Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2. Die Wahrheit Seite 7. Länglichem Wert, die alle Gebiete des menschlichen Wissens umfaßt. Sie hat auch nie ansgehört, eine lebende Sprache zn sein, noch jetzt' erscheinen, täglich hebräische Bücher und Zeitungen. | Sie ist das Bindemittel der Juden aller Länder und den > unglücklichen Stammesbrüdern, die vom Schicksal in die Fremde! werfchlagen worden sind, gibt die gemeinsame Sprache des! Gottesdienstes Trost und Anfrichtung. Sie erhält das jüdische! Jusammengehvrigkeits- und Brüderlichkeitogefühl. Sie ist das! Geheimnis der unverwüstlichen Lebeilskrast des Judentums. : Aber auch zahlreiche ethische Gründe fordern das Fest-! halten an dem hebräischen Unterrichte. Sollen die Inden das i Feld der Bibelforschung ausschließlich der christlichen Theologie j überlassen, die, wie Friedrich Delitzsch kürzlich nachgewiesen hat, i durch mißverständliche Auffassung .des Alten Testaments oft zu : Jrrtümern gelangt ist? Ist es nicht Ehrensache der Inden, ihr überliefertes Schrifttum zn pstegeit? Auch die Notwendigkeit,! die Jugend zur Charakterfestigkeit in nationaler und religiöser; Hinsicht zu erziehen imb sie zu einem selbständigen Urteil über; die Wahrheit der so oft gegen das Judentum gerichteten Anklagen und Verleumdungen zu befähigen, weist zwingend auf die Notwendigkeit des hebräischen Unterrichtes hin. Vom pädagogischen Standpunkte muß die Tatsache zugegeben werden, daß der hebräische Unterricht eine Mehrbelastung der israelitischen Schüler in sich schließe, daß diese Sprache wegen ihrer Zugehörigkeit zu einem von den klassischen und neueren Sprachen verschiedenen Sprachstamme den Schülern schwierig erscheine, und daß die dafür verfügbare Zeit, e i n e wöchentliche Stunde, eine gründliche Einübung des Gelernten ausschließe. Andererseits werden aber unausgesetzte Bemühungen daraus gerichtet, die Methode zn verbessern. Hilfsmittel zn schaffen, das Stoffqnantnm zn vermindern, und durch technische Kunstgriffe, die Geistesarbeit der Schüler zu erleichtern. Auch werden trotz Des geringen Zeitausmaßes tatsächlich bedeutende Erfolge erzielt. Die oft gehörte Klage, daß die Schüler zn viel Grammatik zu lernen hätten, entspricht der Wahrheit nicht. Von Grammatik erfahren die Schüler nur einige geringfügige Einzelheiten, um die Neben- und Hauptbestandteile der Wörter kennen zn lernen. Vokabeln, Paradigmen, Unregelmäßigkeiten und Syntax werden nicht gelehrt. Die angeführten Elementarkenntnisse sind jedoch keine Erschwerung, sondern ein Hilfsmittel für die Schüler, die ja nicht eine mechanische Uebersetznng einlernen, sondern eine selbsttätig erarbeitete sich bleibend aneignen sollen. Ein Unterricht müsse, um fruchtbar zn sein, alle geistigen Kräfte in Betrieb setzen. Der Kampf gegen das Hebräische gehe nach Ansicht des Vortragenden von derselben Quelle aus, wie der gegen den klassischen Sprachunterricht. Allein das Hebräische stehe kulturell unserer Gegenwart viel näher als die Antike. Uebrigens fei die Zahl derer, die durch mangelhafte Kenntnis des Hebräischen an ihrem Fortgang gehindert wurden, eine verschwindend geringe. Auch die Religionslehrer müßten sich dem tausendstimmigen Rufe des letzten dentsch-österreichischen Mittelschnltages: „Fort mit dem Klassenkatalog.!" auch ihrerseits aus ganzem Herzen anschließen. Für viele Beschwerden werde die bereits angebahme Verbesserung des ersten Lese-Unterrichtes in Bälde wirksame Abhilfe bringen. - Ans der Wiener Kuktnsgememde. In der Sonntag, den 5. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung des Knltnsvorstandes wurde die statutengemäß alljährlich zu erneuernde Konstituierung des Borstandes, resp. Wahl der weiden Vizepräsidenten und des Vertreterkolleginms sowie der ständigen und spezialen Kommissionen und Komitees vorgenommen. Von den sonstigen Gegenständen der Tagesordnung nahm nur einer, und zwar ein Antrag der Friedhofskommission betreffs Anbringung jüdischer Inschriften auf den Grabsteinen am Zentralsriedhofe größeres Interesse in Anspruch und führte auch zu einer längeren Debatte. Im Nachfolgenden der Bericht: Nebst dem Spendenausweise befanden sich im Einlaufe: Dankschreiben der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin für die Beglückwünschung des Knltnsvorstandes anläßlich der Errichtung des eigenen Heimes. Zuschrift der Frau Clementine Wiener, Gattin des k. k. Kommerzialrates Eduard Wien er. betreffend die Annahme der Berufung in das Ehren- Damen-Kvmitee der israel. Berforgungsanstalt. Zuschrift des Vereines zur Versorgung hilfsbedürftiger Waisen der israel. Knltnsgemeinde Wien betreffend die Errichtung des Knaben- Waisenhauses. Präsident Dr. Alfred Stern berichtet über die Ergebnisse des Kassaabschlnsses pro 1907 und konstatiert, daß das Präliminare pro 1907 an die äußerste' Grenze der Einnahmen gegangen sei. Vertreter Salo Cohn berichtet über den Verlauf der Generalversammlung des Tempelvereines im VI. arid VH. Bezirke und über die musterhafte und ausgezeichnete Verwaltung, die er daselbst vorgefnnden habe. Herr Max Frank ersucht das Präsidium um Aufklärung, ob die in der jüngsten Nummer der „National-Zeitung" enthaltene Bemerkung auf Richtigkeit beruhe, daß unter dem Titel „Gnadengaben" ein Betrag von K 8000.— enthalten sei, welcher nicht für Gnadengaven sondern für Subventionierung von zwei jüdischen Zeitungen verwendet werde. Hierüber gibt der Präsident die Aufklärung, daß in der Post „ Gnadengaben" nur Gnadengaben an Arme enthalten feien. Gemeint sei offenbar das Jnseratenpanfchale für zwei jüdische Blätter in Wien, welches wie selbstverständlich, in der Budget- Post „Jnferatenpanschale" K 6000.— enthalten ist. In diesem Betrage sind jedoch auch die Auslagen für Publikationen der Kultusgemeinde in anderen Blättern wie „Wiener Zeitung" re. inbegriffen. Die Beantwortung der Interpellation durch den Präsidenten wird ziir Kenntnis genommen. Bei diesem Anlasse berichtet der Sekretär, daß die gegenständliche Post in dem seit zwölf Tagen zur allgemeinen Einsicht aufliegenden Budget enthalten fei, daß jedoch bis zum heutigen Tage kein Gemeindemitglied Einsicht genommen habe. Bei der Wahl der Vizepräsidenten werden Herr k. k. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn als ^^Vizepräsident Und Baurat-Theodor Ritter v. G o l d s ch m i d t als IE. Vizepräsident einstimmig wiedergewählt. Beide danken mit kurzen Worten für das erneuerte Vertrauen. Bei der Wahl des Vertreterkolleginms werden 25 Stimmzettel abgegeben und erscheinelr gewühlt: Dr. Alfred Berger mit 24 Stimmen Salo Cohn 24 Dr. Felix Katzau 24 1 Dr. Leopold Kohn » 23 „ Wilhelm Kuffner 20 Beruh. P o l l a k Edler von Parnau I 22 " Hofrat Dr. Benjam. Rappaport " 22 " Dr. Maxim. Steiner "n 24 '„ Bei den hierauf vorgenommeiien Wahlen m die Kommissionen und Komitees wurde mit geringeren Verändertingen die bisherige Zusammensetzung beibehalten. » Die namens des Vertreterkollegiums gestellten Anträge'^) auf Errichtung von Stiftungen auf die Namen von .Moriz Ritter von Goldschmidt, Nanette von o l dschmidt und Julius Ritter von Goldschmidt, d) auf Eiuhebnng' einer Taxe bei Untersuchung mit. Röntgen- Strahlen im israel. Spitale, c) ans Interpretation des § 11 der Dienstpragmatik werden ohne Debatte genehmigt. Ueber den Antrag des Vertreterkolleginms, ' daß an die Parteien bei Aufstellung von Grabsteinen und Gruftmonnmenten am Zentralfriedhofe in entsprechender Form das Ersuchen gestellt werden soll, zur Wahrung des konfessionellen' Charakters des Friedhofes an den Denkmälern auch eine hebräische JitschHtetl anzubringen, entwickelt sich eine längere Debatte. Abweichend von dem Beschlüsse des' Bertreterkolkegiums ist der diesbezügliche Beschluß der Friedhofskommission, welchex dahin geht, durch eine Aendernng der Fried Hofsordnung, die Aufstellung von Grabsteinen nur dann zn bewilligen, wenn W die Parteien verpflichten, an den Grabsteinen auch hebräische Inschriften — zumindest den Namen des Verstorbenen, den Todestag oder die Eulogie — anzubringen.