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Die Wahrheit · 1908-01-02 · Heft 1 (2.1.1908) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 1 (2.1.1908)
Date
1908-01-02
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Samuel Popper Ein wackerer Kollege und langjähriges Mitglied des österr.- ungar. Kautoren-Vereines, Herr Samuel Popper, der dnrch wiele Jahre, bis zu seiner vor zwei Jahren erfolgten Pensionierung, als I. Kantor und Rabbiner der israel. Knltusgemeinde in Eger fungierte, ist vorige Woche in Karolinenthal bei Saaz zu Grabe getragen worden. Sein Heimgang wird nicht nur von den Seinen, sondern von Allen, welche Gelegenheit hatten, den! edlen Menschen, den pflichtgetreuen Funktionär und warmfühlenden! Kollegen kennen zu lernen, tief betrauert, und in der gesamten! Kollegeuschaft wird ihm ein ehrenhaftes Andenken bewahrt bleiben. I Möge die tiefgebeugte Familie des Verblichenen in der! warmen und aufrichtigen Anteilnahme, die auch beim Leichenj begängnisse in den gehaltenen Grabreden so schön znm Ausdruck! .kam, Trost und Ausrichtung in ihrem Schmerze finden. rrrxm j Der Ursprung der Synugoge.z Die Synagoge ist die originellste und fruchtbarste Schöpfung des jüdischen Geistes, sagt Renan in seiner Geschichte d. I. {IV. Kap. 3.) „Das religiöse Gefühl wird hauptsächlich durch die Gemeinschaft der Menschen geboren und erhalten. Die Gemeinde ist das stärkste religiöse Band, das heute noch haltbar geblieben ist." Wurde auch diese Ansicht Renans von jüdischen Forschern vielfach bestritten, so unterliegt doch die hohe Bedeutung der Synagoge für die jüdische Religion noch weit mehr für deren Tochterreligionen keinem Zweifel und ist es daher nur natürlich, daß hervorragende Gelehrte, wie Zunz. Jost. Herzfeld, Grätz und ganz besonders Löw (Ges. Schr. IV. 1—71) sich mit der Frage nach dem Ursprung der Synagoge befaßten. -Gelöst ist sie noch nicht. In letzter Zeit ist eine sehr verdienstliche Schrift erschienen, die sich ebenfalls die Lösung dieser Frage zur Aufgabe gestellt hat.*) Es sei zunächst bemerkt, daß der Fleiß des Verfassers, mit welchem er einen großen Teil der talmndischen Stellen zusammengestellt hat, die geeignet sind, über die allmähliche Entwicklung des opferlosen Gottesdienstes Licht %vl verbreiten, alles Lob verdient. Wenn aber der Verfasser den Ursprung des opferlosen Kultus auf den ans Gebet. Thora- Dorlesen. Prieftersegen und zum Teil ans Fasten bestehenden Gottesdienst der sogenannten Maamados (= Standmannschaften, welche ans Priestern, Leviten und Israeliten zusammengesetzt waren), znrückführt, so kann die Beweisführung des gelehrten Verfassers denn doch nicht genügend überzeugen. Gewiß! Der Verfasser hat recht, wenn er ansruft: „Nein! Die Synagoge mußte, um den ihr innewohnenden, von keiner Seite je in Frage gestellten sakralen Charakter zu erhalten, nicht in der heidnischen Ferne, sondern gerade im Herzen des Judentums, in Jerusalem und womöglich auf dem Tempelberg selber entstehen; mußte nicht als Nachahmung griechisch-heidnischer Einrichtungen, sondern als ureigene jüdische Schöpfung von hervorragenden religiösen Autoritäten ins Leben gerufen werden; mußte nicht gegen, sondern vielmehr im Hinblicke auf ein biblisches Gebot, ihre Existenzberechtigung finden", das haben auch andere nicht, hat auch nicht Löw behauptet. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob unter oyn rra Jerem. XXXIX ein Gotteshaus gemeint sei oder nicht. Aber nichts hindert uns anzunehmen, daß auch im ersten Tempel Gebete verrichtet wurden, daß Dank- und Bittgebete auch ohne Opfer zum Himmel emporgesendet wurden. Auch nicht die vom Verfasser angeführte Behauptung Wellhausens: „Zur Unterstützung der Bitte oder Frage, zur Bezeugung des Dankes dient die Gabe; das Gebet gehört als Interpretation dazu." Man muß — um anderer Ansicht zu werden — nicht einmal an die betende Channa denken, deren Gebet auch nicht recht zu jenem *) Der Ursprung der Synagoge und ihre allmähliche Entwicklung Don Dr. M. Rosenmann, Berlin 1907. Opfer in Beziehung gebracht werden kann (I. 25), welches sie erst nach Jahr und Tag brachte. Man lese nur das herrliche Weihegebet Salomos, lese es ohne Erklärungen und Auslegungen. Lese z. B, den Passus: „Auch wenn ein Fremder, der nicht von deinem Volke Israel ist, ans fernem Lande um deines Namens willen kommt und in diesem Hause betete so erhöre ihu im Himmel, der Stätte deines Sitzes, und erfülle das. um das dich der Fremde anruft". Es heißt da nirgends: „Nimm sein Opfer wohlgefällig an!" Damit ist freilich noch nicht gesagt, daß es auch schon Kultstätten gegeben hat, die ausschließlich dem opferlosen Kultus geweiht waren. Geweiht war aber in aller Zeit jede Stätte, wo bewegte Menschenherzen sich znsammenfanden und Gott anriefen. Wohin ein Abraham kam, fand er auch Steine zu einem Altäre, vor welchem er seinen Gott anrief. Und auch in späterer Zeit wurden die heiligsten Gebete auf dem Stadtplatze verrichtet. (Megilla 26 a, Taanit 15 a.) Wir möchten darum Renan znstimmen, wenn er sagt: „Sein (Ezechiels) Hans diente als Versammltlngslokal für die ältesten und Die frommen Juden. Seine Wohnung war also eine Art Synagoge. Seit der Zerstörung des Tempels war tatsächlich eine neue Einrichtung nötig geworden, eine Stelle, wo man sich zu gewissen Tagen zusammenfinden konnte. um gegenseitig die nationalen Gefühle zu stärken und gegen die fremden Einflüsse sich zu stählen." Ja sie war nötig geworden, die Stelle, wo sie sich zusammenfinden konnten, wenn auch nicht zu dem von Renan angeführten Zwecke, sondern um Hand und Herz zu Gott zu erheben — eine Stätte, die ihnen den Tempel ersetzen sollte. Freilich, wenn es auf die Aeltesten der Golah angekommen wäre, sie hätten sich am liebsten einen ganzen Tempel getvünscht, einen Tempel wie sie ihn in Jerusalem hatten, mit Priester und Opferdienst, eine (— Tempel, nicht Altar, wie der Verfasser nach Schürer behauptet, da die von Elephantine sieben Tore und ein Zederndach hatte, wie ans den von Professor Sachau in jüngster Zeit entdeckten Papyrnsfunden von Jeb hervorgeht) wie in S'yene und Jeb i Elephantine). Und sie Hütten auch einen solchen Tempel erbaut, wenn es nach ihrem Willen gegangen wäre. Wenigstens müssen sie sich vor Ezechiel, dem großen Propheten der Golah, in diesem Sinne geäußert haben. Aber der Prophet schleuderte ihneit sein mächtiges rrnnxb! entgegen. „Was euch da in den Sinn gekommen, — nein, es wird, es soll nicht sein — was ihr da gesagt . Habel, wir möchten gleich den anderen Völkern sein, ben Familien der Länder, um Götzen von Holz und Stein zu dienen." Die Aeltesten wollten also einen Tempel, wie man ihn dazumal schon in anderen Ländern fand. (Vergleiche zu diesem Schriftverse die gediegene Erläuterung Friedmanns „kazijon“ S. 6 b, der mit Recht auf Pesik. rab., Levit. r. 22 und Midrasch Tehillim 27 verweist.) Aber gegen Ezechiels Machtwort vermochten sie nichts. Es wurde kein Opfertempel erbaut. Um aber die religiösen Bedürfnisse zu befriedigen, entstanden Versammlnngshäuser, Bet- und Lehrhänser. Schewiras bekannter Bericht, daß der Tempel in Schaf wejatib bei Nehardea, von den Männern des Exils erbaut wurde, wird dadurch mehr als wahrscheinlich. Die Synagoge ohne Opferknltus hat demnach ihre Entstehung Ezechiel zu verdanken. Da er von einem Tempel im unreinen Lande nichts wissen wollte, mußte er Versammluugshänser errichten lassen, wo das Wort Gottes gelehrt und wo gebetet wurde. Sein eigenes Heim war eine geweihte Stätte, vielleicht die erste. (Ezechiel 33, 31.) Und diese Einrichtung lebte dann fort. Sie bestand während der Zeit des zweiten Tempels in den Synagogen der Standmaunschaften, und als der Tempel von den römischen Legionen zerstört wurde, suchte und fand das Volk seine Zuflucht in seinen alten Synagogen, in den altersgrauen ni'022 td, wie z. B. in denen von Huzel und Schaf wejatib in Babylonien, wohin sie zu wallfahren pflegten in guten wie in bösen Tagen, um vor Gott zu weinen, um vor ihm sich zu freuen. Fk.

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