Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 49 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Leite 8. Tie Wahrheit Nr. 49. Wissenschaften erschienenen vorzüglichen Arbeit: „lieber einige Benennungen synagogaler Gesänge des Mittelalters" rc. sich über Nagaras Dichtungen sehr günstig geäußert. Dort heißt es unter anderem: ..In ähnlicher Weise will Steinschneider das Wort 'nofc-n Romance. welches manche der Hymnen Nagaras (befinden sich handschriftlich aus der hiesigen k. k. Hosbibliothek und daraus infolge unserer Veranlassung durch Herrn Dr. M. H. Friedländer mit Sachkenntnis im vorigen Jahre hier zu Men veröffentlicht) als Ueberschrift tragen, trotz der gegebenen Erklärung in unserem Kataloge, derart verstehen, als wenn die Hymne selbst eine Romance wäre. Zeigt ja schon das arabische Wort laschan an, daß alle über die Hymnen Nagaras sich vorfindenden Aufschriften bloß die Melodien anderer Lieder angeben, nicht aber die Hymnen selber charakterisieren. Und wie will man überhaupt nur meinen, daß Nägara Romancen geschrieben, da der Inhalt jür jeden Kenner deutlich genug besagt, daß es heilige Gedichte seien, atmend Frömmigkeit und Andacht im schönsten poetischen Gewände. Nagara ist einer der g r ö ß teu und er b a b e n st e 11 Dichter in der späteren hebräischen Literatur und wir haben schon darum seine Poesien, in unserem Aufsatze über die den Arabern entlehnte Metrik (Zeitschrift Kochbe Jirch. Heft 24) zum rituellen Gebrauche empfohlen, weil seiner Feder durchaus nichts Profanes entflossen sei und in Form von aller arabischen Kunst- Libertinage, seine hohe moralische und religiöse Begeisterung nur in ebenso heilige dichterische Form goß. Auch Zunz in seiner Literaturgeschichte der synagogaleu Poesie, S. 419, lobt Nagars Lieder, indem er sagt: „Israel Nagarah b. Mose b. Lewi, der b e g a b 1 e st e D i ch l e r seines Jahrhunderts, der alle Gattungen der mittelalterlichen Poesie uns nicht ohne Glück anbahnte, ist mit mehreren seiner Kompositionen in verschiedenem Ritus mit dem Sabbathgesang Joh Ribon olam in allen Gemeinden eingeführt worden u. f. w. Wenn jedoch Grätz in seiner Geschichte der Juden B. 9, S. 421, über Nagara schreibt: „Allenfalls läßt sich noch der in Damascus lebende, im Verfenmachen fruchtbare, letzte Poetau Israel Nagarah dazu zählen. Freilich im Inhalte ihrer Vene ist nicht viel von Poesie zu finden. Sie zeigen weder Erhabenheit noch Schwung u. s. w.", so beweist dies zur Genüge, daß dieser große Historiker trotz, oder richtiger, gerade seines Scharfsinnes wegen, sich oft getäuscht und andere verkannt hatte. Amerikanischer Kries. Seitdem es in Rußland etwas ruhiger, wenn auch nicht viel besser für die Juden geworden ist, ist auch die Einwanderung russischer Juden nicht unbeträchtlich zurückgegangen. Allerdings kann dazu auch die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage' in den Vereinigten Staaten beigetragen haben. Immerhin kommen noch genug ins Land, um nicht in den Maßnahmen zu erschlaffen, die ergriffen worden sind, um die Anhäufung jüdischer Einwanderer aus dem europäischen Osten in New-Iork zu verhindern. Im Süden und Westen sieht man die Einwanderer recht gern. Bon Galveston und New-Orleans aus werden sie von den jüdischen Komitees über das ganze weite Gebiet verteilt und ihnen, wenn irgend möglich, gleich Arbeit verschafft. Hier werden die jüdischen Einwanderer nicht als „undesirables“ angesehen. Im Gegenteil wird auch von nichtjüdischer Seite mit Recht geltend' gemacht, daß die jüdischen Einwanderer aus Rußland eigentlich die wünschenswertesten Einwanderer seien, da sie nicht wie die Chinesen, Japaner, Italiener nur ins Land kommen, um mit möglichst viel Geld wieder in die Heimat zurückzukehren. Sie wollen vielmehr im Laude bleiben, und nur in vereinzelten Ausnahmefällen dürften sie Lust verspüren, nach Rußland zurückzukehren, wo ihnen eine unmenschliche Behandlung sicher ist. Die neue Duma, in der sich nur zwei, nicht einmal besonders hervorragende, Juden befinden, wird ja nichts für die Juden tun wollen und, selbst wenn sie wollte, nichts tun können. Auch das wird von nichtjüdischer Seite gern anerkannt, daß diese Einwanderer sich ganz ungewöhnlich schnell assimilieren, was nicht zum wenigsten dem Eifer und den Opfern der bereits im Lande ansässigen Juden zu danken ist, die den russischen Flüchtlingen systematisch helfen, nicht nur die englische Sprache und die amerikanische Geschüftsweise zu erlernen, sonden auch darauf halten, daß sie die amerikanische Verfassung, die Gesetze des Landes, die Sitten und Gebräuche kennen lernen und in möglichst kurzer Zeit sich aneignen. Bezeichnend für die schnelle Assimilation ist, daß Zangwill sie fast bedauert, da sie, wie er sagte, das größte Hindernis sei zur Verwirklichung seines Traumes, einen jüdischen Staat zu begründen. In Amerika, bemerkte Zangwill weiter, verlieren selbst die russischen Juden in verhältnismäßig ganz kurzer Zeit ihre charakteristischen Rasseneigeitschaften. Diese Bemerkung ist durchaus richtig und sie gilt im Grunde von allen Ländern, wo die Juden als gleichberechtigte Bürger behandelt werden. Beiläufig beweist dieser Verlust nicht nur den Wert gerechter und menschlicher Behandlung der Juden, sondern auch die Hinfälligkeit der Rassentheorien. Man braucht nur daran zu denken, daß von ernsten Forschern, Reisenden und Gelehrten in fast allen Ländern der Erde Nachkommen der verlorenen „zehn Stämme" vermutet worden sind. Abessiuyer, Afghanen, Scythen, die Massai, Hindus, Azteken, Peruaner, Indianer, die australischen Wilden, Chinesen, Japaner sollten von den verlorenen zehn Stämmen abstammen, und was für die germanischen Rassenfexe besonders schmerzlich sein muß, säst alle germanischen Völker, so die Dänen, die Engländer rc. rc. Man kann daran erkennen, wie viel von der Weisheit derer zu halten ist, die einem an der Nase ansehen wollen, woher er stamme. Doch zurück zn den Inden in Amerika. Ganz besonders interessant sind die mit Hilfe der Baron Hirsch'scheu Gelder in verschiedenen Ländern des amerikanischen Kontinents, von Argentinien im Süden bis Kanada im Norden, gegründeten jüdischen Ackerb a u kol onien. Dr. Sonneufeld, der an der Spitze der Baron Hirschffchen Koloniegründungen steht, bereist jetzt Amerika, und er erklärt, mit den Ergebnissen, von denen er sich überall persönlich überzeugt hat, sehr zufrieden zu sein. In Argentinien, sagte er den Interviewern, haben wir 12.000 jüdische Landwirte angesiedelt, die weitere 10.000 Inden beschäftigen. Es geht ihnen durchweg gut, und die meisten haben die Gelder abbezahlt, die ihnen zur Ansiedelung gegeben worden waren. Einige sind sogar reich geworden. Wir haben 1V2 Millionen Acres gekauft, und bis jetzt sind von den Ansiedlern eine Million Francs zurückgezahlt worden. Was aber Europäer, namentlich deutsche Antisemiten, als ganz besonders seltsam berühren würde, das ist, daß in den argentinischen Ansiedelungen ausschließlich Juden das Land bebauen 1111 b Christen Handel treiben. Es wird keinem Juden einfallen, zn sagen, die Christen seien dort Parasiten, Ausbeuter und dergl. Ob aber die Antisemiten von ihrem Wahne lassen werden, daß die Juden nicht arbeiten wollen? Es gibt Schwarzseher, die prophezeien, daß der A n t is e m i t i s m u s früher oder später auch in Amerika sich einstellen werde. Wir sind keine Propheten, würden uns aber nicht wtutderu, wenn jene Prophezeiung sich wirklich einmal erfüllen sollte. Das! würde nichts gegen die Juden beweisen, sondern nur, daß geistige! Epidemien auch keine Landesgrenzen kennen und sich höchstens! mit der Zeit abschwächen. Die eigentlichen Amerikaner kennen j keinen Antisemitismus, und in den Gesetzen des Landes ist nichts,! das den Antisemitismus begünstigen könnte. Aber jedes Schiff bringt , jeden Tag Einwanderer aus allen Ländern. Unter diesen befinden j sich auch wirkliche „undesirables“, d. h. Leute, die den Bazillus j des Antisemitismus wie Ratten den Pestbazillus mitbringen und! ihn hier nicht so schnell los werden. Wäre es da gar zu sehr zn! verwundern, wenn, besonders in schlechten Zeiten, die bekanntlich > alle Epidemien fördern und die Menschen empfänglich für die j Krankheitserreger machen, hie und da welche infiziert wurden? Das Land, nicht den Geist verändern die deutschen, russischen und anderen Antisemiten, die übers Meer kommen, und sie finden dort Freunde, die einige Zeit vor ihnen hinübergekommen sind, bereits als Amerikaner gelten, aber dennoch den alten Adam noch nicht losgewordeit sind. Also möglich ist schon, daß hier und da sich ein antisemitischer Seuchenherd bildet. Es wäre Vogel Strauß-Politik, sich verhehlen zu wollen, daß auch in