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Die Wahrheit · 1907-12-27 · Heft 50 (27.12.1907) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 50 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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dir. 49. Die Wahrheit Seite 7. findet, so bedeutet es ein reines Ersparnis von K 17.500 für 2 Triennien oder K 3000 für jedes Jahr. Aus den bisher erwähnten Hauptposten setzt sich im Wesentlichen das ganze Plus des Budgetdefizits per 1908 gegen jenes des Vorjahres zusammen, denn wenn in den anderen bisher nicht erwähnten Posten auch ab und zu verhältnismäßig kleine Steigerungen zu verzeichnen sind, so liegt dies ausschließlich innerhalb der Grenzen des Regulären und wird übrigens durch eingesetzte Ersparnisse säst vollständig wettgemacht. Jedes Gemeinwesen, sei es der Staat oder die Kommune, hat die Möglichkeit, wenn es sich einem so gewaltigen Anschwellen des Ausgabenetats gegenübergestellt sieht, entweder neue Einllahmsqliellen zu erschließen, oder die vorhandenen stärker auszunützen. Beide Wege sind uns eigentlich verschlossen. Das sehen Sie am Besten daraus, daß die Einnahmen unseres heurigen Budget nahezu mit demselben Betrage eingestellt sind, wie die des vorjährigen. Den Hanpteinnahlns-Posten repräsentiert bei uns ja die Kultussteuer. während die anderen Einnahmsposten inehr oder weniger vont Zufall abhängig sind. Was mm die Steuer anbelangt, so haben wir eine Erhöhung der Sätze gar llicht in Betracht gezogen, von dem Gedanken ausgehend, daß wir eine weitere Belastung unserer Gemeindemitglieder. solange wir sie vermeiden können, unbedingt auch vermeiden wollen. Wenn ich auch weiß, meine sehr geehrten Herren, daß meine Darstellungen nicht geeignet sind, Ihnen ein j gar zu erfreuliches Bild unserer Finanzen zu geben, so kann ich es mir doch nicht versagen, auf die großen Ausgaben hinznweisen. die nuferer trotzdem in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft harren. Gar zu lange entbehrt schon unsere Gemeinde eines Heims, welches des Ranges würdig wäre, den sie unter den jüdischen Gemeinden des Kontinents einzunehmen berechtigt ist, und auch tatsächlich einnimmt. Der Saal, in dem wir hier tagen, entspricht auch nicht den primitivsten Anforderungen, die man an solche Räume zu stellen berechtigt ist,, er ist aber noch! glänzend im Vergleich zu unseren Amtslokalitäten, die dem großen Parteienverkehr gewidmet sind. Gerade wir Juden, die wir den zehnten Teil der Bevölkerung der Reichshaupt- und Residenzstadt bilden, haben die Pflicht zu zeigen, daß wir hier in Wien durchaus keine quantite negligeable bilden, ein Eindruck, den man beim Besuche unseres Rathauses nur allzu leicht gewinnt. Sicher wären wir es auch dem Ansehen unserer Gemeinde schuldig, und es würde wohl auch dem Wunsche einer großen Anzahl unserer jüdischen Mitbürger entsvrechen, wenn wir endlich an die Errichtung eines Monnmentaltempels schreiten würden, wie er sich in anderen, meist kleineren Gemeinden erhebt. Eine zweite große moralische Verpflichtung obliegt uns, nämlich den uns auvertranten, aus verschiedenen Stiftungen und Widmungen bestehenden Fond in der Höhe von gegenwärtig 432.000 Kronen durch dringenden Appell an die Opserwilligkeit unserer wohlhabenden jüdischen Mitbürger baldmöglichst ans jene Höhe zu bringen, die es uns erlaubt, endlich das so dringend ersehnte K i n d e r s p i t a l ins Leben zu rufen. Es gibt wohl nicht leicht eine Aufgabe, die dem jüdischen Herzen näher liegt, als die Sorge um arme kranke Kinder, und darum dürfen wir wohl hoffen, daß ein solcher Appell nicht ungehört verhallen würde. Das bis heute fast unorganisierte Armenwesen wird durch die Heuer durchgeführte Errichtung einer Zentralstelle für das jüdische Armenwesen hoffentlich zu dem Ziele führen, daß die Gaben zweckmäßiger verteilt werden, als es bei dem bisherigen System der Fall sein konte. Um aber den -von mir hier kurz skizzierten Zielen wenigstens einigermaßen näher zu kommen, ist es unumgänglich notweneig, da eine Einnahmserhöhung uns nicht zn Gebote steht, an eine moderne Reduktion unserer Ausgaben, wo dies möglich ist, zu denken, und diese sehe ich in erster Linie in der Durchführung der eigenen Regie. Wenn auch, wie ich weiß, die Anschauungen nach dieser Richtung noch sehr geteilte sind, so kann es für mich doch keinem Zweifel unterliegen, daß der gesunde Gedanke, der in dem Prinzip der eigenen Regie gelegen ist, einmal doch siegreich zum Durchbruch gelangen wird. Weil ich aber keinesfalls diesbezüglich eine Debatte herausbeschwören will, erwähne ich nur en passant, daß ich hierbei in erster Linie an die Wäsche unserer beiden Wohlfahrts-Institutionen, woflir wir gegenwärtig einen Betrag von fast K 36.000 zu leisten haben, und an die Medikamente denke, die bei uns ein Ausgabenetat von fast K 40.000 verursachen, und mit der Chewra zusammen sogar den Betrag von K 63.000 erreichen. Ich bin fest überzeugt, daß die Durchführung dieser Anregungen im Stande wären, unser Ausgabe-Budget nicht unbedeutend zu vermindern. Nur streifen möchte ich bei dieser Gelegenheit die bedauerliche Tatsache, daß Einrichtungen, die für jede andere Gemeinde Einnahmen bilden, wie die Koscherfleisch-Regie und die Mazzoth Bereitung bei uns bisher das Budget in nicht unbedeutender Weise belasten. Ich bin sicher in Uebereinstimmung mit allen verehrten Herren Kollegen, wenn ich dem Wunsche Ausdruck gebe, daß wir diesem Punkte bei unseren nächsten Beratungen unser Hauptaugenmerk zuwenden. Damit ist mein Referat selbst zu Ende, welches mit der Bitte schließt unseren Voranschlag zu genehmigen. Und nun gestatten Sie mir, meine sehr verehrten Herren, nicht als Budget- Resereut sondern als Mitglied dieser Versammlung Ihnen noch einen Gedanken zn unterbreiten, der mich schon längere Zeit beschäftigt, und lassen Sie mich demselben vor Allem eine Bitte mitgeben. Die Bitte nämlich, es möge die Neuartigkeit desselben nicht im Voraus Ihr Urteil zn Ungunsten nieiuer Anregung beeinflußen. Unsere Gemeinde umfaßt zirka 170.000 Seelen, also die Bevölkerung einer respektablen großen Stadt. Und dieser fleißigen, schwer erwerbenden Bevölkerung, die ihre wenigen Ersparnisse gerne sicher verwaltet sieht, ist es unsere Pflicht, diese Möglichkeit zu schaffen. Die Kommune Wien hat durch die Errichtung der Kommunal-Sparkassen, zu denen sie nichts beigesteuert hat, sondern wo sie sür die Einlagen nur die Haftung übernimmt, sich selbst nicht nur eine große Einnahme geschaffen, sondern auch die Möglichkeit, Subventionen zu leisten, wie z. B. an die Kindergärten der Klöster. So sollten auch wir eine jüdische Gemeindesparkassa begründen, von Juden für Inden, wo jeder Einleger weiß, daß der Nutzen, den sein Sparpfetinig schafft, den edelsten jüdischen Zwecken znfließt, jenen Zwecken, von denen er, wenn er Unglück hat, vielleicht selbst einmal Gebrauch machen kann. Und ich glaube, daß dann auch die großen jüdischen Wohlfahrts-Vereine, wie die Jca und Allianz schließlich auch wir selbst die Persolvierung der Ausgaben durch unser Institut führen könnten. In unserem Hause, von unseren Beamten verwaltet, von uns garantiert, dies allein läßt einen Erfolg fast mit Sicherheit annehmen, und so soll nach Dotierung des Reservefonds die Hälfte eines eventuellen Reingewinnes der Knltusgemeinde sür deren Wohlfahrtszwecke zufließen. Dieses Geld soll dazu dienen, unser Kranken- und Bersorgungshaus möglichst ausgiebig zu unterstützen und unsere Gemeinde von den so schwer zu tragenden Erhaltungssorgen dieser Institutionen teilweise zu entlasten, oder es ihr ermöglichen. beruhigt an die Ausgestaltung derselben schreiten zu können. Die andere Hälfte aber möge zur Erlangung eines Fonds verwendet werden, dazu bestimmt, jüdischen Gewerbetreibenden mit relativ billigem Kredit hilfreich im Kamps ums Dasein unter die Arme zn greifen. Ungezählte Existenzen können durch zu richtiger Zeit gewährte Darlehen von dem sicheren Untergang gerettet werden und jeder einzelne der Einleger kann dann das Bewußtsein haben, an diesem Doppelwerk der Wohltätigkeit mitgewirkt zu haben, Mitarbeiter zu sein an dem Segenswerke, das von diesem Hause seinen Ausgang genommen. Und mit diesem Ausblick auf eine frohe Zukunft, meine sehr verehrten Herren, lassen Sie mich schließen. (Großer Applaus.) Unter allgemeiner Zustimmung der Versammlung dankt der Vorsitzende dem Referenten sür seine ausgezeichneten Ausführungen, die um so höher zn schützen seien, als Herrn Frank nur kurze Zeit zur Bewältigung der großen Materie zur Verfügung stand. Hieraus eröffnet er die Generaldebatte. Professor Dr. Ehrmann: Meine geehrten Herren! Seit Jahren begnügte ich mich bei der Budgetdebatte damit, meine Wünsche bei der Vorbereitung des Budgets in den einzelnen Kommissionen, namentlich der Unterrichts-, der Spitals-, der Versorgungshaus- und der Bibliothekskommission vorzubringen.

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