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Die Wahrheit · 1908-01-02 · Heft 1 (2.1.1908) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 1 (2.1.1908)
Date
1908-01-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 1. Seine hervorragende Tätigkeit in vielen Ausschüssen und Kommissionen 1 wurde allseitig anerkannt. Redner schloß mit den Worten: „Wir nehmen? Abschied von dir, ruhe in Frieden; dein Wirken war Segen, deinem Andenken Achtung." Mit dem Gesänge: „Ueber den Sternen wohnt Gottes Frieden" schloß die Trauerseier. Dann trug man den Sarg hinaus zum Leichenwagen, dem sich die große Zahl der Wagen der Leidtragenden anschloß. Im trüben, regnerischen Wetter ging es dann hinaus nach Ohlsdorf. Dort widmete Herr Rabbiner Dr. Löwenthal dem Verblichenen herzliche Abschicdsworte. Dann ging es zur letzten Ruhestätte, wo nach kurzem Gebet die sterblichen Ueberreste Heßleins der Erde übergeben wurden. Wersöhrrte Aeinde. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) „Also nicht," sagte trocken die Schwätzerin mit einer fast komisch wirkenden Ruhe. Ohne abzuwarten, bis sie znm Bleiben aufgefordert werde, ging sie im Zimmer umher, sich neugierig alles besehend. Sie wollte Zeit und Gelegenheit sinden, ein Gespräch mit dem seinen Kaffee schlürfenden Doktor auzuknüpfen. „Lassen Sie mich doch nmschauen, wie Sie hier eingerichtet sind, war ich doch nicht in diesem Zimmer, seit der arme Karl fort ist. Schön haben Sie es hier, das muß man sagen! Und alle diese Druge schleppen Sie in den Krieg mit? Diese Bücher, diese Instrumente, diese Bilder? „Warum nicht? Wir haben ja einen großen Bagagewagen für die Sanitätsabteilung." „Ei, sieh da, das ist eine schöne Dame," sagte sie, scheinbar unbefangen weiter plaudernd, indem sie auf Doras Photographie zeigte; „dies wird wohl das Bild sein, dessen Anblick meine arme Rosa derart verwirrte, daß sie so unbesonnen gesprochen hatte!" „Wirklich?" rief der bisher schweigend znhörende Doktor aus, und die Falten tiefen Unmutes, welche auf seiner Stirn gelagert hatten, glätteten sich mit einemmale, während ein Blitz freudigen Verständnisses aus seinen glänzenden schwarzen Augen fuhr. „Ja wirklich," parodierte die kleine Diplomatin, „Sie fuhren bie arme Kleine so hart an, ließen ihr keine Zeit, eine Entschuldigung vorzubringen, haben der verzweifelnden Schwester nicht ein Wort über das Schicksal des Bruders erzählt, von dem sie doch annehmen mußte, daß er verwundet oder gar tot sei, dies ist grausam von Ihnen." „Sie hat mich ja gerade darin unterbrochen, darum braucht auch niemand hier etwas zu erfahren!" „Ich auch nicht, Sie Böser?" ..Was geht es Sie an, Fräulein Anna? Es ist doch nicht Ihr Bruder, auch, soviel ich weiß, kein Anverwandter?" „Das wohl nicht, aber wissen Sie, Herr Doktor! — ich schäme mich fast, es Ihnen einzngestehen, — wie ich aus dem Bilde, welches ich da vor Ihnen sehe, erkenne, wissen Sie auch, was Liebe ist, und werden mich nicht anslachen, also," fuhr sie verlegen mit den Bändern ihrer weißen Schürze spielend und die Augen niederschlagend, fort, „wir haben uns seit Kindheit gern gehabt, ich und.der Karl Herrmann, aber niemand hier durfte davon erfahren." „Ei, liebes Kind," rief der Doktor belustigt, die errötende Kleine beim Kinne fassend, „da erfahre ich ja etwas Neues! Ist es aber auch wahr, was Sie da sagen?" „Wirklich wahr," beteuerte das Mädchen ganz ernsthaft. „Wenn Sie wirklich solch wichtigen Grund zur Neugierde haben, so muß ich mich schon zum Erzählen bequemen." Und er setzte sich bequem in einer der beiden Lehnstühle, während er das junge Mädchen aufforderte, auf dem Divan ihm gegenüber Platz zu nehmen. Nach kurzem Nachdenken fuhr der Doktor fort: „Wer Ihnen auch glauben könnte?! Ich bin schon so oft von Frauen getäuscht und dadurch recht skeptisch geworden. Bitte, Fräulein Anna, schwören Sie mir, daß zwischen Ihnen und dem Sohne des Hauses wirklich ein zartes Verhältnis bestanden, und Sie sollen alles wissen." Der Doktor sprach dies wohl mit ernster Miene, jedoch mit mühsam unterdrückten Lachen. Anna aber fuhr entrüstet in die Höhe. „Was fordern Sie da von mir, Sie, der erst gestern der armen Rosa trotz des Zornes, in dem Sie sich befanden, solch glänzenden Beweis von echter, jüdischer Gesinnung gegeben, Sie wollten mich verleiten, um solcher Lappalie willen zu schwören, den Namen Gottes, den wir beide als fromme Juden so hoch halten, vergeblich ansznsprechen, mich, die in strengjüdischen Prinzipien erzogene Rabbinerstochter?" Nun konnte Goldenkron seine ausbrechende Heiterkeit nicht länger unterdrücken. „Was ich weiß, so wenig es im Grunde auch ist, will ich Ihnen erzählen, aber nicht der Anderen zuliebe, sondern weil Sie solch ein braves tapferes Mädchen sind, welches sich ans Gefälligkeit der Freundin gegenüber sogar in die Höhle des erzürnten Löwen gewagt hat; denn von dem Märchen Ihres Verhältnisses zu dem verschollenen Karl glaube ich natürlich kein Sterbenswörtchen, denn man geht nicht die ganze Zeit über mit solch lachenden Augen, ein Liedchen trällernd, im Hause umher, wenn man den Geliebten in Gefahr weiß, oder gar wie in diesem Falle, begründete Ursache zu haben glaubt, ihn als tot zu betrachten. Da werden Sie mich doch hoffentlich für erfahrener und praktischer in dieser Beziehung halten. Also jetzt setzen Sie sich wieder ruhig nieder und hören Sie zu. Als richtiger Kriegsberichterstatter sollte ich eigentlich den Kriegsschauplatz und die sich darauf abspielenden Szenen beschreiben, jedoch, liebes Fräulein, taugt eine derartige Schilderung nicht sür Sie, trotzdem Sie ein so tapferes Mädchen sind. Ich übergehe daher gänzlich alles, bis ans das, was zu meiner Erzählung notwendig ist. Nach mühsamem Tageswerke, welches sich für uns Aerzte bis tief in die Nacht hingezogen, wollten wir endlich etwas ansruhen. Der Sieg, den unsere tapferen Truppen -bei Skaliz erfochten, war teuer erkauft worden, und unablässig folgten sich die Tragbahren, welche Tote und Verwundete zu uns brachten, nacheinander. Nachdem wir den blessierten Soldaten den ersten Verband angelegt hatten, überließen wir sie der Pflege der Sanitätswärter und gingen zur Ruhe. Als es im Lazarett ganz ruhig geworden, warf ich mich auf eine leere Matratze und, von Müdigkeit überwältigt, schlief ich ein. Ich mochte noch nicht lange geruht haben, als ich geweckt wurde. Unweit N. hatte wieder ein Vorpostengefecht stattgefunden und ein österreichischer Korporal, der sich iin Eifer des Gefechtes zu weit vorgewagt hatte, fiel, von einer Flintenkngel getroffen, den Unseren in die Hände. Seine Gefährten hatten die Flucht ergriffen, aber er, am Fuße verwundet, konnte nicht fort und wurde gefangen. Während des Transportes war er aus Schmerz oder Blutverlust ohnmächtig geworden, und mich weckte man, um dem Gefangenen ärztliche Hilfe zn leisten. Ich half, ihn vorsichtig entkleiden, und da bemerkte ich, daß der Verwundete einen Gegenstand fest in der geschlossenen Hand hielt. Nach längerer Mühe gelang es mir, die fast todesstarre Hand ztl öffnen, und siehe, ein kleines Bild, ein junges, blühendes Mädchen von hervorragender Schönheit darstellend, umschlossen krampfhaft die kalten Finger. Ich nahm, von allen tinbemerkt, das Bildchen an mich, um es dem Besitzer wiederzugeben, wenn er am Leben bliebe, andernfalls aber, durch dieses Bild einmal die Identität des Armen beweisen zu können. Nach sorgfältiger Untersuchung fand ich die Verwundung als eine sehr leichte. Indessen waren andere Verwundete gebracht worden und ich mußte von einer Lagerstätte zur anderen gehen. Als ich mich später dem Oesterreicher zuwenden wollte, war er nicht mehr da, er war in ein anderes Lokal transportiert worden, damit auf der Verbandstätte Platz für frisch angekommene Blessierte sei. Tags darauf mußten wir weiter ziehen, die Verwundeten der Obhut zweier Aerzte und einer Anzahl freiwilliger, doch gut geschulter Pflegerinnen znrücklaffend. Das Bildchen zurückzugeben, fand ich keine Gelegenheit mehr. Jetzt wissen Sie alles, Fräulein Anna! Nun urteilen Sie selber, ob ich ein Leichenräuber, eine Schlacbtfeldhyäne bin!" „Verzeihen Sie meiner armen Freundin dies rasche Wort, dessen Bedeutung sie gewiß nicht erwogen hatte, und sagen Sie mir lieber, wie sich indessen das Schicksal des armen Karl gestaltet haben mag, wenn er nämlich am Leben geblieben ist." (Fortsetzung folgt.)

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