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Die Wahrheit · 1907-12-27 · Heft 50 (27.12.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 50 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 50. Deshalb glaube ich im heurigen Jahre Ihre Geduld für die Generaldebatte beanspruchen zu dürfen und bitte den Herrn Präsidenten mich nicht zu unterbrechen, wenn ich scheinbar vom Gegenstand abschweisen sollte. Die Generaldebatte soll den Vorstandsmitgliedern dazu dienen, ihre Anschauungen nnd Wünsche über die Gemeindepolitik überhaupt besonders über die Verteilung des Voranschlages auf die einzelnen der Gemeinde obliegenden Aufgaben lind die Kritik, wie diesen Ausgaben gerecht worden ist, sowie endlich dazu ihre Meinung auszusprechen, in welcher Richtung diese sich erstrecken sollen. Es sind im großen Ganzen drei Hanptgrnppen von Ausgaben, ans die sich das Budget verteilt. In den alten Gemeinden wurden sie bezeichnet als Thora, Awoda nnd Gemilutk chassodim. In unseren Statuten hat sich nur die Reihenfolge etwas geändert, es ist Kultus, Reltgionsunierricht und Wohltätigkeit, richtiger sollte es an dritter Stelle heißen: Wohlfahrtseinrichtungen und soziale Fürsorge, also Zedaka statt Gemilutk ckassudim. Die Fragen des Kultus zu besprechen, möchte ich Berufeneren überlassen. Ich kann nur meiner Freude hier Ausdruck geben, daß es endlich gelungen ist, da unsere Statuten uns dazu verpflichten, eine dem Ritus und der Hygiene gleich genügenden Mikwah in die Wege zu leiten. Wenn ich einen Wunsch aussprechen sollte, der mir von vielen Seiten geäußert wurde, so wäre es der, daß die Stunden des Gottesdienstes so geregelt werden, daß es auch jenen möglich wäre, ihr religiöses Bedürfnis oder das ihrer Pietät zu befriedigen, welche während der Stunden der beruflichen Tätigkeit absolut nicht abkvmmen können. In der Frage der sozialen Fürsorge leistet unsere. Gemeinde ganz Hervorragendes, wenn es auch Meinungen gibt, die sagen, daß sie zu viel des Guten tue und wiederum andere, denen noch alles nicht genügend ist. Gewiß ließe sich manches noch besser machen, namentlich in der Armenpflege, die ja die Kultusgemeinde nicht kraft der staatlichen, sondern kraft der religiösen Vorschriften übt, ließe sich durch zweckmäßige Organisation noch viel Ersprießlicheres leisten. Der Anlauf dazu ist genommen, es handelt sich uns darum, daß man nicht, wie es in unserer Gemeinde leider vorgekommen ist, bei dem bloßen Anlauf bleibe, sondern daß auch gesprungen werde. Das Krankenhaus der Kultusgemeinde, die Rothschildstistung nimmt wohl einen beträchtlichen Teil unseres Budgets in Anspruch, wir können aber mit Stolz sagen, daß es zu den besteingerichteten Krankenhäusern Wiens gehört, wenn es nicht das beste ist. Es kommt fast weniger den Gemeindeangehörigen zu statten, als Kranken ans fremden Gemeinden, doch glaube ich nicht, daß dies bei der großen Mehrzahl unserer Gemeindegenossen irgendwie Anstoß erregen wird. Aber die Kosten werden immer steigen und Eröffnung neuer Einnahmsquellen tut not. Einer großen Misere, mit der das Krankenhaus, sowie die Krankenpflege besonders bei minder bemittelten Juden überhaupt zu kämpfen hat, nämlich der Mangel an jüdischen Pflegerinnen, soll auch mit der Gründung der jüdischen Pflegerinnenanstalt abgeholsen werden. Sie haben durch die Votierung einer namhaften Summe und die Ueberweisnng der Zinsen der von Wohltätern dazu gespendeten Kapitalien dem im Beginne seiner Tätigkeit stehenden Vereine die Gründung des Pflegerinnenheims ermöglicht. Es ist im wesentlichen fertig, drei Schülerinnen sorgfältig ansgewählt, mit denen sowohl die Direktion, als die Primarärzte ganz zufrieden sind, genießen bereits den Unterricht nnd der Verein ist jetzt in voller Tätigkeit begriffen, um durch Anwerbung von Mitgliedern und Spendern, die einen erfreulichen Fortgang nimmt, den weiteren Ausbau der Anstalt zu sichern. Umgekehrt ließ sich die Sache eben nicht machen, die Anstalt mußte erst da sein, ehe matt für sie Propaganda machen konnte. Dieser Vorgang ist der richtige und ich bitte, sich nicht durch Stimmen irre machen zu lassen, welche gegen ihre Notwendigkeit sprechen. Sie ist notwendig fürs Krankenhaus selbst, sie ist notwendig für die jüdischen Familien und für eilte große Anzahl vpn wohlerzogenen, aber unbemittelten Mädchen und Frauen, die so eine Stellung fürs Leben gewinnen. Dasselbe gilt von den Kinderhorten, die sie subventionieren. Und nun, meine Herren, last not least die kulturellen und Unterrichts-Angelegenheiten. Vom Unterrichte will ich nicht sprechen, da für alle drei Kategorien von Schulen neue Pläne vorbereitet sind, die wir in der zweiten Kommission noch beraten und es wird sich wohl da die Gelegenheit finden, Wünsche nnd Beschwerden vorznbringen. Einen wichtigen Fortschritt wird — ober besser gesagt, kamt — die Einrichtung der Lehrerbildungsanstalt begründen. Im Lehrplan ist — wie ich das eingestehen muß — den Wünschen, die ich bei der Beratung bezüglich der naturwissenschaftlich-mathematischen Fächer desselben vorgebracht habe, ansgiebigst Rechnung getragen morden. Die Anstalt kann aber nur danti voll wirken, wenn bei der Aufnahme des Schülermaterials rigoros. vorgegangen wird, und man die Bedingungen, welche an die Vorbildung mtb die sonstigen Eigenschaften der Petenten zu stellen sind, voll einhält. Ob das bis jetzt geschehen ist, wage ich nicht zu entscheiden. Eine zweite Einrichtung, über die ich sprechen möchte, sind die von der Kultusgemeinde eingeführten Vorträge ans der Geschichte der Inden für das große Publikum. Ich habe mir erlaubt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen nnd in einer der letzten Plenarsitzungen Wünsche betreffs der Abgrenzung der Themen ausznsprechen. Ich habe vor allem gewünscht, daß der Rahmen nicht zu eng gezogen werde nnd Persönlichkeiten wie Heine und Spinoza mit eingeschlossen werden. Daraus erhielt ick in der Presse eine Ansrage von Jemandem, der sich als Religionslehrer bezeichnet nnd vorgibt, im Namen der Inden zu sprechen, nnd mich um Belehrung angeht, wie das Leben dieser zwei Apostaten im Religionsunterricht zu tradieren sei. Nun, meine Herren, es ist nicht meine Aufgabe, einem Religionslehrer, nnd namentlich einem anonymen, Belehrungen zu erteilen, dies tue ich nur Medizinern gegenüber, zu öffentlichtheologischen Disputationen gebe ich mich aber absolut nicht her. Wohl habe ich aber das Recht unb die Pflicht, in Beziehung ans jene Einrichtungen, die von der Knltnsgemeinde ansgehen, das zu sagen, was ich nach meiner Ueberzengung für Recht halte; ich achte jede andere Ueberzengung, wenn sie offen und ehrlich vertreten wird, und verlange dasselbe für mich. Und da habe ich folgendes zu sagen: Es handelt sich garnicht um die Vorträge für die Heranwachsende Jugend, sondern um solche für Erwachsene und Mündige, die nun einmal keine Verpflichtung haben, sich nur daran zu halten, was irgend ein Lehrer sagt, die sogar das Recht besitzen, alles zu lesen, sich über alles zu informieren und von diesem Recht wohl ausgiebigen Gebrauch machen dürften. Vielen von Ihnen werden Heine nnd Spinoza nicht ganz unbekannte Persönlichkeiten sein, auch ohne diese Vorträge. Gehören aber Heine und Spinoza zur jüdischen Geschichte? Ich glaube, das ist eine Tatsache, die nicht ans der Welt zu schaffen ist. In diesem Kreise wird es gewiß bekannt sein, daß Heine die Hagada, dann unsere mittelalterliche Poesie, unsere Geistesheroen, unsere Kämpfer für Gewissensfreiheit und ihre Märtyrer, die Innigkeit unserer Sabbate und Feste; unser gesamtes Volkstum nnd Familienleben in seinen Schriften so verherrlichte nnd ihre Kenntnis so weiteren Kreisen vermittelte, als es selbst ein Dutzend dazu anulich Berufener oder solcher, die sich dazu answersen können, kaum zu tun vermöchte, wenn ihm auch hie und da ein Lapsus passierte, wie anderen auch. Und wie tief hat Heine seinen Uebertritt öffentlich bedauert nnd mit welchem ätzenden Hohn überschüttete er die der Carriere halber übertretenen Ganse nnd Jtzigs. Ich wette, die betreffenden Stellen seiner Schriften wiegen sogar eine Exhorte des sogenanten Religionslehrers aus. Aber Spinoza?! Wer teilt heute noch alle seine philosophischen, historisch-politischen, theologischen und naturwissenschaftlichen Ansichten? Namentlich seine religionsgeschichtlichen sind längst überholt und werden es umsomehr, je mehr die Wissenschaft ihre wirklich voraussetzungslose Kritik nach allen Seiten hin wird richten können und wollen. Er ist uns aber das teure Bild eines unbeugsamen Denkers, der seine Ueberzengung, — sie mag manchmal irrig gewesen sein, man muß sie nicht teilen, — um materieller Vorteile willen, selbst in der größten Not nicht preisgibt, so lange bis er sie durch eine richtigere ersetzen kann.

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