellem Gebiete in hervorragender Weise tätig war, ist am 2. d. M. in Abbaziä einem Herzleiden erlegen. Der „Pester Lloyd" widmet dem Dahingeschiedenen, der Ehrenpräsident der Pester Lloyd-Gesellschaft war, folgenden Nachruf: „Hofrat Sigmnnd Kohner gehörte nicht nur seiner Familie, an der er mit allen Fasern seines Herzens hing, sondern er war ein Mann, der in der großen Oeffentlichkeit durch sein Handeln und Walten allen Anspruch erworben hat, damit ihm die reichen Ehren, die er sich zeitlebens erworben, auch im Tode bezeigt werden. Er war ein Kaufmann nnd Industrieller großen Stiles, dem nichts fremd geblieben ist, was die Interessen seines Standes während eines halben Jahrhunderts in diesem Lande irgendwie berührte. Im Jahre 1840 geboren, eilte er, kaum flügge geworden, an die Thomasschule nach Leipzig, die zu jener Zeit auf dem. Kontinent die einzige Lehrstätte war, an der man eine moderne kommerzielle Bildung erlangen konnte. Nach der Heimat znrückgekehrt, trat er zunächst als Teilhaber in die damals schon sehr ailgesehene Handelsfirma Heinrich Kohner ein, schied jedoch nach einiger Zeit ans derselben und begründete mit seinen beiden Brüdern das Großhandlungshaus Adolf Kohner & Söhne, dessen Seniorchef er bis auf diesen Tag geblieben ist. Dieses Handlungshaus beschäftigte sich früher, wie es in jenen Tagen dem Herkommen entsprach, zuerst mit dem Waren-, hauptsächlich aber mit dem Wollhandel, um in seiner späteren Entwicklung ein bedeutender Faktor in der industriellen und kommerziellen Entwicklung unserer Stadt und unseres Landes überhaupt zu werden. Hofrat Sigmund Kohner entfaltete in der Führung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.