Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1908-01-02 · Heft 1 (2.1.1908) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1908
Issue
Heft 1 (2.1.1908)
Date
1908-01-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3063418-3063419--05225-3072130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Leite 4. Die Wahrheit Nr. 1. welcher sie wirken sollten, nicht gelesen, und wenn auch einmal dns geschieht, so heißt es: „Das hat ein Jude geschrieben, es dürfte sich kaum alles so verhalten!" In die obenerwähnte Reichsratsdebatte hat auch der christlichsoziale Abgeordnete Dr. Drexel mit einer Rede eingegrisfen. Selbst die liberalen Blätter hoben hervor, daß seine Rede sich in Form und Inhalt von den Reden seiner Parteigenossen vorteilhaft unterschieden hat, denn er habe mit Mäßigung und in gebildeter Art gesprochen. Und doch las ich in dem Auszuge, den die Zeitungen aus dessen Rede brachten, den Satz: „Inden und Arier passen nicht zusammen, darum habe das kirchliche Gesetz die Juden in Ghetti verwiesen." Ich traute meinen Augen nicht, als ich das las. Denn Dr. Drexler ist ein katholischer Priester, und als solchem muß ihm doch der Anfang des Ev. Matthäus bekannt sein, der da lautet: „Geschlechtsbuch Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams"; als solcher muß er doch wissen, daß alle Apostel Juden waren; daß die katholische Kirche viele alttestamentarische Persönlichkeiten als Heilige verehrt, daß Paulus in seiner Epistel an die Römer (K. 9, 4, 6) von den Juden sagt: „Die da sind des Geschlechtes Israel, deren die Kindschaft und die Herrlichkeit, und das Bündnis, und die Gesetzgebung, und der Gottesdienst, und die Verheißungen, deren die Patriarchen, und aus denen Christus dem Fleische nach." Wie verträgt sich alles das mit dem Rassenantisemitismus, mit der Behauptung, daß Arier und Juden nicht zusammenpassen. Der Abgeordnete Drexler wird doch als katholischer Priester nicht Chamberlain beipflichten, der aus Antipathie gegen die Juden behauptet, daß alle jene, welche den Grund zum Christentume gelegt, der Abstammung nach Arier waren. Denn abgesehen von der wissenschaftlichen und historischen Unstichbältigkeit dieser Behauptung, steht sie ja auch im vollständigsten Gegensatz zu den Grundlehreu der katholischen Kirche, zu den Evangelien und Apostelbriefen, zum ganzen neuen Testamente. Nach dem Ausspruche des Professors Dr. Drexel: „Juden 4md Arier passen nicht zusammen," hätten die zwei größten und berühmtesten Kirchen der Welt, die Peterskirche in Rom und die Paulskirche in London, eigentlich in den Ghettos der beiden Städte erbaut werden sollen, denn, diejenigen, deren Namen sie tragen, waren ja keine Arier, sondern ihrer eigenen Aussage nach von jüdischer Abstammung. Der Ausspruch des Abgeordneten Drexel widerspricht ebenso allen christlichen Ueberlieferungen wie die Behauptung Chamberlaius, und solange die Bücher des neuen Testamentes nicht verschwinden werden, und das wird wohl nie der Fall sein, wird die historische Tatsache, daß das Christentum im Zusammenhänge mit dem Judentum steht, nicht wegzuleugnen sein, so sehr mau sich auch seit einiger Zeit dies zu tun bestrebt. Gin Zeitbild. Bon Adolf Heinrich Landan. (Schluß.) Da erhob sich ein Herr von der Opposition: „Meine Herren! Der Sekretär ist die Seele jeder Sitzung, er ist das lebende Archiv, das lebende Protokoll. Zumal unser Herr Sekretär, der schon so lange zur vollsten Zufriedenheit im Amte ist (der Sekretär verneigte sich), weiß in allem und jedem Bescheid. Während die Wahlen so manche Größe hiuweggefegt haben und noch hinwegsegeu werden, bleibt der Sekretär, alle Fährnisse überdauernd, ein sicherer, verläßlicher Führer der Gemeiudeängelegenheiten. Er ist für uns das, was der Magistratsdirektor in den großen Stadtgemeiudeu ist. Wenn aber der Herr Vizepräsident die Anwesenheit des Herrn Sekretärs unangenehm empfindet, daun möge er sich entfernen, sein Abgang wird gar keine Lücke hinterlassen, der Abgang des Herrn Sekretärs aller-eine ganz bedeutende." . Das war ein wohlverdienter Hieb für einen Mann, der mit den Stimmen der Opposition gewählt wurde und diese schnöde vetMt, der auf das Programm der Beamten geschworen hatte .und dann überall dabei war, wo es galt, das Einkommen der Beamtet! zu verkürzen. Der Vorsitzende erklärte die Debatte für geschlossen und wollte abstimmen lassen. Da verlangte der Sekretär zu einer Erklärung das Wort: „Ich danke dem sehr geschätzten Herrn. Vorredner für seine anerkennenden Worte. Dennoch bin ich nicht bereit, mich zum Spielball der Parteileidenschafteu herzngeben. (Bewegung.) Ich bitte daher den Herrn Präsidenten, mich entfernen zu dürfen." Der Herr Sekretär machte eine Verbeugung und verließ den Sitzungssaal. Nun eröffnete der Vorsitzende die Debatte über das Ansuchen des Religionslehrers. Der Führer der Majorität beantragte Ablehnung, da sonst die anderen Beamten auch Teuerungszulagen verlangen würden. Die Gemeinde aber müsse sparen. Jetzt verlangte der Führer der Opposition das Wort. Er war ein integrer Charakter, ein ehrenhafter Manu vom Scheitel bis zur Sohle, ein Mann der seine Grundsätze über alles hochhielt. „Der Antrag des Herrn Vorredners muß mich umso mehr befremden, als es sich hier um einen Beamten handelt, der durch eine Reihe von Jahren in der tadellosesten Weise seine Dienste versieht. Der Vorwand, daß die anderen Beamten auch Beiträge verlangen dürften, kann doch nicht ernst genommen werden. In einer anderen Gemeinde würde man bei der herrschenden Teuerung aus eigener Initiative einen Betrag für die Beamten bewilligt haben. Sie hätten es auch in der Tat verdient, denn sie plagen sich redlich um ihr Stückchen Brot. Sie bringen immer das alte Lied vor, daß kein Geld da sei, dabei haben wir jährlich Ueberschüsse, wir haben ein Vermögen in der Sparkasse, wogegen die Ausgaben so ziemlich auf demselben Stande bleiben. Für eine honette Gemeinde geziemt es sich, eine so gerechte Bitte wie die vorliegende zu gewähren. Glauben Sie, meine sehr verehrten Herren,- daß wir durch solche Debatten bei. der Wählerschaft oder bei der Außenwelt an Ansehen gewinnen? Wollen! Sie, daß man uns — verzeihen Sie das harte Wort — Knauser! nennt?*;(§£ ist doch wahrlich nicht notwendig, daß wir um einiger Kronen willen ein solches Odium auf uns laden. (Bravo.!) Ich bitte um Bekanntgabe des Einkommens des Herrn Religionslehrers, - damit wir darnach die Höhe der Remuneration bestimmen können." (Lebhafter Beifall.) In - diesem Momente erschien der K.ultusrat Dr. Beer. Alle Räte erhoben sich zu seiner Begrüßung. Mit einer Nonchalance streifte er die Handschuhe ab und reichte jedem die Hand. Er entschuldigte sein Fernbleiben mit einer wichtigen Gerichtsangelegenheit und wurde vom Vorsitzenden über den Beratungsgegenstand informiert. Der Vizepräsident führte sodann ans, daß der Beamte 120 Kronen' Monatsgehalt beziehe unh Nebeneinkünfte, überdies erhalte er^die 320 Kronen Wohnungspauschale. Er trat gleichfalls für die Ablehnung des Ansuchens ein. Da rief ein Anhänger der Opposition: „Ich zahle 400 Kronen für ein Magazin Miete, jetzt können Sie sich vorstellen, was für eine Wohnung man um 320 Kronen bekommt. Es ist ein Skandal' — — Der Vorsitzende entzog dem Redner das Wort. Dr. Beer bat ums Wort. Er galt als forensische Kapazität. Der Vorsitzende bat ihn, sich kurz zu fassen. „Meine sehr geschätzten Herren! Ein Gefühl der tiefsten Beschämung, ich will nicht sagen des Ekels, muß jeden halbwegs . intelligenten Menschen erfassen, wenn man sieht, daß über ein solch berechtigtes Ansuchen überhaupt noch debattiert werden kann. Ich habe wicht die Absicht zu renommieren, wenn ich Ihnen sage, daß mein Sollizitator den dreifachen Gehalt bezieht. Einem Manne, dem wir unsere Kinder auvertrauen, daß er sie bilde und erziehe, einem Manne, der sich bitter plagt, der nicht eine, sondern trei Funktionen versieht, einem äußerst verdienstvollen Beamten, wollen wir eine solche Lappalie verweigern? Ich war tief empört, als ich in der Zeitung lesen mußte, daß eine christliche Gemeindevertretung ihren Beamten eine Teuerungszulage verweigerte," und mm muß ich dies in der eigenen Gemeinde erleben/ Wohin soll dieses Sparsystem führen? Wir haben nicht für die Zukunft, sondern für die Gegenwart zu sorgen. Unsere oberste Pflicht ist es, unseren Beamten ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.