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Die Wahrheit · 1908-01-10 · Heft 2 (10.1.1908) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 2 (10.1.1908)
Date
1908-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Lene 4. Die Wabrheit Nr. 2. Eine Dupliü. Zn der jüdischen Wochenschrift „Nene National-Zeitung" vom 13. Dezember 1907, Nr. 53, wurde von einem Anonymus eine offene Frage an Professor Ehrmann gerichtet, auf welche Weise das Leben Spinozas und Heinrich Heines für die jüdische Jugend nutzbringend verwendet werden könnte. Der Fragesteller, der sich als Religionslehrer bezeichitet, macht vor Spinoza und Heine eine ebenso tiefe Verbeugung, wie der „hervorragende jüdische Gelehrte" vor dem Mittelpunkte der Dreieinigkeit auf Seite 7 desselben Blattes. Die Ansicht dieses hervorragenden Gelehrten gipfelt in dem Satze, daß mit dem Erscheinen Jesu die Rassengegensätze aufgehört haben. Demnach wäre die zweitausendjährige Leidensgeschichte unseres Volkes bloß Einbildung, und an den Juden wäre es, das Lied „Christ ist erstanden" kräftig mitzitsingen. Nach Inhalt und Fassung der Replik in Nr. 1 vom 3. Jänner 1908 des zitierten Blattes aber muß angenommen werden, daß hier nicht der „Religionslehrer" sich zum Worte gemeldet hat, sondern ein anderer, da ein Mann, der die „schwere Ausgabe hat, die jüdische Jugend für das Judentum zu erwärmen", entweder eine solche Frage nicht stellen würde, oder wenn ihn eine solche Frage zu beunruhigen geeignet wäre, er seinen Berns als verfehlt betrachten müßte. In der Vorstandssitznng vom 21. Dezember 1907 hat Professor Ehrmann geantwortet, wie jemand, der den Wert Spinozas und Heines zu würdigen weiß. Man muß daher staunen über den gereizten Ton in der Replik des Fragenden, und man ist schier versucht ihm zu sagen: habes quod voluisti, die Antwort, die du erbeten, und solltest dankbar dafür sein, daß dir Gelegenheit geboten wurde, die Theorie „von den Evangelischen Juden und dem jüdischen Evangelium Jesu" rsplioando zu entwickeln. In der Tat hat es den Anschein, als ob es dem Fragesteller nur um diese Theorie und nicht um eine von Professor Ehrmaun zu erwartende Antwort zu tun war. Wäre es dem ..Religionslehrer" wirklich daran gelegen, durch eine Antwort belehrt zu werden, hätte er, den sein Beruf zur Zugehörigkeit zum rabbinischen Judentum nötigt, trotz seiner tiefen Verehrung, die er für Spinoza hegt, im Talmud Belehrung gesucht und gefunden. Dem Fragesteller ist es gewiß nicht fremd, daß der Talmud oft seine Ansicht in Form von Legenden zur Geltung bringt, um desto inniger und nachdrücklicher aus die Lebensführung und Denkungsart seiner Jünger und Anhänger zu wirken. In seinem Verhalten gegenüber König Manasse und Elischa ben Abujah lehrt der Talmud, wie Abtrünnige von Bedeutung zu behandeln sind. Weil aber Manasse, trotz Verirrungen, Jude geblieben ist, will ich die Stellen, die der Talmud diesem Könige widmet, nicht heranziehen, obschon auch diese geeignet sind, dem Religionslehrer zu beweisen, daß sich der Talmud, der den Satz anfstellt: „Auch der Abtrünnige bleibt Jude", konsequent geblieben ist, indem er dem Baaldiener Manasse sogar das Paradies sichert und bereit ist, über dieses Thema einen Vortrag zu halten: ".Ti? p sine? i3-cn n:r:ab ®rn:". Wohl aber möchte ich auf Acher, der ein mira» p:p war. Hinweisen, den die Talmudisten trotzdem nicht verleugnen, sondern ihm einen breiten Raum in ihrem ewigen Werke widmend, sein Andenken vor dem Untergange gerettet haben.' Dem Kenner des Talmud wird es aber sofort klar, daß die Talmudisten in den über beide erzählten Legenden ihr Verhalten gegen Verirrt-e — Manasse und Acher sind nur Beispiele — kennzeichnen und als Norm für ihre Jünger sowohl, als für das ganze rabbinische Judentum aufstellen wollten, damit diese für alle kommenden Zeiten wissen, daß man selbst dem Abtrünnigen ein brüderliches Verhalten schuldet. Auf Spinoza kann der Ausruf Rabbi Jochanans rrn nn rur'2 d. h. „einen einzigen gab es unter uns, svil. welchen seine Forschung vom reinen Glauben abführte, und es gab keinen, der ihn zu retten vermochte", angewendet werden. Wenn es mir auch nicht einfallen könnte, Spinozas theologisch-politischen Traktat vor Angriffen zu bewahren, so ist es sicher, daß Spinoza weder von einem jüdischen Evangelium Jesu, noch von einem evangelischen Judentume etwas gewußt hat, und es ist festzustellen, daß Spinoza nicht durch dieses Werk, welches nur die negative Seite der Spinoza'schen Philosophie enthält, wohl aber durch seine Ethik berühmt geworden ist. Jene negative Seite ist, nach Ansicht des rabbinischen Judentums, seine Verirrung, und wenn der Fragende diesen Teil der Spinoza'schen Schriften hervorhebt, so darf er sich nicht beklagen, wenn so mancher glaubt, ans der Replik heransznfinden, daß der Zweck kein anderer ist, als dieses evangelische Judentum und das jüdische Evangelium Jesu, welche schwerlich eine Meinung Spinozas, sondern das unbestrittene, geistige Produkt des replizierenden Religionslehrers ist, den Lesern zu Gemüte zu führen. Der Religionslehrer, als Glied des rabbinischen Judentums, hätte sich nur der Mühe unterziehen müssen, im Traktate Chagiga 14 und 15 nachznlesen, um ans der Apotheose Achers zu ersehen, wie der Talmud den Abtrünnigen, wenn sie große Söhne ihres Volkes sind, gerecht wird, und er hätte begriffen, weshalb ein Knltusrat, dem die Lehren des rabbinischen Judentums noch immer näher liegen, als die Lehren des theologischpolitischen Traktates und die Meinitugen eines sich nicht nennenden Interpreten desselben, verlangen konnte, daß man auch Spinoza und Heine in den Kreis der abznhaltenden Vorträge über jüdische Geschichte einbeziehe. Was Spinoza angeht, könnte man das Vorgehen seiner zeitgenössischen Rabbinen mit dem Worte Rabbi Jochanans *m:o rrbpöb geißeln, wenn ihr Urteil nicht in der Zeit, in der sie lebten, der sinsteren Zeit der Inquisition, eine Rechtfertigung finden würde. Was Heine anlangt, hat derselbe, wie Professor Ehrmann richtig hervorhebt, mehr für das Bekanntwerden jüdischen Lebens und Dichtens getan, als alle Religionslehrer znsammen, aber auch als der Entdecker der evangelischen Juden und des jüdischen Evangeliums Jesu. Dr. Albert Wagner. Das Decht der Selbsthilfe.*) Die kleine Broschüre, die ein ordentlicher Universitäts-! Professor geschrieben, ist eine äußerst wehrhafte Schrift. Ein! Wald von Stacheln starrt dem Beschauer entgegen, wie bei einem I Igel; man muß ihn entweder ungeschoren lassen, oder wird! selbst verletzt, greift man ihn an. Das Büchlein hat zum Motto:! „Hilf dir selbst! So hilft dir Gott!" Es bildet eine sporen- | klingende, säbelrasselnde Hymne ans das Recht der Vergeltung, > der Notwehr; Zweikamps und Selbsthilfe im Völkerrecht finden den begeistertesten Anwalt an Professor Knhlenbeck, die Haager Friedenskonferenz wird blutig verspottet, und was das Schlimme dabei ist, der liberale, oder ideal angehauchte Leser wird seine tiefe Antipathie dagegen, den sich gewaltig in ihm regenden Widerspruch nur mühsam geltend machen. Welchem Arsenal sollen die Argumente zur Bekämpfung der Knhlenbeck'schen Anschauungen entnommen werden? Der Gang der Entwicklungsgeschichte der Menschheit, der traurige humanitäre und kulturelle! Stand der Gegenwart, sie weisen nur wenig Helle und versöhn-! liehe Punkte auf, so bleibt denn nichts anderes übrig, als selbst! ans die Gefahr hin, zum optimistischen Ideologen gestempelt zu j werden, sich auf unser Gefühl, ans unsere Znknnftshoffnnng zu! berufen. Also nur auf das Gefühl? Gar so wenig wird's wohl! nicht sein, da doch Goethe gesagt hat: „Gefühl ist Alles." Versuchen wir indes, trotz dieser entmutigenden und mut-! losen Einleitung, gegen eitrige der markantesten Thesen Knhlen-! becks anzukämpfen.! „Der moderne Radikalismus," sagt der Professor, „das j Wort hängt -bekanntlich mit radix, Wurzel, zusammen, strebt i eben nicht darnach, die natürlichen Grundlagen, die Wurzeln des Rechts und der Politik, aus denen unsere Institutionen in j vieltansendjährigem Entwicklungsprozesse erwachsen sind, zu er-! *) „Das Recht der Selbsthilfe" im weiteren und engeren Sinn.! Von Dr. jur. K u h l e n b e ck, ordentl. Professor des deutschen Rechts zu j Lausanne. Langensalza. Druck und Verlag von Julius B e l tz, Hof-! lieferant.

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