Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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m ahvhsit Nedaktiou ». Sldiniiiisii nttmi: Wien. ]]/, SioDaroiinffe 27.! Trlriiduii brr Srnrtiret 15HUS | K. k. österr. Postsparkassai Scheck-Konto Nr. 100.918. •inimiU’ Die viermal gesvaliene j Nonvareille-Zeile aö Heller. | <nbi>imcmenl8> u. Juici llons-! betrüge und in Illiien znbldar und klagbar. «abhängige Heitschnft für Mische InLere^en. Erscheint jeden Z» r e i t a g. Motto; „Dir- Siegel C-tolte:-. iei Wulu-tieil!“ ' ii :| WaiijKiOrirt . . . ,4.—; Huldiät»ig . 5f. 7 -;1 ^iir ISultiieln-mute: '■iUiinjaOvivi Jf hi }Viir Nu» ^i»,in>>t>rig ,>!>!nvel obt taub : . s M»!t >>> itc*. . 3 Wien, 17. Jänner 1908 Inhalt: Gehört Spinoza zum Jndentum? — Hofrat Sigmund Kohner. — Eine Bision. — Responsen des Rabbi Jsak den Jmanuet de Laras. — Die Juden in Mähren. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Reverend Alois Kaiser. — Der Ursvrnng der spnagoge. „Gehört Spinoza znm Indentnm?" So hat die Frage früher nicht gelautet, sondern „Auf welche Weife das Leben Spinozas und Heinrich Heines für die jüdische Jugend nutzbar verwendet werden könne?" Daß Professor Ehrmann die so geänderte Frage nicht berücksichtigen konnte, ist klar. Ehrmann hat nur gesagt, daß Spinoza und Heine der jüdischen Geschichte angehören und der Religiouslehrer hat eine Windmühle aufgestellt, an der er seine Kraft erprobt. Die neue Formulierung ist aber mit einer gewissen Absicht geschehen. Weil gegen das Leben Spinozas schlechtbin nichts einzuwenden ist, die Vorträge nicht für die Jugend zu halten sind, und man nicht gut bestreiten kann, daß Männer, wie Spinoza und Heine, der jüdischen Geschichte angeböreu, wird Heine ausgeschaltet und die Frage auf eine andere Basis gestellt, um in einem umfangreichen Artikel seine eigene Stellung zum Jndentume, die wohl ohne das glänzende Bild Spinozas als Folie wenig interessant wäre, zu präzisieren. Ich glaube aber mit dem mir unbekannten Artikelschreiber, mich genügend befaßt zu haben, und beabsichtige nnr noch, der obigen Frage, und zwar wie sie in der späteren Form mir vorliegt, etwas näher zu treten. , In erster Linie ist festznstellen, daß der Theologischpolitische Traktat im Jahre 1670 znm ersten Male erschienen ist, also 1b Jahre nachdem gegen Spinoza der große Bann ausgesprochen wurde. In diesen 15 Jahren hatte Spinoza Muße genug, seine Abneigung gegen den s. g. Rabbinismus zu nähren und gegen denselben so anznkämpseu, wie gegen die Hierarchie der Kirche. Hat auch Spinoza zur Motivierung dieser Abneigung die Worte: “i nbnn nsnona ■wo ans nicht gebraucht, so können wir, die wir ein viertel Jahrtausend nach ihm leben, diesen Satz zur Rechtfertigung seines Verhaltens verwenden. Keineswegs aber darf derjenige, der seine Verehrung für Spinoza in so überschwenglichen Worten ausdrückt, ihm diese Abneigung zum Vorwurf machen, wenn dieser Vorwurf auch nur, wie aus dem ganzen Artikel hervorgeht, zum Scheine gemacht wird, um besagte Windmühle richtig konstruieren zu können. Diese Abneigung Spinozas ist verständlich, bedeutet aber ebenso wenig eine Entfernung vom Judentume als solchem, aus dem er nicht freiwillig ausgetreten, als eine 'Annäherung aus Christentum, in das er nie eingetreten ist. Es geht aber nicht an, einzelne Sätze aus einem vom Verfasser als Ganzes gewollten Buche aus ihrem Zusammenhänge zu reißen, aus! welchem herauszulesen ist, daß Spinoza Christus höher als di s Propheten des alten Bundes stellte und zwar in einer Art, als! ob in einer solchen Höherstellung ein Glaubensbekenntnis des! Verfassers enthalten wäre. Einem Verehrer Spinozas läge es I näher, dieses damit zu rechtfertigen, daß das rabbinische ' Judentum ein Hoch- und Höherstellen Bileams kennt.! Ich will nicht der Apologet Spinozas sein, wohl aber; will ich die Unzulässigkeit einer solchen Art von Beweisführung! beleuchten.! Spinoza wollte die Propheten als Menschen und nnr als solche behandelt wissen und hat selbst nie verlangt, anders ■ als jene behandelt zu werden. Nun war Spinoza um das künftige Schicksal seines Geisteskindes besorgt und hat in diesen: * Buche, dessen Zweck nicht allein die Bibelkritik gewesen ist,! sondern vielmehr der Nachweis der Berechtigung der Staats- ' bürger, Gedankenmtb Redefreiheit zu verlangen, dem > Empfinden der christlichen Behörden Rechnung tragend, dem Christentnme Konzessionen gemacht. Es ist dieses ans seiner Vorrede zum theologisch-politischen Traktat zu entnehmen, in- | dem er dort versichert, daß er nichts schreibe, was er nicht der Prüfung und dem Urteile der obersten Getvalten seines Vaterlandes bereitwilligst unterwerfe. Daß alle diese Konzessionen nicht hinreichten, sein Buch > vor Verfolgungen zu bewahren, beweist der Umstand, daß es; gleich nach seinem Erscheinen unterdrückt wurde und drei Jahre später unter Scheiutiteln wieder heransgegeben wurde. Wurde nicht mich ans Kosten Spinozas gesündigt? Und nun znm Buchanfang, als dem natürlichen Fnnda-! mente des Gatrzen. Spinoza stellt fest, daß die göttlichen Ratschlüsse nn-; mittelbar ohne Worte und Gesichte Christus geosieubart worden! sind und fährt wörtlich fort: „Ich muß aber daran erinnerll,! daß ich keineswegs von dem rede, was einige Kirchen von! Christus behaupten, und es auch nicht bestreite, ich gestehe; vielmehr offen, daß ich davon nichts verstehe. Was ich soeben i festgestellt habe, leite ich aus der Bibel selbst her. Ich habe aber nirgends gelesen, daß Gott Christus erschienen sA. oder mit ihm gesprochen habe, sondern daß Gott! sich den Aposteln durch Christus geoffeubarr habe, daß er ferner der Weg des Heiles sei. und daß endlich das alte Gesetz durch ■ einen Engel, nicht aber durch Gott überliefert worden sei u. s. f. Wenn also Moses mit Gott von Angesicht zu Angesicht, ' wie ein Mensch mit dem andern (d. h. durch Vermittelung der I beiderseitigen Sinnesorgane) redete, so verkehrt dagegen Christus > mit Gott von Geist zu Geist."