Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8. Die Wahrheit Nr. 2. Für den Antrag der Friedhofskommission traten mit vieler Wärme die Herren A. S ch r a m e k, S. Steine r, kais. Rat! Ka uders, Dr. Spitzer und Dr. Berger ein, während! die vom Vertreterkollegium vorgeschlagene Fassung voui Vor-! sitzenden, sowie von den Herren Hofrat Dr. Rappaport,! Dr. Breuer, kais. Rat Weil, Dr. Leopold K o h n und Salo j Cohn befürwortet wird. Kais. Rat Sachs und Dr. Gustav Kohn stellen Vermittlungsanträge. Nach durchgeführter Debatte, i die namentlich in den Ausführungen der Herren Dr. Spitzer, 1 Dr. Leopold Kohn und Dr. Berger interessante historische j und juristische Begründungen bieten, wird der Antrag des j Vertreterkolleginms angenommen und hierauf die Sitzung ge-? schlossen. _ I Tcrnpclvercitt im IX. Sestrke. Den Teilnehmern der am 4. d. M. stattgehabten und zahlreicher als je besuchten Generalversammlung des Tempelvereines „Chewra Beth-Hathfillah" im IX. Bezirke wurde eine besondere, freudige Ueberraschung bereitet durch die im Verlaufe der Versammlung erfolgte flüchtige Bemerkung des Präsidenten,! Herrn Gottlieb B e t t e l h e i m, daß er bereits 25 Jahre sein Ehrenamt im Vereine verwalte. In unserer jnbiläumssüchtigen Zeit ist die überaus bescheidene Form, in welcber diese Tatsache zur allgemeinen Kenntnis gelangte, doppelt hoch einzuschätzen, und die großen Verdienste, die sich Herr Bettelheim durch seine beispiellose Hingabe und Opferwilligkeit um die Erhaltung, Leitung und Förderung des Tempelvereilles in der langen Reihe von Jahren erworben hat, sind um so höher anzuschlagen, als hier neuerdings zu Tage trat, daß nicht persönlicher Ehrgeiz, sondern aufrichtige Liebe zum'Judentum und wahre Pietät für seine heiligen Institutionen die edlen Triebfedern seines gottgefälligen Wirkens sind. Die spontanen und überaus herzlichen Ovationen, die dem Präsidenten in der Versammlung zu teil wurden, haben den Intentionen des Jubilars gewiß mehr entsprochen als jede aus ähnlichem Anlasse arrangierte und pompöse Feierlichkeit und sie gaben der großen Verehrung, die Herr Bettelheim in den weitesten Kreisen genießt, treffenden Ausdruck. Im Nachstehenden der Bericht: Der Vorsitzende, Präsident Gottlieb B e t 1 e l h e i m, konstatiert die Beschlußfähigkeit der Versammlung, begrüßt die Erschienenen und erstattet nach Verlesung des Protokolles der vorjährigen Generalversammlung durch den Schriftführer S i m o n nachfolgenden Bericht: „Hochgeehrte Versammlung! Wenn wir das abgelaufene Vereinsjahr in seiner Gesamtheit überblicken, so können wir von demselben nur sagen, daß es sich durch keinerlei ungewöhnliche Vorfälle von den vorangegangenen unterschieden hat. Ein Aufruf, den wir unter Beilage des letzten Jahresberichtes an alle im H. Bezirke wohnhaften Gemeindemitglieder versendet haben, hat kaum hingereicht, den alljährlichen Ausfall an Vereiusmitgliedern wettznmachen. Wir zählten am Schluffe des abgelaufenen Jahres 316 Mitglieder. Es sind nämlich 23 Mitglieder zugewachsen, während 21 ausgetreten und 6 durch den Tod abberusen wurden: u. zw. die Herren Jakob Blau, bis zu seiner Erkrankung Vorsteherstellvertreter unseres Gotteshauses, Dr. Alois B a ß, Ignatz Herrsch m a n n, Jakob Jeiteles, Fritz Krauß und Leopold Zern er. An dieser Stelle haben wir auch eines schmerzlichen Verlustes zu gedenken, von dem wir erst vor wenigen Tagen betroffen wurden. Unser früherer Seelsorger. Rabbiner Wilhelm S o r, wurde am 15. v. M. nach einem langen Leben rastloser Tätigkeit im Dienste unseres Glaubens zur Ruhe gebettet. Erfüllt mit Begeisterung für unsere heilige Religion, die er mit größtem Eifer und Beredsamkeit verkündete. umfaßte seine Liebe und Milde alle gleichmäßig, die seiner Fürsorge anvertraut waren, seine Gemeinde, die große Zahl seiner Schüler, wie seine Familie. Wir alle werden dem echten Priester ein liebvolles Angedenken bewahre),. Es wurden 75 Knaben und 45 Mädchen konfirmiert und 90 Brautpaare getraut. Die Spenden und Sitzmieten sind wesentlich zurückgeblieben, doch schreiben wir dies nur dem Umstande zu, daß die wohlhabenden Mitglieder wegen, der diesjährigen Blatternepidemie und dem frühen Eintritte der Feier-* tage ihre Andacht auswärts verrichteten. Dagegen zeigen di^ Einnahmen aus den Trauungstaxen eine wesentliche Zunahme- Im abgelaufenen Jahre wurde unser Inventar durch folgende Spenden bereichert: Herr Salo Fuchs widmete ein herrliches Schiwissi. Herr Gerson Koralek Porauches und Schulchandecke für den Zeremoniensaal. Herr Direktor Wilhelm Kux ein Maskirbnch und Herr Leopold Hendel einen Thorazeiger aus Silber. Ueberdies renovierte Herr Josef Q u ittner das von ihm und seinem verstorbenen Bruder gespendete Trauzelt und ein Ungenannter die Malerei des Tempels. Allen diesen Wohltätern sei auch an dieser Stelle der wärmste Dank abgestattet. Die Wahrnehmung, daß die bisherigen Zuflüsse nicht genügen, um den Pensionsfond in absehbarer Zeit zur Erfüllung seiner Bestimmung zu befähigen, veraulaßte die Vereinsleitung, diesem Fonde 2000 L ans der ordentlichen Gebarung zuzuwenden, was wir nach Tunlichkeit alljährlich wiedervolen wollen. Wir hoffen dadurch eine künftige allzuschwere Belastung des Vereines zu verhüten. Infolge der, anläßlich der letzten Wahlen in den Vorstand der Knltusgemeinde, zutage getretenen Uneinigkeit der Tempelvereine. hat die angestrebte zeitgemäße Regelung des Trauungsnnd Bestattungswesens bedauerlicherweise keinen Fortschritt zn verzeichnen. Wir werden aber auch in Zukunft diesem als richtig erkannten Ziele nachstreben, in der Hoffnung, damit unserer großen Gemeinde zn dienen." (Lebhafter Beifall.) Ueber Antrag des Herrn Oberinspektor S ch i m m e r l i n g wird von der Verlesung des Kassaberichtes Abstand genommen und hierauf dieser wie der Bericht des Präsidenten einstimmig genehmigt. Bei Uebergang zum Punkte 2 und 3 der Tagesordnung „Neuwahl in den Vorstand und Ausschuß" teiltder Vorsitzende zunächst mit, daß turnusmäßig heuer er selbst, sowie die Herren Heinrich Goldschmied und Jtilins K o p st e i u ans dem Vorstande ausscheiden. Wenn er nun zur Wiederwahl kandidiere, werde man von ihm gewiß nicht die Entwicklung eines Programmes erwarten, und dies umsoweniger, als es heute zufällig fast auf den Tag 25 Jahre sind, daß er dem Vorstände angehöre. (Allgemeine freudige Ueberraschung.) Es würde ihm die größte Freude bereiten, wenn man einen besseren wüßte und diesen an seine Stelle wählen würde (lebhafte Ohorufe), da er der Ueberzeugung sei, daß der Verein sich durch jüngere Kräfte regenerieren solle. Wenn aber die Versammluug der Ansicht sei, daß er auch fernerhin an dieser Stelle verbleiben solle, dann werde er das erneuerte Vertrauen dankend annehmen und aus dem gleichen Wege, den er bisher gegangen, weiter beharrenallgemeiner lebhafter Applaus.) Herr Julius Kopstein erklärt gleichfalls, daß er nicht die Absicht habe, einen Kandidatenrede zu halten und daß er im Falle der Wiederwahl nach bestem Wissen und Gewissen sein Mandat in der bisher gepflogenen Weise verwalten werde. Nur eine Bitte wolle er an die geehrten Mitglieder richten, und diese gehe dahin, in intensiverer Weise sich an der Werbung neuer Mitglieder zu beteiligen, damit der Verein in Stand gesetzt werde, seine Aufgaben in noch höherem Maße als bisher zu erfüllen und namentlich, um die leider nicht ihrem Verdienste entsprechend besoldeten Funktionäre des Vereines besser zu bezahlen. Für den vorzunehmenden Wahlakt wurden die Herren Ehrenfeld und Waizner als Skrutatoren designiert. Während des Skrutiniums ergreift Herr Wilhelm Pappe ritz e i m das Wort, um der freudigen Ueberraschung darüber Ausdruck zu leihen, daß der hochverehrte Präsident, dem der Verein so viel verdanke, heute gewissermaßen sein Silberfest begehe, und er befinde sich gewiß in Uebereinstimmung mit der Versammlinig und allen Mitgliedern des Vereines, wenn er den Wunsch ausspreche, daß es dem Jubilar und dem Vereine gegönnt sein möge, stach weiteren 25 Jahren von der Silberwähruug zur Goldwährung überzugehen und das goldene Jubelfest seiner ausgezeichneten Wirksamkeit zu feieru. (Lebhafter Applaus, Vorsitzender wird allgemein beglückwünscht.)