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Die Wahrheit · 1908-01-02 · Heft 1 (2.1.1908) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 1 (2.1.1908)
Date
1908-01-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Die Wahrheit 9h. 1. Sanatorium unterzubringen. Die Tafel mutzte aufgehoben werden und die Gäste verabschiedeten sich mit Ausdrücken der lebhaftesten Teilnahme. Draußen.sagte mancher: „Der Christbaum hat den Juden verrückt gemacht." Als die Frau Kommerzialrätin von der „Uebeltat" ihrer Kinder erfuhr, war ihr Entschluß, die Kinder taufen zu lassen, zur völligen Reife gelangt. Es dauerte nicht lange und beide Kinder des Kultusrates wurden in die alleinseligmachende Kirche Lufgenommen. Ihre weitere Erziehung wurde einem christlichen. Institute anvertraut, wo sie vor jedem jüdischen Einfluß sicher waren. Arme Kinder! * Kommerzialrat Schaller wurde bald vom Tode erlöst. An seiner Bahre hielt der Rabbiner eine ergreifende Ansprache. Er schilderte in begeisterten Worten seine Tüchtigkeit als Geschäftsmann, seine aufopfernde Tätigkeit in der Kultusgemeinde und — feine Liebe zum Zudentum. Tempelvcrein für Mariahilf and Uenba«. Im Budget der Wiener Kultusgemeinde, das alljährlich bedeutende Summen an Subventionen ausweist, findet die allgemeine Not der Wiener Tempelvereine beredten Ausdruck. Eine rühmliche Ausnahme von dieser für den Gemeindesäckel empfindlichen Erscheinung bildet der Tempelverein für den VI. und VH. Gemeindebezirk, der trotz der mustergiltigen Pflege der gottesdienstlichen Institutionen und trotz der seltenen Fürsorge für seine Funktionäre und Beamten mit berechtigtem Stolze darauf hinrveiseu kann, daß er immer aus eigenen Mitteln seinen kulturellen Aufgaben gerecht werden konnte, ohne je die materielle Unterstützung der Muttergemeinde in Anspruch genommen zu haben. Dies ist nicht nur der ausgezeichneten Verwaltung des Vereines zu danken und der hingebungsvollen Arbeit jener Männer, die au der Spitze desselben stehen, sondern auch der freudigen Opferwilligkeit seiner Mitglieder und dem schönen harmonischen Verhältnis, das zwischen den letzteren und den Männern ihres Vertrauens herrscht. Ein erquickendes Bild dieser segenbringenden Eintracht bot auch die am 30. Dezember 1907 unter dem Vorsitze des Präsidenlen Dr. Jakob Engel stattgehabte 34. Generalversammlung, über welche wir nachstehend berichten: Nach Konstatierung der Beschlußfähigkeit der Versammlung begrüßt Präsident Dr. Engel den Delegierten der Kultnsgemeinde, Herrn Salo Cohn, der seit einer langen Reihe von Jahren immer die Versammlung geziert habe und im Vorjahre schmerzlich vermißt wurde, ferner Herrn Kultusvorsteher S. Steiner, Herrn Rabbiner Dr. ^«glicht, die Vertreter des Vereines „Nachlath Jeschurun" Dr. Karl L ö w y und Dr. Land« u, die Vorstandsdamen des Mariahilfer Frauen-Wohltätigkeits-Vereines Frau Dr. T a g l i ch t und Frau Dr. E u g e l uud die Vertreter der jüdischen Presse Dr. Bloch und Dr. L ö wy. Schriftführer Hermann Liebermann verliest das Protokoll der letzten Generalversammlung und nach Verifizierung desselben, erstattet Präsident Dr. Engel den Bericht über das abgelaufene Vereinsjahr, welcher nach Konstatierung der Mitgliederzahl, zunächst der dahingeschiedenen Mitglieder mit folgenden Worten gedenkt: „Schweres Unglück hat uns im abgelaufenen Jahre heimgesucht. Wir betrauern den Heimgang unseres allseitig verehrten und geliebten Kollegen, Herrn Leopold Bauer, der uns, seiner Familie, seinem Berufe und seinem reichen, gemeinnützigen Wirkungskreise, mitten im rastlosen Schaffen jäh entrissen wurde. Er war uns ein treuer Freund, dem Mariahilfer Tempelverein aus vollstem Herzen ergeben, ein Vorstand, der aufs gewissenhafteste seine Pflichten erfüllte, weil er unserer Korporation anzugehören stets als eine hohe Auszeichnung empfand und darnach auch seine Wirksamkeit einrichtete. Allezeit wird sein Andenken von uns in Ehren gehalten werden, und sein Name wird in den Annalen unserer Vereinsgeschichte stets ein ruhmvolles Blatt bedecken. Friede seiner Asche! Wir beklagen weiters den Verlust eines verehrten Mitgliedes, das seit Bestand des Vereines, also durch volle 33 Jahre, zu uns gehörte: die vortreffliche Gattin unseres allverehrten Herrn Vizepräsidenten, Frau Franziska Pollak, war eine warme Verehrerin unseres Tempels, den sie stets freudig anfsuchte; eine opferbereite Gönnerin .und Förderin alles Guten und Schönen, wofür ihr Dankbarkeit und treues Gedenken für alle Zeit gesichert bleibt. Im Verlaufe des Jahres hatten wir noch zu beklagen den Heimgang der Herren Ignaz B e e r, Ludwig Pollitzer und Hermann Silberstern, durchwegs langjährige, angesehene Mitglieder unseres Vereines, deren Namen unserer Mitgliederliste zur Zierde gereichen. Mit besonderer Wehmut gedenken wir auch des tiefschmerzlichen Verlustes, den unser geehrter Bethäusvorstand, Herr Moriz M a n t l e r, durch den beklagenswerten Heimgang -seines Sohnes Richard, erlitten hat. Mit diesem jungen Manne ist ein edler Mensch, ausgezeichnet mit hervorragenden Gaben des Geistes uud des Herzens, ein treuer Bekenner unseres Glaubens, ein vortrefflicher Sohn, dahingegangen, dem in unserem Kreise stets ein warmes Gedenken erhalten bleiben wird. Kurz vor Jahresschlnß hat auch noch der einzige Pensionist unseres Vereines: „der alte Böhm" — int hohen Alter von 92 Jahren — das Zeitliche gesegnet. Er stand an der Wiege unseres Vereines und hat ihm bis in sein hohes Alter güte Dienste erwiesen. Sie haben sich, geehrte Versammelte, zum Zeichen der Trauer von Ihren Sitzen erhoben, und glaube ich, Ihrer Zustimmung sicher zu sein, wenn ich von dieser Ihrer Trauerkundgebung im heutigen Protokoll Notiz nehmen lasse." Bei Detailierung der Vereinstätigkeit verweist der Bericht auf die infolge allgemeiner Verteuerung der Lebensmittel im Henrigen Jahre durchgeführte 10%ige Erhöhung der Bezüge der Angestellten, die Errichtung eines Filialbethauses für die hohen Feiertage im Hotel Savoy, die nicht nur der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung der beiden Bezirke vollkommen Genüge leistete, sondern auch ein günstiges finanzielles Ergebnis hatte und erwähnt dann folgende Spenden: Eine Widmung der Familie unseres treuen Kollegen Leopold Bauer im Betrage von K 3000, eine Jahreszeit- und Maskier- Stiftnug der Frau Franziska P o l l a k im Betrage von K 2400, eine Jahrzeit- und Maskier-Stiftung für Herrn Richard M a n t l e r im Betrage von K 2400, und eine Jahrzeit-Stiftung für Herrn Hermann Silberstern im Betrage von K 400. Unser langjähriges Mitglied, Herr Rudolf Winternitz, spendete anläßlich der glücklichen Genesung der Frau Julie Tiller einen kostbaren Traubaldachin, der bei Trauungen in unserem Zeremoniensaale Verwendung findet. Frau Amalie Popper spendete einen kostbaren Kidusch-Becher. Wir wissen uns Ihrer allgemeinen Zustimmung sicher, wenn wir allen jenen edelmütigen Wohltätern, die uns in diesem Jahre in so reicher Weise bedacht haben, auch an dieser Stelle nochmals unseren herzlichsten Dank zum Ansdruck bringen. t Durch Hinweis ans die zu Beginn des Vereinsjahres eröffnete Fleischer-Sammlung und ans die Verwendung der Zinsen der Fleischer-Stiftung ehrt der Bericht das Andenken des unvergeßlichen, verewigten Vereiusprüsidenten Baurat Fleischer, referiert dann über die Einsetzung eines Bethausvorstandes, dem gegenwärtig die Herren: Michael Feitler, Sigmund Gewitsch, Jonas Lamberg, Moriz Mantler, Rudolf Weil und Samu Weiß angehören, und schließt dann mit folgenden Worten: „Wir haben auch im abgelaufenen Jahre ein sehr erfreuliches Ereignis zu verzeichnen gehabt: die Allerhöchste Auszeichnung unseres verdienstvollen, verehrten Kassaverwalters, Herrn kaiserl. Rates^ Friedrich Pollack, mit dem Orden der Eisernen Krone. Wir haben gerne Veranlassung genommen, unfern sehr geschätzten Kollegen ztt dieser seltenen und hohen Auszeichnung zu beglückwünschen und laden die Generalversammlung ein, sich unserem Glückwünsche auch heute anzuschließen, mit dem Wunsche, daß es unserem, ausgezeichneten Kollegen vergönnt sein möge, bis an die äußerste Grenze menschlichen Lebens im Dienste der

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