Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 1 (2.1.1908)
- Date
- 1908-01-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 7. Oeffentlichkeit und/demnach auch indirekt zur Ehre des Judentums zu wirken. Sehr geehrte Herreu! Der Tradition gemäß, wollen wir zum Schlüsse unseres Referates, des einträchtigen und harmonischen Verhältnisses gedenken, welches uns mit unserer Mnttergemeinde verbindet; wir wollen nach wie vor im besten Einvernehmen mit der Gemeindevertretung, unsere Tätigkeit entfalten und hoffen, daß, wann immer es das Interesse des Vereines erheischt, wir auch seitens des Vorstandes der Knltusgemeinde nach jeder Richtung hin die Förderung erfahren, die ein solcher Verein, wie der unsere, auch verdient. In dieser Erwartung wollen wir auch weiterhin, getragen von Ihrem Vertrauen, uns unserer heiligen Ausgabe unterziehen." Kassaverwalter Herr kais. Rat Friedrich P o l l a ck dankt zunächst für die anläßlich der ihm zuteil gewordenen allerhöchsten 'Auszeichnung ihm im Berichte des Präsidenten sowie seitens der Generalversammlung erwiesene Sympathie-Kundgebung und erstattet dann unter Erläuterung der einzelnen Einnahms- und Ausgabsposten den Kassabericht über das Jahr 1907. Der Delegierte der Kultnsgemeinde, Herr Salo Cohn, erklärt, daß es ihm, nachdem er im Vorjahre zur Zeit der Generalversammlung von Wien abwesend war, heuer wieder zur besonderen Ehre und Freude gereiche, hier als Delegierter der Knltusgemeinde zu erscheinen und dieselbe Ordnung und Entwicklung im Haushalte des Vereines wiederzilfindeu. Das sei nur bei einer solch musterhaften Verwaltung möglich und dem Vereine gebühre großer Dank, daß er den schönen Gottesdienst in dem herrlichen Gotteshause ohne jede Unterstützung seitens der Gemeinde erhalte und dieselbe dadurch außerordentlich entlaste. In diesem Sinne wolle er an den Kultusvorstand über die Tätigkeit des Vereines berichten. Herr Ignaz Reschofsky erstattet den Bericht der Revisoren und hierauf wird dem Vorstand einstimmig das Abfolntorinm erteilt. Nach Festsetzung des Mitgliedsbeitrages in der bisherigen Höhe von 12 K wird zum nächsten Punkte der Tagesordnung „Wahlen" übergegangen. Die drei turnusmäßig ansgeschiedenen Vorstandsmitglieder Hermann L ie b e r m a n n, Friedrich Pollak, und kais. Rat. T o s f l e r bewerben sich unter Hinweis aus ihre bisherige Tätigkeit um die Wiederwahl und ihre Ausführungen wurden von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen. Knltnsvorsteher S. Steiner empsiehlt die Wahl dieser Herren aufs wärmste imb spricht gleichzeitig dem Präsidenten Herrn Dr. Jakob Engel für die ausgezeichnete Leitung des Vereines öffentlichen Dank aus. Um das durch Ableben des Herrn Leopold Bauer erledigte Mandat bewerben sich die Herren August Fischet und Samuel Weiß. Herr August Fische! verweist aus seine 30jährige Zugehörigkeit zum Vereine und erklärt, jetzt von Bernfspflichten entledigt, genügend Muße zu haben, um sich den Agenden des Vorstandes widmen zu können. Falls die Mitglieder ihm die Ehre ihres Vertrauens durch die Wahl in den Vorstand beweisen, wolle er mit bestem Willen zum Wohle und Gedeihen des Vereines beitragen. Herr Samuel Weiß bittet gleichfalls die Versammlung, ihm ihr Vertrauen znzuwenden nnd er tverde gerne bestrebt sein, sein Möglichstes im Interesse des Vereines zu leisten. Als dritter Kandidat wird Herr Leopold Waller von Herrn Ignaz Reschofsky warm empfohlen. Hierauf werden die Herren D. Kohn, S. Lemberg er, Reiß und Mantler als Skrutatoren bestimmt, welche die Sichtung der abgegebenen Stimmzettel, deren Zahl 95 beträgt, vornehmen. Als gewählt erscheinen: die Herren Hermann Liebermann, Friedrich Pollak und kais. Rat Tofsler mit je 95 Stimmen und Herr August Fischet mit 59 Stimmen. 80 Stimmen entfielen auf Herrn Samuel Weiß nnd 5 Stimmen auf Herrn Leopold Waller. Nach Bekanntgabe des Wahlresnltates bringt der Vorsitzende eine von 15 Mitgliedern gezeichnete Zuschrift zur Verlesung, die den Antrag stellen, 1. daß ein Turnus eingeführt werde, nach welchem allwöchentlich am Freitag-Abend und Samstag, wie auch an den jeweiligen Festtagen 2 Mitglieder des Vorstandes beim Gottesdienste im Tempel anwesend sein sollen, 2. daß der Tempel mit einer elektrischen Ventilation versehen werden solle und 3. daß auf der Franengallerie eine Notstiege angebracht werde. lieber die Antwort des Präsidenten Dr. Engel, der ad I ans die Bestellung der Bethansvorsteher verweist und die Durchführbarkeit der Punkte 2 und 3 ans bautechnischen Gründen nnd insbesondere aus Rücksicht auf das stark belastete Budget derzeit nicht für wahrscheinlich hält, entspinnt sich eine längere Debatte, an welcher die Herren S. Lemberger, Sohr, Hirsch, kais. Rat Tofsler, Baeck und Klein teilnahmen. Nach Beendigung der Debatte erklärt der Vorsitzende die gegebenen Anregungen, sowie die von Herrn Sohr vorgebrachten Wünsche betreffs des „Dnclienen“ nnd des „Maskir“ dem Vorstande zur Beschlußfassung vorzulegen. Eine Beschwerde, daß im Zeremoniensaale, in dem der Wochentags-Gottesdienst während der kalten Jahreszeit abgehalten wird, kein Platz zum Ablegen der nassen Ueberkleider nnd Schirme sei, wird in liebenswürdigster Weise dadurch sofort behoben, daß Herr Baeck sich bereit erklärt, zwei schöne Kleiderstöcke für den Zeremoniensaal zur Verfügung zu stellen. Hieraus wird die Generalversammlung vom Vorsitzenden geschlossen. Literatur. Amauu Paul. Leopold Komperts Literarische Anfänge. Prag Druck und Vertag von Carl Bellmauu, 1907, Mk. 2-80 (Prager deutsche Studien, herausgegebeu von Carl von Kraus und August Sauer. 5. Heft). Leopold Kompert gehört nicht zu den im Leben und in der Literatur begünstigten Schrifrstellern. Bei seinem ersten Debüt von der Kritik als eines der stärksten Talente begrüßt unter den Dichtern, welche um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Bahn traten, sah sich der hochbegabte Literat bald in die zweite nnd dritte Reihe gedrängt und endlich völlig überholt, weil er nicht, ohne sein Bestes auszugeden, sich dem zeitgenössischen Geschmacke, der sich in der Schriststellerei des Alltags kundgab, unterordnen mochte. Selbst der maßvolle Ernst Elfter konnte bei der Herausgabe der „Vermischten Aussätze von Gustav Freytag" (Leipzig, 1901—1908 1. S. XV.) die Bemerkung nicht unterlassen: „Wir könnten die Erinnerung au Leopold Komperts Roman „Aus dem Ghetto" vielleicht missen, denn Kompert hat nicht (gehalten, was er versprochen batte, aber dieser talentvolle Darsteller des Milieu gibt unserem Verfasser Anlaß zu Betrachtungen von allgemeiner Bedeutung." Einem noch strengeren Richter begegnen wir in der monumentalen „Allgemeinen Deutschen Biographie": „Ties sucht man überhaupt vergebiich in den Geschichten und Romanen Komperts; dazu war sein Talent nicht kräftig genug; über das Skizzenhafte eines Feuilletons kam er auch in den größeren Werken kaum hinaus. Wie ein Alp ruht es auf seinen Gestalten, wie traumuuifangen gehen sie umher; der Fluch der Jahrhunderte, die Melancholie eines nnermessene» Elends lastet auf ihnen. Fast instinktiv handelnd, mehr geschoben als selbständig ihre Wege bestimmend, scheinen ihre Geschicke von einer Macht geleitet, die außer ihnen liegt, nicht in ihrem Innern wurzelt." Die liebevolle größere Studie des geistesverwandten Carl Emil Franzos fand erst im neunten „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" eine posthume Veröffentlichung. Der zwanzigste Todestag fand L. Kompert tatsächlich in weiteren Kreisen fast bis auf den Namen vergessen. Erst die von Stephan Hock vortrefflich eingeleirete Neu-Ausgabe seiner Schriften versuchte einige Aufmerksamkeit neuerdings auf den längst verschollenen dentschböhmischen Schriftsteller zu lenken. „Ein scharfer Blick für innere und äußere Lebensverhültnisse hat sich in ihm mir einer grenzenlosen Liebe zu den Menschen vereint, und so ist ihm das Sichversenken in das Seelenleben gerade der Armen und Bedrückten ein liebes Bedürfnis geworden. Aus allen seinen Werken, auch aus den minder gelungenen, spricht sein reines, treues Kiudergemüt. und wer auch nur eine seiner Geschichten gelesen hat, hat ihren Verfasser ins Herz geschlossen. In dieser Menschenliebe Komperts liegt ein großer Schatz au sitrigender Kraft und darum sind seine Werke wohl geeignet, bildend und erziehlich zu wirken. In Berbiuduug mit seinen künstlerischen Vorzügen macht ihn diese Eigenschaft zu einem Volksichriftsteller ersten Ranges. Sein enges und eigentümliches Stoffgebiet steht dem nicht im Wege." Die neueste, mit dem ganzen Rüstzeug der modernen Philologie ausgestattete Schrift verfolgt in streng objektiver Weise L. Komperts literarische Ansänge; sie zeigt uns auf Grund ebenso iutereffanter als mühseliger Detailforjchungeu, den Dichter während seiner ganzen Preßburger Zeit, sowie als Erzieher des Grafen Georg Andrassy auf dem Kastell Hoszursth im Gomörer Kouiitate ganz im Banne des jungen Deutschland, um sodann, angeregt durch Jakob Kaufmanns vorzüglichen Aufsatz „Der böhmische Dorfjude" in dem jüdischen Taschenbuche „Jeschurun für 1641" und Leo Auerbachs „Dorfgeschichten", den Uebergang zu den eigentlichen Ghettogeschichten mit seinen „Schnorrern" 1846 zu vollziehen. Die letzten Seiten dieser hochinteressanten Studie sind eine indirekte Ehrenrettung des von Gustav Freirag iu seinen „Erinnerungen^ so sehr gefeierten Freundes, des oben genannten, früh verstorbenen, selbst den engeren Fachgenoffen ganz unbekannten nnd doch so sehr begabten Jakob Kaufmann. Ludwig W a l l d i n g.