Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 49. Die Wahrsten Seite 9. Amerika antisemitische Pestfälle Vorkommen, die aber znm Glück noch schnell isoliert und dort bekämpft werden. So hatte in Hattiesbnrg im Staate Mississippi der Unterrichlsausschuß. weil es zu einigen Streitigkeiten zwischen amerikanischen Kindern und Kindern von Einwanderern gekommen war, beschlossen, die Behörde aufzufordern, daß für italienische, syrische und jüdische Kinder eine besondere Schule gebaut werde. Die Inden, eingedenk des xriHQixiis obsta, ließen sich das nicht gefallen und protestierten gegen diesen Beschluß, der denn auch einfach ad acta gelegt wurde. Ja. die Mitglieder des Ausschusses gaben sogar ihrem Bedauern Ausdruck, daß in dem Beschlüsse das Wort Jude Platz gesunden hatte. Im ganzen handelte es sich um etwa ein Dutzend jüdischer Kinder, die nicht schlimmer wie andere Kinder auch waren. In der Tat gaben die Väter jenes Beschlusses nicht den jüdischen Kindern schuld, sondern den — eigenen. Aus Rücksicht auf die jüdischen Kinder, die von den Kindern der Eingeborenen schlecht behandelt würden, sollte ein so gefährlicher Präzedenzfall geschaffen werden. Da wäre es doch viel richtiger, diesen eigenen ungezogenen Kindern im allgemeinen wie in deren eigenem Interesse eine tüchtige moralische oder reale Pauke angedeihen zu lassen. Gerade das Zusammenleben und Znsammenlernen der Kinder verschiedener Bekenntnisse und Nationalitäten ist ein Hauptgrund der wunderbar schnellen Assimilation der verschiedenen Nationalitäten und speziell der Juden in Amerika. Uerschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abend, am 20. Dezember 1907, Predigt im Leopoldstädter Tempel. Wien. Die Konzert-Akademie, die der Wiener Synagoge ns ä n g e r-V e r e i n am 15. d. M. im Theatersaale des Hotel „Bairischer Hos" veranstaltete, bot der trefflichen Sängerschaar wieder einmal Gelegenheit, in einem mit ebensoviel Geschmack als Berständnis gewählten Programm, ihr hervorragendes Können ans dem Gebiete des synagogalen und profanen Chorgesanges darzutun. An dem schönen Erfolge, den das. zahlreiche und zum großen Teile auch kunstverständige Publikum mit wohlverdientem Beifall lohnte, hatten die Solisten Oberkantor Q u a r t i n und Opernsänger Josef Schwarz von der Volksoper, die Dirigenten Josef Zellnik, Julius H eimann und Isidor Löwit und das Chor- Ensemble gleichen Anteil. Geradezu enthusiastische Aufnahme fanden die vom Opernsänger Schwarz gesungene Maskenball-Arie und der von Herrn Löwit ebenso trefflich dirigierte als auch einstndierte Chor „Landerkennnng" von G r i e g. in welchem der genannte stimmgewaltige Künstler, Herr Schwarz, gleichfalls das Solo sang. Daß Sulz e rs großer „Hallelujah". dirigiert von Herrn Zellnik, das stimmungsvolle „Wiegenlied" von B r a h m s, dirigiert von Herrn H e im a n n. und auch die übrigen Chöre bei der ausgezeichneten, fein nüanzierten Wiedergabe ihre Wirkung nicht versagten, ist selbstverständlich. Unter den Liedern, die Oberkantor Quartin vortrug, fand ein russisches Volkslied, das mit ebensoviel Natürlichkeit als Anmut gesungen wurde, am! meisten Beifall. Nach den gesanglichen Darbietungen kamen heitere Vorträge > des Herrn Waldemar vom Carltheater und dann folgte ein animiertes Tanzkränzchen. Der Verein darf auf die nach jeder Richtung gelungene Veranstaltung stolz sein und alle jene, welche zum Gelingen derselben beitrugen, verdienen vollste Anerkennung. Wien (Jüdisches Museum.) Samstag, 21. Dezember, 71/, Uhr abends präzise, findet im Festsaale des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft, IV., Schwarzenbergplatz 16, ein Vortrag des Herrn Univ.-Prof. Dr. Ludwig Stein-Bern: „Ueber die philosophischen Grundlagen des! Monotheismus" statt. Die geehrten Mitglieder der Gesellschaft wollen die ihnen Ankommenden Sitze zu diesem Vortrage Mittwoch, den 18. oder Donnerstag, den 19. Dezember im Jüdischen Museum. II., Praterstraße 23, I. Stock, in der Zeit von 11 bis 1 Uhr mittags beheben oder ihren Bedarf an Eintrittskarten schriftlich im Bureau der Gesellschaft, I. Krngerstraße 8, aumelden. Nlchtmitglieber können die noch vorhandenen Karten an den darauffolgenden Tagen, Freitag und Samstag, von 11 bis 1 Uhr mittags, im Jüdischen Museum entgegennehmen. Wien. (P r i v a t t n r n s ch u l e). Einem besonderen Bedürfnisse Rechnung tragend, hat der städt. Lehrer Leopold Richter eine vom k. k. niederösterreichischen Landesschulrate konzessionierte Privat-Tnrnschule für Knaben und Mädchen in dem Prachtturnsaale der neuerbauten Bereinsvolksschnle im II. Bezirk, Malzgasse Nr. 16, Haltestelle der Elektrischen Ob. Augartenstraße-Malzgasse, errichtet, die bereits von vielen Kindern aus den vornehmsten Familien, zumeist von Professoren und Aerzten, des l. , II. und IX. Bezirkes besucht wird. Den raschen Aufschwung verdankt die Turnanstalt dem Umstande, daß nur wenige Kinder einer Riege zugewiesen werden und nur erprobte Turnkräfte, die auch die Befähigung für Mittelschulen besitzen und an solchen Anstalten seit Jahren tätig sind, den Turnunterricht erteilen. Die P. T. Eltern, die den Turnunterricht als einen wichtigen Faktor für die körperliche und geistige Entwicklung ihrer Kinder würdigen, werden zur Besichtigung des Turnsaales und des zweckentsprechenden Turnunterrichtes höfl. eingeladen. Die Turnzeiten sind Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag von Uhr abends, wo auch gleichzeitig Anmeldungen für Herren- und Damenriegen entgegengenommeu werden. Das monatliche Turnhonorar beträgt 4 X. Wien. Mittwoch, den 25. Dezember, V,2 Uhr nachmittags findet im Tempel, IX., Müllnergasse, die Trauung des Fräulein Lia Wilhelm. Tochter des kaiserlichen Rates Ignaz Wilhelm, mit Herrn Ingenieur Leopold E i s e n st ä d t e r, k. k. Baukommiffür der Staatsbahnen, statt. Wien. Donnerstag, den 19. Dezember, 1l2l Uhr abends, findet in den Saallokalitäten des Cafe Opocsinsky, XX., Wallensteinstraße '32, die Generalversammlung der Mitglieder des i s r a e l. Tempelvereines Brigittenau statt. Im Falle der Befchlußnnfähigkeit der Generalversammlung findet diese an demselben Tage, 1jl8 Uhr abends, im gleichen Lokale, mit derselben Tagesordnung statt. Letztere ist ohne Rücksicht auf die Zahl der anwesenden Mitglieder beschlußfähig. Tagesardnung: 1. Bericht des Obmannes. 2. Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern; vier auf drei Jahre, eines auf zwei Jahre. 3. Eventuelle nach § 5 der Statuten eingebrachte Anträge. — Im heurigen Jahre scheiden die Herren Adolf Feuer, Dr. Jakob Roth, Moritz Traube, Josef Wünsch statutenmäßig aus dem Vorstand; durch Ableben deS Herrn David Spitz ist das Mandat mit zweijähriger Funktionsdauer frei geworden. Die aüsscheidenden Vorstandsmitglieder sind wieder wählbar. Wien. > N e u e t F r e u n d s cha ft s b u n d.) Dieser humanitäre, seit Jahren höchst ersprießlich wirkende Geselligkeits-Verein veranstaltete Sonntag, den 8. d. M.. im großen Prachtsaale des Hotel „Bairischer Hos" sein alljährliches Bekleidungssest und wurden diesmal 73 Schulkinder mit neuem Gewände und Schuhwerk beschenkt wie auch durch den Inhaber des Cafs „Neptun" am Mathildenplatz. Herrn H. Hager, in opulenter Weise bewirtet, wozu überdies die Bäckermeister Herr Dielt und Herr S t i n g l ebenfalls ihr Scherflein in feinem Gebäck beigetragen haben. Vereins- Obmann Herr Julius W o r t i z, der seit Jahren im Interesse des Vereines eine eifrige Tätigkeit entfaltet, eröffnete den Festabend mit eurer erhebenden Ansprache, die lebhaft akklamiert wurde. Es folgte hierauf die voetische Danksagung zweier Kinder namens der Beschenkten, und nach der stimmungsvollen Ouvertüre erfreuten Frl. Emma B l a ch, Liedersängerin, wie auch Frl. L e i n b e ck. Frl. H o r n i k, Frl. C a r o l y. Opernsängerin, und Herr Otto S p i e l m a n n, der jugendliche Sänger-Virtuose vom Münchner Gärtner-Theater, durch ihre künstlerischen Leistungen die zahlreichen die zahlreichen Anwesenden. Nun kam die piece de resistance des Abends: die höchst gelungene Aufführung der „Flotte Bursche" von Fr. v. Suppe, um welche sich namentlich der Regisseur der Vorstellung, Herr Neuhauser, in hohem Grade verdient machte, nicht minder aber die Darsteller der ersten Rollen, die Herren N e u h a u s e r, F. S ch l e s i n g e r, Grün berge r, und die Frl. F a l v e r, H o v p 5 n. R. S ch l e s i u g e r, wie auch die Klavier-Birtnosin Frl. H o r n i k. Selbstredend geizte das Publikum nicht mit seinem Beifall, aber gleichzeitig nicht mit den Spenden zu Gunsten des Jux-Bazars. Nach den vortrefflichen, von Herrn Max Hauser gebotenen Kinderballett-Evolutionen, begleitet vom Musiklehrer L e i n k a n f, trat um Mitternacht Terpsichore ihr Regime an. Wien. Nach kurzem Krankenlager ist Sonntag, den 15. d. M., der Tempelinipekcor des Stadttempels. Herr Jacques Schnitzler, gestorben, der mehr als vierzig Jahre im Dienste der Wiener Kultitsgemeinde stand und sein mitunter nicht leichtes Amt mit der für die Seitenstettengaffe aus früheren Zeiten überkommenen - traditionellen Würde und Diskretion versah. Das Leichenbegängnis fand Dienstag, den 17. d. M., unter ungemein zahlreicher Beteilignng des Vorstandes, der Gemeindemitglieder und Gemeindebeamten vom Trauerhanse ans, I., Sterngaffe 3, an der Synagoge vorüber, nach dem Zentralfriedhofe statt, woselbst nach Vortrag der Liturgien durch Oberkantor Singer, Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n dem dahingesckiedenen Funktionär einen Nachruf hielt. Wien. Sonntag, den 15. d. M. fand am Zentralfriedhofe unter großer Beteiligung die Bestattung des in Budapest verstorbenen ehemaligen Rabbiners und Religionsprofeffors der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Wilhelm S o r, statt. Die kantoralen Funktionen versah I. Kanror I u rb erg er und Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt dem Verblichenen, dessen Wirksamkeit im IX. und XVIII. Bezirke ein gutes Andenken zurückläßt, einen seine sympathische Persönlichkeit würdigenden Nachruf. Wien, 17. Dezember. (Zweimalige Entführung eines Mädchens ins K l o st e r.) Die Oesterreichisch-lsraelitische Union macht folgende Mitteilung: Am 12. November 1907 verschwand die 17jährige Tochter Lea der verwitweten Schankwirtm Mirla Gänger in Czchow (Bezirkshauprmannschaft Brzesko» um 7 Uhr abends ans der Wohnung. Die Magd hatte gesehen, daß das Mädchen kurz vor ihrem Verschwinden mit dem Bauernsohn Joses Niec aus Jurkow lein Dorf in der Nähe von Czchow) gesprochen habe. Mit Gendarmerieassistenz begab sich die Mutter des Mädchens in die Wohnung der Eltern des Joies Niec und dort wurde festgestellt, daß Josef Niec ebenfalls verschwunden sei, ferner daß der Wagen und die Pferde seines Schwagers, Andreas Piwowar, vom Hause weggeführt wurden. Alles deutete auf eine Entführung. Frau Gänger telegraphierte sofort an sämtliche benachbarten Bahnstationen und begab sich überdies mit Gendarmerieassistenz nach Krakau. Alles Suchen war fruchtlos, und erst am nächsten Tage trafen die Gendarmen nahe dem Bahnhof in Krakau den Josef Niec. welcher die Heimreise antreten wollte. In seiner Gesellschaft befand sich ein Schuster Nikolaus Wojtal, der aus Jurkow stammt und in Krakau wohnt. Beide leugneten, etwas von Lea Gänger zu wissen, und erst als sie arretiert worden waren, gestanden sie, daß Josef Niec das Mädchen entführt und nach Krakau in das K l o st e r der Felicianeri n neu gebracht habe. Die Mutter rief die Hilfe der Polizei an, welche auf telephonischem Wege im Kloster anfragte und die Antwort erhielt, daß sich Lea Gänger im Kloster nicht befinde. Erst als