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Die Wahrheit · 1907-12-27 · Heft 50 (27.12.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 50 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4 Die Wahrheu :'i r. 50 tigte Mörderin Franziska Klein eine tadellose Arierin war, den Schluß zöge, daß a l le G laude n s g e n o s s i n n e n dieser V e r w o r s e n e n mitverantwortlich für ihre grauenhafte Tat zu machen seien. Beim „Deutschen Volksblatt" findet man eine solche Schlußfolgerung, natürlich dem Juden gegenüber, selbstverständlich. * '* In einer der letzten Nummern der „Neuen Freien Presse" haben drei hervorragende christliche Gelehrte. Hofrat Professor Dr. Mach- Wien, Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Schweninger und Professor Adolf Harna ck-Berlin, ein vernichtendes Urteil über die christlich-soziale Rassenpolitik gefällt. Es gebricht uns hier an Raum, ans die interessanten, durch Hinweis auf die geschichtliche Entwicklung der Menschen erhärteten Ausführungen der genannten Gelehrten näher einzngehen, aber wir können uns doch nicht versagen, einige Sätze aus dem Artikel Professor Harnacks im Nachstehenden wiederzugeben: „Die Rassenkämpfe", sagt Harnack, „sind doppelt verwerflich. wenn sie zugleich im Namen der christlichen Religion geführt werden sollen; denn es ist ein Hohn auf diese Religion, die von der Einheit des Menschengeschlechtes ausgeht und sich die Verbrüderung der Menschheit zum Zwecke gesetzt hat, sie für Rassenkämpfe zu mißbrauchen. Die Herabwürdigung, die sie dadurch erfährt, kann durch nichts entschuldigt werden, am wenigsten durch die Sorge für die Aufrechterhaltung der Religion, als bedürfe sie eines solchen Schutzes. Ich ge st ehe, daß es für mich auf dem ganzen sozial-politischen Gebiet keine w i d e r w ä r t i g e r e n n d empörendere Erscheinung gibt, als der Fanatismus und die Heuchelei, welche die egoistischen a n f M a ch t n n d H e r r s ch a s t mit dem doppelten Tuch der Rasse und der Religion zu decken sucht. Das ist noch viel schlimmer, als ein Rückfall auf geschichtliche Stufen, die längst überwunden sein sollten; denn es geschieht mit beflecktem Gewissen und in der Regel wider besseres Wissen. * * * Vor einigen Tagen ist Graf Friedrich S ch ö n b o r n, eine der hervorragendsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Oesterreich, gestorben. Er war ein Aristokrat im besten Sinne, ein vornehmer, lauterer Charakter, der in seinen mannigfachen hohen amtlichen Stellungen als Justizminister und später als Präsident des Verwaltungsgerichtshoses, wie auch im privaten Verkehre, den Menschen nach seinen Fähigkeiten und seinem Charakter, nicht aber nach seiner Konfession und Abstammung bewertete, und manches jüdische Talent verdankte ihm wohlwollende Förderung. Trotzdem er ein strenggläubiger Katholik war, oder vielleicht gerade wegen seiner echt religiösen Ueberzeugung, war er ein Gegner des Glaubens- und Rassenhasses, und auf seine Veranlassung hat seinerzeit fein Bruder Kardinal Graf Schönborn gegen die Förderung des Antisemitismus durch den niederen österreichischen Klerus beim Papste Vorstellung erhoben. * Das „Vaterland" rühmt dem Grafen Schönborn nach, daß er „bei aller tiefen Religiosität jener Duldung nicht entbehrte, die stets ein Zeichen vornehmer Gesinn u n g i st." Merkwürdig ist dieses Lob allerdings in einem Blatte, das sich in den letzten Jahren so oft gegen das Prinzip der religiösen Duldung versündigt hat und mit den Antisemiten gemeinschaftliche Sache machte. Früher vermochte das klerikale Blatt Konfession und Politik wohl zu unterscheidett, und dank diesem Umstande fungierte einst ein Jude, der Abkömmlung einer alten Rabbinerfamilie, als Kunstkritiker des „Vaterland". Dieser jüdische Musik-und Kunstkritiker war Eduard K u l k e, der sich bekanntlich auch durch seine jüdischen Erzählungen einen gefeierten Namen gemacht hat. In seinen Erinnerungen an Hebbel, mit dem Kulke durch eine Jahrzehnte dauernde Freundschaft verbunden war, erzählte er das interessante Moment, daß Hebbel die Absicht hatte, den gelehrten Vater Kulkes — der Rabbiner in Mähren war — aufzusuchen, um von ihm Mitteilungen über das Verhältnis des Talmuds zum Stifter des Christentums zu erbitten. Eduard Knlke, der Erzähler von Ghetlogeschichten als Kunstreferent des „Vaterland", das ist mehr als ein pikantes Moment. Es beleuchtet den Wechsel der Zeiten in Wien und zeigt, daß die christlichen Blatter in Wien nicht immer lediglich die Ausgabe hatten, dem Judenhaß zu fröhnen. * * * Der neue Statthalter von Elsaß-Lothringen, Graf Wedel, der jüngst das israel. Konsistorium von Unter-Elsaß zur Vorstellung empfieng, erwiderte auf die Ansprache des Präsidenten des Konsistoriums, Sanitätsrat Dr. Levy, Folgendes: „Ich freue mich, meine Herren. Sie als Vertreter der Israeliten des Bezirkes Unterelsaß begrüßen zu können, und versichere Sie, daß ich stets unparteiisch, ohne Unterschied der Konfession, meines Amtes walten werde. Ein jeder braver Bürger, ob Jude oder Christ, wird, wenn er sich an mich wendet, mit einer gerechten Bitte in mir einen wohlwollenden Beschützer finden. Ich habe vier Feldzüge mitgemacht, hatte viele jüdische Soldaten zu besehlen und habe stergesehen, daß diese jüdischen Soldaten freudig ihr Blut für König und Baterland — also hier im Elsaß für Kaiser und Vaterland — Hingaben, und da dürfen Sie versichert sein, daß ich der jüdischen Bevölkerung dasselbe Wohlwoljeu wie der christlichen zeigen werd e." Kndget der Wiener Knltnsgemeinde. Die gewaltige Ausdehnung, welche die Wiener Knltnsgemeinde in. den letzten Jahrzehnten genommen hat, findet einen beredten Ausdruck in den Ziffern des Voranschlages pro 1908, der in der am 22. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung zur endlichen Beschlußfassung vorlag. Nahezu drei Millionen Kronen beträgt das Gesamtersordernis, und diese imposante Ziffer zeigt einerseits von der Vielseitigkeit der Agenden der Knltnsgemeinde und andererseits von der großen Summe der Arbeitsleistungen, die zur Bewältigung derselben seitens des Bureaus und des Vorstandes nötig ist. Die Debatte wurde besonders durch das ausgezeichnete Referat des Bndgetreserenten, Knltnsvorsteher Max Frank, der nicht nur ein klares Bild der gesamten Gemeindeverwaltung zeichnete, sondern auch manche beachtenswerte Vorschläge zur Vermehrung der Einnahmen ohne stärkere Anziehung der Steuerschraube machte, auf ein höheres Niveau gestellt und bot auch in den Ausführungen der übrigen Redner manche Momente von hervorragendem allgemeinen Interesse. Im Nachstehenden der ausführliche Bericht: Einlauf. Im Einlauf befinden sich nebst dem Spendenausweis ein Dankschreiben des Vorstandes der Kultusgemeiude Lemberg für die erfolgreiche Intervention des Knltusvorstandes in der Schächtangelegenheit. Dankschreiben des Synagogen-Bereines Bet Israel für den Beschluß des Knltusvorstandes betreffend die Erbauung einer Mikwah 'und Kollektiv-Kundgebung einer Reihe anderer Bethausvereine ähnlichen Inhaltes. Abweisliche Entscheidung des Ministeriums für Kultus und Unterricht betreffend die Beschwerden des Vereines Marpe Lanefesch gegen den Kultusvorstand. Mitteilung des n. ö. Landesausschusses, daß in einem konkreten Falle über die vom Knltusvorstande erhobene Reklamation eine neue Konknrsausschreibung erfolgte, in welcher als zulässiger Altersnachweis Geburts- oder Taus-Schein und nicht — wie in der ursprünglichen Ausschreibung — bloß Taufschein angeführt erscheine. Dankschreiben von Herrn und Frau Leopold Preßburger für die Gratulation des Knltusvorstandes anläßlich ihrer goldenen Hochzeit. Mitteilung der Statthalterei betreffend die Kenntnisnahme der Bestellung des Dr. Moriz Bauer zum Gemeinderabbiner. Dankschreiben des Herrn Dr. Moriz Bauer für die Bestellung zum Gemeinderabbiner. Präsidialbericht. Der Vorsitzende, Präsident Dr. Alfred Ster n, teilt im Präsidialberichte mit, daß in der soeben stattgehabten vertraulichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes einhellig beschlossen wurde, den im Jahre 1888 verstorbenen Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Moriz Ritter von Goldschmidt, in

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