Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1908
- Issue
- Heft 1 (2.1.1908)
- Date
- 1908-01-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1. Die Wahrheit Seite 5. standesgemäßes Leben zu ermöglichen. Die Regierung hat uns nicht dazu die Antonomie verliehen, daß wir auf eine gerechte Bitte, ein starres non possumus zur Antwort geben. S o spricht fein füdi s ch e s Herz. Ich beantrage für nuferen verdienstvollen Herrn Religionslehrer eine Remuneration von 400 Kronen." Ein Gelächter bei der Majorität und tofender Beifall bei der Opposition, die den Dr. Beer sonst nicht auf ihrer Seite hatte, folgten diesen Worten. Ein Herr rief: „Das können Sie ja aus Ihrer Tasche zahlen." Dieser unerhörte Ruf entfesselte einen Sturm der Entrüstung. Man schrie und polterte und der Vorsitzende wollte schon die Sitzung unterbrechen, da öffnete sich plötzlich die Tür und Kommerzialrat Schaller erschien. Der Herr Rat war ein stattlicher Mann in der Vollkraft des Mannesalters, sein dichtes Haupt- und Barthaar ließen ihn sogar schön erscheinen. Nur ein nervöses Kopfleiden verlieh dem blassen Gesicht einen Ausdruck verbissenen Schmerzes. Das Erscheinen des seltenen Gaskes ließ den Lärm verstummen. Der Vorsitzende informierte den Reuerschienenen über die Debatte und Herr Schaller verlangte sofort das Wort. „Wie ich vernehme, hat der Herr Religionslehrer um eine Subvention angesucht. Die Berechtigung dieses Ansuchens möchte ich nicht in Frage ziehen, die Bewilligung aber möchte ich von einer Bedingung abhängig machen. Ich kam heute hieher, um einen Diinglichkeitsantrag behufs Verbesserung des Religionsunterrichtes zu stellen. (Hört! Hört!) Das vorliegende Ansuchen aber gibt mir die Möglichkeit, meinen Antrag schon jetzt vorzubriugen. Ich hatte milängst Gelegenheit, mit unserem Herrn Religionslehrer zu sprechen und ich gewann dabei die Ueberzeugnng, daß die Art und Weise, wie er den Unterricht erteilt, den modernen Anforderungen nicht entspreche. Er kann ja schließlich der Feste und Gebräuche Erwähnung tun, aber er sollte immer hinznfügen, so hätten es die Juden in Palästina getan, wir brauchten es nicht zu üben, es sei mehr Sache der Pietät als des Glaubens. (Heftiger Widerspruch und Ohorufe.) Aber ich bitte, es geht doch nicht an, Kindern ans nicht religiösen Häusern den Glauben mit Gewalt einimpfen zu wollen! (Psuirnfe.) Ich bin also für die Bewilligung der Subvention," aber nur unter der Bedingung, daß der Herr Religionslehrer sich verpflichte, den Unterricht moderner zu gestalten. Fügt er sich dieser Forderung, dann mag er, da er nicht gar rosig gebettet zu sein scheint, die Zitlage haben." Ein Knltusrat beantragte Schluß der Debatte. Der Antrag wurde angenommen. Zn einer Berichtigung erhielt Dr. Beer neuerlich das Wort. „Als Referent für Schnlangelegenheiten muß ich erklären, daß der Unterricht in der musterhaftesten Weise geleitet wird. Es ist eine Freude zu hören, wenn so ein kleiner Knirps das ma nisclitano lesen und übersetzen kann. Ich bin nicht bigott, aber den Kindern zuliebe habe ich einen Seder gemacht. Der Unterricht braucht nicht modern zu sein, denn durch unsere Kinder werden auch wir selbst wieder ans Judentum gemahnt." (Beifall.) Der Präsident schritt zur Abstimmung: „Der Ablehuungsantrag ist der weitergehende (Protestrufe), ich werde daher über diesen zuerst die Abstimmung vornehmen lassen. (Laute Protestrnfe.) Ich bitte um Ruhe, über die Verfügungen des Präsidenten gibt es keine Kritik." Der Führer der Opposition verlangte namentliche Abstimmung und Nennung der Namen im Protokoll. Der Antrag wurde genügend unterstützt. Der jüngste der Herren nahm den Namensaufruf vor — da ereignete sich etwas Unglaubliches: die A b st i m m u n g ergab S t i m m e n g l e i ch h e i t. Die Majorität war konsterniert, drei Herren sind nebst Dr. Beer und Schaller abgeschweukt. Der Führer der Majorität flüsterte dem-Vorsitzenden etwas zu und dieser dirimierte für die A b l e h ii u n g. Der Tumult, der sich jetzt erhob, spottet jeder Beschreibung. So mich es in der Aera Badeni im Parlament ausgesehen haben. Stühle wurden umgeworfen, Papiere und Bleistifte flogen herum. i man lärmte und schlug mit Fäusten ans den Tisch. Mitten in dem betäubenden Lärm schwang der Vorsitzende unausgesetzt die Glocke und da der Lärm sich nicht legen wollte, erklärte er die Sitzung für geschlossen. In erregten Gruppen gingen die Räte nach Hause. Mehrere Herren machten Dr. Beer heftige Vorwürfe. Dieser rief ihnen zu: „Sie können auf Ihren heutigen Erfolg stolz sein. Pfui Teufel, ich trete aus einer solchen Körperschaft aus. Sie suchen das Elend der Menschen dadurch auszuuützen, daß Sie ihnen das Geld aus der Tasche reißen? Schämen Sie sich. Aber der Jammer dieser Unglücklichen wird laut zum Himmel schreien! j Merken Sie sich das: Nemo ante mortem beatns esti Bei j den nächsten Wahlen sehen wir uns wieder?"! Spracht und kehrte ihnen den Rücken. Herr Schaller hatte leider bei der Sitzung nichts erreicht. Aber Gerberl war schon vernüustig genug, um keine unnützen! Fragen mehr zu stellen. Er fügte sich m das Unvermeidliche,! daß seine Eltern nichts vom Judentum wissen wollten, blieb! aber selbst, soweit er konnte, seinem Glauben treu. Seinem! Schwesterchen erzählte er immer aus der biblischen Geschichte! und flößte auch ihr Liebe zum Judentum ein. Da war nun der undenkbarste Gegensatz in einer Familie vereinigt. Die Eltern Todfeinde und die Kinder stille Verehrer des Judentums. Immer näher rückte das christliche Weihnachtsfest, das im jüdischen Hanse Schaller stets mit großem Pomp gefeiert wurde, j Gerbert stellte sich nicht darauf wie gewöhnlich. Hatte er j doch die Philippika seines Religionslehrers gehört, der es ver-! dämmte, daß Inden eine christliche Sitte nachahmten. Wozu! braiuhlen wir die Christbaumkerzen anzuzünden, wo wir doch j unsere schönen Chanukalichtlein hätten? Dabei sei das Chanukaj fest ein national-jüdisches und erinnere au den Heldenmut unserer i Vorfahren. Das alles hatte Gerbert in der Schule gehört und! sich wohlgemerkt. Er wollte auch das Weihnachtsfest in seiner! Weise feiern und kaufte sich um einige Heller, die er erspart! hatte, Wachskerzlein, die er zltm Andenken an die Tempelweihe! zünden wollte. Am Weihnachtsabend stand im reichgeschmückteu Salon! des Kommerzialrates Schaller ein großer Christbaum mit Lecke-; reieii und Kerzen beladen. Eine vornehme christliche Gesellschaft j hatte sich eingesunden und ließ es sich im jüdischen Hause recht! gut schmecken.! Oben im Kinderzimmer aber saßen Gerbert lind Hilde und! klatschten vor Freude in die Händchen, wie die schönen Chanuka- > lichtlein brannten. Herbert erzählte seiner kleinen Schwester mit; Begeisterung vom Helden Makkabi imd vom Wlinderkrüglein,! das acht Tage gebrannt hatte.! Da erschien plötzlich der Herr Rat, um seine Kinder zu! holen, die noch beim Fest fehlten. Wie erstaunte er aber, als! er die beiden vor den brennenden Kerzlein sitzen sah. i „Was ist denn das? Macht ihr euch selber eine Christj baum-Feier?" Da richtete sich der kleine Gerbert in die Höhe. ' „Nein, Papa, wir feiern nicht das christliche Weihnachts-! fest, sondern das jüdische Chanukasest, und das hier sind die j Chanukakerzen." „Was, zum Teufel, soll dieser elende Kram, fort damit!" > Und mit boshafter Hand warf der Herr Rat die Kerzlein zur; Erde, daß sie erloschen. Hilde weinte ob der zerstörten Freude,; Gerbert verbiß sich das Weinen und schrie laut vor War:; „Die Chanukakerzen, Papa, kannst Du auslöschen, den : jüdischen Glauben aber nicht!"! Was war denn das? Da stand der Sohn als Ankläger! vor dem Vater! Der stark nervöse Mann fühlte einen Blut-! andrang znm Kopfe; er packte sich mit beiden Händen an den! Schläfen und lief in den hell erleuchteten Saal, wo seine Frau! gerade die Christbaumkerzen angezündet hatte. Mit weit geöffneten Augen und geballten Fäusten eilte er unter die erstaunten Gäste. „Weg mit den Kerzen, weg mit dem Kram!" schrie er wütend, dann siel er ohnmächtig nieder. Ein anwesender Arzt konstatierte eine starke Nervenirritation und riet der fassungslosen Frau Schaller, ihren Gemahl iu einem