Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 50 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite 9 Nr. 50 Er ist es, der das freie Denken und freie Forschen, für das alle fo feurig schwärmen, — viele freilich besonders dann, wenn es auf Kosten der anderen geht, — bis in die allerletzten Tage in der europäischen Wissenschaft festgelegt hat. Seine Theorien wären heute nicht viel wirksamer, wenn man ihn nicht vor ein Ketzergericht gestellt, wenn man ihn nicht gegen seinen Willen aus der Gemeinde gestoßen hätte. Es war ein Fehler, — ein begreiflicher, ein verzeihlicher in der Bedrängnis der durch die Jnqnilition verfolgten spanisch-portugiesischen Gemeinde vielleicht — oenn die übrigen freien Konfessionen alle (siehe de Witt) trieben es damals noch ärger — aber immerhin es war ein Fehler, und wir, die Erwachsenen wenigstens, wollen nicht nur ans den Vorzügen unserer Vorfahren lernen, sondern auch aus ihren Fehlern. Beide sind uns gleich teuer, denn beide flössen ans reinen Quellen, beide wurden in der besten Absicht geübt. Uebrigens könnte selbst der „Religionslehrer" einem Konvertitenmacher nichts Besseres antworten, als es Spinoza seinem ehemaligen Schüler Bruck gegenüber getan, der ihn für den Katholizismus gewinnen wollte. (Siehe bei Anerbach Brief 73). Spinoza gehört also nicht bloß in die Geschichle der Juden, sondern auch in die des Judentums — ans Dem er selbst nicht ansgetreten ist, wie er auch keiner anderen Konfession angehörte. Er hatte, trotzdem er durchaus kein Aesthetiker war. doch Geschmack genug, sich in keinem seiner Werke — ungleich manchem seiner Epigonen — den Christen als Christ auszndrängen. Er lehrt uns aber, daß jede Verfolgung ehrlich anders Denkender nur Märtyrer schafft und eines Tages ans die Ver- .folger znrückfällt. Das ist eine Lehre, welche wir Inden täglich, la stündlich in die Welt hinaus rufen müssen. Allerdings verlangen wir auch, daß die Kritiker der jeweilig herrschenden Form des Judentums ebenso ohne persönliche Ranküne, Niemandem zu Liebe aber auch Niemandem zu Leide, ans ebenso reinen Motiven und vor keiner wie immer Namen habenden Macht sich dengend, „fortiter in re. suaviter in modo“ ihre Tätigkeit ansüben, wie Spinoza. Nur wenn die sachlichen Gegensätze ohne persönliche Spitzen ansgetragen werden, ist ein gedeihliches Znfammeuwirken aller Richtungen ermöglicht; das ist ebensoviel, wie ein gutes Budget. Dieses Budget berücksichtigt alle derechtigten Bestrebnugen in unserer Gemeinde, deshalb werde ich mit gutem Gewissen dafür stimmen. ^Großer Bestall). Dr. Maximilian Steiner stimmt den Ausführungen des Vorredners zu und erklärt, es gebühre Herrn Professor Ehrmann Dank dafür, daß er dem Vorstande Gelegenheit gegeben habe, sich zu den freimütigen Ansichten, die derselbe enttvickelt hat, zu bekeunen. Die freie Wissenschaft sei eilte Verherrlichung der jüdischen Grnndlehre. Im weiteren wendet sich Redner zur Kritik der Wohlfahrtspflege der Gemeinde Ulid lenkt die Ansmerksamkeit des Vorstandes ans die zunehmende Verwahrlosung der jüdischen Jugend in den unteren Schichten. Dr. Markus Spitzer fühlt sich durch das im Voranfchlag ailsgewiesene Defizit nicht besonders beunruhigt. Bei der Budgetierilug sei in den letzten Jahren die Aesthetik des Häßlichen gepflegt worden. Der Voranschlag wurde in den düstersten Farben gemalt und der Rechnungsabschluß habe in Folge der weisen Hanshaltilug immer einen Ueberichuß ergeben. So werde es sich hoffentlich ailch mit dem vorliegeilden Budget ve> halten. Rediter anerkennt die große Liberalität, die der Vorstand bei der Förderung der Bethausvereine bewiesen habe und ist auch durch die Fürsorge für die Koscherfleischfrage und die Mikwah sehr befriedigt. Ueber den Religionsunterricht eingehend zu sprechen, sei heute nicht am Platze, da ein neuer Lehrplan in Beratung stehe, jedoch müsse er betonen, daß der hebräische Unterricht kein bloßer Sprachunterricht sein dürfe, sondern die erhabenen Lehren des Jlldentilms zilm Ailsdrnck bringen müsse. (Lebhafter Beifall.) Ans das von Professor Ehrmann berührte Tema übergehend, erklärt Dr. Spitzer, daß dasjenige, was hervorragende jüdische Männer, auch solche, die ihre Beziehungen zum Judentume später gelockert, für die Ewigkeit geschaffen haben, nicht ivegzuwerfen sei. Die Geistesarbeit eines Spinoza oder Heine werde dem Judentum immer zur Ehre gereichen. Aus allen Gebieten der Gemeindetätigkeit äußere sich ein wahrhaft jüdischer Geist und er begrüße es, daß im Budget das Gleichgewicht zwischen der Fürsorge für Tauroh. und Awaudoh und der Uebung von Gemilotk chassodim zum Ansdrncke komme. Dem Vorstände werden von mancher Seite vorgehalten, daß er nicht nur administrativ tätig sein dürfe, andere wieder erheben den Vorwurf, daß er sich zu viel arrogiere. Er möchte den Vorstand mit jenen modernell Apparaten vergleichen, die selbst die entferntesten Veränderungen im Erdinnern mit großer Präzision anzeigen. Auf alle Erdbeben, die das Jndeiltum der ganzen Welt erschütterten, habe der Vorstand der Wiener Knltnsgemeinde reagirt und damit seine hohe Ausgabe vollkommen ersaßt. Redner wird daher mit vollster Besriedigllng für das Blldget stimmen. Präsident Tr. Alfred Stern konstatiert gegenüber den Bemerkungen des Vorredners betreffs Budget und Rechnnngsabschliiß. daß der heurige Rechnnngsabsehlns; leider mit einem Defizit abschließen werde Kaiserl. Rat Weil drückt seine Befriedigung über das Budget und das Referat aus. Beide geben eilt getreues Spiegelbild der Aufgaben, die der Knltusgemeinde obliegen und welche ztl erfüllen sich der Vorstand redlich bemüht hat. Ter Geist, der hier walte, sei am besten charakterisiert mit den von Herrn Professor Ehrmann gebrallehten Worten: Achtling der ehrlichen Anschauungen Anderer. Redner kommt im wetteren Verlause seiner Anssührungen ans die dringende Notwendigkeit eines K i n d e r f p i t a l e s zu sprechen uild appelliert in warmen Worten, seine dahinzielendell Bestrebungen zu nnterstützeti. In bezug ans das Kapitel Friedhof bezeichnet Redner es als beklagenswert, daß die schöne ehrwürdige Tradition im Jndentnme — gleiche Behandlung von Arm und Reich im Tode — im äußeretl Bilde llnseres Friedhofes nicht in Erscheinung tritt. Während ans uitierett alten Friedhöfen das schöne Prinzip beachtet wurde, iit ans unserem Zentralsriedhote eine Scheidltng zwischen den Begräbnisstellen der Reichen und der Armen entstanden, die schon vom ästhetischen Gesichtspunkte sehr nttangenehm berührt und mit dem schönen jüdischen demokratischen Geiste kontrastiert. Wir sehen atst einigen Feldern des Friedhofes durchwegs mehr oder minder schöne Monnmente, mir anderen Feldern sind dagegen die Gräber der Minderbemittelten und Armen mit dilrchwegs bescheidenen Grabsteinen massiert, mährend eine Proportionelle Verteilung aller Grabsteine — der monumentalen und einfachen — in jeder Richtung eine würdigere wäre. Läßt sich das Geschehene auch nicht mehr gntmachen, io soll wenigstens für die Znknnst in diesem Belange der große Kontrast vermieden werden. Banrat M a r in v r e k erkärt, daß bei Einrichtitng der Mikwah die strengsten Ansordernngelt der konservativen Kreise Berücksichtignng finden werden. Vertreter Salo Cohn konstatiert, daß bisher in der Debatte wohl schöne Reden gehalten wurden, aber niemand habe angegeben, wie die großen Ausgaben durch entsprechende Einnahmen gedeckt werden können. Eine Erhöhung der Stenern sei unmöglich, das beweisen am besten die tausende von Reklamationen, die alljährlich gegen die Steuerbemessnng eingebracht werden. Nach einem Hinweis ans die Verhältnisse in London und Berlin erklärt Redner, wenn der Vorstand mit der bisherigen Freigebigkeit sortwirtschasten werde, werde die Gemeinde bald traurige finanzielle Ersahrnngen machen. Nur durch große Sparsamkeit, nicht aber durch schöne Reden könne Abhilfe geschaffen werden. Hosrat Dr. R a p p a p o r t: Wir befinden uns gegenwärtig im Zeichen der stetig steigenden Budgets und bei aller Reserve, die die Rücksicht ans die Gemeindennanzen gebietet, sei es oft unmöglich, die mannigfachen Ansordernngen, die an die Gemeinde gestellt werden, abznlehnen. In früheren Jahren wurden bei Ausstellung des Budgets die Einnahmen immer unterwertet, im Henrigen Budget seien dieselben aber mit ihrem saktischell Ergebnisse eingestellt, und darum könne mit größter Sicherheit angenommen werden, daß das ausgewiesene Defizit auch im Rechnungsabschluß nicht verschwinden wird. Unter solchen Auspizien ist es vollkommen ansgeschlossen, an derartig kostspieligeaProjekte, wie den Bau eines Kinderspitaies, eines Administrationsgebündes oder neuen Tempels in nächster