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Die Wahrheit · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheil Seite 5. kennen und zu Pflegen, sondern sie zn untergraben und somit die Gesellschaft zu entwurzeln. Eine der wichtigsten dieser Wurzeln ist der individuelle Selbsterhaltungs- und Vergeltungstrieb." Wie, Herr Professor, ist der Altruismus nicht zumindest eine ebenso wichtige Triebfeder und soll sie in Recht und Politik auf ewig ansgeschaltet bleiben, ist der alttestamentliche Satz „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" in den Wind gesprochen, soll die Selbstsucht immerdar den Thron behaupten, wird das neutestamentliche Wort, daß man ohne Liebe ein klingendes Erz und eine tönende Schelle sei, sich niemals vom niedrigen Stand einer Phrase zum Rang einer beherzigenswerten Maxime erheben?? Eine andere Stelle, die dem Rechte der persönlichen Vergeltung das Wort redet, lautet: „Bekreuzigen wird sich freilich vor dieser Anschauung diejenige moderne Richtung des Strafrechtes, an deren Spitze der berühmte Berliner Kriminalist v. Lißt steht, welche von einem Vergeltungszweck der Strafe auch im öffentlichen rechtlichen Sinne nichts mehr wissen will, welche das Verbrechertum ausschließlich von einem pathologischen Standpunkt, von einer doktrinären Höhe beurteilt. Ihre übertriebene Humanität gegen das Verbrechertum entspringt vor allem ans demjenigen Determinismus, der schließlich in dem Satze gipfelt: ,comprendre c’est excuser*. Den Determinismus auf empirischem Gebiete, d. h. als wissenschaftliche Zerlegung eines im letzten Grunde (transzendental) freien Geschehens lasse ich zwar gerne gelten ..." Daß Franz v. Lißt und mit ihm die kriminalistische Schule, die man die „neue", u. zw. mit Unrecht also benamst, das Verbrechertum ausschließlich vom pathologischen Standpunkt betrachte, ist einfach unwahr. Das Verbrechen entspringe — so sagt Lißt ungefähr — aus dem einen Faktor, der Veranlagung des Täters, und dem anderen, der Summe der wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse des Milieus, und er weist, wie nicht anders zu erwarten, dem zweiten Faktor die größere Dignität zu. Wenn v. Lißt etwa schlicht behauptet, daß ein Individuum mit fehlender sittlicher Veranlagung dem Kerker und der Kriminalität unmöglich entgehen könne, wenn es von minderwertigen Eltern — inferior in moralischer und zugleich physischer Beziehung — stamme, wenn es zumal von Jugend in engen Elendsqnartieren gehaust, in denen sich unausgesetzt Szenen des Lasters und der mannigfaltigsten Vergehungen abspielen: so gibt Kuhlenbeck dies wohl empirisch zu, läßt den Determinismus aber im letzten Grunde als Ausfluß des „Transszendentalen" erscheinen. Der Ausdruck ist dem Schuljargon Kants enlnommen; es würde Mühe kosten, den scholastisch nebulösen Begriff zu definieren. Gemeint ist damit lediglich dies: Jenes oben geschilderte, bedauernswerte Individuum hätte sich frei von jeder Schuld bewahren können, wenn es in seinem vorterrestrischen Dasein so gewissenhaft und vorsichtig gewesen wäre, sich einen guten Charakter anszusuchen und damit allen Versuchungen Trotz zu bieten. Nicht wahr, Herr Professor, der dumme Kerl wäre schon dafür zu bestrafen, daß er sich in jenem fabelhaften Transszendental-Tale arme Eltern ausgesucht? Er hatte ja freie Wahl, sonst trüge er keine moralische Verantwortlichkeit. Wie aber, wenn dies besagte kriminelle Lotterwesen sich just Ihre werten Eltern zn Erzeugern ausgesucht, und Sie aus reiner Wut und zum Trotz, in einer plötzlichen Laune mit ihm getauscht hätten? . Schon die sogenannten „Arithmeliker" des 17. Jahrhunderts stellten moralstatistisch fest, daß die Verbrechen, die man bis dahin als willkürliche Erscheinung betrachtete, in einem zahlenmäßigen, zahlengesetzlichen Verhältnis zu der wirtschaftlichen Lage, zu den Getreidepreisen, zu den Jahreszeiten stehen. Der Dichter trifft auch intnitiv das Richtige. Ihr stoßt ins Leben uns hinein, Ihr läßt den Armen schuldig werden. Dann überläßt ihr ihn der Pein, Denn jede Schuld rächt sich auf Erden. In dem Abschnitt, der dem Duell gewidmet ist, heißt es weiter: „Die Vormundschaft über seine Ehre will der germanische Charakter in seiner eigenen Hand behalten." „Nicht einmal Ehrenstrafen, nicht einmal schimpfliche Todesstrafen haben den Zweikampf unterdrücken können. Ich denke über das Duell, wie mein konservativer Landsmann Justus Moeser." Hier folgt eine Stelle aus dessen berühmten „Patriotischen Phantasien": „Mir scheint der Zweikampf in obiger Form die letzte mögliche Einschränkung der Selbstrache zn sein. Moses wagte es nicht, diese ganz aufzuheben; vielmehr ließ er ihr ihren Lauf und setzte derselben die Freistätte entgegen." Wie mir oben geradezu einer Verleumdung Lißls begegneten, so gewahren wir hier eine literaturgeschicblliche Fälschung des sympathischen Charakters des Schriftstellers Moeser selbst und seiner Werke. Moeser mag in puncto Zweikampf geirrt haben — seine Wirksamkeit füllt in die Periode nach dem siebenjährigei'. Krieg — da war auf dem Kontinent noch wenig von Freiheit zu bemerken, aber auch da gereicht es ihm zur Ehre, daß er voraussetzte, Moses habe die Selbstrache nur deshalb nicht verboten, weil sie noch zu tief im barbarischen Gemüle gewnrzelt, und sie übrigens durch das Asylrecht gemildert. Aber Moeser ein Konservativer? Ich entsinne mich einer Stelle, worin er empfiehlt, die Jugend in mehr kulturellem, als militärischem Sinne zu erzieheu, einer anderen, an welcher er vorschlägt, den Gemeinden Autonomie zu verleihen, und ferner unzähliger Stellen, die edelste und fortgeschrittenste Resormanträge enthalten. Wenn Knhlenbeck ferner vom g e r m a n i s ch e n Ra s s e ngenius spricht, dem die Anschauung von Maunesehre entsprungen sei, von R a s s e n h y g i e n e, dem Vorteil, wöchentlic!' einige Stunden auf dem Fechlboden zuznbringen, so gewahren wir. daß die Grenzen zwischen Konservativismus und äußerster Reaktion verschwimmeude sind. Dieser Konservativismus wird liebevoll in China gepflegt, und ein offener Antisemitismus wäre uns lieber, als so verkappte Rückständigkeit. In England ist das Duell geradezu verschwunden, ohne daß der Sport deswegen auch nur in einem Zweige vernachlässigt würde. Doch ich schenke mir und dem Leser eine weitere Polemik mit Professor Knhlenbeck, wozu gegen dessen Verherrlichung des Krieges, gegen dessen Verspottung Berta Suttners opponieren? Unsere Heiligen bleiben trotzdem Jesaias, Saint Pierre und Kant, unsere Sehnsucht sind der ewige Frieden, das Verschwinden des Militarismus. 8. Vineta. Nerbandstay der Peliyiousleßrer an Mittelschulen. Montag, den 30. Dezember 1907 fand im Sitzungsfaale der Knltnsgemeinde unter der zielbewußten, energischen Leitung des Inspektors für Mittelschulen, Herrn Rabbiner Dr. Feuchtw a n g, eine öffentliche Sitzung des Verbandes der israel. Religionslehrer an Mittelschulen statt, welche allseits lebhaftes Interesse erweckte. Der Vorsitzende bemerkte, daß ein Punkt der Tagesordnung des Verbaudstages ein Vortrag „lieber den hebräischen Unterricht an Mittelschulen" sei. Dem Verbände ist es sehr erwünscht, einen Meinungsaustausch mit dem Publikum und den Eltern herbeizuführen. Diese Frage soll dadurch geklärt und in ruhige Bahnen geleitet werden. Der Referent Herr Professor Dr. Weiß erstattet nun sein Referat, das lebhaften Beifall fand. An der intensiven Diskussion beteiligte sich zumeist Herr Oberrabbiner Dr. G ü d em a li ii. Er dankt dem Herrn Referenten für die umfassende Bearbeitung des Themas und nicht minder für die Wärme und Begeisterung des Vortrages. Er ist für die Beibehaltung des hebräischen Unterrichtes, weil das Hebräische das Gefäß für unser religiöses Bewußtsein ist, weil der sich um einen großen Schatz bringt, um den die größten Gelehrten uns beneiden, der die heilige Sprache nicht versteht. Er wünscht aber nicht wissenschaftliche Durcharbeitung des Stoffes, der bei Gymnasiasten oft Ueberbürdung mit sich bringt, sondern erhofft sich durch fleißige Uebung mit gelegentlicher Besprechung grammatikalischer Formen vielen Erfolg, und es wäre nur sein sehnlichster Wnnsch. daß endlich alle Gegnerschaft verschwinde und das Wort „Scliolaiiin“ wahr werde.

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